Guido, wir müssen reden! #ShoppingQueen

von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 20 von 44 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Shopping Queen ist eine Modesendung auf dem privaten Sender VOX. Jede Woche treten fünf Kandidatinnen an, bekommen eine Summe Geld, gehen davon shoppen und bewerten gegenseitig ihre Outfits. Am Ende der Woche wird die „Shopping Queen“ gekürt. Nun ist es relativ leicht, Sendungen wie Shopping Queen zu kritisieren: Sie stellen Frauen in ein Konkurrenzverhältnis zueinander, der Modedesigner Guido Maria Kretschmer kommentiert die Sendung und vergibt Punkte an die Kandidatinnen. Wer am Ende der Woche die „schönsten“ Klamotten hat, gewinnt. Klar orientiert sich das häufig an gängigen Schönheitsidealen. Shopping Queen hat allerdings sehr viele Zuschauer_innen und prägt somit den Alltag vieler Menschen, da die Sendung sehr normative Vorstellungen von Geschlecht, Aussehen und Kleidungsstil vermittelt. So lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen: Das hat die Bloggerin Miss Temple gemacht. Auf ihrem Blog „Some Girls Are Bigger Than Others“ ärgert sie sich über die diskriminierende Darstellung der dicken Kandidatinnen. Diesen Beitrag dürfen wir in leicht veränderter Form veröffentlichen.

Meine Twitterfollowers wissen, dass ich hin und wieder gern Shopping Queen auf Vox mit Guido Maria Kretschmer schaue. In letzter Zeit allerdings deutlich weniger gern und das hat auch Gründe.

Diese Woche ist die Sendung auf den bisherigen Tiefpunkt zugesteuert. Es ist mal wieder „Dickenwoche“. Über Sinn oder Unsinn einer eigenen Plus Size Sendung kann eins sich streiten. Immerhin haben so alle Kandidatinnen ähnlich wenig Möglichkeiten – Dank der mickrigen Auswahl in deutschen Innenstädten. Es ist nicht die erste Woche, in der Plus Size Kandidatinnen teilnehmen, aber bisher war es noch nie so schlimm. Vielleicht sinken die Quoten, vielleicht meint die Redaktion, sie müsse da mal ein bisschen Schwung rein bringen, ich weiß es nicht. Fest steht: Ich werde die Woche noch zu Ende schauen und dann erst mal eine lange, lange Auszeit von der Sendung nehmen.

Von Beginn an wurde zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betont, dass die Kandidatinnen dick sind (könnte ja vielleicht jemand übersehen…), inklusive aller Klischeebezeichnungen. Jede wurde nach Essverhalten und Diäterfahrungen (inklusive thinspo-Methoden) befragt, es gab anekdotenhafte Beschreibungen von Diskriminierung, die allerdings von der Kandidatin weggelacht wurde. Das ist in den „normalen“ Sendungen nicht der Fall, Essen und Gewicht werden dort höchstens im Nebensatz thematisiert. Es gibt einen „Stylecheck“ am Anfang der Sendung, bei dem Größe/Alter/Konfektions-/Schuhgröße/Gewicht aufgelistet werden, Guido kurz den Stil der Kandidatinnen bewertet und Tipps zu ihrem „Figurtyp“ gibt. Also: Nicht gerade schön, aber immerhin wurde sich hier meist auf Positives konzentriert. (Nachdem Guidos Buch zum Thema Figurtypen kürzlich erschienen ist, sehe ich das allerdings noch sehr viel kritischer…) Diese Woche sah der Stylecheck allerdings in etwa so aus „Ab dem Knie hat sie ja echt tolle Beine und schön schlanke Fesseln. An jeder dicken Frau ist ja auch irgendwas hübsches. Die Haare, oder der Busen oder so.“ Danke Guido, dass ich mir jetzt irgendwas an meinem Körper aussuchen soll, das hübsch ist und dann noch sowas absurdes wie Fesseln! Auch zu sagen „In ihr steckt ja eine Dünne!“ finde ich perfide und abwertend.

Die Gruppe selbst wirkt ungewöhnlich aufgekratzt und fröhlich. Das mag nun daran liegen, dass da halt fünf besonders fröhliche Frauen zusammen gekommen sind, die einen ähnlichen Humor haben und Spaß zusammen hatten, oder aber es sollte hier das Stereotyp der „lustigen Dicken“ bedient werden. Dazu passte die Szene, in der die Kandidatinnen durch einen Garten gehen mit der Ansage „Lasst uns mal was zu Essen suchen!“. Sie haben dann eine einzelne Erdbeere gefunden und die geteilt und mit einer großen Portion Schlagsahne gegessen. Das hat mich einigermaßen schockiert, weil eins so etwas von anderen Formaten zwar leidlich gewohnt ist, aber Shopping Queen bisher immer sehr wenig bis gar nicht gescriptet wirkte.

Guidos Kommentare sind oftmals beleidigend, auch wenn das in eine „charmante“ Art gepackt ist. Er betont häufig das vermeintlich „andere“ an Menschen, exotisiert Schwarze Frauen, betont das fortgeschrittene Alter oder eben den dicken Bauch. Er wirkt zunehmend intolerant was Frauenkörper anbelangt, die nicht seinem Idealbild entsprechen. Ich kann seinen Anspruch als Designer, Frauen mit seiner Kleidung möglichst „gut“ (also: der Norm entsprechend) aussehen zu lassen, zwar verstehen, aber Aussagen dass frau eine bestimmte Körperform (also: sehr schlank) bräuchte, um etwas tragen zu können, ist absolut nicht vertretbar und einschränkend. Wie er die Kandidatin am Mittwoch bewertet hat, war einigen der üblichen fettphoben Kommentare auf Twitter sehr ähnlich, die es bei solchen Sendungen immer gibt. Auch wenn das Kleid nach gängigen Vorstellung nicht gut aussah, rechtfertigt dies keine Rants, die letztlich die Kandidatin abwerten.

Außerdem gehen mir die Mottos (die sich von Woche zu Woche unterscheiden) zunehmend auf die Nerven. Viel zu oft geht es darum zu beeindrucken, verführen, sexy zu sein. Natürlich meistens für Männer, weil wir Frauen ja grundsätzlich alles nur für Männer tun und wenn nicht, dann um andere Frauen neidisch zu machen und besser als sie zu sein. Heteronormativer Konkurrenzscheiß, bäh!

Ich bin wirklich sehr enttäuscht, weil ich die Sendung immer gern gesehen habe, aber wenn ich die Reproduktion von Vorurteilen, alberne Stereotypisierungen und Bevormundung von (dicken) Frauen sehen will, dann kann ich das nahezu überall in den Medien finden und brauche keine Sendung, die mich unterhalten soll dazu.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 8. November 2013 um 9:00 Uhr unter Körper, Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. Rubinskaja sagt:

    Was für mich neben all der Frauen-, Lesben- und Dickenfeindlichkeit noch dazukommt ist, Shopping Queen ist auch mode-technisch ziemlich uninteressant. 4 Stunden für ein gesamtes Outfit inklusive Anfahrt und Haare und Make up ist einfach utopisch. Da muss die Qualität auf der Strecke bleiben!

    Danke für den Beitrag!
    lg Rubinskaja

  2. Michelle sagt:

    hey,

    my two cents:

    es ist ne Sendung auf einem Privatsender die unverholen Materialismus propagiert und feiert.

    500€ mal einfach auf einen Schlag auszugeben, können sich die meisten Zuschauer_innen einfach nicht leisten, da wird eine „was wäre wenn“ Konsumkultur gefeiert und „Stil“, eine völlig abstrakte Größe, im Nachhinein bewertet.

    Das ganze häufig noch mit ner menge negativer weiblicher Klischees: stutenbissigkeit (in den kommentaren der frauen) , Konsumgeilheit, Optik-ist-alles-Mentalität.

    Zusätzlich schwingt ein gewisser Klassismus mit, aufgrund der Menge an Geld die ausgegeben wird, was einfach ausserhalb der Möglichkeiten der Durschnittsbevölkerung liegt.

    Zusätzlich ein paar Homosexuelle Stereotype: Guido ist schwul, ergo hat er Ahnung von Mode und seine Meinung wiegt mehr als die von den Frauen.

    Sich dann wundern das „Dick_innen“ verzerrt dargestellt werden ist schlicht und ergreifend lächerlich. Die Sendung gibt ein unverholen verzerrtes Gesellschaftsbild wieder.

    An der Sendung läuft soviel falsch, das mensch es eher feiern sollte, dass es überhaupt eine „Dickenwoche“ gibt, denn die Darstellung Dicke Frauen = weinger attraktiv als dünne Frauen, trifft wie die Faust aufs Auge der Zielgruppe der Sendung.

    Die ganze Prämisse ist frauenfeindlich und heteronormativ:

    „Hier hast du 500 euro, geh mal drei Stunden lang einkaufen, zum Motto: wie überrasche ich meinen Mann zum Jahrestag, dann komm zurück, setz dich den Kommentaren von anderen Frauen aus und lass dir am Schluss von einem schwulen Mann sagen ( er muss es ja wissen ) ob du es gut oder schlecht gemacht hast.“

    Ein Wettbewerb im Geldausgeben und den Ansprüchen der Männerwelt gerecht werden, in Form von Guido und des hypothetischen Mannes der Aufagbenstellungen.

    Plus, nnoch am Rande, ist es nicht auch heterosexistisch und gleichzeitig eine überzogenes Schwulenstereotyp, dass homosexuelle Männer besser wissen was Heteromännern gefällt?

  3. Julez sagt:

    Schön, dass das mal gesagt wird!
    Als ich diese Woche ab und zu mal reingeschaut habe, ist mir das auch aufgefallen.
    Ich wusste aber erst nicht, ob ich da nicht zu empfindlich reagiere aber anscheinend sehen das andere auch so :)
    Rassistische Kommentare sind mir auch schon in ein paar Sendungen aufgefallen…
    Finde ich sehr schwach von Vox!

  4. Magda sagt:

    @Michelle

    dein kommentar verärgert mich, weil dein „ist doch eh scheiße, warum überhaupt darüber schreiben?“ im endeffekt bedeutet, dass menschen sich nicht mehr über etwas ärgern dürfen, was sie betrifft. und es dann letztendlich ihr aufgabe ist, mit ihrer wut umzugehen. das shopping queen ein durch und durch zu kritisierendes format ist, steht bereits in der einleitung. deine analyse in allen ehren, aber die verharmlosung von fat shaming & dickendiskriminierung, die sich im folgenden satz von dir ausdrückt, spricht bände:

    „Sich dann wundern das “Dick_innen” verzerrt dargestellt werden ist schlicht und ergreifend lächerlich. Die Sendung gibt ein unverholen verzerrtes Gesellschaftsbild wieder.“

    warum dicke menschen es nicht „feiern“ sollten, dass es eine „dickenwoche“ gibt, in der sie diskriminiert werden, hat miss temple bereits im beitrag erklärt.

    weitere kommentare in die richtung schalte ich nicht frei.