Hidden Figures? Schräger Schinken!

von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 34 von 34 der Serie Die Feministische Videothek

Pasquale Virginie Rotter ist Erziehungswissenschaftlerin, Empowermenttrainerin, Performerin und Autorin. Sie lebt in Berlin und schreibt am liebsten über den Schwarzen Körper in sexistischen und rassistischen Machtverhältnissen. Pasquale fragte sich nach Hidden Figures: „Wenn wir so Kick Ass sind, warum zum Teufel sind wir eigentlich (noch) unterdrückt?“ und schluckte dabei ein, zwei Tränen.

Ja ja, die drei Protagonistinnen aus Hidden Figures sind empowernd und allet! Doch, dass Schwarze Frauen* intelligent sind, ass kicken, cool sind, schlau sind, schön sind, schlagfertig sind, Mütter sind, Style sind, Ehrgeiz sind, Überlebende sind und überhaupt – das wusste ich schon vorher. Doch das hab‘ ich nicht aus Hollywoodfilmen gelernt, sondern mir hart erarbeitet. Möglicherweise ist dieser Film für die U.S.A auf einer repräsentativen und anerkennungskulturellen Ebene ja wirklich räwolüssionär. Vielleicht. Obwohl nein, schließlich hat er ja auch jede Menge Geld eingebracht und vermutlich nicht ’nem black owned business oder Schwarzen Widerstandsbewegungen.

Auch sonst war vieles an diesem Film sehr sehr schräg. Dass alle weißen Typen blond oder zumindest dunkelblond sind, zum Beispiel. Die Uniformiertheit of the white supremacists. Außer der Böse der ersten Stunde, der hat dunkle Haare, eh klar. Oder dieser fesche Astronaut, der farbenblinde Sunnyboy der Erzählung, der die Geschichte in der er mitspielt nicht peilt und seine Rakete erst startet, wenn „the girl“ – er sagt ja explizit nicht „colored“ – nochmal die Berechnungen überprüft hat. Oder dieser Moment, als der Oberheini mit der Brille (O Kevin! my Costner. Standing by Black women* since 1992. Where would we actually be without you?), der die zentrale Heldin der Erzählung noch im letzten Moment in die Kommandozentrale reinholt, damit auch sie ein Krümelchen vom Testosteronglückskuchen bekommt, während der Phallus ins All startet. Meine Güte.

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Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber: Ist einfach die Realität die der Film beschreibt schräg? Nämlich die historische Realität der patriarchal geprägten Rassentrennung in den USA der frühen 60er Jahre und die historische Realität des kalten Krieges im All aka Space Race? Oder ist die Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt wird einfach schräg? Ok, beides.

Die Krönung der Schrägheit jedenfalls war eindeutig die White Saviour-Szene vom Oberheini. So schräg, dass sie kippte und ich laut lachen musste. Die zentrale Heldin fühlt sich diesmal aber wirklich schlecht behandelt. Sie haut auf den Putz und der Oberheini erfährt dadurch, dass es keine „Colored Ladies“-Rooms in seinem Gebäude gibt. Oder erfährt er dadurch erst, dass es überhaupt „Colored Ladies“-Rooms in seiner Welt gibt? Nichts genaues weiß man. Wer den ganzen Tag in der NASA-Zentrale hinter Glas sitzt, dem entgeht vermutlich so einiges. Jedenfalls rastet er komplett aus und rammt vor versammelter Belegschaft inklusive Securitytypen, der natürlich nicht einzuschreiten wagt, mit einer Brechzange das ziemlich hartnäckige „Colored Ladies Room“-Schild vom Toiletteneingang. Und faselt dann irgendwas von: „Nix da, Frauenpippi ist Frauenpippi bzw. Frauenpippi hat keine Farbe. Hier gehen alle Frauen gefälligst auf dasselbe Klo.“ Meine Güte.

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Wie gesagt, ich weiß nicht, was der Film eigentlich beschreibt. Und ich interpretiere hier sowohl Inhalt als auch Form wie Kraut und Rüben. Doch augenfällig ist, wie viele wichtige Momente der Anerkennung, des Glücks, möglicherweise sogar des (trotzdem verhaltenen) Triumphs dieser Schwarzen Frauen*, vom Wohlwollen der weißen Akteure abhängt. Das war wohl auch die Realität. Doch der Film der schreit einfach nur: „O.K. passt auf, wir zeigen euch jetzt mal, wie intelligent Schwarze Frauen* sein können. Und außerdem sind wir die Größten mit den größten Raketen. Sagt Amen!“ Dem unkritischen weißen Publikum wird also gesagt: „Aaaaaaaalles gut. Puttputtputt. Es ist alles in Ordnung so wie es ist. Ihr seid die Größten mit den größten Raketen.“ Uns wird gesagt: „Ja, diese Zeit war echt beschissen. Aber hey, ohne die ganzen coolen mutigen anständigen aufrechten weißen Raketen – also ohne uns – wär sie noch beschissener gewesen. Dann hätten die Schwarzen (Frauen*) – also ihr – nämlich noch weniger zu melden gehabt, jawoll.“

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Und dann gibts noch einen dreiminütigen Auftritt eines Juden. So ziemlich der Einzige ohne Seitenscheitel. Ein Überlebender aus dem alten Europa. Der privilegierte Unterdrückte mit Herz. Ein Sympathieträger qua Biografie. Der Katalysator der Rassenspannungen. Kann man so machen, aber dann ist es halt Scheisse. Meine Güte.

Ich weiß nichts, als das was ich während des Films gesehen und währenddessen und danach gefühlt habe. Ich kenne die Drehbuchschreiber_innen nicht, ich weiß nichts über die regieführende Person oder die Produktionsfirma. Ich kenne ihre Perspektiven und ihre Intentionen nicht. Ich weiß nur, dass dieser Film unkritischen weißen Zuschauer_innen zeigt, was sie sehen wollen: Großartige Schwarze Frauen* die nur deshalb glänzen dürfen, weil sie sich vor der Kulisse weißer Selbstversicherung bewegen.

Wie gesagt, Schwarze Frauen sind Kick Ass und alles. Hirn und alles. Überleben und alles. Und klar, wenn wir uns zusammentun, when we free our minds and bodies, dann können wir die Welt aus den Angeln heben und sie richtig ‚rum wieder einsetzen. Dafür brauchen wir aber weder angewandte Mathematik noch blonde Scheitelträger. Auch keinen Gnadenakt aus Hollywood. Sondern einfach nur uns und unsere Verbindungen und unsere Geschichten und vor allem: von uns erzählt.

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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 30. August 2017 um 12:49 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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