Für eine neue Arbeitskultur in Europa

von Franziska

Salut,

seit zwei Jahren gehöre ich im Europaparlament zu den Abgeordneten, die tag­täglich versuchen, ihr Familien­leben mit kleinen Kindern und den stress­igen All­tag als Europa­abgeordnete unter einen Hut zu bringen.

Das Parlament verfügt zwar über eine eigene Kinder­betreuung, die täglich von 7.00 bis 19.00 Uhr geöffnet hat. Aller­dings habe ich mehrmals pro Woche Termine, die nach 18.30 Uhr beginnen und nicht selten bis 20.00 oder gar 21.00 Uhr dauern. Ich stehe dann immer vor der schwierigen Ent­scheidung, die Sitzung zu verpassen und somit politischen Ein­fluss zu verlieren oder mein Kind nicht zu sehen. Daher habe ich nun mit einigen anderen Ab­ge­ordneten, denen es ähnlich geht, eine Initiative zur besseren Verein­bar­keit von Familie und Ab­geordneten­all­tag gestartet.

Wir haben einen Brief (PDF) an den Vor­sitzenden der Konferenz der Aus­schuss­vorsitzenden geschickt, der für die Planung der Aus­schuss­sitzungen zuständig ist. Darin fordern wir, dass keine Ausschuss- und ähnlichen Sitzungen nach 18.30 Uhr angesetzt werden. Das ist nämlich nicht not­wendig, hat sich aber halt so eingebürgert.

Sicher denkt jetzt die eine oder andere von euch, dass es ihr genauso geht. Morgens das Kind in die Kita bringen und am Abend wieder abholen, zwischen­durch volle Leistung bei der Arbeit erbringen und dann noch sogenannte „quality time“ mit der Familie verbringen. Das erfordert ein hohes Maß an Koordination, starke Nerven und Stressresistenz. Leider lässt sich nicht immer jeder Termin auf die Minute planen, mal steht man im Stau oder der Fahrstuhl kommt ewig nicht. Und schon verschiebt sich alles.

Ich wünsche mir schon seit Langem, dass wir zu einer neuen Arbeitskultur finden, die es uns Müttern aber auch den Vätern erleichtert, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. In der man sich nicht dafür entschuldigen muss, dass man Kinder hat oder dass man schon wenige Wochen nach der Geburt wieder arbeitet, damit man keinen „Karriereknick“ erleidet. Warum muss man 50 oder mehr Stunden pro Woche arbeiten, um die Karriereleiter zu er­klimmen? Kann man nicht auch mit reduzierter Arbeitszeit eine erfolgreiche Führungskraft sein? Warum müssen sich Karriere und Kinder gegenseitig behindern? Und warum ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eigentlich noch immer eine rein weibliche?

Diese und ähnliche Fragen stellt sich auch Barbara Streidl, die Mitgründerin der Mädchenmannschaft in ihrem neuen Buch „Kann ich gleich zurückrufen?“, das am 8. Juni erschienen ist und das ich euch ans Herz lege (PDF).

Ich würde mich über eine offene Diskussion mit euch freuen!

Viele Grüße aus Brüssel,
eure Franziska




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 27. Juni 2012 um 10:47 Uhr unter Familien_politik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. accalmie sagt:

    Liebe Franziska,

    im Prinzip würde ich Dir Recht geben – in Realität finde ich den Brief und Deine Annahme, dass man sich in der Schilderung Deines Berufsalltags gut wiederfinden könnte, ziemlich daneben.

    Wenn Ihr in Eurem Brief schreibt, dass Ihr als Abgeordnete „role models“ sein möchtet und solltet für Familien- und Berufsvereinbarkeit, würde ich erwidern, dass ich von Abgeordneten mehr erwarte, als role models zu sein, sondern Parlamentsmitglieder für verantwortlich dafür halte, die tatsächliche Vereinbarungsmöglichkeit von Familie und Beruf nicht nur für sich selbst, sondern für die Menschen, die sie theoretisch repräsentieren, voranzubringen.

    Den momentanen Luxus, Kinder von 7 bis 19 Uhr in KiTas bringen zu können, haben nämlich wirklich nur die wenigsten – und Dank mangelndem Engagement wird auch im nächsten Jahr das Recht auf einen Kitaplatz nicht für alle eingelöst werden können.

    Es ist ein tatsächliches Problem, dass für Menschen, die Karriere (in welcher Form auch immer) in Lohnarbeit anstreben, ein Stundenvolumen gesetzt wird, dass man weder mit care-Arbeit noch mit sonstigem sozialen Leben vereinbaren kann. Ich finde es sehr richtig, das in Frage zu stellen. Viel wichtiger finde ich es aber, auch mal in Frage zu stellen, welche Frauen* denn besonders unter solchen Vorzeichen leiden; denn eine solche Arbeitskultur resultiert eben nicht nur in der Diskriminierung von Müttern und einer zunehmenden Anzahl von Vätern, sondern hat auch ganz zentrale Auswirkungen auf ganz bestimmte soziale Gruppen von Frauen, die nicht Teil des Akademiker_innenzirkels sind, die migratisiert sind, die dann die Reproduktionsarbeit der Frauen* übernehmen, die Frauen* Deines Status abgeben können (und leider oft müssen, wie Du richtig kritisierst).

    Für mich ist das also vor allem ein richtiges Elite-Problem, das Du hier beschreibst, und zugleich versuchst, dieses Elite-Problem vage zu verallgemeinern. Ich fände es sinnvoller, über das Grundsatzproblem von Lohnarbeit, Entlohnung, care Arbeit und Geschlechterkonstruktionen anhand dieser zu diskutieren, statt die Probleme von Alpha-Frauen* als „für alle verständlich“ gesetzt zu proklamieren.

    Mich würde interessieren, was genau Du im Europa-Parlament tust, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur für Dich, sondern für alle Eltern zu erhöhen?

  2. drikkes sagt:

    Wait, der Post ist Satire, oder?

  3. Elaria sagt:

    Hallo Frau Brantner,

    schön das Sie eine „Initiative zur besseren Verein­bar­keit von Familie und Ab­geordneten­all­tag “ gestartet, bzw. einen Brief an Ihren Auschussplaner geschrieben haben. Aber was hat das mit uns Nicht-Abgeordnete zu tun? Ist das eine Werbung für die Menschlichkeit der Europaparlaments “ Es gibt hier auch Frauen und Mütter“, oder soll das nur eine Einstieg für das nachher beworbene Buch sein? Ich bin etwas ratlos und weiß auch leider nicht worüber wir diskutieren sollen.

    Arbeitszeitreduzierung, angemessene Kinderbetreuung, gerechte Arbeitsteilung im Privaten- ich glaube das würden hier alle gern unterschreiben.

    Diese Diskussion sollte doch auf der Entscheidungsebene z.B. mit Unternehmern zusammen geführt werden. Sie sitzen doch an der Quelle, vielleicht starten Sie eine etwas größere Initiative die auch Mütter außerhalb des EU-Abgeordnetenhauses mit einbezieht?

  4. Lisa Meyer sagt:

    Arbeitszeitreduktion ist für mich das Stichwort zu einer besseren Welt, wer will schon 40h arbeiten um nach der Arbeit gleich ins Bett zu fallen?!?

  5. […] die Mädchenmannschaft schwappte in den letzten Tagen so eine Debatte über Arbeitskultur in meine Timeline und regte eine Menge Gedanken dazu […]