Gender Pay Gap und anderes
von BarbaraIn dieser Kolumne werden die politischen Aktivitäten der Bundesregierung rund um das Reizthema “Frauenpolitik” kritisch betrachtet, das sich zumeist hinter der Familienpolitik verstecken muss.
Gleichberechtigung soll leichter werden: “By making the law easier to understand, the Equality Act will help businesses treat staff fairly and meet the needs of a diverse customer base.” Mit diesen Worten kündigte die britische Gleichstellungs-Ministerin Theresa May kürzlich neue Regelungen zum Reizthema “Gender Pay Gap” im Vereinigten Königreich an.
Ein noch deutlicheres Zeichen setzte eine schwedische Feministin: Sie verbrannte 100.000 Schwedische Kronen. Umgerechnet gut 10.000 Euro, die sie von einem Sponsor erhalten hatte, wurden verfeuert; denn das sei der Betrag, den die Frauen des Landes pro Minute weniger verdienten als die Männer. Eine Aktion der schwedischen Partei Feministische Initiative, die für eine Menge Aufmerksamkeit sorgte.
Und in Deutschland? Wurde viel über zwei Studien diskutiert, die von der Süddeutschen Zeitung so verkauft wurden, dass man meinen könnte, Frauen wären der Meinung, dass ihnen “gerechterweise ein geringeres Bruttoeinkommen zusteht als Männern” (wir haben berichtet). Inzwischen haben sich die Verantwortlichen der Studie gemeldet und die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeit richtig gestellt:
Dieses vermeintliche Zitat gibt es in der [...] Studie genauso wenig wie in der Pressemitteilung der Uni Bielefeld. Und in der Studie wird das auch nicht behauptet. Tatsächlich weisen die Ergebnisse der angeführten Studie auf die Folgen von Geschlechterstereotypen und der Intransparenz bei der Entlohnung hin. Mit einem Gerechtigkeitsempfinden von Frauen im Hinblick auf den Gender Pay Gap – also den Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern – hat dies NICHTS zu tun.
Neues aus Berlin? Tatsächlich wurde auch in der Ausnahmezeit Fußball-Weltmeisterschaft eher wenig Frauenpolitik betrieben, sieht man von der Drohung Kristina Schröders, künftig eine Quote in Unternehmen einzuführen, mal ab (wir haben berichtet). Ach ja, und dann verkündete das Gesundheitsministerium, es sehe keinen gesetzlichen Handlungsbedarf bei der Hebammenvergütung. FDP-Staatssekretär Daniel Bahr äußerte die Hoffnung, dass im aktuellen Schiedsverfahren möglichst schon Anfang Juli eine für Kassen und Hebammen akzeptable Lösung gefunden werde.
So weise ich auf zwei aktuelle Studien hin, eine von der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema Rollentausch: Immer mehr Frauen übernehmen die finanzielle Verantwortung für die Familie. Aber: “Doch auch mit Partner bleiben Frauen, die den Löwenanteil des Familieneinkommens erwirtschaften, im Regelfall Hauptzuständige für die Versorgung der Kinder und des Haushalts.” Auch wenn eine Frau das Geld ranschafft – das Klo muss sie immer noch putzen.
Die zweite Studie kommt von der Friedrich-Ebert-Stiftung und behandelt das Thema “Frauenquote in Aufsichtsräten”. Es geht um eine bessere Verständlichkeit des sogenannten norwegischen Experiments: In Norwegen wurde 2003 eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte eingeführt. Mit dem Ergebnis, das auch für Deutschland interessant ist: “Das norwegische Experiment zeigt, dass ohne gesetzliche Regelungen keine weitreichenden Veränderungen beim Frauenanteil in Aufsichtsräten möglich sind. Sobald Unternehmen proaktiv Frauen für Führungspositionen rekrutieren, ergibt sich ein breiter Konsens in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.”
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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 14. Juli 2010 um 9:24 Uhr unter Alltag, Der Feminismus ist schuld, Frauenfakten, Gendertrouble, Studien. RSS 2.0. Kommentieren. Trackback.







Seh ich das richtig, dass nach wie vor Frauen denken, es wäre in Ordnung weniger zu verdienen, nur dass die Macher der Studie jetzt halt von “Geschlechterstereotypen” sprechen, womit sie den Frauen die Richtigkeit ihrer Wahrnehmung absprechen?
Eine richtige Wahrnehmung kann es schon alleine nicht geben, weil diese in dem Fall subjektiv und nicht objektiv ist.
Die Forscher wollen den Frauen aber auch nicht sagen “Was ihr denkt ist falsch”, sondern erstens wollen die Forscher niemandem etwas sagen, sondern sie stellen nur fest, und zweitens soll so eine Aussage eher zur Selbstreflexion anregen. Eine ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit ist nämlich unlogisch, wenn man von Gerechtigkeit unabhängig vom Geschlecht ausgeht.
Außerdem hat die Studie nicht gesagt, dass Frauen eine geringere Bezahlung in Ordnung finden. Sie hat lediglich festgestellt, dass Frauen für sich selbst und für eine imaginäre andere Frau durchschnittlich einen geringeren Betrag als minimal gerechtes Gehalt angeben. Die Aussage ist eine von vielen Interpretationen der Ergebnisse.
Hier noch Stück für die Ahnengalerie:
http://www.zeit.de/karriere/2010-07/interview-berssenbruegge
Interview mit Nestlé-Chef, der sich gegen die Quote für Führungspositionen ausspricht und noch nicht einmal weiß, was Quoten überhaupt sind, Frauen als weniger zielstrebig begreift und sich nicht konkret äußert, wie er Frauen fördern will, obwohl er die ganze Zeit von Chancengleichheit und veränderter Unternehmenskultur redet (immerhin gibt es Kita-Plätze und ein Sabbatical-Jahr für Männer – und nur für die). Vielleicht noch eine Erwähnung wert: Nestlé Deutschland hat wie die Mutterfirma eine eigene Diversity-Abteilung. Bei ihm scheint davon jedenfalls nichts angekommen zu sein.
“Tatsächlich weisen die Ergebnisse der angeführten Studie auf die Folgen von Geschlechterstereotypen…”
So ist es auch sinngemäß im Positionspapier des Deutschen Frauenrates zu erkennen :
http://def-bundesverband.de/index.php?id=70&tx_ttnews%5BbackPid%5D=81&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24&cHash=dc005472b2fdf78b3103f02ebaeb5e45
“Der Deutsche Frauenrat setzt sich in diesem Positionspapier für eine geschlechtergerechte Entlohnung ein, Rollenstereotype müssen überwunden werden, und eine neue Bewertung von Frauen- und Männerberufen muss erfolgen.”
http://www.frauenrat.de/…/091108_Positionspapier_Entgeltgleichheit.pdf
Im Hinblick auf die Quote, die m.E. in Aufsichtsräten und Vorständen zu verlangen ist, las ich vor kurzem einen hochinteressanten Begriff : “Agenten des Wandels”.
@Thomas
den Begriff “Change Agent” oder “Agent_in des Wandels” gibt es schon länger und bezieht sich hauptsächlich auf Gleichstellung bzw. Gender Mainstreaming. dazu gibt es ein Buch, falls dich das weiterführend interessiert: http://www.amazon.de/Agentin-Wandels-Kampf-Ver%C3%A4nderung-Unternehmen/dp/3932425251
@Nadine : Danke für den Hinweis. Das wusste ich noch nicht. Den Begriff “Agent_in des Wandels” finde ich auf jeden Fall
sehr publikationswürdig. Ich versuche das Buch noch irgendwo zu bekommen (ist aus 2000, neu leider nicht mehr erhältlich).
Mich hat es neulich schon genervt, dass hier ungeprüft der ganze Presse-Blödsinn zur DIW-Studie wiedergegeben wurde. Ebenso Teile der langen Diskussion (leider nicht zur Machart und Intention der Schlagzeilen) über einen vermeintlichen Inhalt der Studie, die allerdings wohl niemand lesen wollte. Den Verweis zur Publikation hatte ich in einen Kommentar geschrieben.
Es wäre doch mal interessant gewesen, zu analysieren, warum der Qualitätsjournalismus (von Bild bis Tagesthemen bis in die Blogs) solch einer Falschmeldung aufsitzt? Was für ein Interesse steckt dahinter, welches Frauenbild wird hier wieder suggeriert? Schön, dass ihr nun wenigstens die Richtigstellung verlinkt habt. Danke!