Gesucht: Genießbare Abendunterhaltung

von Naekubi
Dieser Text ist Teil 4 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

Das Thema „gute Unterhaltung“ lässt mich nicht los. Jetzt, wo es wieder kalt und dunkel ist, bewege ich mich noch weniger aus dem Haus. Stattdessen sitze ich abends zu Hause, eingemummelt in Decken, und stopfe mich voll. Nicht nur mit Keksen, Lebkuchen oder Plätzchen, sondern mit Medien. Bücher, Serien, Filme. Blöd nur: Es schmeckt mir nicht mehr so wie früher. Filme und Serien, die ich früher bedenkenlos zu mir nahm, finde ich heute eklig und bisweilen ungenießbar. Sind die Medien schlechter geworden? Das denke ich nicht. Aber meine Perspektive hat sich verändert – ich bin älter geworden, was mit gewissen Begleiterscheinungen einher geht: Zum Beispiel, dass ich nicht mehr alles unkommentiert konsumiere, was mir vorgesetzt wird.

Früher, ja früher, da war das anders. Als ich jünger war, störte es mich nicht, wenn alte Klischees aufgewärmt und billige Tropoi verwendet wurden. Etwa wenn bei den Schlümpfen oder anderen Zeichentrickserien im Stammensemble genau eine Frau oder ein Mädchen war. AsiatInnen kamen nur als böse Ninjas vor oder als BesitzerInnen von China-Restaurants. Damals machte mir nichts aus, es war schließlich immer schon so gewesen, das war der Normalzustand. Gleichzeitig fiel es mir nicht einmal auf, wenn ausnahmsweise doch ein Mädchen Protagonistin war, wie bei „Clarissa“. Hauptsache, die Serie war unterhaltsam und bunt. Als Kind und Jugendliche ist man noch leicht zu beeindrucken. Konsumieren bedeutet schließlich, alles zu schlucken – was ich sehr zuverlässig und bereitwillig tat.

Mit dem Alter verfeinert sich der Gaumen und man lässt sich von künstlich aufgebauschten Produkten voller Farbstoffe und billiger Zutaten nicht mehr beeindrucken. Und es wird einfach umso deutlicher, wie langweilig, formelhaft und mies die Rezeptur vieler Medien ist. Nehmen wir zum Beispiel Firefly – eine zum Bedauern vieler Geeks kurzlebige Science-Fiction-Serie von Joss Whedon, die in einem amerikanisch-chinesischen Universum in der Zukunft spielt. Damals fand ich die Serie gut und unterhaltsam. Heute, beim nochmaligen Besehen frage ich mich, wie um alles in der Welt es mir nicht auffallen konnte, dass es für ein amerikanisch-chinesisches Zeitalter kaum chinesisch oder asiatisch aussehende ProtagonistInnen und StatistInnen gab. Chinesisch ist reduziert auf Flüche, die die ziemlich weiße Crew hin und wieder äußert. Oder Sherlock: So sehr ich die BBC-Serie schätze, so bescheuert fand ich den Teil „The Blind Banker“, wo wieder mal die olle asiatische Drachenlady als Bösewichtin und eine zarte Lotusblume als Köder herhalten mussten. Gähn.

Die Kekse von früher schmecken nicht mehr so wie damals, weil sie nicht so gut waren wie ich immer gedacht hatte. Und nicht nur mir geht es so: Erst letztens unterhielt ich mich mit meinem Schwesterherz über genau dieses Thema. Wir stellten fest, dass uns unsere Freizeitbeschäftigung durch Sexismus vermiest wurde. Was ich bei Serien und Filmen erlebte, sah sie bei Manga und Anime. Seit Jahrzehnten wird sie mit denselben stereotypen Frauenfiguren genervt, zuletzt von einem Anime über Fahrradfans namens Yowamushi Pedal: „Ich hab mich auch gefragt, wieso es in diesem Road Racing Club keine Mädchen gibt… und wieso das einzige Mädchen, das totale Fahrradenthusiastin ist, NICHT SELBST FÄHRT!!!“ Auch in Manga und Anime sind Frauen gerade in gemischten Ensembles häufig nur Dekoration, das „Token-Mädchen“ oder Love Interest. Selbst ein großer Cast von weiblichen Figuren bringt nicht viel, wenn es sich um einen Harem-Anime handelt – wenn also alle Frauen hinter dem einzigen Kerl her sind. Großartig. Die guten Angebote muss man daher mit der Lupe suchen, und selbst dann ist nicht alles perfekt. Ich greife nach jedem Strohhalm, wenn es um Unterhaltung geht.

Da wäre zum Beispiel die Serie Selfie mit John Cho und Karen Gillan, die ich trotz des fürchterlichen Titels unterhaltsam finde. Gillan spielt Eliza Dooley, eine (scheinbar) oberflächliche, Social-Media-abhängige junge Frau, die von Marketing-Guru Henry Higgs (Cho) bessere Manieren lernen und ein neues, besseres Image erhalten soll. Das klingt erst einmal nach „älterer Mann bringt dummer junger Frau etwas bei“, doch das legt sich sehr bald. Die beiden werden als vielschichtige Personen in einer Freundschaft gezeigt. Ich mag John Cho als „romantic interest“ in dieser romantischen Komödie, denn wo gab es das das letzte Mal? Eben. Bezeichnenderweise wurde die Serie nach einer Staffel abgesetzt und die Chancen stehen schlecht, dass sie von einer Online-Plattform gerettet werden könnte. Boo-fucking-hoo. Zumindest die verbleibenden Folgen werden online veröffentlicht.

Eine andere Serie, die ich persönlich gut gemacht und unterhaltsam finde, ist Black-ish – sie versucht, die Schwarze Familien-Sitcom wiederzubeleben. Doch anders als die früheren Formate widmet sich die Serie dezidiert Fragen und Lebenswirklichkeiten von Afro-AmerikanerInnen, ohne dass man sich als Nichtangehörige/r ausgeschlossen fühlt oder keinen Zugang erhält. Die MacherInnen im Hintergrund treffen den Ton meistens sehr gut, die Witze haben ein gutes Tempo und Niveau erreicht, was auch an der hervorragenden Auswahl der KinderdarstellerInnen liegt. Diese Serie scheint auch von der Quote her ein großer Erfolg zu sein und ich hoffe auf weitere Folgen, schließlich ist der Winter noch lang.

Das sind derzeit genau zwei für mich genießbare Serien von einem Buffet an Medienangeboten aus dem Jahr 2014, das anscheinend nur aus altem Weißbrot von vorvorgestern besteht. Was mich dabei auf die Palme bringt, ist die offensichtliche Faulheit und Ideenlosigkeit der sogenannten Kreativen. Ich habe es satt, wenn Kreative schlicht und ergreifend zu den immer selben Rezepten greifen. Niemand muss das Rad neu erfinden, aber ein wenig Mühe geben erwarte ich schon. Es braucht nicht die x-te Story von dem weißen, männlichen, heterosexuellen Helden, der die Welt rettet und am Ende das Mädchen kriegt.

Ich wünsche euch allen deshalb ein inklusiveres Jahr 2015, in dem es mehr Charaktere mit unterschiedlichsten Lebenswelten auf den Bildschirm schaffen und weniger von den ollen Kamellen.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 18. Dezember 2014 um 13:00 Uhr unter Kultur, Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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13 Kommentare

  1. Sarah sagt:

    Deine Schwester kennt es wahrscheinlich schon, falls aber nicht und für alle anderen, die gerne mal Anime sehen, empfehle ich die Serie „Puella Magi Madoka Magica“.

  2. Jenna sagt:

    Oh, ich kann das so gut nachvollziehen! Mir geht es genauso. Inzwischen bin ich in ziemlich vielen Bereichen kritischer geworden und habe gemerkt, dass auch Institutionen, von denen ich früher immer dachte, sie seien über alle Zweifel erhaben, komplett durchfallen. So z.B. das Theater. Früher dachte ich immer, Theater sei gelebte Kunst, ein Spiegel der Gesellschaft etc. Aber wenn ich mir jetzt anschaue, welche Stücke aufgeführt werden, wer in den Theatern das Sagen hat (meist weiße cis-Männer) und wer in den Stücken besetzt wird (natürlich auch nur Weiße, mit gaaanz wenigen Ausnahmen, denn PoC können ja auf keinen Fall „normale“ Bürger*innen spielen, nicht wahr?), dann vergeht mir einfach die Lust. Und als ich dann letztens doch mal ins Theater gegangen bin, wurden auch noch völlig unreflektiert Witze auf dem Rücken von Frauen und Schwarzen gemacht, dabei sogar das N-Wort benutzt. WTF?!
    Bei Serien werde ich öfters im britischen Raum fündig. Dort wird sich inzwischen sehr um ein ausgewogenes Casting und ausgewogene Charakterzeichnung bemüht, habe ich den Eindruck. (Jedenfalls was die Repräsentation von Frauen, Schwarzen und west- bis südasiatischen Leuten geht, bei ost-asiatischen Menschen kann ich es jetzt nicht genau sagen). Toll sind da z.B. „Skins“ oder „Luther“; aus dem amerikanischen Raum fällt mir für den Fantasy-Bereich „Agents of S.H.I.E.L.D. ein (das ist allerdings schon wieder verstrahlt militaristisch, aber es gibt ein paar gute Frauen-Figuren sowie auch Asiatinnen im Zentrum des Geschehens, wobei auch hier die Entscheider*innen-Positionen zum Großteil von Weißen besetzt sind – ich kann mich hier nicht richtig entscheiden, ob ich es gut finden soll oder nicht, aber es ist auf jeden Fall besser als in anderen Shows der gleichen Sorte).

  3. plantperson sagt:

    I feel you! Ich bin auf jeden Fall kritischer gerworden und frag mich aber auch oft ob die Medien zusätzlich noch schlechter geworden sind. -ismen können mir Folgen von sonst tollen Serien versauen. Widerholen sie sich, ist die Serie schnell unten durch.
    Ich geb hier auch noch mal Tipps ab, falls es jemenschen interessiert :)
    How to get away with Murder ist sehr toll, top geschrieben! Außerdem liebe ich Sleepy Hollow. Aber vorsicht: Das kann manchmal recht gruselig sein. Außerdem hat sie Serie riesige Plot holes, ist dabei aber so charmant, dass es nicht wirklich stört. Beide Serien haben tolle weibliche Charaktere eine diverse Besetzung. John Cho (*seufz*) hatte zum Beispiel eine – leider nur kleine – Rolle in Sleepy Hollow. Das Fandom (inkl. mir) hofft sehr, dass er evtl zurück kommt, jetzt wo Selfie leider abgesetzt wurde.

  4. etg sagt:

    Was hältst Du in diesem Zusammenhang von „Elementary“? Ich finde da die Figuren durchaus interessant angelegt.

  5. Millie sagt:

    Little Mosque on the Prarie (eine kanadische Serie) finde ich ziemlich gut. Und das, obwohl ich mit Sitcoms in der Regel gar nicht kann.

  6. lovisdh sagt:

    comics, graphic novels:
    mariko tamaki & jillian tamaki: skim
    belle yang: forget sorrow
    derek kirk kim: same difference (ganz gleich)
    hellen jo: jin & jan
    jennifer camper: rude girls & dangerous women, juicy mother: celebration, juicy mother: how they met

  7. dija sagt:

    Kenn ich nur zu gut. Mittlerweile such ich nicht nur für mich, sondern auch für meinen Sohn Bilderbücher, Serien, etc. welche die Welt besser repräsentieren.

    Das absolute Highlight in diese Richtung war für mich dieses Jahr ORANGE IS THE NEW BLACK. Es beginnt zwar mit einer weissen Mittelschichts-Protagonistin, aber sie ist nur das trojanische Pferd (laut Serienmacherin Jenji Kohen) für all die Geschichten der Personen (weiblich, working-class, homo, trans, etc.), die man sonst nicht auf den Bildschirmen erzählt bekommt oder nur zu selten.

  8. Naekubi sagt:

    @Sarah: Ja, da hast du recht – meine Schwester kennt die Serie schon, „eine der guten Serien“ nannte sie das.

    @Jenna: Das Problem mit der „hohen Kunst“ wie Theater und Tanz kenne ich auch. Je elitärer, desto weißer. Im Ballett gibt es wenigstens auch AsiatInnen, aber schwarze TänzerInnen habe ich noch nie gesehen. Skins und Luther kenne ich noch nicht, werde mir das mal ansehen. Von Agents of S.H.I.E.L.D. habe ich bereits gutes gehört, nur sagt mir das Thema nicht so recht zu.

    @plantperson: Sleepy Hollow kenn ich und mag ich :) Ja, vielleicht kehrt John Cho zurück – ach, ich hätte so gerne gewusst, wie sich die Beziehung zwischen Henry und Eliza noch entwickelt T__T
    How To Get Away With Murder kenne ich vom Titel her, habe mir das aber noch nicht genauer angesehen.

    @etg: Ich finde die Idee, Watson mit einer Frau und auch noch mit einer Asiatin zu besetzen, zunächst einmal gut. Aber ich habe die Serie noch nicht wirklich angesehen, weshalb ich nichts über die Dynamik zwischen den beiden weiß.

  9. Naekubi sagt:

    @Millie: Das werde ich mir mal ansehen, klingt ganz gut. Ich sehe mir auch ernsthafte Serien an, aber mein Herz schlägt für das 20-Minuten-Format mit Humor. Mich kostet es manchmal regelrecht Überwindung, eine Dramaserie anzusehen.

    @lovisdh: Danke für die Tipps!

    @dija: Tatsächlich ist OITNB sehr gut (wobei ich irgendwo in der ersten Staffel versandet bin, AsiatInnen sah ich noch keine), es ist eine Geschichte über Frauen für alle.

  10. Lea sagt:

    Seltsam. Musste Blackish aufhören weil ich den sexismus und das gegendere nicht ausgehalten habe. Die Sherlock Folge die du nanntest, ist mir auch echt aufgestoßen. Ich kann den Sexismus in Serien besser „ertragen“ wenn Frauen oder Minoritäten fehlen und einfach ignoriert werden, als wenn sie richtig grausam geschrieben sind. Ich will nicht sagen, dass es besser ist, aber das ist einfach nur ein persönliches Empfinden was man überhaupt ansehen kann und noch unterhaltsam finden kann und was nicht.

    Selfie trauere ich auch nach.

  11. Lea sagt:

    Ach noch eine Serie: Citizen Khan. Ich hab nur eine Folge bisher gesehen aber es ist vielversprechend. Es geht um einen pakistanisch-muslimischen Mann aus Birmingham & seine Familie.

  12. Christian sagt:

    Danke für den Post. Ich hoffe noch auf viel zukünftige Inspiration.

    OITNB ist tatsächlich ziemlich genial, bis man sich anschaut, wie Asiatinnen, dargestellt werden. Dann lässt das einen eher schlechten Nachgeschmack. Ärgerlich eigentlich, da zB schwarze Frauen echt vielfältig und differenziert erzählt werden.

    Fernsehen wird immer mehr wie ein Hindernislauf, wo ich immer öfter einfach abschalte, weil mir schnell die Geduld oder die Toleranz ausgeht.

    Mein großes Problem: unnötige Hetero- und Sexualität im Allgemeinen. Muss das immer sein? Langweilen sich da nicht alle zu Tode??

    Sherlock ist – auch wenn in vielerlei Hinsicht problematisch – da wirklich ganz erfrischend. Auch The Killing (aus Dänemark) oder Die Brücke.

  13. dija sagt:

    @naekubi: es gibt zwei Asiatinnen, eine ist asian american und spielt eine wichtige Rolle in der 2. staffel. durchhalten lohnt sich also :)

    @christian: versteh ich nicht ganz. es gibt verhältnismäßig wenige Asiatinnen, aber die Schauspielerin selbst meinte in einem Interview, ihr gefalle die Rolle sehr gut, gerade weil sie keine aisiatischen Stereotype bediene. kann mich aber auch täuschen…

    …. in sachen diversity habe ich noch nie etwas vergleichbares gesehen.