Gemeinsam für ein anderes Gottesbild
von BarbaraFrauen und Religion. Feminismus und Christentum. Göttin und Gott. Wie soll ich glauben als Feministin? Und an wen? Auf meine Fragen hat die 1964 geborene Journalistin und Politologin Antje Schrupp geantwortet, die einige Semester evangelische Theologie studiert hat und sich selbst als “fromm” bezeichnet.
Liebe Antje,
interessant, deine “Krücke” über die Bezeugung von Frauen. Aber dass Maria Magdalena die Auferstehung Christi als relevant und damit überlieferungswürdig erachtete, wissen wir ja hauptsächlich aus den von Männern geschriebenen Evangelien. Oder beziehst du dich auf ihr Evangelium (meines Wissens gibt es da eins, das ihr zugeschrieben wird, aber nicht zum “offiziellen” Kanon gehört)?
Katholisch, ja, das gefällt mir noch viel weniger als evangelisch, wegen des Ausschlusses von Frauen aus dem Priesteramt, aber auch wegen der vielen frauenfeindlichen Äußerungen des katholischen Kirchenoberhaupts (Beispiele spare ich mal aus). Bei den Musliminnen ist mein erster Reflex auch, die Deutung der Religion vor allem in fundamentalistischen Ländern als extrem frauenfeindlich zu sehen. Doch dann stoppe ich mich selbst, weil ich mir kein Urteil anmaßen möchte über die Frauen, die tatsächlich daran glauben, sei es nun der Katholizismus oder der Islam. Sie nehmen halt die Auslegung (z. B. in Form von strengen Regelnwerken) mit in Kauf, ordnen sich unter.
Wahrscheinlich ist es für sie einfach auch die passendste Idee, um noch mal diesen Begriff zu wählen. Ob sie sich selbst dafür entschieden haben oder sich von Geburt an daran gewöhnt haben, sei dahin gestellt. Da kommt wieder mein Dilemma: Zwar bin ich schon ans christliche Regelwerk gewöhnt, doch das liegt hauptsächlich am Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich hätte ich mich, wäre ich in Indien, Saudi-Arabien oder Ägypten aufgewachsen, auch an andere Religionen gewöhnt. Ich stimme dir zu, dass es keine bessere oder schlechtere Religion, keinen besseren oder schlechteren Gott gibt. Sondern nur bessere oder schlechtere Auslegung der Religion. Und das machen ja die Menschen.
Du fragst nach den Kriterien: Hier hilft mir wie oft die Identifikation durch Negation. Also es geht mir nicht darum, naturwissenschaftlich etwas belegen zu können. Ich bin durchaus bereit, an so was wie ein Wunder zu glauben. Dass Zufälle nicht zufällig sind, sondern vielleicht auch irgendwie geplant. Solche Geschichten mag ich gerne. Zweitens habe ich auch nichts dagegen, mich Regeln anzupassen. Da bin ich gerne auch konsequent – wenn die Regeln Sinn ergeben. Kein Lebewesen töten, ja. Aber wenn ich mich oder jemand anderes Leben verteidigen muss, dann kann ich auch die Tötung eines anderen Lebewesens dafür in Kauf nehmen. So in etwa. Es geht mir auch nicht um einen Gottesbeweis. Ich denke vielmehr, dass ich den Zugang zum Glauben in mir selbst finden muss, also auch dort beweisen kann. Vielleicht stoßen mich die Menschen drumherum oftmals zu sehr ab. Denn das ist in jedem Fall ein Problem: Ich kann schwer teilen. Wie soll ich lernen, meinen Glauben, meine spirituelle Idee, die doch der für mich persönlich der passendste sein soll, mit anderen zu teilen?
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Liebe Barbara,
ich fange mal mit deiner letzten Frage an. Es ist ja eine Erkenntnis der Frauenbewegung, dass das, was eine Frau an persönlichen, subjektiven Erfahrungen hat, eine Bedeutung auch für andere Frauen und letztlich für die ganze Welt hat oder zumindest haben kann. In den Selbsterfahrungsgruppen haben Frauen zum Beispiel über ihre familiären Gewalterfahrungen gesprochen, und es hat sich gezeigt, dass die nicht nur privat waren, sondern dass andere Frauen ähnliches erlebt haben, und durch diese Debatten wurde das ein “objektives” Thema, das inzwischen zu einer ganzen Reihe von handfesten Gesetzesänderungen geführt hat. Warum sollte das beim Thema Glauben und Religion nicht auch so sein? Dass Frauen von dem, was für sie “passend” ist, erzählen und andere Frauen damit inspirieren und dass sie dann gemeinsam etwas bewegen, also zum Beispiel ein anderes Gottesbild in die Welt bringen? Das haben sie ja auch schon getan bis zu einem gewissen Grad. Voraussetzung ist natürlich, dass wir uns nicht nur einfach unsere persönlichen Meinungen erzählen und dann alles gleich-gültig nebeneinander stehen lassen, sondern dass wir uns gegenseitig auch kritisieren, auf Denkfehler hinweisen. Dass wir zwar von dem Subjektiven ausgehen, von den persönlichen Erfahrungen, aber sie dann auch dem Urteil anderer Frauen anvertrauen, uns in Frage stellen lassen. Der Weg dazu ist das Sprechen und Diskutieren, bei dem wir uns nicht nur gegenseitig kennenlernen, sondern auch die eigene Ansicht aufs Spiel setzen, weil wir uns vielleicht von anderen überzeugen lassen. Oder eben auch die anderen überzeugen. Ein endloser Prozess mit offenem Ausgang.
Von daher finde ich auch die Frage, ob mich meine Herkunft und die Kultur, in der ich aufgewachsen bin, beeinflusst hat oder ob ich mir meine Ansichten selbst ausgedacht habe, eine falsche Alternative. Es stimmt immer beides. Klar bin ich beeinflusst, aber ich muss dabei ja nicht stehenbleiben. Zwar kann ich mich von der Beeinflussung nicht grundsätzlich frei machen, aber ich kann mir immerhin aktiv aussuchen, von wem ich mich beeinflussen lasse. Es gibt ja nicht “die Menschen”, sondern es sind immer konkrete Menschen, mit denen ich es zu tun habe. Das meine ich mit dieser Praxis der Frauenbeziehungen: Ich entscheide mich durch die Wahl meiner Beziehungen und meiner Gesprächspartnerinnen dafür, in welcher Weise ich geprägt werde. Mein Bild vom Islam ist natürlich ein anderes, wenn ich mich darüber von feministischen Musliminnen belehren lasse, als wenn einfach glaube, was darüber in der Zeitung steht. Und ich wäre ganz sicher keine Christin, wenn ich mich nicht von feministischen Theologinnen hätte belehren lassen. Das stimmt aber nicht nur für die Religion, sondern für alles, auch für die Politik.
Du hast recht, bei historischen Frauen ist das etwas erschwert dadurch, dass wir von ihnen nur durch die patriarchale Brille wissen. Deshalb ist es kein direkter Zugang, sondern vermittelt durch heutige Frauen, zum Beispiel solche, die über Maria Magdalena oder andere historische Frauen geforscht haben. Zum Glück haben wir da inzwischen ja sehr viel mehr Wissen als noch vor einigen Jahrzehnten, als die Unis noch reine Männerveranstaltungen waren.
Teil 4 erscheint am 11.8.2009.
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Tags: Christentum, Feminismus!, Feministinnen, Frauen & Religion






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Ich empfehle hierzu folgendes Buch:
Nehmt den Männern den Koran!: Für eine weibliche Interpretation des Islam von Nahed Selim.
Hallo,
mich überzeugt es ja nicht so sehr, wenn Frauen sich z. B. durch und durch patriarchale Religionen aneignen, sie versuchen Weiblich zu interpretieren, um sich dann immer mehr daran zu beteiligen. Die Infiltration und Änderung »von innen« ist sehr mühsam, langwierig und immer eine halbe Sache. Der Geist und die männliche Grundidee bleibt, auch wenn die Frauen viel zum Positiven verändern konnten.
Besser würde ich finden, wenn sich die Frauen auf einer weiblichen Basis etwas ganz neues schaffen und darauf aufbauend etwas verändern. Da wäre weibliche Energie viel besser investiert und würde nicht im Kampf gegen alte, anachronistische Kerle, die mit allen Mitteln an ihrer Macht festhalten wollen, verpuffen.