Frauen ansprechen, Männer mitmeinen!

von Nadine

Mit dem generischen Maskulinum kennen sich die meisten bestens aus. Für sprachsensible Feminist_innen sind die ständigen „man“, „keiner“, „Bürger“ nicht nur schwer lesbar, sondern auch oft unbrauchbar. Wenn nur Männer angesprochen werden, brauchen sich andere nicht unbedingt mitgemeint zu fühlen. Tatsächlich belegen Rezeptionsstudien, dass das generische Maskulinum kein neutrales und universales „menschen-bezeichnendes“ Ding unserer Grammatik ist, sondern die vermeintlich harmlose Sprache mit kulturellen wie machtvollen Bedeutungen belegt ist. Wenn wir etwas lesen, haben wir also Bilder im Kopf. Wenn Personen in Texten angesprochen werden, dann haben wir diese vor Augen.

Die Realität von Sprache zeigt, dass mit dem generischen Maskulinum nicht alle Menschen angesprochen werden, auch wenn dies vorgegeben wird, sondern in erster Linie Männer. In einer sexistischen und androzentrischen Gesellschaft ist dies nicht verwunderlich, im Gegenteil: Normalität.

Geschlechtergerechte Sprache versucht diese Normalität bewusst zu stören oder zu verändern. Zumindest entwickelt sie eine Sensibilität für die Bedeutung von Sprache hinsichtlich ihrer Wirkmächtigkeit in der Konstruktion von Realitäten – bei Lesenden und Schreibenden_Sprechenden.

Eine überparteiliche Aktionsgruppe ruft dazu auf, in der Woche vom 19. bis 26. November 2012 an einem Sprachexperiment zum generischen Femininum aktiv und kreativ teilzunehmen.

Damit sind ebenfalls alle Geschlechter gemeint  – denn manchmal müssen die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden,  um zu sehen, dass sie vorher auch nicht richtig herum waren. Das generische Feminimum wird durch die Unterstützerinnen bei öffentlichen Äußerungen, in Blogs, auf Twitter und bei sonstigen Texten eine Woche lang eingesetzt.

Auf Twitter könnt ihr euch an der Aktion unter dem Hashtag #InWoche beteiligen. Obwohl die Aktion sich innerhalb eines zweigeschlechtlichen Systems bewegt und verschiedene geschlechtliche Identitäten ähnlich wie beim generischen Maskulinum sprachlich unsichtbar und entnannt bleiben, regt sie zum Nachdenken über den eigenen Sprachgebrauch und von wem denn nun tatsächlich die Rede ist, an und rüttelt mit Sicherheit an einigen Gewohnheiten – auch bei anderen. Wünschenswert wäre eine Auswertung nach der Aktion, wie sich die Teilnehmenden mit der neuen Sprechweise gefühlt haben, wie schwer ihnen die Übersetzung fiel und an welchen Stellen Fragezeichen im Kopf zurückblieben, ob eine_r jetzt wirklich benennen konnte, was er_sie meinte. Wir sind gespannt!




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Eintrag geschrieben: Montag, 19. November 2012 um 16:09 Uhr unter Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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11 Kommentare

  1. Gemeingeheim sagt:

    Feminist_innen, bei Lesenden und Schreibenden_Sprechenden, Teilnehmenden… Schade, dass die Maedchenfrauschaft bei dieser Aktion scheints nicht mitmacht. Aber vielleicht in den nächsten Postings diese Woche?

  2. Nadine sagt:

    @Gemeingeheim

    Die Mädchenmannschaft hat sich vor langer Zeit für die Schreibweise mit Gender_Gap entschieden, weil es uns wichtig ist, auf die Zweigeschlechtlichkeit in der deutschen Sprache hinzuweisen und außerdem Menschen mitzumeinen, die sich jenseits der Kategorien Frau/Mann wiederfinden. Das finden wir inklusiver als nur das generische Femininum zu verwenden. Da feministische Aktivist_innen außerdem in der Regel als Frauen gelesen werden, weil landläufig davon ausgegangen wird, dass Feminismus eine Bewegung von Frauen für Frauen ist und somit Trans*- (und z.T. lesbische) Positionen unsichtbar gemacht werden, widersetzen wir uns mit dem Gap außerdem dieser Vorannahme. Die „männliche Form“ benutzen wir, wenn wir von Männern sprechen bzw. diese ansprechen, die „weibliche“, wenn wir Frauen meinen bzw. diese ansprechen wollen. Das generische Femininum in Kontexten zu verwenden, die weiblich konnotiert oder dominiert sind, erzeugt meiner Meinung nach lediglich die Wirkung, dass hier ausschließlich von Frauen die Rede ist/Typen nicht mitgemeint sind. Diese Sprachform in männlich konnotierten oder dominierten Kontexten zu verwenden oder dort, wo ausschließlich im generischen Maskulinum gesprochen wird, hat einen wesentlichen subversiveren, verwirrenderen und Normalitäten aufbrechenderen Charakter, weil sich Männer so sprachlich ausgeschlossen fühlen (obwohl sie mitgemeint sind) und zum Nach- und Umdenken angeregt werden. Außerdem werden so Frauen explizit sichtbar gemacht, die in männerdominierten Räumen weder mitgedacht, noch mitgemeint werden. Ich denke, darum geht es auch der Aktionsgruppe. Insofern macht das generische Femininum auf einem feministischen Blog, der zudem queere Perspektiven versucht mitzudenken, wenig Sinn.

  3. Miria sagt:

    Auch kann ich das Argument von Nadine, warum die Mädchenmannschaft nicht mitmacht gut verstehen.

    @Nadine: Dadurch tut sich bei mir aber eine Frage auf: In welchen Kontexten wird denn das generische Femininum verwendet, die männlich konnotiert oder dominiert sind? Ich hatte bisher eher den Eindruck, dass es gerade in der feministischen Blogshäre Anklang findet, was ja eher nicht ein so männlich konnotierter Kontext ist. Hast du vielleicht Beispiele dafür, wo das anders ist? Wäre dir dankbar dafür.

    Liebe Grüße,
    Miria

    ps. Ich habe auch einen Post zum Thema verfasst und warum ich persönlich nicht mitmache: http://nur-miria.blogspot.de/2012/11/generisches-femininum.html

  4. Nadine sagt:

    Hey Miria,

    Mir sind persönlich keine männlich dominierten Kontexte bekannt, in denen mit generischem Femininum gesprochen_geschrieben wird. Ich habe bisher nur folgendes ab und zu erlebt: Referenten(!) aus eher linken Kontexten, die bei ihren Vorträgen (und bei anschließender Diskussion) im Femininum sprechen. Ich hatte dabei als Zuhörerin das Gefühl, dass ich mitgemeint bin, angesprochen werde und der Vortragende im Mindestfall meine Position ernst nimmt und sich vllt. auch schon überspitzt gesagt 2-3 Gedanken über feministische Perspektiven gemacht hat. Einmal sprach einer von Systemtheoretikerinnen. Das war ziemlich witzig, weil dieses Theoriefeld sehr männlich besetzt ist und es so gut wie keine Theoretikerinnen in dem Feld gibt. Das hat er damit sichtbar gemacht, wenn auch nur für die, denen dieser Fakt bekannt ist und andere, die sich viel aus Systemtheorie beziehen, verunsichert. Ergo: Mit dem Femininum, kann mensch – gut platziert – schon für Verwirrung sorgen. Das gefällt mir am Femininum. Es geht also nicht nur um sprachliche Inklusion, sondern auch um Verunsicherung von normalisierten Vorannahmen.

    In feministischen Räumen halte ich das Femininum dennoch für eine Möglichkeit, explizit auf Frauen zu referieren und damit Männer auch sprachlich auszuschließen, sich selbst Raum zu nehmen, quasi. Schließt aber bestimmte Perspektiven aus, weshalb ich lieber gender_gap verwende. Allerdings nicht vorrangig, um Typen mitzumeinen. Merke aber im Schreiben, dass sich viele Männer dann mitgemeint fühlen, die ich eigentlich gar nicht ansprechen will. Heißt für mich: die Versuche geschlechtergerechter(er) Sprache allein reichen nicht, um konkrete Personen(-gruppen) anzusprechen, ich muss das auch durch meinen Inhalt explizit machen.

    Du referierst in deinem Blogtext auch auf eigene Lebensrealitäten, weshalb du das Maskulinum in den meisten Fällen benutzt, auch wenn du Frauen im Kopf hast dabei. Interessanter Gedanke, nur bleibt die Frage, ob dein_e Gegenüber dann auch entschlüsseln können, wen du im Kopf hast, wenn du sprichst. Ich möchte gern, dass mein_e Gegenüber mich verstehen. Dazu gehört für mich auch eine sensible Sprache, die es ihnen ermöglicht, die im Kopf zu haben, die ich auch meine.

    Liebe Grüße

  5. Knut sagt:

    Mir ist vor Jahren schon in einem eher männlich konnotierten Kontext das generische Femininum aufgefallen: Rollenspielregelwerke und Romane der Firma White Wolf. Ich weiß nicht mehr ob es konsequent bei allen Veröffentlichungen eingesetzt wurde, aber doch oft genug, um aufzufallen. Mir hat das damals besser gefallen als die verschiedenen Möglichkeiten, beide Geschlechter anzusprechen (Binnen-I, beide einzeln nennen usw.). (Zugegeben, das denkt frau nur, wenn frau noch ein binäres Geschlechtermodell unreflektiert vorraussetzt, aber ich war noch jung und hatte noch keine Ahnung).

  6. […] den Spieß einfach umzudrehen und die Männer sich als die Ausgeschlossenen fühlen zu lassen. Die Mädchenmannschaft, die im übrigen nicht an der Aktion teilnimmt, begründet dieses wie folgt und spricht dabei einen […]

  7. mistkaeferl sagt:

    Ich kenne das generische Femininum auch aus einigen aktuellen Rollenspielregelwerken, nicht nur von einer Firma, auch wenn es bestimmt keine Majorität ist – aber ich bin auch immer wieder erstaunt, dass es überhaupt vorkommt. In englischsprachiger Sekundärliteratur (Sparte Erzähltheorie und Theoretisches zur SF) ist es mir auch schon aufgefallen. Vor allem bei ersterem Kontext grüble ich immer, ob das zum Generieren von Aufmerksamkeit und Denkprozessen eingesetzt wurde (die Wirkung hatte es bei mir aber früher durchaus), oder ursprünglich irgendeinen anderen praktischen Grund hatte (Verwechslungsgefahr verringern?).
    Ich halte es auch immer noch für ein gutes Mittel, vor allem in Kontexten, in denen üblicherweise nicht groß auf gendergerechte Sprache geachtet wird. Aber natürlich eher als Aufrüttler als als dauerhafte Lösung.

  8. Luna sagt:

    Besuchte vor ner Woche eine Vorlesung und das Thema war tatsächlich über Sexismus, Rassismus und Kapitalismus (und über Tierrechte)- ein Mann trug vor, er hatte auch enormes Fachwissen.
    Aber! Weder seine Sprache war gegendert, noch kamen Trans* vor, selbst die Folien waren nicht gegendert. Und als ich ihn auf die Tierrechtsszene ansprach, wie es denn da so mit dem Sexismus sei, meinte er, das wäre nicht erforscht und auch nicht so wichtig.
    Prima… -Nicht.

    Also ich find die in-Woche gut und schön, eigentlich mehr, weil viele Frauen* schon gendern wollen würden, aber dann gleich als verbiesterte Hardcorefeministin abgestempelt werden und sich deshalb sprachlich nicht getrauen.
    (Kann ich sogar aus eigener Erfahrung sagen)

  9. Nadine sagt:

    In der aktuellen Ausgabe von Analyse & Kritik gibt es Interview mit Lann Hornscheidt u.a. zu diesem Thema http://akweb.de/ak_s/ak577/26.htm

  10. TischTisch sagt:

    Was ich bedenklich finde ist die Intoleranz, die es hervorruft wenn konsequent gegendert wird. Die ehemalige Pastorin meiner Heimatgemeinde ( gegangen aus verschiedenen Missstimmigkeiten zwischen ihr und der Gemeinde) wurde schärfstens dafür kritisiert, dass sie zu Beginn der Predigt ALLE angesprochen hat. In etwa so: Liebe A-dorfer, liebe A-dorferinnen, liebe B-Dorferinnen, liebe B-Dorfer, …“ Das Ganze hat etwa zwanzig Sekunden Sekunden gedauert. Selbst wenn das für nicht sinnvoll erachtet wird, ist das noch lange kein Grund sich drüber (über ZWANZIG SEKUNDEN) aufzuregen.

  11. […] Form, das ist “Normalität”, die gern verteidigt wird. Doch wie Nadine schon zur letztjährigen #InWoche, einer Aktion zum “generischen Femininum”, […]