Geschlecht statt Leistung

von Nicole


Wie die FAZ vor einigen Tagen berichtete, hat der internationale Leichtathletikverband IAAF eine Änderung bei der Anerkennung von Weltrekorden beschlossen: In der Disziplin Marathon, wo gemeinsame Rennen von Männern und Frauen nicht unüblich sind, sollen künftig als Weltrekorde für Frauen nur noch Zeiten aus rein weiblichen Veranstaltungen gelten. Dies betraf aktuell die Zeit der Britin Paula Radcliffe von 2:15:25 Stunden, aufgestellt 2003 beim London-Marathon.

Das Argument des Verbandes scheint zu sein, dass die Leistung von Frauen durch eventuelle männliche Tempomacher in den Rennen unangemessen verbessert, oder sagen wir der Kürze halber: zu gut, wird. Paula Radcliffe (die im Übrigen Weltrekordhalterin bleibt, nur mit einer schlechteren Zeit) selbst bezeichnete die Entscheidung als „a little unfair“ und wies darauf hin, dass die beiden Männer an ihrer Seite bei dem London-Marathon andere Läufer waren, die versuchten, ihr Tempo zu halten. Inwieweit sich die Regelung angesichts wohl relativ vieler „mixed“ Rennen tatsächlich durchsetzen lässt, ist fraglich.

Bemerkenswert ist die Entscheidung, weil sie die vorgebliche Leistungsorientierung des – ja eben genauso benannten – Elitensports ad absurdum führt. Zunächst nämlich hat also das Geschlecht als imaginäre Leistungskategorie zu zählen und erst danach die tatsächlichen Kriterien wie eben in diesem Fall Schnelligkeit. In einer der wenigen Disziplinen, wo es tatsächlich gemeinsame Wettbewerbe von Männern und Frauen gibt, auch wenn diese dann getrennt gewertet werden, ergibt sich in den gemeinsamen Rennen ein anderes Bild: Im London-Marathon 2003 etwa waren die 14 schnellsten Frauen insgesamt unter den 100 besten Teilnehmer_innen. Paula Radcliffe selbst war 16., das heißt schneller als die allermeisten der angetretenen Männer.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 30. September 2011 um 11:00 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. Icarus sagt:

    Ist das nicht konsequent in dem Sinne, dass in praktisch allen anderen Sportarten und auch im Schulunterricht auch eine solche Trennung vorliegt? Wird diese Trennung als unfair und sexistisch angesehen, wäre es dann nicht sinnvoll, auch die Geschlechtertrennung in anderen Sportarten aufzuheben?

  2. Shandri sagt:

    Was ich nicht verstehe ist, warum werden gemeinsame Rennen gemacht, aber getrennte Weltrekorde aufgestellt? Da ging es doch schon immer nach Geschlecht. Diese jetzt zugegeben bescheuerte Regel ist anscheinend nur noch die Steigerung.

    Fair wäre es hier alles zusammen zu werten und der oder die schnellste hält den Weltrekord und nicht die 16. dann unter den Frauen…

  3. Die Tage habe ich einen Videozusammenschnitt vom Berlin-Marathon gesehen. Darin wurde erklärt, dass bei den Spitzenläufern am Anfang eine Reihe von Tempoläufern dabei seien, die gar nicht den ganzen Marathon mitlaufen, sondern nur die Anfangsgeschwindigkeit erhöhen sollen. Danach läuft sich’s so weiter. Keine Ahnung, wie das funktioniert, aber ich bin bei so Rennen auch immer schneller als im Training.

    Für mich ist es einfach reine Willkür, die die Jungs nun wieder aufstellen wollen. So von wegen: ohne uns Jungs seid ihr Frauen nie, nicht, niemals im Leben schneller als viele Männer. Es kann doch nicht sein, dass Frauen so gut wie Männer sein können.

    Egal. Die Frauen haben es geschafft, den Marathon durchzulaufen. Und das in einer Zeit, die wahrscheinlich 95% der teilnehmenden Männer nicht halten können (wenn nicht sogar noch höher.)
    Ich freu mich, wenn ich die 10km in einer guten Zeit und die 5km regelmäßig laufen kann.

    Vielleicht benötigen Frauen ein eigenes weiblich besetztes Leichtathlektikgremium, das ihnen die Titel vergibt. Abhängigkeiten von ihro Gnaden den Jungs ist nie gut.

  4. Lenek sagt:

    Zum Thema Geschlechtertrennung und Sport kann ich wärmstens den Text von Marion Müller „Geschlecht als Leistungsklasse“ empfehlen:

    http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/viewFile/1226/763

    Ginge es tatsächlich darum, diejenigen mit ähnlichen Leistungen gegeneinander antreten zu lassen, wäre eine Einteilung nach Fußgröße oder auch nach Ethnie mindestens genau so logisch wie die Einteilung nach Geschlecht. Müller kritisiert jedoch nicht nur das gegenwärtige System, sondern macht auch Vorschläge, wie gerechter eingeteilt werden könnte. Ein wirklicher eye-opener-Text.

  5. 1_SaSo sagt:

    Na dann müsste die Zeit der Männer auch nur noch bei geschlechtergetrennten Rennen gemessen werden, schließlich laufen sie ja langsamer, wenn Frauen dabei sind (verzeiht die Ironie aber). wäre doch der Umkehrschluss der Logik dieser neuen Regel folgend.

  6. lesbomat sagt:

    Man hat ein blödes Gefühl bei dieser Entscheidung. Soll verhindert werden, dass zu viele Frauen unter den 100 Besten sind? Das könnte in Zukunft durchaus der Fall sein. Marathon ist eine Sportart, die Frauen liegt. Eventuell hätte gerade Sport das Potential, die „großen biologischen Unterschiede“ zwischen Männern und Frauen die als Argumentationshilfe für Ungleichbehandlung herhalten sollen in den nächsten Jahrzehnten dahinschmelzen zu lassen. Wenn Männer und Frauen zusammen trainieren, heben sich auch bei den Frauen die Leistungen. Ist doch eigentlich wünschenswert.

  7. Lina sagt:

    Da fürchten also manche um ihr Privileg auf’s Heldentum… ach herrje mine… weil’s so gut hierher passt: irgendwann hatte ich hier bereits einen Link präsentiert, wo’s drum ging, dass als letzte Wintersportart Frauen-Skispringen nicht olympisch wird, weil sie – im Schnitt kleiner und dünner – na, was wohl? – weiter fliegen… genau.

  8. […] Artikel hier hat mich da zum Nachdenken gebracht. Warum müssen wir geschlechtergetrennte Teams haben? Doch nur […]

  9. […] Artikel hier hat mich da zum Nachdenken gebracht. Warum müssen wir geschlechtergetrennte Teams haben? Doch nur […]