Grund- und Machtbedürfnisse – Religion und Gewalt

von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 2 von 58 der Serie Meine Meinung

Als eines dieser weiß-säkularen Privilegien erlebe ich jede Art der “Religionskritik”. Auch in Form von Comics, Karikatur, Rede und Schrift.
Was aus dieser “Kritik” entsteht, ist eine Verschmelzung von Gewalt und Glaube. Religion wird einzig zum Instrument von Zwang, Ausnutzung von Unbildung (spannend, was immer wieder so als “Bildung” und “Wissen” in dem Kontext anerkannt ist!).
Nicht etwa zum Teil einer Lebensauffassung, inneren Haltung, vielleicht auch Identität und Kultur, über die sich zu äußern und zu werten vielleicht in allererster Linie Sache derer ist, die sie leben (wollen!).

Ich habe kein Verständnis für „Religionskritik“ von Personen, die nicht der „kritisierten“ Religion angehören.
Schon gar nicht habe ich Verständnis für Satire, die nach rechts buckelt und nach minorisierten, unterdrückten, rassierten Personengruppen tritt.
Satire ist für mich ein Mittel nach oben zu treten, um nach unten eine Hand zu reichen.

Ich habe kein Verständnis für die “Religionisierung” von Gewalt, die die (weiße) (säkulare) Presse vornimmt, um greifbare Slogans unter ihre Leser_Innenschaft zu spucken.

Für mich ist diese Mischung genau das, wovor ich Angst habe, wenn ich mich mit dem Thema ritueller Gewalt auseinandersetze – vielleicht sogar in Form eines Vortrages vor Menschen, die keiner Religion angehören.

Ich weiß, dass da kein Verständnis für den Glauben, kein Verständnis für bestimmte Werte und Handlungen ist – so schon, ganz ohne tatsächlichen Zwang oder die Art Gewaltanwendung, wie sie im Rahmen ritueller Gewalt passiert. Es gibt Menschen, die denken, ihr Kopf, ihre Seele und Kultur sei frei und ohne Zwang, weil sie studiert sind, weil sie Demokrat_Innen sind, weil sie so sind, wie eine Mehrheit der Gesellschaft, in der sie sich bewegen. Für diese Menschen gab es noch keine Auseinandersetzung, wie frei von Religion und auch auf eine Art ritueller Gewalt*, man tatsächlich ist, wenn man an Karfreitag nicht arbeitet oder am 25. und 26. Dezember die klitzekleine Welt um sich herum stillsteht.

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir unser jüdisches Leben nach überstandener organisierter (darunter auch ritueller) Gewalt mehr oder weniger verteidigen mussten.
Erst gegen Unterstellungen, wir wären ins Leiden sozialisiert und hätten uns deshalb einer Religion angeschlossen, die uns mit ihren über 600 Gesetzen unterjocht; später gegen die Unterstellung sich mit der Religion eine heile Welt zu zimmern, um in einer (besseren) (Sub) Kultur leben zu können.
Nachgefragt wird da natürlich nicht. Ich bin ja religiös und erzähle deshalb sowieso nur Schwachsinn, dem man nicht zuhören muss.

Weiß(christlich kultivierte) Säkulare sind es inzwischen immer öfter, die mir ihren Antisemitismus ins Blog rotzen, die mir rassistische Karikaturen ins Facebook klatschen und mich überdenken lassen, wie weit vom Fenster entfernt ich meine Menora aufstelle. Säkulare sind es, die sich mir gegenüber erhöhen, weil sie Studien und Beobachtungen über die Auswirkungen von Religion auf Wirtschaft, Infrastruktur und Länderentwicklung kennen.
Und ich bin froh, wenn mal in einer (großen) Stadt bin, die einen leicht zu findenden Koscherladen hat. Wenn es möglich ist, in einem Job zu arbeiten, in dem ich während Shabbes nicht arbeiten muss. Wenn ich die Möglichkeit habe mich mit anderen jüdischen Menschen auszutauschen ohne, dass es an einem very special place oder an einem very special Feiertag ist.

Säkulare haben eine Ersatzreligion und das sind Wissenschaft und “Objektivität”.
Doch zugeben kann das natürlich niemand.
Weil: “Wissen(schaft) ist die Abwesenheit von Glauben.”
Auch da bleibt unhinterfragt, warum man an Zahlen, an Wissen(schaft) (gerade auch, wie sie heute produziert und praktiziert wird) glaubt und nicht an seine eigenen Sinne(swahrnehmungen).

Zu glauben, ist meiner Ansicht nach ein menschliches Grundbedürfnis. Religion, wie Wissenschaft, wie Bildung allgemeinerer Natur, ist an der Stelle einfach eine Möglichkeit sich dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Menschen zu töten, Menschen zu verletzen, Menschen zu unterdrücken ist kein Grundbedürfnis.
Das ist Wille zur Macht. Der braucht Gewalt.

*hier im Sinne eines religiös begründeten, aber in letzter Instanz kult.ivierten Handlungsimperativs
*Nachtrag: auch sehr spannend in dem Zusammenhang: der letzte Soziopod „Medien, Macht und Märsche






Anzeige



7 Kommentare

  1. Lea sagt:

    Du findest Kritik an Religionen darf immer nur von den Anhängern der Religion kommen? Das finde ich so einen unglaublich gefährlichen Gedanken, ich weiß gar nicht genau wie ich das Gefühl formulieren kann. Es geht ja dabei nicht um das Kritisieren von persönlichen Glaubensinhalten sondern das von Religionen als Instanzen. „Darf“ ich nur als Christ darüber kritisch reden, was der Katholizismus und die Evangelikalen Kirchen in der Welt für ein Unglück anrichten?

  2. sev sagt:

    „Ich habe kein Verständnis für „Religionskritik“ von Personen, die nicht der „kritisierten“ Religion angehören.“

    Angenommen und komme aus Bayern und bin nicht getauft, also quasi Atheist. Bin aber dort aufgewachsen und habe den ganzen Müll mitbekommen… Darf ist dann keine Kritik üben?

    Ich kann es nicht nachvollziehen. Es gibt doch in jeder Religion genug Dinge die scheiße sind und die sich noch langsamer verändern würden, wenn kein gesellschaftlicher Druck in Form von Kritik da ist.

  3. Janina sagt:

    Lea, ich stimme dir zu. Ich denke nicht, dass es um diese Art der Kritik im Text geht. Im Text geht es eher um die „Kritik“, die missbraucht wird, um ohnehin schon marginalisierte Gruppen weiter zu stigmatisieren — selbstverständlich ein sehr gefährlicher Trend, dem wir auf jeden Fall entgegenwirken müssen. Trotzdem möchte auch ich da ganz klar unterscheiden sehen zwischen dieser Art von gefährlicher Überheblichkeit und der Kritik an religiösen Institutionen, die ihren Einfluss nutzen, um in die Entscheidungsfreiheit anderer einzugreifen. Letzteres ist eben leider nicht nur ein politischer Punkt. Wenn die katholische Kirche z. B. ihren Mitgliedern die Benutzung von Kondomen untersagt, dann begründet sie dies mit religiösen Grundsätzen (anders ist es ja auch nicht zu begründen). Und ich sehe nicht ein, dass ich mich taufen lassen muss, bevor ich das kritisieren darf.

  4. Hannah C. sagt:

    Man darf lesen, dass es sich um einen Meinungsartikel handelt.
    Man darf nachfragen, ob Religion = Glaube ist.
    Man darf sich damit auseinandersetzen, ob die Institution Kirche = Religion/Glaube ist.
    Man darf die Autorin* fragen, wie sie das sieht, schließlich haben Meinungen immer auch Entwicklungen und individuelle Positionen zur Grundlage.
    Man darf Meinungen kritisieren und/oder kritisch hinterfragen.
    Man darf die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ein Artikel einfach schlecht geschrieben ist, um das zu transportieren, was transportiert werden will.
    Man darf immer alles kritisieren.
    Man darf zuhören, wenn Personen der kritiserten Kontexte, etwas anderes äußern.

    Natürlich ist es kritisierenswert, wenn der Papst Kondome verbietet und der IS Städte in die Luft jagt, schließlich haben HIV und zerstörte Städte Folgen, die über Religion, Glaube und Kirche hinausgehen.
    Das allein ist mAn aber kein Grund Katholiken, Moslems etc den Verstand abzusprechen oder zu argumentieren, Religion würde dumm machen oder (religiöser) Glaube sei schlecht.

    Man darf über solche Themen diskutieren in dem man sich Fragen stellt und schaut, welche Antworten mit Menschenrecht, Glaubens- und Religionsfreiheit, dem Grundgesetz und dem allgemeinen Respekt, den alle Menschen verdienen, vereinbar sind.

    Man darf sich fragen, welche Mechanismen hinter der Abwertung von Religion und Glaube stehen und wo man selbst genau so argumentiert.
    Man darf sich fragen, warum Religion, Kirche und Glaube (drei völlig eigene Dinge!) immer wieder in Extremen diskutiert werden und/oder nach extremen Ereignissen.
    Oben stehender Artikel entstand nach dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift in Frankreich und war ein erster Versuch einen Mittelweg zu finden.

    Ich frage mich, ob es dafür noch zu früh ist – ob wirklich erst alles in Schutt und Asche liegen muss, bis niemand mehr die Kraft für Extreme hat – oder ob es einfach mehr solcher Versuche braucht.

    Am Ende: Niemand muss mir zustimmen.
    Hier steht nur eine Meinung – die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln wird und auch vielleicht bessere Worte finden wird.

  5. Jane sagt:

    „Man darf sich fragen, welche Mechanismen hinter der Abwertung von Religion und Glaube stehen und wo man selbst genau so argumentiert.“

    Genau das. Ich habe – selbst Atheistin – sehr oft das Gefühl, dass Kritik nur dazu benutzt wird, um eigene Vorurteile zu untermauern. Diese Kritik, die viele Kommentatoren meinen finde ich auch total wichtig, nur ist das, was mir an Kritik im Alltag entgegen schlägt, von einem ganz anderen Kaliber. DAS finde ich ebenso gefährlich. Beispiel: Ich werde im Alltag ständig mit „Angst vor muslimischem Terror“ konfrontiert. Da ist es sogar egal, dass ich mich selbst gar nicht zur Gruppe der Muslime zähle. Was sich die sogenannten Kritiker aber ständig erlauben ist, die mir zugeschriebene religiöse Identität als Ventil zu benutzen. Ich finde deshalb, weil ich ständig in einer völlig machtlosen Position ende, dass man durcfhaus fordern kann, dass Kritik nicht nur „von außen“ erfolgen darf, im Sinne von „nicht nur übereinander reden, sondern auch mal bescheiden sein und nachfragen“.

  6. Nadine sagt:

    Danke Hannah für den Text und den ergänzenden Kommentar. Was hier schon wieder leichtgläubig (no pun intended) an „Religionskritik“ geäußert wird, lässt einer ja die Haare zu Berge stehen.

    Grundsätzlich finde ich immer folgende Fragen interessant und du hast es ja auch schon angesprochen:

    Wer äußert aus welcher Position heraus, mit welchem Hintergrund und welcher Perspektive Kritik an z.B. Glaube, Religion und religiösen Institutionen und ihren Vertreter_innen (an die er_sie weder glaubt noch einer Religionsgemeinschaft angehört)? In welchem Land mit welcher (Religions-)Geschichte ist die Person, die Kritik übt, aufgewachsen und sozialisiert worden? Welche Werte und Normen, die wesentlich auch durch Religion geprägt wurden, gehörten damals und gehören heute zu diesem Land?

    Warum wird Wissenschaft und vor allen Dingen Aufklärung völlig unhinterfragt als Gegenpol zu Religiösität gesetzt? Als etwas objektives? Warum braucht mensch zwingend „Abstand“ zum Gegenstand der Kritik und warum wird dies gerade und auch in der Wissenschaft und/oder Säkularität verortet? Was ist Säkularisierung überhaupt und welche spezifische Geschichte hat sie in dem jeweiligen historischen, geographischen und politischen Kontext, in dem die Person steht, die Kritik übt?

    Ein Beispiel: Säkularisierung bedeutet nicht zwangsläufig Emanzipation/Befreiung von diskriminierenden religiösen Institutionen, Glaubenssätzen und Praktiken. Im Zuge der Aufklärung in Europa wurden christliche Glaubenssätze wunderbar in ein verwissenschaftlichtes System überführt. Christliche, abendländische Lehre wurde zur christlich abendländischen Philosophie und damit auch zu heutigen Rechtsnormen, Vorstellungen von Staat und Demokratie und entsprechenden ausführenden Organen, Werten und Grundsätzen. Christlicher Antijudaismus und Lehre der unterschiedlichen Wertigkeit von Menschen zur biologistischen „Rassen“theorie samt Antisemitismus, der keine expliziten religiösen „Begründungen“ braucht, um wirken zu können, sondern in vermeintlich „wahre“ „Erkenntnis“ der Wissenschaft. Das heutige Rechtssystem in der BRD baut auf christlichen Werten auf, die unhinterfragt zu „Naturgesetzen“ wurden. Die christliche Kirche hat nach wie vor einen Sonderstatus in diversen Rechtsnormen (siehe Arbeitsrecht) und Selbstverständlichkeiten, die für weiße heterosexuelle Paare gelten (z.B. das Recht auf Gründung einer Familie) gelten nicht für andere. Tausende Christenfundis marschieren Jahr für Jahr gegen Schwangerschaftsabbrüche und das Recht auf körperliche Selbstbestimmung durch Berlin, Münster und andere deutsche Städte, während der Staat sich weigert den §218 aus dem Strafgesetzbuch zu entfernen und gleiche Rechte für alle gelten zu lassen. Stattdessen entsenden Regierungsvertreter_innen Grußworte an die Fundis. Die unterschiedliche Wertigkeit von Menschen wird jeden Tag im öffentlichen Raum, durch das Sozial- und Medizinsystem, durch Regierungsbeamte ganz praktisch zelebriert.

    Aber mit dem Finger auf andere Staaten und Personengruppen zeigen, die angeblich dank „zu viel Religion“ bzw. „zu wenig“ Säkularisierung völlig „rückschrittlich“ sind. Nun ja, dass weltpolitische Geschehnisse auch immer Ursachen haben, die nicht wenig mit weißer, westlicher eurozentrischer (und demnach auch christlicher/christlich geprägter) Politik und ihren Allmachtsfantasien zu tun haben (Stichwort: Kolonialismus und die Folgen), wird dabei auch gar nicht berücksichtigt.

  7. Janina sagt:

    Liebe Hannah,
    danke für deinen Kommentar, in dem du — wenn ich dich richtig verstehe — genau die Unterscheidung machst, auf die auch ich hinauswollte: politisch mächtige Institutionen kritisieren vs. Einzelpersonen oder Gruppen den Verstand absprechen — ganz klar nicht dasselbe. Ich denke, wir werden uns da problemlos einig.

    Im Übrigen finde ich deinen Text sehr gut geschrieben.