Ich bin hier

von Kübra

Die muslimischen Verbände müssen sich zu Homosexualität positionieren!“, sagt er zu mir. Er ist CDU-Politiker und ehemaliger Minister. Wir sitzen zusammen auf dem Podium, und ich kann nicht glauben, was ich da höre. „Verlangen Sie denn dann auch von jedem Katholiken, dass er sich zu Homosexualität positioniert?“, frage ich zurück. Er wird rot, schweigt und verschränkt trotzig die Arme.

Besser hätte er sich nicht entlarven können. Weshalb misst man in unserer Gesellschaft mit zweierlei Maß? Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren? Ich bin hier und lebe hier. Ich muss mich zu nichts mehr oder weniger bekennen als meine Freundin Julia, die Nationalstaaten total bescheuert findet. Oder Claudia, die sich für die brasilianische Nationalmannschaft in gelb-grüne Flip-Flops und T-Shirts wirft, wenn Fußball-Weltmeisterschaft ist. Oder Lena, die den Kapitalismus satthat und lieber den Kommunismus einführen wollen würde.

Darf ich das auch wollen?

Es ist Abend. Der türkische Verbandsvertreter steht schnurgerade mit dem Sektglas in der Hand. Ich schiele zu ihm rüber und spüre seine Anspannung. Er bemüht sich um ein Lächeln in die Runde und streicht sich durch die dunklen Haare. Wir sind in Berlin bei einem Botschafter zum Essen eingeladen. Anlass ist der Sederabend, der Auftakt des jüdischen Pessach-Festes. Man ist gut angezogen, schicke Kleider die Damen, Anzug und Krawatte die Herren. Auch seine Krawatte sitzt – nur ein bisschen zu eng vielleicht.

Nach dem kurzen Empfang setzen wir uns an den festlich mit Silberbesteck dekorierten Tisch. Ich sitze neben einem bekannten und angesehenen Juden. Wir unterhalten uns über die jüdischen Traditionen und Eigenheiten. Ein jüdischer Professor führt uns in die Rituale des Sederabends ein. Er ist kein praktizierender Jude, deshalb muss ihn mein Sitznachbar hin und wieder korrigieren, humorvoll. Man lacht, scherzt und ist bemüht, jeden Gast einzubinden. Die angespannte Stimmung löst sich. Nur bei ihm nicht, dem türkischen Verbandsvertreter. Kerzengerade sitzt er an seinem Platz.

Später am Abend lehnt er sich über den Tisch. Er will einige Worte sagen. Man ist still, lächelt ihn an und hört ihm zu. Er schiebt die Gabel hin und her. „Danke für die Einladung!“, sagt er. Bitte-gern-Gemurmel ertönt. Dann holt er aus: „Ich möchte mich im Namen meines Vereins von den terroristischen Anschlägen in Israel und den USA distanzieren. Das, was die gemacht haben, ist falsch. Die sind keine richtigen Muslime. Im Islam darf man das nicht. Wenn man einen Menschen tötet, dann ist das so, als ob man die ganze Menschheit getötet hätte.“ Er stockt und verhaspelt sich. Man ist still und betreten. Er fährt fort: „Also wir Muslime verurteilen diese Terroristen aufs Schärfste. Sie gehören nicht zu uns, sie sind eine Minderheit.“

Ich schaue auf meinen Teller und versuche die Stille am Tisch zu hören. In mir drinnen ist es viel zu laut.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz.)




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 26. Mai 2011 um 17:00 Uhr unter Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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43 Kommentare

  1. Kurt sagt:

    „Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren“

    Weil sie hier leben wollen.

  2. Miriam sagt:

    @kurt: ich will auch hier leben, von mir verlangt diese Bekenntnisse aber niemand.

  3. Khaos.Kind sagt:

    @Kurt
    Wie Kübra schon sagte: Sie leben bereits hier.

    Schöner Text. Mir gefällt besonders der letzte Satz.

  4. Caramel sagt:

    ich finds irgendwie lustig, das ein türkischer Verbandsvertreter für alle Muslime spricht und sagt was man nicht darf und wer somit dazu gehört und wer nicht, aber selbst Alkohol trinkt, was ja im Islam auch verboten ist xD

  5. alex sagt:

    da wärs ja fast lustig zu überlegen, was passieren würde, wenn jetzt so einer tatsächlich positiv stellung zur homosexualität nehmen würde und dann in gleichem atemzug fordert, dass das jetzt bitte auch endlich von der csu kommen muss – haha. just kidding.

  6. hopey sagt:

    die eigentliche krux ist doch der vermeintliche widerspruch zwischen „migranten/muslimen“ auf der einen und „homos“ auf der anderen seite. im umkehrschluss sprachen sich konservative politiker_innen gegen die aufnahme der sexuellen identität in artikel 3 GG aus, da dies angeblich die integration von „muslim_innen“ erschweren könne. auf derartige versuche, gruppen gegeneinander auszuspielen hätte z.b. eingegangen werden können.

  7. black sagt:

    Aber was ist jetzt die Schlussfolgerung? Muslimische Verbände müssen sich nicht zur Homosexualität bekennen, weil es Katholiken nicht tun?

    Wäre es nicht besser zu fordern, dass BEIDE sich endlich dazu bekennen müssten? So schiebt jeder ja nur die Schuld auf den Anderen und am Ende muss sich niemand bekennen. Weil ja der andere auch nicht muss…und überhaupt..

  8. black sagt:

    Das Problem ist ja, dass ein zahlenmäßig kleiner Teil von Personen, die sich selbst als streng gläubige Muslime bezeichnet „dem Westen“ (was auch immer im Einzelfall darunter zu zählen sein soll) den heiligen Krieg erklärt hat und diesen Krieg gewaltsam führt.

    Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob man sich aktiv von jedem distanzieren muss, der ungefragt behauptet für einen mit zu sprechen.

  9. Al sagt:

    „Die muslimischen Verbände müssen sich zu Homosexualität positionieren!”, sagt er zu mir. Er ist CDU-Politiker und ehemaliger Minister. Wir sitzen zusammen auf dem Podium, und ich kann nicht glauben, was ich da höre. “Verlangen Sie denn dann auch von jedem Katholiken, dass er sich zu Homosexualität positioniert?”

    Anstatt trotzig die Arme zu verschränken, hätte der Minister auf die kleine Asymmetrie zwischen seiner und Kübras Formulierung hinweisen können: „muslimische Verbände“ einerseits versus „jeder Katholik“ andererseits. Von gläubischen Verbänden erwartet man verlautbarungstechnisch was anderes als von Individuen. Und Homosexualität ist ein 1a Reality-Check-Thema, um Religionspressesprecher aller Art in die Bredouille zu bringen.

  10. Nadine sagt:

    Die Frage ist doch, wieso wird Homophobie einer bestimmten Gruppe zugeordnet?! Homophobie ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Demnach müsste mensch schon allen die „Gesinnungsfrage“ stellen. Ansonsten verweise ich gern nochmal hierauf

  11. black sagt:

    Homophobie wird bestimmten Gruppen dann zugeordnet, wenn diese Gruppen sich selbst in ihrer Gesinnung so verstehen oder Außenstehende dies zumindest so wahrnehmen.

    Die davon betroffene Gruppe kann dann entweder diese Wahrnehmung entkräften, in dem sie eindeutig Position bezieht. Oder die betroffene Gruppe verweigert eine Positionierung, mit der Begründung, dass eine ANDERE Gruppe ja auch keine Positionierung abgeben würde.

    Das Homophobie bestimmten Gruppen zugeordnet wird, bedeutet natürlich nicht, dass Sie nur ein Problem/Phänomen von Gruppen wäre und ausserhalb nicht vorkommt.

    Es gibt aber gesellschaftliche Gruppen, die Ablehnung von Homosexualität mit einer offiziellen „Begründung“ versehen, z.B. angebliche Gottesgebote oder „Widernatürlichkeit“ oder was auch immer. Dies hebt solche Gruppen natürlich stärker ab.

  12. Nadine sagt:

    Dann kannst du wohl meine Perspektive nicht ganz nachvollziehen. Diese Fragestellung enthält rassistische Biases und verdeckt Homophobie „in den eigenen Reihen“ – wie auch der verlinkte Artikel anschaulich macht.

    „Es gibt aber gesellschaftliche Gruppen, die Ablehnung von Homosexualität mit einer offiziellen “Begründung” versehen, z.B. angebliche Gottesgebote oder “Widernatürlichkeit” oder was auch immer. Dies hebt solche Gruppen natürlich stärker ab.“ richtig, dazu gehören beispielsweise auch die CDU, Vetreter_innen aus anderen Parteien, katholische und evangelikale Verbände, der_die Nachbar_in von neben an und so weiter.

    Deine Erklärung kann ich nachvollziehen. Unter Weglassung von Machtverhältnissen, Sprecher_innenpositionen und Kontexten.

  13. Al sagt:

    „Die Frage ist doch, wieso wird Homophobie einer bestimmten Gruppe zugeordnet?!“

    Da braucht man doch nicht viel zuzuordnen, sondern die jeweiligen Gruppen melden sich in der Regel schon selber, wenn sie das Bedürfnis haben, Hass zu verbreiten, siehe Magdas Artikel nebenan.

    „Homophobie ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.“

    Ja, und dennoch gibt es krasse Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft, siehe wiederum Magdas Beispiel. Weder ist es hilfreich, wenn man die gesamte Gesellschaft in dieselbe Hassecke wie die Westboro-Spinner stellt, noch nützt es irgendjemandem, wenn man fortwährend piepiepiepwirhamunsallelieb von der Kanzel säuselt.

    „Gesinnungsfragen stellen“ kann spannend sein, gerade wenn dabei Leute befragt werden, die gerne für sich beanspruchen, die Moral gepachtet zu haben und stellvertretend für sehr sehr viele Individuen zu sprechen, kurz: Vertreter von religiösen Verbänden. Die sehr sehr vielen Individuen ohne Amt, Verband und Weltrettungsanspruch (Julia, Claudia, Lena etc.) dagegen kann man aber durchaus in Ruhe lassen, da würde ich Kübra zustimmen.

  14. black sagt:

    @Nadine

    Der homophobe Nachbar ist keine Gruppe in dem von mir genannten Sinne mehr.

    Deinen Disclaimer zu „Machtverhältnissen, Sprecher_innenpositionen und Kontexten“ kann ich in diesem Zusammenhang nicht nachvollziehen.

  15. Nadine sagt:

    Oh nett. Jetzt wird hier schon unterschieden zwischen „schlimmer“ und „nicht so schlimmer“ Homophobie. Ganz klasse!

  16. Magda sagt:

    @ Al

    Ja, nicht alle Menschen gehen mit homophoben Schildern auf die Straße und diskriminieren öffentlichkeitswirksam. Dass es den Anhänger_innen der Westboro-Baptist-Church möglich ist, öffentlich aufzutreten, hat aber damit zu tun, dass Homophobie omnipräsent ist, strukturell verankert und in quasi allen Teilen der Gesellschaft (mehr oder wenger stark) anerkannt ist. Deshalb ist es wenig sinnvoll, Homophobie einzelnen gesellschaftlichen Gruppierungen bzw. in diesem Fall Religionsgruppen zuzuschreiben.

    Und was auch nicht reflektiert wird: Wer fragt hier eigentlich wen, sich zu äußern? Andersrum wäre es als Anmaßung verstanden worden.

  17. black sagt:

    Mir fällt auf, dass Kernaussage der Autorin – nach meinem Textverständnis – nicht die Aussage ist:

    „Warum werden muslimische Verbände immer zu Unrecht der Homophobie beschuldigt?“

    sondern statt dessen zugespitzt formuliert:

    „Warum dürfen muslimische Verbände nicht offen homophob sein, wenn christliche Verbände/Parteien dies dürfen“

  18. black sagt:

    @Nadine

    „Oh nett. Jetzt wird hier schon unterschieden zwischen “schlimmer” und “nicht so schlimmer” Homophobie. Ganz klasse!“

    Bezieht sich das auf eine Aussage von mir?

  19. Magda sagt:

    @black

    Das ist nicht mein Eindruck. Ich denke, dass Kübra gegen einen Rechtfertigungsdruck anschreibt, dem aber nur bestimmte – in diesem Fall religiöse – Gruppierungen unterliegen.

  20. Manuela sagt:

    Folgendes:

    Diese Fragestellung enthält rassistische Biases und verdeckt Homophobie “in den eigenen Reihen” – wie auch der verlinkte Artikel anschaulich macht.

    ist die andere Seite dieser Münze:

    Oder die betroffene Gruppe verweigert eine Positionierung, mit der Begründung, dass eine ANDERE Gruppe ja auch keine Positionierung abgeben würde.

    Die Einen argumentieren damit, dass es in den eigenen Reihen etwas zu beklagen gibt und die andere Sprecher_innen_position nicht zu kritisieren sei, die anderen Sprecher_innen verorten es genau gegenüber. Weiter kommt man damit nicht.

  21. black sagt:

    @Magda

    „Das ist nicht mein Eindruck. Ich denke, dass Kübra gegen einen Rechtfertigungsdruck anschreibt, dem aber nur bestimmte – in diesem Fall religiöse – Gruppierungen unterliegen.“

    Das ist durchaus möglich. Man kann sich natürlich fragen „Warum muss sich ein Muslim zum Grundgesetz bekennen, aber ein deutscher Linker darf offen den Staat ablehnen“?

    Allerdings hat sich die Autorin mit der Gegenfrage an die CDU sehr geschickt um die Antwort „herumgemogelt“, wie denn muslimische Verbände wirklich zur Homosexualität stehen.

  22. Nadine sagt:

    @Manuela

    Sprecher_innenpositionen sind nicht neutral oder gleichrangig, sondern durch Machtverhältnisse verschieden situiert. Deswegen ist es eben genau nicht die andere Seite der Münze.

    Ansonsten: „Dass es den Anhänger_innen der Westboro-Baptist-Church möglich ist, öffentlich aufzutreten, hat aber damit zu tun, dass Homophobie omnipräsent ist, strukturell verankert und in quasi allen Teilen der Gesellschaft (mehr oder wenger stark) anerkannt ist. Deshalb ist es wenig sinnvoll, Homophobie einzelnen gesellschaftlichen Gruppierungen bzw. in diesem Fall Religionsgruppen zuzuschreiben.“

  23. Magda sagt:

    @black

    Sie „mogelt sich nicht herum“, sondern verdeutlicht m.E., dass es keine einheitliche Meinung zu Homosexualität in den muslimischen Verbänden gibt (bzw. geben kann – die sind doch genau divers wie die katholischen) und kritisiert damit auch, dass die Bringschuld hier nur bei muslimischen Verbänden liegt. Damit spricht Kübra an, dass anscheinend allgemein davon ausgegangen wird, dass muslimische Verbände „homophober“ sind als der Rest der Gesellschaft und diese sich folglich dazu äußern müssen. Was selbstverständlich Quatsch ist: Homophobie ist nicht nur in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zu finden, siehe mein Kommentar oben.

  24. black sagt:

    @Nadine

    Ansonsten: “Dass es den Anhänger_innen der Westboro-Baptist-Church möglich ist, öffentlich aufzutreten, hat aber damit zu tun, dass Homophobie omnipräsent ist, strukturell verankert und in quasi allen Teilen der Gesellschaft (mehr oder wenger stark) anerkannt ist. Deshalb ist es wenig sinnvoll, Homophobie einzelnen gesellschaftlichen Gruppierungen bzw. in diesem Fall Religionsgruppen zuzuschreiben.”

    Mag sein. Aber wenn gesellschaftlich anerkannte Gruppen offen homophobie propagieren, dann hat das eine stärkere Außenwirkung als die private Homophobie des Einzelnen. Denn die Gruppen geben der Homophobie des Einzelnen eine Begründung, Legitimation und Bestärkung.

  25. Magda sagt:

    @black

    Mag sein. Aber wenn gesellschaftlich anerkannte Gruppen offen homophobie propagieren, dann hat das eine stärkere Außenwirkung als die private Homophobie des Einzelnen. Denn die Gruppen geben der Homophobie des Einzelnen eine Begründung, Legitimation und Bestärkung.

    Darum geht es hier doch gar nicht. Wie im Text beschrieben wurde, werden hier muslimische Verbände unter Generalverdacht gestellt, ohne irgendeinen konkreten Anlass. Selbst wenn es einen konkreten Anlass gäbe, müssten sich immer noch nicht alle muslimischen Verbände äußern, denn Muslim_in zu sein, heisst nicht, für alle Muslim_innen gerade zu stehen.

  26. kiturak sagt:

    @black: Wenn Du den von Nadine verlinkten Artikel zur Kenntnis nehmen würdest, könntest Du darin nachlesen, dass sich z.B. der Zentralrat der Muslime längst zu diesem Thema geäußert hat (siehe auch queer.de: Zentralrat der Muslime fordert Homo-Schutz im Grundgesetz).

    Das ist aber überhaupt nicht Thema des Artikels: Thema war die Doppelmoral, die rassifizierten Gruppen und Menschen ständig und auf jeder Ebene Rechtfertigungen für ihre Existenz hier abverlangt. Gefordert wird kritiklose Anpassung an sämtliche willkürlich gesetzten gesellschaftlichen Standards einer fiktiven weißen deutschen Leitkultur, während als einheimisch gesehene Institutionen getrost von ganz oben offiziell Homophobie verkünden dürfen, und das keinerlei nennenswerte gesellschaftliche Verurteilung nach sich zieht – nicht einmal eine ansatzweise Distanzierung des Staats oder der bürgerlichen Gesellschaft von diesen Institutionen, geschweige denn eine Auffassung, diese Institutionen/Menschen hätten damit in irgendeine Weise ihr Recht auf Aufenthalt in Deutschland verwirkt.

    Das, exakt in der Formulierung von Kurt oben, ist pure rassistische Doppelmoral.

  27. black sagt:

    @Magda

    Das sind Ausweichargumente. Wenn man als Gruppe gegen Homophobie ist, dann kann man das auch klar sagen. Wenn man als Gruppe aber diese Aussage einerseits nicht treffen möchte, es sich aber mit einer Ablehnung auch gesellschaftlich nicht verscherzen will, dann kann man ablenken:

    – ANDERE bekennen sich ja auch nicht
    – wir haben gar keine einheitliche Meinung innerhalb der Gruppe
    – wir sind innerhalb der Gruppe genau so bunt gemischt homophob, wie der normale Rest der Gesellschaft etc.
    .
    .

  28. Magda sagt:

    @ black

    Gruppe? Wer bestimmt das? Du? Und die Erwartungshaltung – auch du? Müssen sich alle Gruppen zu allen Themen dieser Welt äußern? Und wenn ja, warum?

    Und: was @kiturak sagt.

  29. Anna-Sarah sagt:

    Was @kiturak gesagt hat.

  30. black sagt:

    @kiturak

    „Gefordert wird kritiklose Anpassung an sämtliche willkürlich gesetzten gesellschaftlichen Standards einer fiktiven weißen deutschen Leitkultur,“

    Ein Bekenntnis gegen Homophobie ist für Dich also nur die Forderung nach Anpassung an den „willkürlich gesetzten gesellschaftlichen Standards einer fiktiven weißen deutschen Leitkultur“?

  31. Nadine sagt:

    @black

    Ähm sorry, wenn ich mal aus persönlicher Perspektive berichten darf: Mir ist es schnurzergal, wer mir ins Gesicht knallt, dass meine Sexualität widernatürlich, unnormal, scheiße, peinlich, ist. Wirklich. Ob das Passant_innen auf der Straße sind oder irgendwelche religiösen Hassprediger sind. Homophobie ist überall und zu jederzeit scheiße und wird von jenen gestützt, die meinen, es sei nicht ihr Problem, sondern das von irgendwelchen Gruppen, die sie fälschlicherweise für besonders homophob halten.

    Und da habe ich noch gar nicht davon gesprochen, dass der ach so tolerante Westen einen wesentlichen Anteil an der Heteronormalisierung und Homophobie in anderen Ländern hat. Diese ahistorischen und kontextlosen Argumentationen nerven mich. Sie blenden Machtverhältnisse aus, zeigen mit dem Finger auf andere und geben sich pseudotolerant. Darauf kann ich verzichten. Entschuldige, dass ich jetzt so deutlich geworden bin, die Kritik geht nicht an dich persönlich, sondern an das Vorbringen der immer gleichen Leier. Es ist einfach, auf die „offensichtlich“ Homophoben zu schimpfen, die auch kein Problem damit haben, Nicht-Heteros gewaltvoll zu bedrohen. Das ist ein Teil des Problems, dass sich da Heteronormativität nennt und Homophobie am laufenden Band in jeder erdenklichen Form produziert. Ich habe es satt, als lesbische Frau dauernd instrumentalisiert zu werden, um billiges Islambashing zu betreiben, während es die weißen deutschen Gesetzgeber und die Mehrheit der weißen deutschen Bevölkerung sind, die mir das Leben schwer machen mit ihren unterdrückerischen Gesetzen, mit ihren abfälligen Blicken, heterosexistischen und homophoben Bemerkungen, mit ihrer Selbstverständlichkeit, mit der sie durchs Leben gehen, die für andere nicht gelten darf.

    Homophobie bestimmten Gruppen zuzuschreiben, hat einen Ursprung und ist keine „natürliche“ Reaktion auf besonders schwerwiegende homophobe Äußerungen, die mensch aber nur in diesen und nicht in der gesamten Gesellschaft verortet. Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, wie mensch nicht hinter diese Stereotype blicken kann und mal mit offenen Augen durch’s Leben geht. Was Kübra da gemacht hat, ist die Verweigerung einer antimuslimischen wie rassistischen Zuschreibung durch einen weißen CDU-Pinsel, dessen Partei nicht minder homophobe Äußerungen tätigt wie viele andere, aber meint, er könne sich jetzt mal die Menschenrechte für Homos auf die Fahnen schreiben, um seine rassistische Ausgrenzungspolitik salonfähiger zu machen. Danke, aber nein danke! Dieses Teilen und Herrschen kotzt mich einfach nur an.

    Du reproduzierst das leider mit deiner Argumentation. Wie gesagt, für dich macht das vielleicht Sinn. Für mich nicht, weil ich die Machtverhältnisse, die dahinter stehen mitbedenke.

  32. Magda sagt:

    @ black

    Bitte lies den Kommentar von kiturak vollständig.

    „Gefordert wird kritiklose Anpassung an sämtliche willkürlich gesetzten gesellschaftlichen Standards einer fiktiven weißen deutschen Leitkultur, während als einheimisch gesehene Institutionen getrost von ganz oben offiziell Homophobie verkünden dürfen, und das keinerlei nennenswerte gesellschaftliche Verurteilung nach sich zieht“

    Kritisiert wird die Doppelmoral: Homophobie ist bekanntlicherweise überall und ein gesamtgesellschaftliches Problem, angeprangert wird sie aber nur bei einigen, von denen dann gefordert wird, Stellung zu beziehen. Das ist das Problem.

  33. Sabrina sagt:

    Was in den Kommentaren bisher kaum zur Sprache gekommen ist, ist doch das Paradox, dass einerseits Toleranz für Homosexualität als deutsche Eigenschaft impliziert wird, aber auf der anderen Seite Homophobie immer noch ein großes Problem in Deutschland ist. Das wird auch wunderbar im ersten Kommentar verdeutlicht:

    “Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren”

    Weil sie hier leben wollen.

    Das sagt doch im Prinzip, dass man als Muslim/Migrant „deutscher“ sein muss als alle anderen Deutschen, wobei „deutsch“ hier eine scheinbar willkürliche Ansammlung an Idealen darstellt, die nach belieben abgeändert oder erweitert werden kann. Es ist doch nichts anderes als eine schlechte Ausrede für die eigene Xenophobie: „Die Muslime/Migranten verkörpern nicht das Ideal X, also haben sie in Deutschland nichts zu suchen!“ Wenn es aber nur um das Ideal X ginge, dann müssten wir auch eine ganze Reihe an Deutschen rauswerfen. Dann müssten wir Deutschland wirklich abschaffen! Aber Ideal X ist eben nur ein jämmerlicher Strohmann.

  34. kiturak sagt:

    *hust* Darf ich Werbung machen? Es läuft bald an einigen Unis wieder das festival contre le racisme, und in Mainz gibt es zwei Vorträge mit Workshops zu genau diesem Thema.

  35. k sagt:

    der Artikel ist meines Erachtens insich nicht ganz schlüssig. Von A zu B ohne Überleitung. Naja und dann dieser eine Satz: „Ich sitze neben einem bekannten und angesehenen Juden.“

    Grenzwertig. Würde die Autorin, wenn sie neben einem Muslimen sitzen würde nicht vielmehr Türke usw. schreiben? Ist der Jude Israeli, Deutscher oder kommt er aus einem ganz anderen Land? Bei ihrem eigenen Kulturkreis achtet die Autorin immer ganz besonders darauf, Muslime nicht allgemein als solche zu bezeichnen, sondern nennt häufig die Nationalität anstatt die Religion. Dies tut sie auch hier: „türkische Verbandsvertreter“
    Hätte ja auch muslimisch schreiben können. Sehr schade, dass sie hier nur von Juden redet. Für mich sehr fragwürdig!

  36. Julia sagt:

    Ich sehe das größte Problem darin: Selbst wenn sich alle möglichen Verbände (muslimische Verbände/die CDU/die Kirche/der Gartenbauverein) gegen Homophobie aussprechen, ändert das noch lange nichts an der Einstellung jedes einzelnen Mitglieds. Homophobie existiert trotzdem weiter (in der Werbung, beim Aufklärungsunterricht, bei der Jobsuche usw). Um dort eine Toleranz und Akzeptanz für jegliche Art der sexuellen Orientierung zu schaffen, reichen kamerafreundliche Lippenbekenntnisse politischer Lobbyisten nämlich nicht aus.

  37. hnk sagt:

    Auf den Rest mit dem „bekannten und angesehenen Juden“, und den USA und Israel geht hier aber keiner ein, wie?
    Welche „Macht“ dringt/zwingt denn _dabei_ zur Rechtfertigung? Das würde ich mal ganz gerne nicht nur in vagen Andeutungen belassen, sondern schön ausbuchstabiert sehen

  38. profin sagt:

    Moment mal. Du vermischt da Ebenen und das Argument wird unlogisch. Bitte differenziere zwischen Verbänden und Individuen!

    Ich verlange sehr wohl von den Kirchen und Verbänden, die Religionen vertreten, dass sie sich zur Homosexualität positionieren und kritisiere sie da, wo ich ihre Haltung menschenverachtend finde!
    Es ist Aufgabe der Verbände, solche Verbände offenzulegen.

    Es ist aber bittschön etwas anderes, von jedem Angehörigen einer (Religions)Gemeinschaft ein ebensolches Bekenntnis zu verlangen.

    „Die muslimischen Verbände müssen sich zu Homosexualität positionieren!”, sagt er zu mir. Er ist CDU-Politiker und ehemaliger Minister. Wir sitzen zusammen auf dem Podium, und ich kann nicht glauben, was ich da höre. “Verlangen Sie denn dann auch von jedem Katholiken, dass er sich zu Homosexualität positioniert?”, frage ich zurück. Er wird rot, schweigt und verschränkt trotzig die Arme.“

  39. Irene sagt:

    @ Julia:

    Ich sehe das größte Problem darin: Selbst wenn sich alle möglichen Verbände (muslimische Verbände/die CDU/die Kirche/der Gartenbauverein) gegen Homophobie aussprechen, ändert das noch lange nichts an der Einstellung jedes einzelnen Mitglieds.

    Das nicht, aber für manche Gläubige hat das, was der anerkannte Vertreter der Religion sagt, eine hohe Autorität. Und damit hat dieser auch eine gewisse Mitverantwortung für das Weltbild der Gläubigen. Einige feministische Theologinnen werfen übrigens der katholischen Kirche vor, dass sie sich beim Thema Gewalt in der Familie elegant rausgehalten hat.

    @ hnk: Drüben bei der Taz fragt immerhin wer, was das mit USA und Israel soll, wenn es doch auch anderswo Attentate gibt. (Ich weiß es auch nicht.)

  40. Julia sagt:

    @Irene: Sicherlich, die Mitglieder*innen schauen schon, was der Kopf der Organisation macht. Allerdings existiert Homophobie meiner Meinung auch dann weiter.

  41. Agnostic Frank sagt:

    Ich möchte den Fokus mal auf die Grundlagen der (zumindest monotheistischen) Religionen legen:

    Alle drei großen Religionen lehnen Homosexualität mit Hinweis auf eine Vielzahl von ganz eindeutigen Aussagen aus ihren fundamentalen Gründungsdokumenten Bibel, Koran und Thora klar ab. Anders gesagt: Ihr jeweiliger „Gott“ ist nach „seinen eigenen“ Offenbarungen ein erbitterter Feind von Homosexualität und Homosexuellen.

    Das ist auch grundsätzlich erstmal keine Auslegungssache – der Kram steht so in den „heiligen“ Büchern.

    „Liberale“ Theologie (eigentlich ein Widerspruch in sich) hat sich in neuerer Zeit aufgrund des zunehmenden Widerstands lediglich zu Verrenkungen hinreissen lassen wie: „Ja, es ist Sünde, aber wir lieben den Sünder trotzdem“ oder ähnlicher Unfug. Sie können das vermeintliche „Wort Gottes“ ja auch nicht mehr ändern, sondern höchstens etwas „entschärfen“.

    Vor diesem Hintergrund halte ich es nicht nur für völlig legitim sondern auch zwingend notwendig, jeden Menschen, der sich als religiös bezeichnet und sich dabei in irgend einer Weise auf solche vermeintlich „heiligen Schriften“ beruft, zu fragen, wie sie oder er zur Homosexualität (neben vielen anderen Themen) steht.

    Umso mehr, wenn es sich dabei um FunktionsträgerInnen oder Verbände der jeweiligen Religion handelt.

    Allerdings sollte diese Frage eben gerade nicht immer in irgendwelchen Integrationsdebatten auftauchen, wo sie lediglich instrumentalisiert wird.

  42. Irene sagt:

    “Liberale” Theologie (eigentlich ein Widerspruch in sich) hat sich in neuerer Zeit aufgrund des zunehmenden Widerstands lediglich zu Verrenkungen hinreissen lassen wie: “Ja, es ist Sünde, aber wir lieben den Sünder trotzdem” oder ähnlicher Unfug. Sie können das vermeintliche “Wort Gottes” ja auch nicht mehr ändern, sondern höchstens etwas “entschärfen”.

    Na da kennst Du Dich aber schlecht aus in der Szene.

  43. Agnostic Frank sagt:

    @Irene: Hm – was meinst du damit?