Hate speech ist Alltag – auch im Netz

von Christoph

Jede_r, die_der feministische, linke und progressive Blogs wie die Mädchen­mann­schaft verfolgt weiß, was für ein Problem hasserfüllte Kommentare sind. So wurde in letzter Zeit zum Beispiel Anita Sarkeesian von Feminist Frequency heftig attackiert. Solche üblen, hasserfüllten Angriffe und Kommentare sind leider Alltag. Hate speech ist Alltag. Es wurden auch schon viele schlaue Texte zu diesem Thema von ver­schiedenen Autor­_innen geschrieben. Vor kurzem stieß ich auf eine Definition von hate speech, Hassrede, die so gut zusammenfasst, was solche Äußerungen und Kommentare erreichen wollen, dass ich sie hier teilen wollte. Meist wird hate speech einfach definiert als Äußerungen, die sich beleidigend, anzüglich oder angreifend gegen religiöse, ethnische oder andere Minderheiten und Frauen wenden. Rita Kirk Whillock beschreibt in ihrem grundlegenden Buch „Hate Speech“ die Strategie hinter solcher Rhetorik ergänzend folgendermaßen:

„Rather than seeking to win adherence through superior reasoning, hate speech seeks to move an audience by creating a symbolic code for violence. Its goals are to inflame the emotions of followers, denigrate the designated out-class, inflict permanent and irreparable harm to the opposition, and ultimately conquer.“

[Anstatt zu versuchen, durch bessere Argumentation die Oberhand zu gewinnen, versucht hate speech ein Publikum zu bewegen, in dem es einen symbolischen Code für Gewalt erzeugt. Ihr Ziel ist es, die Gefühle der Anhänger anzuheizen, die festgelegte, ausgegrenzte Gruppe zu verunglimpfen und schlecht zu machen, der Opposition dauerhaften und bleibenden Schaden zuzufügen und sie letztendlich zu besiegen.]

Rita Kirk Whillock und D. Slayden (Hrg.) Hate Speech. London: SAGE (1995) S.32

Der Artikel, in dem ich das Zitat entdeckt habe, argumentierte in den Neunzigern dafür, sexistische Rhetorik auch eindeutig als hate speech zu bewerten. Die Autorin Donna Lillian brachte dazu das Beispiel des rechtskonservativen Kanadiers William G. Gairdner, der in seinen Artikeln und Kommentaren unter anderem sexistisch gegen Feministinnen hetzt. Meiner Meinung nach lässt sich diese Argumentation gut auch auf diese Internetkommentare ausweiten: Es scheint doch das eigentliche Ziel von hasserfüllten, konservativen und antifeministischen Kommentaren zu sein, die Bloggerinnen anzugreifen, die Diskussion zu stören und die Gegnerinnen mundtot zu machen. Kommentare, die der Autorin mit sexueller Gewalt drohen, sind genau ein solcher symbolischer Code der Gewalt, im Falle von Anita Sarkeesian sind die Gamer das Publikum, das aufgebracht wird und dann mit einstimmt. Selbst wenn die Kommentare als „Witz“ verpackt werden, angeblich „nicht ernstgemeint“ sind, in der Masse ist der Effekt doch nah an der von Kirk Whillock beschriebenen Strategie.

Es geht mir nicht direkt um die juristische Bewertung von Kommentaren als Hassrede, sondern um die kulturelle Einordnung in ein größeres Systems, in eine Tradition der hasserfüllten Rede gegen Frauen, in das System Sexismus. Ich halte es in letzter Konsequenz auch für weniger wichtig, ob die Aussagen von Autoren wie Gairdner kommen oder von anonymen User_innen. Sicher haben öffentliche, medienerfahrene Kommentatoren eine größere Reichweite, nicht jeder Kommentar ist hate speech und manche mögen „nur“ trollen. Viele dieser negativen Kommentare sind allerdings nicht stimulierende Kunst, sondern einfach nur eins: Hate speech.

Literatur:

  • Rita Kirk Whillock und D. Slayden (Hrg.) Hate Speech. London: SAGE (1995)
  • Donna L. Lillian. „A Thorn by Any Other Name: Sexist Discourse as Hate Speech.“ Discourse and Society, Vol. 18(6) (2007) 719-740
  • Interview mit Anna-Sarah über Trolle im Internet.



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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 23. August 2012 um 11:00 Uhr unter Gewalt, Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. laprintemps sagt:

    Guter Gedanke. Werde da noch drüber nachdenken :)

  2. Anna-Sarah sagt:

    Anmerkung in eigener Sache: In dem Libelle-Interview benutze ich mehrfach einen klassistischen Begriff. Ich möchte um Entschuldigung für diese Formulierung bitten.

  3. sagt:

    Ich sehe in Hass-Kommentaren und vorsehbarem Trollen auch die Gefahr, dass in der schnell aufgeheizten Atmosphäre schon die kleinste, auch berechtigte, inhaltliche Kritik an einem Post von den ModeratorInnen gleich mit abgewatscht wird. Für mich bedeutet das, dass ich mir Kommentare dann in diesem Thread meistens verkneife. Das ist sicher eine Herausforderung an die Souveränität des Heim-Teams… nicht speziell, aber auch in diesem Forum.

  4. Lea sagt:

    ich lese gerade das buch „the harm in hate speech“ von jeremy waldron. ist auch zu empfehlen zum thema.