I would prefer not to. Von Slackern und Slacker-Müttern

von Lisa

Der Text erschien bereits auf ‚Fuckermothers.‘

‘Slacker’ waren in meinen frühen Teenager-Jahren eine Verheissung. Das waren coole Typen wie der Sänger von Nirvana, mit langen Haaren, kaputten Jeans und hängenden Schultern. In ihrer Verweigerungshaltung wollte ich mich selbst sehen. Denn sie wirkten eher irgendwie rebellisch als nur depressiv, eher unnahbar als schüchtern, eher als stolze Outlaws denn als Aussenseiter.

Ein Teil von jener längst überwunden geglaubten Verheissung kam wieder, als ich kürzlich den Begriff der ‘Slacker Mom’ hörte. Denn die Suche nach coolen Mutter-Typen gestaltet sich bekanntlich schwierig. Konservative Mutter-Mythen, Debatten um vermeintliche Latte-Macchiato-Mütter und das ewig beschworene Kind&Karriere-Dilemma lassen wenig Raum für Alternativen.

Der Begriff ‘Slacker‘ kommt aus dem englischen Sprachraum und war lange Zeit ein Schimpfwort. Er bezeichnete  faule, arbeitsunwillige und passive Menschen. In den 1990er Jahren erfuhr die Bezeichnung eine popkulturelle Aufwertung, Generation x, Grunge, unfrisiertes Haar, Trainspotting und so. ’Slacker’ waren nun bewusst gegen gesellschaftliche Anforderungen, die galten als unangepasst und kritisch gegen Status, Konsum und Karriere. “Choose life. Choose a job. Choose a career. Choose a family. Choose a fucking big television, Choose washing machines, cars, compact disc players, and electrical tin openers. (…) But why would I want to do a thing like that?” heisst es in Trainspotting.

‘Slacktertum’ scheint somit erstmal als wundervoller Ausweg aus den Zwängen der Mutterschaft – einen Bereich, der von strikten Rollenvorstellungen und diversen Arbeitsaufträgen überdeterminiert ist. Die Slacker-Mom könnte sowohl dem traditionellen Muttermythos als auch der neoliberalen Idee einer stets perfekt funktionierenden Karrieremutter ein Schnippchen schlagen. Und tatsächlich richten sich die ‘Slacker Moms’ teilweise gegen das Ideal der immer motivierten und fleissigen Mutter. Die US-amerikanische Autorin Muffy Mead-Ferro prägte den Begriff im 2004 erschienenen Buch ‘Confessions of a Slacker Mom‘, in dem sie übertriebene Erwartungen an mütterliche Verantwortung und Kindererziehung kritisiert. In der Anleitung ‘How to Be a Slacker Mom‘ werden 10 Punkte genannt. Dazu gehört, Perfektionismus abzulehnen, Elternschaft nicht als Wettbewerb zu betrachten, die Kinder nicht zu sehr zu behüten, Aufgaben abzugeben und sich ohne Schuldgefühle zu entspannen.

Das klingt gut. Ist es sicherlich auch – weil es Druck abbaut und ein weiteres Spektrum von Mutterschaft ermöglicht. Doch leider wandelte sich beim Lesen einiger Slacker-Mütter-Texte die Verheissung oft in Enttäuschung. Die Slacker-Moms haben wenig mit dem popkulturellen Slacker der 90er zu tun, schließlich wurde der auch in erster Linie von Männern verkörpert. Genau gesehen ist ja schon ein How-To mit 10 Punkten ziemlich unslackerig. Und auch allgemein werden überraschend viele Arbeitsaufträge formuliert. So erwähnt ein Slacker-Blog die eigentlich schöne Idee einer Not-to-do-Liste. Diese bedeutet aber keineswegs, dass frau tatsächlich nichts tut, sondern, dass sie wichtige Sachen statt der unwichtigen tut –  damit sie effektiver arbeitet: “ If I need to wash the diapers I will not try to wash the bedding. If my husband needs clean work clothes I will not wash towels.” Faulheit muss gelernt sein, so scheint es, und Verweigerung darf – zumindest für Frauen und Mütter – keinesfalls zu weit gehen.

Die meisten Slacker-Mütter kritisieren zwar unrealistische Erwartungen an Mütter, verstehen sich aber nicht im engeren Sinne politisch. In vielen Texten werden traditionelle Vorstellungen von Familie im Sinne der Dreifaltigkeit von Vater-Mutter-Kind vertreten, alternative Modelle werden kaum mitgedacht. Auch Bluemilk betrachtet das Slacker-Mom-Movement ambivalent. Sie begrüsst deren entspanntere Haltung, betont aber den wenig thematisierten Klassismus in der Bewegung. Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt.

Denn bestimmte Insignien von Slackertum sehen nur bei bestimmten Menschen cool aus. Um etwas verweigern zu können, muss man es zunächst einmal besitzen. Um Privilegien, Ideale und Status ablehnen zu können, muss man Zugang zu ihnen haben. Schon die meisten Slacker der 90er Jahre waren junge weiße Männer der Mittelklasse, die in westlichen Industriestaaten lebten – also Menschen, die potentiell Zugang zu Job, Zukunft und Karriere hatten. Und auch viele selbsternannte Slacker-Mütter sind weiße, verheiratete Frauen aus der Mittelklasse – also genau jene Frauen, denen gemeinhin zugetraut wird, Kinder zu bekommen, versorgen und ‘richtig’ zu erziehen. Für viele Mütter, die nicht in dieses Schema passen, wäre ein offen zur Schau getragenes Slackertum wohl eher eine Gefahr.

Trotzdem – vielleicht als Remineszenz an mein pubertäres ich: Ich mag den Begriff der Slacker-Mom. Zumindest klingt er cool. Und faul-sein ist wichtig. Vielleicht lässt der Begriff sich ja noch anders füllen.




Tags: ,

Eintrag geschrieben: Donnerstag, 25. April 2013 um 9:00 Uhr unter Familien_politik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



2 Kommentare

  1. Anna-Sarah sagt:

    Danke für die dezidierte Kritik! Ich finde besonders die beiden letzten Absätze wichtig. Joa, Slacker Mom klingt tatsächlich irgendwie ganz lässig, gerade für Leute, die popkulturell von Grunge mitgeprägt sind. Bei „echten“ Slacker Moms steht allerdings auch gern mal das Jobcenter oder auch das Jugendamt auf der Matte, und popkulturell taugen sie höchstens zum Spott zwecks selbstvergewissender Abgrenzung (vgl. diverse TV-Formate und Buchbestseller). Wichtig ist auch die Frage, wer für Miete, Essen, Gesundheitskosten und all das sorgt, während ich mit slacken (un)beschäftigt bin… Entspannte Haltung schön und gut, aber den Stress – wenn ich welchen habe – mach ich mir ja in erster Linie nicht selber. Bügeln tu ich sowieso nicht, täglich kochen oder putzen auch nicht, geschweigendenn für irgendwen anders als mein Kind (oder anderweitig des Supports Bedürftige) & mich selbst die eher unaufwändig gehaltene Garderobe pflegen, ich koche auch keine Marmelade ein oder setze ausgedehnte Bastelnachmittage an – Slacker Mom! – und trotzdem ist mein Tag irgendwie meistens ganz gut gefüllt…

  2. zahlenzauberin sagt:

    ich glaube ja es gibt kein Mutter sein ohne Mythos. Und ganz ehrlich der Weltekel des Grunge funktioniert doch eh nur wenn es jemanden gibt der einem hinterherputzt. Ist jetzt nicht so meine Vorstellung von einer Welt in der ich leben will.

    Ps: Bastelnachmittage können sehr entspannend sein. Vorrausgesetzt alle Beteiligten basteln gerne^^