Teilhabe an etwas Größerem bringt Freiheit

von Barbara
Dieser Text ist Teil 2 von 10 der Serie Frauen & Religion

Frauen und Religion. Feminismus und Christentum. Göttin und Gott. Wie soll ich glauben als Feministin? Und an wen? Auf meine Fragen hat die 1964 geborene Journalistin und Politologin Antje Schrupp geantwortet, die einige Semester evangelische Theologie studiert hat und sich selbst als “fromm” bezeichnet.

Liebe Antje,

ja, ich kann damit etwas anfangen. Muss aber noch mal zurückgehen zur Frage nach dem “fromm” werden. Was ist das denn in “deiner Welt”? Denn – um mal meine Definition vornweg zu äußern, ich verbinde mit Frömmigkeit eine Einschränkung, ja im weitesten Sinne die Verhinderung von Freiheit. Wie kommst du damit zurecht?

***

Liebe Barbara,

ja klar. Wer “fromm” ist, versucht, sich am Willen Gottes zu orientieren und nicht am eigenen, um es mal etwas pathetisch zu sagen. Wobei noch die Frage ist, ob beides solche Gegensätze sind, wie es die von Männern entwickelten westlichen Freiheitsvorstellungen behauptet haben. Diese Freiheit als Autonomie und Unabhängigkeit und als “eigener Wille” hat ja historisch die Freiheit der Frauen ohnehin größtenteils negiert, also ist sie für mich kein Maßstab. In der weiblichen Ideengeschichte, bei den Mystikerinnen etwa, gibt es viele Überlegungen dazu, wie eine Orientierung am “Anderen” möglich ist, obwohl es als “anderes” mir nicht verfügbar ist. Die Versuchung der Frauen ist dabei ja nicht so sehr, dass sie sich selbst und ihre eigene Freiheit absolut setzen, sondern eher laufen sie Gefahr, sich um “des lieben Friedens willen” den Erwartungen anderer, ihrer Ehemänner früher, heute ihrer Chefs oder “des Marktes”, anzupassen. Ich glaube, dass die unbefriedigende Situation von Frauen heute trotz Gleichstellung auch daher kommt, dass dieses “Ich-sagen” nicht das ist, was viele Frauen wollen (das zeigt sich ja in allen möglichen Studien über Unterschiede zwischen den Geschlechtern). Wenn sie hingegen nicht für sich selbst kämpfen, sondern für “eine gute Sache”, entwickeln Frauen oft eine ungeheure Stärke, Ausdauer, Konsequenz. Deshalb finde ich es für die feministische Praxis wichtig, diese Ausrichtung an etwas “Größerem” zu kultivieren und zu reflektieren (denn sie hat natürlich auch ihre problematischen Seiten). Ich glaube, das würde Frauen “freier” machen, als wenn sie versuchen, dem Idealbild des “autonomen Individuums” zu entsprechen. Aber vielleicht kommt meine Skepsis auch daher, dass ich als Kind und Jugendliche in den Siebzigern und Achtzigern durchaus noch zu hören bekommen habe, dass diese Art männlicher Freiheit für mich als Frau nur teilweise gilt. Vielleicht ist es für jüngere Frauen, die schon von klein auf “gleichberechtigt” waren, anders? Findest du diese Freiheit, die vom “Frommsein” eingeschränkt würde, attraktiv?

***

Liebe Antje,

deiner Definition des Frommseins stimme ich zu. Und das ist schon auch ein wichtiger Punkt, an dem ich Schwierigkeiten mit dem Glauben entwickle. Wenn ich an einen christlichen Gott glaube, ordne ich mich einer Idee unter, die – von Menschen, von Männern überliefert, wenn nicht gar erfunden wurde. Und noch mehr: Eine Idee, von der es heißt, sie betreffe alle Menschen. Doch schon ein Blick auf die zehn Gebote (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib …) lassen erkennen, dass Männer die Hauptadressen dieser Idee sind. Das stößt mir auf, und zwar nicht nur in feministischer Sicht, sondern auch in rein persönlicher. Denn obwohl ich an anderen Stellen ganz genau so funktioniere, wie du beschreibst, also dass ich im Kampf für eine Sache, hinter der ich stehe, gut bin, habe ich bei der Unterordnung an diesen Komplex namens Glauben, namens Gott, Probleme. Vielleicht ist das auch eine Trotzreaktion, auch bedingt durch meine anything-goes-Erziehung – ich bin in den frühen Siebzigern geboren und wuchs zwar behütet, aber doch mit vielen Möglichkeiten und Angeboten auf. Insofern ist es in der Tat ein attraktiver Gedanke für mich, dass ich meine Spiritualität, meine Neigung zum Glauben, der Idee schenken, unterordnen möchte, die ich für mich selbst als die passendste finde. Vielleicht ein Grund, warum andere Religionen (Buddhismus, Mystik, und auch der Göttinnen-Glaube) in letzter Zeit mehr und mehr en vogue kommen.

Und ganz recht: Auf dieses Problem mit der Unterordnung einer Idee treffen Frauen – ich gehe mal von mir selbst ins Allgemeine – nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern natürlich auch in anderer. Zum Beispiel im Berufsleben – da sind ja die Vorbilder auch von Männern erfunden worden. Und schmecken vielen Frauen nicht; ja, auf diese Art und Weise wollen sie nicht Karriere machen.

Ein Beispiel aus den letzten Tagen, das mir – oberflächlich – recht entspricht, ist der Austritt Jimmy Carters aus der Kirche. Seine Begründung, “Women and girls have been discriminated against for too long in a twisted interpretation of the word of God”, kann ich gut nachvollziehen. Denn obwohl ich ja gelernt habe, ich solle mir kein Bildnis von Gott schaffen, werde ich doch in meiner Suche nach dem Glauben tagtäglich mit oftmals eher schlechten als rechten Bildern konfrontiert. Deshalb: Wie schaffe ich es, ein von schlechten Bildern und rein männlich konnotierten Ideen einen Weg zum Glauben zu finden?

***

Liebe Barbara,

die Schwierigkeit bezüglich der patriarchalen Traditionen, die du ansprichst, ist sehr groß. Ich kann gut verstehen, dass viele Frauen sich von den Religionen abgewendet haben. Meiner Ansicht nach gibt es aber nicht nur diese patriarchalen Fehldeutungen, sondern auch echte Wahrheiten in den religiösen Überlieferungen. Wie kann ich beides unterscheiden? Sicher nicht, indem ich einfach meine eigene Meinung dazu befrage. Denn ich muss doch damit rechnen, dass ich mich im Bezug auf Gottes Willen auch mal irre. Mein feministischer “Trick” ist, dass ich Männer nicht als Autoritäten gelten lasse, Frauen aber schon. Da eben ALLE Religionen vom Patriarchat “infiziert” sind (und übrigens auch der Buddhismus oder die Esoterik oder der Atheismus oder der Rationalismus) muss ich bei dem, was Jesus oder Mohammed oder irgendein Rabbi (oder ein Guru, ein Philosoph oder ein Wissenschaftler) sagen, immer damit rechnen, dass sie vielleicht nur von Männern reden und mich, eine Frau, gar nicht im Blick haben. So wie in dem Gebot, das du zitierst. An einem konkreten Beispiel: Dass Jesus auferstanden ist, glaube ich nicht, weil er es ist oder weil die Kirche das behauptet (vielleicht ist er ja nur für die Männer auferstanden), sondern weil Maria Magdalena es bezeugt hat (das heißt, sie war der Meinung, das sei auch für Frauen relevant). Natürlich kann es sein, dass sie sich geirrt hat. Aber das wäre dann wenigstens ein “weiblicher” Irrtum, und darüber müssten wir dann diskutieren…

Ich selbst würde zum Beispiel auf keinen Fall Mitglied in einer Kirche sein wollen, die Frauen vom Priesteramt ausschließt. Aber ich kenne sehr viele kluge und feministische Katholikinnen, das heißt, offenbar hat auch der Katholizismus aus weiblicher Sicht etwas Gutes (sie bezeugen das sozusagen.

Das Wort “Glaubenszeuginnen” gefällt mir gut – Frauen, die von ihren Erfahrungen mit dem Göttlichen erzählen). Ähnlich geht es mir mit kopftuchtragenden Musliminnen. Ich halte das für eine frauenfeindliche Praxis, aber vielleicht ist das nur mein westlich-evangelisches Vorurteil? Deshalb interessiere ich mich dafür, welche religiösen Erfahrungen sie haben und was sie Gutes in dieser Praxis sehen. Manches, was andere Frauen über ihr Verhältnis zu Gott sagen, inspiriert mich, anderes lehne ich ab oder verstehe ich nicht. Völlig uninteressant finde ich dabei die Frage, welche Religion die bessere ist. Es gibt keinen “christlichen” oder “jüdischen” oder “muslimischen” Gott, sondern Gott ist Gott, und dann gibt es viele verschiedene (menschengemachte) religiöse Traditionen und Erzählungen dazu. Mir gefällt übrigens deine Formulierung, dass du deine Spiritualität und deine Neigung zum Glauben einer Idee “schenken” möchtest. Einer Idee, die du für dich selbst als “die passendste” findest. Was mich interessieren würde, ist: Welche Kriterien hast du dafür? Woran machst du es fest, ob eine Idee für dich “passt”?

Teil 3 erscheint am 10.8.2008.


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Eintrag geschrieben: Sonntag, 9. August 2009 um 12:00 Uhr unter Der Feminismus ist schuld, Im Gespräch. RSS 2.0. Kommentieren. Trackback.



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3 Kommentare

  1. Patrick sagt:

    Es wäre schön, wenn der letzte Teil das ganze Interview enthält. Immer nur zwei Fragen ist anstrengend.

  2. access denied sagt:

    “Ich glaube, das würde Frauen “freier” machen, als wenn sie versuchen, dem Idealbild des “autonomen Individuums” zu entsprechen.”

    Ab da hätte ich das Interview abgebrochen.

  3. iris sagt:

    ne, also atheismus ist doch bitte keine religion. und ich finde es ja eher beruhigend, dass ich weiß, dass da nichts größeres existiert, an das ich ein stoßgebet schicken könnte (bezieht sich auf den ersten teil dieses interviews).mir reicht es vollkommen, an mich und mein können zu “glauben”.

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