Fromm durch den Feminismus
von BarbaraFrauen und Religion. Feminismus und Christentum. Göttin und Gott. Wie soll ich glauben als Feministin? Und an wen? Auf meine Fragen hat die 1964 geborene Journalistin und Politologin Antje Schrupp geantwortet, die einige Semester evangelische Theologie studiert hat und sich selbst als “fromm” bezeichnet.
Liebe Antje.
Ich bin nach christlichen Grundsätzen erzogen worden, wenn ich an Werte wie Verzeihen können, Nächstenliebe zeigen und die Wahrheit sagen denke, die in meiner Erziehung eine große Rolle gespielt haben. Ich bin getauft und konfirmiert, bis ins Teenageralter in den Religionsunterricht gegangen, aber so gut wie nie mit meiner Familie in die Kirche. Ich habe nie Gebete gesprochen. Dennoch habe ich, als ich einmal sehr krank war, den Psalm 23 aufgesagt, ganz leise, immer wieder, eine ganze Nacht lang. Und fand Trost darin. Es waren mehr die Worte, die mich beruhigten, als der Inhalt. So frage ich: Wie soll ich glauben, wenn mir die Vorstellung von Gott als Person – “Der Herr ist mein Hirte” – unangenehm ist?
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Liebe Barbara,
hm, mich interessiert, woher deine Vorstellung kommt, etwas glauben zu “sollen”? Offenbar doch nicht von deinen Eltern? Meine religiöse Entwicklung war ganz ähnlich wie deine. Mit ungefähr 11 Jahren hatte ich eine ernste Glaubenskrise. Ich hatte ein Buch über Indianer gelesen und dann einige Tage sehr intensiv zu Gott gebetet (wie man es mir im Kindergottesdienst beigebracht hatte), dass er mich bitte zur Indianerin macht. Als nichts geschah, war ich sehr enttäuscht. Offenbar war Gott nicht allmächtig, oder er interessierte sich nicht für mich. Seither war ich immer sehr kritisch gegenüber allen Versprechungen und Glaubensdogmen. Eigentlich hat mich erst später der Feminismus wieder “fromm” gemacht, als ich verstanden habe, dass es nicht darum geht, was ich glauben “soll”, sondern darum, was ich tatsächlich glaube. Also ohne Moral oder “du musst”. Wie interpretierst du zum Beispiel deine Erfahrung, dass das Psalm-Aufsagen dir geholfen hat? Wie alt warst du da? Hast du etwas Ähnliches später noch mal erlebt?
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Liebe Antje,
ich denke, diesem “sollen” liegen zwei Quellen zugrunde. Einerseits die gängige Auffassung im christlichen Abendland, in dem ich ja sozialisiert wurde. Andererseits ein inneres Bedürfnis, das ich verspüre. Ich möchte an etwas glauben. Wäre da nichts, nichts Größeres, nichts, an das ich ein Stoßgebet richten kann, so würde mich das sehr frustrieren. Dass ich – im Erwachsenenalter während einer schlimmen Nacht voller Angst im Krankenhaus – den Psalm sprach, erkläre ich mir auch so. Ähnliches habe ich zuvor allerdings nicht mit dieser Heftigkeit erlebt; was sich aber auch über die Krise erklärt, in der ich mich befand. Wie kann ich mir vorstellen, dass dich der Feminismus “fromm” gemacht hat?
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Liebe Barbara,
mir geht es mit diesem Bedürfnis nach etwas “anderem, größerem” genauso wie dir, und im Feminismus habe ich Frauen und Denkmöglichkeiten gefunden, dem nachzugehen, ohne in diesen alten patriarchal-religiösen “Du sollst”-Modus zu verfallen. Ich habe in den 1980er Jahren ein paar Semester Theologie studiert, also in den Anfangszeiten der Feministischen Theologie, und das war sehr aufregend mit all den christlichen Frauen, die wir in der Geschichte entdeckt haben und den falschen männlichen Übersetzungen, die zum Beispiel aus der Apostelin Junia den Apostel Junias gemacht haben und so weiter. Besonders wichtig fürs “fromm” werden war für mich aber ein Satz der Philosophin Luisa Muraro, die sagte, die größte Sünde der Männer sei es, dass sie sich den Frauen gegenüber an die Stelle Gottes gesetzt haben, und die größte Sünde der Frauen, dass sie das zugelassen haben. Dadurch ist mir klar geworden, dass es im Feminismus nicht um den Kampf gegen Männer oder die Suche nach Anerkennung der Männer (oder ihrer Institutionen) gehen kann, sondern um das Verhältnis der Frauen zu diesem “Mehr”. Das kann man “Gott” nennen, muss aber nicht. Ich verwende da je nach Kontext verschiedene Begriffe und Umschreibungen, zum Beispiel auch “gutes Leben für alle” oder “die ganze Welt”. Kannst du mit diesem Gedanken etwas anfangen?
Teil 2 erscheint am 9.8.2009.
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Tags: Christentum, Feminismus!, Feministinnen, Frauen & Religion






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Mir gefaellt die feministische sichtweise auf religion – etwas, von dem mir meine mutter schon als kind immer erzählt hat. religiös bin ich trotzdem nicht geworden, bringe dem aber die gebotene toleranz entgegen. und es steckt in der frauenunterdrueckenden geschichte der Kirche so unglaublich viel falsches, es ist interessant, mal drüber zu reden.
Danke für den interessanten Briefwechsel auf dessen Fortgang ich schon gespannt warte.
Ich bin Pastoralsassitentin, habe mich auch im Thelogiestudium mit femministischer Theologie auseinander gesetzt und glaube, dass es sehr wichtig ist, vom “Du sollst” zu einer reflektierten Gottesbeziehung zu kommen.
Zuerst einmal jede von uns, dann im Gespräch und – wer mag – im Gebet miteinander. Hierarchische und auch frauenfeindliche Tendenzen der Kirche verändert das sicher nicht (vielleicht langfristig einmal :)… aber es verändert mich. So erlebe ich das zumindest in einer Frauenbibelrunde, die junge und ältere Frauen zusammenkommen lässt und gerade durch unterschiedliche Alters-, Glaubens- und Lebenserfahrung so machen biblischen Text ganz neu entdecken lässt.
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