Gleiche Sauce, andere Verpackung: Toleranzwochen in der ARD

von Charlott

Toleranzwochen bei der ARD sind in etwa so wie Themenwochen in einer Kantine: Es gibt die gleiche Einheitssauce in anderer Verpackung. Heute also mal ein bißchen Toleranz zum Kartoffelpüree.

Einheitssauce bei den öffentlich-rechtlichen Sendern bedeutet: Hetero_Sexismus, Rassismus, Ableismus, um nur einiges zu nennen. Für die Zeit vom 15. bis 21. November wird es diese Mischung nun im Toleranzgewand geben. Allein der Titel der Schwerpunktwoche und der dazugehörige Slogan („Anders als du denkst“) machen deutlich um was es geht: Priviliegierte TV-Zuschauer_innen sollen vor das Fernsehgerät gelockt werden, um gemütlich von der Couch aus „toleranter“ zu werden oder sich in ihrer eigenen „Toleranz“ zu bestätigen.

Die Woche wird auch schon fleißig beworben: Zum einen mit einem Trailer, in dem Jan Delay von der Liebe singt und Menschen (die Fernsehkundige sicher erkennen können) Schilder hochhalten wie „Ich trage nachts eine Zahnspange“, und zum anderen mit einer Reihe von Bildern, in denen die Zuschauer_innen zum Urteil über die Menschlichkeit anderer aufgefordert werden. Ein Mann, der einen anderen Mann auf die Stirn küsst – normal oder nicht normal? Noemi Molitor analysierte bei der taz die Motive:

Die Aneinanderreihung soll suggerieren, dass die beiden Männer schwul sind. Wären es zwei Brüder, gäbe es die Frage nicht. In der Tat werden hier problematische Assoziationsketten aufgerufen. Ein schwarzer Mann wird mit der Frage „Belastung oder Bereicherung“ betitelt.

So spielt die Kampagne mit rassistischen Wahrnehmungsmustern, gerade indem sie auslässt, worauf sie sich bezieht: Ein Schwarzer, der „belastend oder bereichernd“ ist, kann wohl nicht deutsch und muss wohl ein Flüchtling sein. Wo soll die Floskel sonst herkommen?

Das begleitende Blogprojekt vom Bayrischen Rundfunk heißt „Steh zu dir“. Warum auch Macht, Diskriminierung und Gewalt benennen, wenn es aufbauende Botschaften an das Individuum ™ gibt? Warum die eigene Rolle in diskriminierenden Gesellschaftsstrukturen reflektieren, wenn eine_r eine Toleranzwoche inszenieren kann?

Die weiteren Fragen, die sich natürlich anschließen (und rein rhetorisch sind)? Wer soll hier wen tolerieren? Wer ist die (unbenannte, unhinterfragte) Norm? Wer entscheidet über Abweichungen? Was soll Toleranz überhaupt sein, und warum glaubt die ARD das es etwas positives ist? Und was genau soll der Effekt dieser Themenwoche sein? Da es keinerlei kritische Rahmung gibt (und wie die Kampagne und Konzeption ja auch beweisen offensichtlich keinerlei Kompetenz für eine solche), wirkt auch das TV-Programm, in welchem sicher auch ein paar sehenswerte Sendungen/Filme versteckt sind, wie eine schlichte Inszenierung der „Anderen“. Re_produktion der Machtverhältnisse wird ja aber auch gern toleriert.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 11. November 2014 um 9:00 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Nadine sagt:

    eine sehr gute analyse von toleranz findet sich bei sanczny

    http://sanczny.blogsport.eu/2014/11/11/toleranz-ist-scheisse/