Fehlen uns die Symbole?

von Susanne

Vor kurzem unterhielt ich mich mit einem Freund darüber, wie sich junge Feministinnen heute gegenseitig als solche erkennen würden – und auch darüber, ob sie das überhaupt wollten. Wir stellten nämlich beide fest, dass es in den früheren feministischen Hochzeiten stets solche Symbole gab:

Während der Ersten Frauenbewegung war es ein ganz klares Zeichen von radikalem Emanzentum, eine Hose zu tragen. Das hatte es bis dahin nicht gegeben, Frauen hatten Röcke anzuziehen und all die Unbequemlichkeiten, die diese so mit sich brachten, in Kauf zu nehmen. Während der Zweiten Frauenbewegung zogen sich viele Frauen tatsächlich die viel zitierte lila Latzhose an, um sich gegenseitig ein Zeichen zu geben, dass man es mit einer feministischen Schwester zu tun hatte. Doch heute gibt es diese klaren Symbole nicht mehr. Oder?

Das Einzige, was dem vielleicht noch nahekommt, überlegten wir, könnte der rote Lippenstift sein. Mir geht es jedenfalls so: Wenn ich eine junge Frau mit knallroten Lippen treffe, dann tendiere ich dazu, sie in die Schublade „sehr selbstbewusste, selbstbestimmte Frau mit Tendenz zur Provokation“ zu stecken und lag bisher gar nicht so oft falsch damit. Auch wenn er selbst im feministischen Diskurs teilweise als Zeichen sexueller Bereitschaft verteufelt wurde (was heute eher dem Lipgloss nachgesagt wird), fordert er doch auch von seiner Trägerin ein ganzes Maß an Mut. Und mutige Frauen: immer gut.

Also, kann der Lippenstift ein Symbol sein? Oder haben mein Kumpel und ich beim Nachdenken über ein Erkennungszeichen unter jungen Feminstinnen einfach ein anderes übersehen? Oder: Fehlen uns etwa die Symbole? Sollten wir uns eines suchen? Denn wäre es nicht ziemlich toll, sich auf der Straße gegenseitig zu erkennen? Oder brauchen wir das nicht?

(In der Rubrik „Grundsatzfragen“ diskutieren wir Grundsätzliches zum Feminismus. Wenn ihr Vorschläge für Grundsatzfragen habt, dann mailt sie an mannschaftspost(at)web.de.)




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 17. Februar 2010 um 10:07 Uhr unter Aktivismus, Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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44 Kommentare

  1. Verena sagt:

    Nein, was ein Zufall, dass der rote Lippenstift uns heute beide beschäftigt – wenn auch mit unterschiedlicher Wahrnehmung… interessant ;)

  2. Christian sagt:

    Spontan muss ich an Charlotte Roche und ihr „Erkennungszeichen“ Achselhaare bei VIVA-Zwei denken. Welche Reaktionen diese Art von Mut damals auslöste (nach Angaben von Roche kam die brutalsten Entrüstungen darüber von jungen Frauen) gibt mir bis heute zu denken. Ich finde: Mutig von ihr. Es bräuchte mehr dieser Art von Symbolen – um die geltende Ordnung zu irritiren.

  3. Neeva sagt:

    Bitte nicht den roten Lippenstift, sonst bin ich nur beim Weggehen erkennbar. Wie wärs mit Rucksack statt Handtasche?

  4. Phyllis sagt:

    Und wenn man eh keinen Lippenstift trägt muss man mit Rucksack weggehen? ;)
    Ich glaube kaum, dass sich etwas für uns alle finden lässt, finde das aber gar nicht schlimm – so können wir uns mal wieder zum Individualismus gratulieren.
    Ich fand Charlotte Roche auch immer mutig und war fast ein bisschen beleidigt, als sie die Achselhaare dann doch irgendwann rasierte, aber für mich wäre auch das nichts.
    Freu mich schon wenn jemand interessiert auf den Mannschaftsbutton starrt (leider musste ich gerade aus dem Bus aussteigen), aber frage mich auch, wie viele dahinter den Feminismus erahnen können…

    (Liebe Susanne, dieses war mein erster Beitrag – danke nochmal für den interessanten Abend im Männerschwarm)

  5. Susanne sagt:

    @ Phyllis: Ja, die Diskussionsrunde im Männerschwarm fanden Franziska und ich auch super. Schön, dass du da warst und dann mal weiterhin viel Spaß beim Kommentieren hier!

  6. Stephanie sagt:

    Ich bin für ein Erkennungszeichen – oder mehrere. Aber roter Lippenstift wäre mir in meinem Leben etwas unpraktisch… Buttons sind doch gar nicht schlecht?!?

    Was mich auch interessieren würde: Wie reagiere ich denn auf vermeintliche Feministinnen? Habe letztens an der Uni eine Frau mit einer „Alphamädchen“ Tasche gesehen und mich zu lange gefragt, ob ich sie ansprechen sollte… dann war sie weg.

    Im virtuellen feministischen Zentrum fand ich das Thema auch relevant für die gegenseitige Unterstützung im Alltag / in Alltagskonflikten.

  7. Sina sagt:

    Habe mal lila Buttons mit einem F darauf gesehen, ist glaube ich in Kanada recht verbreitet. Wie wärs damit? Kann man sowohl an den Rucksack wie auch auf die Tasche hintun;-)

  8. Patrick sagt:

    Ich trage an meinem Rucksack Buttons mit dem Atheisten-A, mit der klassischen gestreckten Faust, mit „Science Bitch“, mit dem SM-Logo und dem Symbol meines Lieblingsrollenspiels – ein Abzeichen für Feminist_Innen fände ich super. Roter Lippenstift hingegen wäre wohl nicht so mein Ding, um das beständig im Alltag spazieren zu führen.

    Vielleicht ein brennender BH? :)

  9. Adrian Lang sagt:

    Äh, eine „sehr selbstbewusste, selbstbestimmte Frau mit Tendenz zur Provokation“ ist eine Feministin? Ich glaub euch fehlen nicht die Symbole, sondern die Inhalte. Aber falls ihr euch mal auf ein Symbol geeinigt habt: wäre schön, wenn das auch für Jungs anwendbar wäre.

  10. Stephanie sagt:

    Wie wär’s denn mit dem „Still loving feminism“ -Button, hatte das Ladyfest FFM mal im Programm.

    Ansonsten plant das Frauenreferat Mainz gerade Buttons herzustellen und sucht dafür nach Ideen. Zwar ist der Abgabeschluss heute, aber das entscheidenen Frauenplenum ist erst nächste Woche Dienstag, so dass nachgereichte Ideen vielleicht noch angenommen werden.

  11. Magda sagt:

    @ Adrian Lang

    Äh, eine „sehr selbstbewusste, selbstbestimmte Frau mit Tendenz zur Provokation“ ist eine Feministin? Ich glaub euch fehlen nicht die Symbole, sondern die Inhalte.

    Eigenschaften wie Selbstbewusstsein und Selbstbestimmheit sind doch nicht inhaltslos, sondern manchmal schwer erarbeitet.

    Mein Vorschlag zum Symbol: Es muss gar kein einheitliches Erkennungszeichen geben – die gibt es im Grunde genommen auch schon – z.B. das von @Patrick angesprochene Bild der ausgestreckten Faust; oder bspw, die Farbe Pink, welches von der Assoziation her nun nicht mehr „nur“ eine niedliche, kindliche Farbe ist, sondern vom Feminismus kooptiert und umgedeutet wurde.

    Feminismus ist meines Erachtens zu bunt, um es auf *ein* Symbol zu reduzieren. Ich bin mir auch nicht ganz so sicher, ob dieses „Lila Latzhose“ Symbol nicht im Nachhinein etwas überhöht als *das* Symbol der so genannten Zweiten Frauenbewegung dargestellt wurde.. Was meint ihr?

  12. l sagt:

    wie erkennt man eine_n feminist_in? an den INHALTEN, die diejenige person vertritt!

    Eigenschaften wie Selbstbewusstsein und Selbstbestimmheit

    es ist in vielen situationen sehr selbstbewusst, sich dieser schminkerei zu verweigern. zB wenn man als angestellte nachgerade dazu gezwungen wird. frauen, die da aufstehen und sich weigern – verdienen respekt und nicht die denunziation als anti-feministisch, wie dieses „tolle erkennungssymbol roter lippenstift“ es nahelegt.

    INHALTE!

  13. l sagt:

    In der Rubrik “Grundsatzfragen” diskutieren wir Grundsätzliches zum Feminismus.

    MUHAHA

    ja, eine sehr wichtige grundsatzfrage: roter lippenstift oder rucksack.

    ich plädiere für andere themen:
    – sofortige einbürgerung aller migrant_innen (damit eine scheidung von den lebenspartner_innen, zB bei gewalt in der ehe, möglich ist ohne abgeschoben zu werden)
    – sofortige lohnerhöhung aller frauenlöhne in allen „frauenbranchen“ im 100%!
    – sofortige einführung von ganztagsgesamtschulen inkl. gratis vollverpflegung
    – sofortige einführung von ganztagskindergärten inkl. gratis vollverpflegung und betreuung durch fachkräfte
    – sofortige verbesserung der rechtlichen und finanziellen situation von (insb. migrantischen) putz- und kinderfrauen (die oft zu billiglöhnen schuften und ihren „schwestern“ erst karrieren ermöglichen)

    und dann noch einiges andere mehr. aber eile mit weile!

    sowieso: http://maedchenblog.blogsport.de/2009/05/17/endziel-mensch/

  14. Magda sagt:

    @ I

    Wenn du deine Kritik sachlicher vortragen könntest, wäre sie wirkungsvoller. Wenn du hier eine Hierarchie von „wertvollen“ und „weniger wertvollen“ feministischen Beiträgen kreierst, machst du exakt das, was du in deinem Artikel kritisierst, nämlich die Erfahrungswelten von Frauen gegeneinander auszuspielen und die eine wichtiger als die andere zu erachten. Diese Fehler wurden im Feminismus ja nun schon oft gemacht und sollten doch nun echt nicht wiederholt werden.

    Folgebeiträge, die nur aus Polemik und unkonstruktiver Kritik bestehen, werden gelöscht. Und: Bitte zum Thema diskutieren.

  15. Susanne sagt:

    @ Adrian Lang: Du sprichst uns die Inhalte ab, nur weil dir mal eine Frage / ein Beispiel nicht gefällt? Es soll auch Frauen geben, die Lippenstift tragen und inhaltlich eine ganze Menge zu bieten haben. Schade, dass von dir so billige Polemik kommt, hab deine Kommentare bisher ganz gern gelesen.

    @ I: Natürlich kann man gegen Lippenstift sein, wie gesagt, die feministische Kritik zum Makeup-Utensil ist ja nicht neu. Eine der Fragen, die ich oben gestellt habe, lautete aber auch: Brauchen wir überhaupt noch verbindenden Symbole?

    Du kannst diese Frage gern mit Nein beantworten und es dann in diesem Thread dabei bewenden lassen und dich in zahlreichen anderen Threads zu den entsprechenden Themen entsprechend kämpferisch und „inhaltlich“ zu Wort melden. Alles, was du schreibst, wird hier ein Großteil der Leser_innen und die Mädchenmannschaft sowieso unterschreiben, deswegen verstehe ich nicht ganz, woher deine Aggressionen kommen, wenn wir bei über 1.000 Threads auch mal über feministische Symbol (und dort am Rande über einen Lippenstift) diskutieren.

    Cotenance gibt’s heute im Supermarkt im Sonderangebot.

  16. Patrick sagt:

    Ich habe mal im Netz gesucht und folgende Bilder gefunden:

    http://www.p-pricken.de/uploads/temp/feminism.jpg

    Wohlgemerkt liegt hier das Augenmerk stark auf dem Einbezug beider / aller Geschlechter.

  17. l sagt:

    @magda: ich blende „erfahrungswelten“ aus. wo denn? mach ich nicht. und ja, ich habe durchaus eine „hierarchie“, in der sowas wie die frage nach einem roten lippenstift als feministisches symbol sehr weit unten angesiedelt ist. aber ich habe ja auch noch einen guten anderen grund genannt, wieso das mit dem lippenstift keine gute idee ist: weil viele frauen das auftragen von lippenstift und anderer schminke als ZWANG empfinden. das ausblenden von erfahrungswelten trifft also eher auf die zu, die einen lippenstift für ein feministisches symbol halten.

    die frage bei einem symbol ist generell: FÜR WAS STEHT DIESES SYMBOL? für einen – ich zitiere sinngemäß elisabeth klaus – pop- und elitefeminismus mit neoliberaler nabelschau oder für einen antirassistischen, antikapitalistischen feminismus? für eine weiße mittelschichtsperspektive oder für ne migrantische perspektive und ne perspektive von unten? für nen feminismus der bildungsprivilegierten karriereaufsteigerinnen oder für nen feminismus, der auch der aldi-verkäuferin, der hartz4-empfängerin und der putzfrau ne kämpferische perspektive bietet?

    das sind keine nebensächlichkeiten – sondern die zu klärenden grundvoraussetzungen, bevor man sinnvoll darüber reden kann, wie es sich mit dem symbolen verhält (die dann eben nur die inhalte, auf die man sich dann geeinigt hat, repräsentieren).

    also keine huschhusch abzuhandelnden nebensächlichen fragen, sondern grundsatzfragen des feminismus. immer schon.

    keine inhalte, kein sie repräsentierendes symbol. so einfach ist das.

  18. Anna sagt:

    I, sag mal, findest du dein Gepolter nicht gerade selber ein wenig überzogen? Oder bricht da der politische Aschermittwoch durch?

  19. l sagt:

    @susanne:

    Brauchen wir überhaupt noch verbindenden Symbole?

    wenn es denn mal verbindende inhalte gäbe, kann man das ja klären. – wäre meine sichtweise.
    diese inhalte sehe ich aber nicht. wenn vinken zB in ihrem buch „die deutsche mutter“ die kinderbetreuungsfrage lösen will, indem sie die möglichkeit zur jährlichen abschreibung von € 25.000 kinderbetreuungskosten (entstanden durch [migrantische] kindermädchen!) fordert, dann weiß ich nämlich, dass da die aldi-frau nicht mit dabei ist, dass da die migrant_innen nicht dabei sind etc.
    das ist aber ein problem! – um nur ein beispiel zu nennen.
    wie soll man da vom feminismus reden (nämlich dem), und dann glatt auch noch von nem symbol, das ihn repräsentieren soll? was wird denn da repräsentiert?
    und vielleicht haben ganz viele was ganz anderes zu repräsentieren und finden es auch ein bisschen frech, dass da andere mit nem schmalspurprogramm und dem anspruch auftreten, den feminismus zu vertreten?

    – all diese frage stellen sich und sind zu klären, bevor man symbole sucht, die dann den inhalt vertreten.

  20. l sagt:

    @anna: da stehen argumente. würde mich freuen, wenn eine inhaltliche entgegnung käme. danke.
    (poltern ist übrigens schön antiweiblich-lieblich. kann ja nicht jede nett und manierlich sein. :) )

    wir können aber natürlich auch so tun, als würde sich die frage, wie sich so ne feministische perspektive gestaltet – die dann ja erst repräsentiert werden soll durch ein symbol -, überhaupt nicht stellen. ist ja auch nichts, was feminist_innen seit über 100 jahren rumtreibt …

  21. Anna sagt:

    I, auf welche „Argumente“ ich inhaltlich wo eingehe, das überlässt du aber schon mir selber, ja? Danke.

    Ich bin gerne bereit, konstruktiv zu diskutieren. Dafür müsstest du es aber mal schaffen, dein Gepolter abzustellen und dich vom wüsten Posten einzelner Statements weg hin zu konstruktiven Diskussionsbeiträgen zu bewegen. Und das bitte auch ohne weitere Beleidigungen. Wenn du das nicht schaffst, wirst du dich wo anders austoben müssen, dieser Blog ist nämlich kein Sandsack, an dem man sich mal ordentlich abreagieren kann.

  22. Magda sagt:

    @ I

    Es hat auch keine/r behauptet, dass die von dir angesprochenen Probleme „Nebensächlichkeiten“ sind. Du solltest einfach zugeben, dass du mit dem Vorurteil hierher gekommen bist, dass wir das nicht im Blick haben. Einfach mal ein wenig auf dem Blog stöbern, schlage ich vor.

    Wie oben schon mal vorgeschlagen, muss man den Feminismus gar nicht auf ein Symbol reduzieren – das heisst aber nicht, dass die von Susanne gestellte Frage weniger wichtig ist. Du kannst ja gerne inhaltlich so argumentieren, wie du das oben tust, um dich gegen ein gemeinsames Symbol auszusprechen. Dein Ton ist aber einfach nur anmaßend. Du bist hier nicht allein und solltest anderen die Möglichkeit geben, mit dir zu diskutieren und sie nicht gleich zu beleidigen oder zu belehren.

  23. Rike sagt:

    @Susanne
    Worauf Adrian hinaus wollte, aber offensichtlich nicht so klar vermitteln konnte, ist, dass nicht jede „sehr selbstbewusste, selbstbestimmte Frau mit Tendenz zur Provokation“ eine Feministin ist. Es gibt auch genug selbsbewusste und selbstbestimme Frauen, die mit Feminismus nichts am Hut haben oder sogar aktiv dagegen sind. Und andersherum gibt es sicherlich auch Feministinnen, die nicht so selbstbewusst sind, wie sie sich das vielleicht wünschen würden.
    Ich denke, eine Feministin definiert sich über ihr Engagement in den Bereichen Frauenrechte und Antisexismus und nicht über ihr Selbstbewusstsein.

    Ansonsten denke ich nicht, dass der rote Lippenstift zum Feminismussymbol taugt. Mensch mag diesen als Zeichen ihres/seines Selbstbewusstseins tragen, es gibt aber auch andere Möglichkeiten, Selbstbewusstsein zu zeigen und im praktischen Leben ist der rote Lippenstift häufig nicht nur praktisch. T-Shirts, patches und Buttons stehen aber jeder Person zur Verfügung um seine Meinung kund zu tun. Braucht mensch wirklich ein einheitliches Symbol für alle Variationen und Auffassungen von Feminist_innen?

  24. Susanne sagt:

    @ Rike: Klar, das ist die Frage, ob man solche Symbole braucht. Ich kann mir vorstellen, dass es schön ist, an einem Detail das Gegenüber als Mitstreiter_in zu erkennen. Mir hat eine ältere Bekannte erzählt, dass sie sich in den 70ern wirklich eine lilafarbene Latzhose gekauft hat. Weil sie diese als Symbol toll fand.

    @ l: Dass sich nicht alle Strömungen des Feminismus in eine Jacke zwängen lassen — da dürften wir uns einig sein. Ich finde aber auch nicht, dass alle Feministinnen alle Themen abdecken müssen, um „echte“ Feministinnen zu sein. Einer Abtreibungsaktivistin wirst du ja nicht vorwerfen, dass sie sich nicht genauso viel mit Magersucht oder Migrantinnen beschäftigt. Aber wenn dir die Erwähnung eines Lippenstifts zu bourgeois ist: Dich zwingt niemand, über die gestellte Frage nachzudenken. (Allerdings habe auch ich das Gefühl, auch nach dem Lesen deines Mädchenblog-Texts, dass du mit einer vorgefertigten Meinung hierher kommst — meist eine schlechte Voraussetzung für eine gute Diskussion.)

  25. l sagt:

    Ich finde aber auch nicht, dass alle Feministinnen alle Themen abdecken müssen, um “echte” Feministinnen zu sein.

    vielleicht gibt es das ja gar nicht, „echte“ feministinnen. wäre auch zu klären.

    ne abtreibungsaktivistin ist genau das: ne abtreibungsaktivistin. vielleicht ist sie ja noch mehr, das kann man klären. aber generell würd ich einer abtreibungsgegnerin durchaus die beschäftigung mit weiteren themen empfehlen. wieso nicht?

    aber wenn dir die Erwähnung eines Lippenstifts zu bourgeois ist:

    wo steht das? ich würde ja eher behaupten, dass ich da nen „alt“-feministischen reflex zeige. und ja, schon ein bissl antikapitalismus auch dabei. aber v.a. etwas entsetzen, dass jetzt schminke als feministisch gelten soll. huh? hat man den gesellschaftlichen druck, sich schminken zu müssen, nicht lange bekämpft? und tut man das nicht eigentlich immer noch? – offensichtlich nicht! OMG, bin ich alt!

    Dich zwingt niemand, über die gestellte Frage nachzudenken.

    aber ich darf doch, oder? und vllt auch hinschreiben, wieso ich das blöd finde?

    vorgefertigten Meinung

    die meinung hab ich mir schon anhand eurer texte gebildet. aber ich bin ja nicht vernadelt und leicht eines besseren zu belehren :)

  26. Anna sagt:

    So, um das mal auf den Punkt zu bringen:
    Wer glaubt, dass schlechtes Benehmen und destruktives Diskussionsverhalten zum guten feministischen Ton gehören, der (die) ist hier falsch und wird sich an anderer Stelle weiter emanzipieren müssen. Die Netiquette hier gilt nämlich für alle.

  27. Adrian Lang sagt:

    @Susanne: Ich les Mädchenmannschaft ja auch gerne trotz solcher Sachen wie diesem Text hier. Wie du auf die kommst dass ich Frauen mit Lippenstift die Inhalte absprechen würde kann ich nicht verstehen. Ich finde gemeinsame Symbole auch gar nicht schlecht, aber hinter den Symbolen sollte auch gemeinsame feministische Inhalte stehen – das meinte ich. Und wenn für euch Feminismus mit „selbstbewusste und selbstbestimmte Frau“ deckungsgleich ist, dann bin ich ganz froh dass ich als Nichtfrau gar nicht dafür vorgesehen bin euer Symbol zur Schau zu tragen, denn diese Feminismusbestimmung ist nicht meine. Darüberhinaus sehe ich roten Lippenstift auch als ungefähr so provokativ wie blondierte Haare an – die feministische Attitüde ist zumindest nicht auf Anhieb verständlich.

  28. Adrian Lang sagt:

    „auf die Idee kommst“, that is.

  29. Susanne sagt:

    @ Adrian: Na klar ist nicht jede selbstbewusste Frau gleich Feministin, bei „selbstbestimmt“ sehe ich das allerdings anders als du. Wenn es eine Frau schafft, in unserer Gesellschaft sich weitestgehend frei von Fremdbestimmung zu halten, dann kann ich mich sehr gut damit identifizieren und würde sie auch als Feministin bezeichnen. Weil das viele Kämpfe bedeutet, das hat meine Bewunderung. Ich kann mich allerdings auch nicht mit einer Hierarchie der Anliegen anfreunden. Für mich ist eine Feministin, die für mehr Frau in Führungsetagen kämpft genauso eine Feministin wie eine, die für die Freiheiten von Migrantinnen kämpft. Wir brauchen beide. Und beide müssen auch nicht beides machen, um sich Feministin nennen zu dürfen.

    Aber: Unsere Überzeugungen sind uns eben nicht an der Nase anzusehen, deswegen habe ich ja die Frage nach einem Symbol gestellt. Dass der Lippenstift da bei dir auf so viel Ablehnung stößt, kann ich insofern verstehen, dass du dich als Mann vielleicht ausgeschlossen fühlst. Aber im kulturhistorischen Kontext wird das Lippenrot gar nicht so negativ und als oberflächlich angegesehen wie du es empfindest – es galt sogar vielen als Zeichen von weiblicher Macht.

  30. Adrian Lang sagt:

    @Susanna

    Genau so gut kann eine selbstbestimmt lebende Frau auch Glück gehabt haben. Umgekehrt können hoffentlich auch bei dir auch nicht-selbstbestimmte Frauen Feminist_innen sein. Ganz abgesehen davon, dass keine Person selbstbestimmt lebt, das also maximal graduell zu sehen ist.

    Meine Kritik am Lippenstift als Symbol ist nicht, und dass mir das so in den Mund legst finde ich fast beleidigend, dass ich davon ausgeschlossen bin. Meine Kritik ist, um mal deutlicher zu werden, dass roter Lippenstift völlig belanglos ist, und die Sorte feministischer Anliegen die damit angedeutet werden für mich ungefähr so interessant ist wie die Bemühungen von Männerrechtler_innen, die Wehrpflicht als männerdiskriminierend darzustellen. Soviel auch zur Hierarchisierung von Anliegen: Nicht jede Diskriminierung sollte thematisiert werden. Und wenn „selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen“ ein Zeichen für „weibliche Macht“ tragen, klingt das für mich auch weniger nach dem Feminismus, der für eine „menschliche Zukunft“ kämpft.

  31. Susanne sagt:

    @ Adrian: Ich wollte dich auf keinen Fall beleidigen, es wäre mir nur ein verständlicherer Grund gewesen. Ich verstehe aber auch deine Argumentation, warum du gegen den Lippenstift als Symbol bist. Ich will jetzt hier nicht weiter ins Detail um unser Feminismusverständnis eintauchen, wir sehen das unterschiedlich und müssten das an anderer Stelle weiterdiskutieren, um hier die eigentliche Frage nicht zu ersticken. Vielleicht ist ja dieser Thread dafür der richtige:

    http://maedchenmannschaft.net/wie-viel-verschiedenheit-kann-und-muss-der-feminismus-aushalten/

    Ich akzeptiere auch völlig, dass man den Lippenstift nicht als geeignet ansieht, ich habe ihn ja auch nicht als das Nonplusultra vorgestellt, sondern einfach meine Unterhaltung mit einem Freund zum Anlass genommen, die Frage nach einem verbindenden Symbol zu stellen. Ich hatte mir allerdings anstatt einer Grundsatzdiskussion über die verbindenen Elemente aller Feminismusströmungen eigentlich viele interessante Vorschläge erhofft, über die man mal nachdenken könnte – die ja andere Kommentator_innen auch angebracht haben.

  32. Adrian Lang sagt:

    Gut, zurück zum Lippenstift. Schon deine Auflistung macht deutlich, warum er ungeeignet ist. War das Zeichen der ersten Frauenbewegung noch ein deutlicher Bruch mit den Geschlechternormen, handelt es sich beim zweiten zumindest noch um eine auffällige und ungewöhnliche Verletzung der Normen. Wo ist roter Lippenstift da? Bricht das irgendwelche Normen? Ist das auffällig und ungewöhnlich? Ich denke nicht. Ich sehe da weder einen mutigen Schritt noch ein eindeutiges Zeichen.

    Weiter finde ich es auch schwierig, ein Zeichen zu wählen, dass zu setzen besonderen Mut und Selbstbewusstheit erfordert; als wären selbstbewusste Frauen bessere Feministinnen. Sollte sich ein an sich unauffälliges Zeichen durchsetzen, wird es ohnehin schwer genug für unsicherere Menschen, dieses Zeichen zu setzen – da muss nicht von vornherein eine Hürde eingebaut werden.

  33. lilly-levin sagt:

    Interessant scheint mir zu sein, dass das Frauenzeichen – ohne oder auch mit geballter Faust darin – als Symbol der zweiten Frauenbewegung nicht „überliefert“ zu sein scheint.
    Es wurde als Kettenanhänger getragen, auf Buttons gedruckt, auf Taschenjahrskalendern war es das Cover, auf Jutetaschen gedruckt usw. Erstaunlich erschreckend.

  34. Feministinnen sind während der Kaffeezeit problemlos erkennbar

  35. Schüttguttechnik sagt:

    Ich sehe einen roten Lippenstift auch nicht als Symbol für Feministinnen. Wenn man sich die Vergangenheit so ansieht, dann haben ja die Frauen immer ein typisch männliches Objekt für sich beansprucht und dadurch ihre Stärke und ihr Selbstbewusstein unterstrichen. Der rote Lippenstift ist doch Weiblichkeit und Sex pur! Er ist mit zu viel Klischees verbunden…
    Ich finde, dass eher Dinge wie zum Beispiel ein frecher Kurzhaarschnitt oder eine Krawatte zu Feministinnen passen. Genauso wie ein männlicher Sport, den Frauen genauso gut ausüben können oder ein schnelles Auto, das Frauen viel besser und flotter fahren als Männer ;)
    Mir gefällt, wenn ich so darüber nachdenke, die Krawatte sehr gut. Hier sehe ich auch direkt eine Anspielung auf die noch nicht emanzipierte Berufswelt…

  36. elbu sagt:

    Die Frage nach den Symbolen finde ich durchaus interessant.

    Ich bin der Meinung: weil es vielfältige Feminismen gibt, müssen auch die Symbole vielfältig sein dürfen und lassen sich nicht auf einen Nenner bringen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die eigene Einstellung nach außen zu tragen. Ich bin absolut dafür, dass das jede in der Weise tut, die ihr angemessen erscheint. Ob das ein Button ist oder eine Tasche, ein T-Shirt oder ein Tattoo, oder sich im Handeln, Denken, Sprechen äußert (und damit nicht unmittelbar sichtbar ist), sollte nicht unterschiedlich bewertet werden.

    Lippenstift halte ich für schön, aber als „Erkennungszeichen“ ungeeignet. Wer gerne roten Lippenstift auflegen möchte, möge das tun – absolut. Und wer das als kraftvolles Statement sieht, und als Chance, die eigene Stärke, das eigene Selbstbewusstsein, Weiblichkeit, sexuelle Selbstbestimmung oder was auch immer zu zelebrieren – ich freue mich für euch. Manchmal tu ich das auch gerne.

    Aber: der soziale Druck, sich zu schminken, hat für mich mit Feminismus nichts zu tun. Roten Lippenstift als Erkennungszeichen zu proklamieren, kommt dem für mich schon ganz schön nahe. Und macht Feminist_innen, die sich nicht schminken möchten (was beileibe nicht nur auf Männer zutrifft!) oder nicht klassischen Weiblichkeitsbildern entsprechen wollen, „unsichtbar“.

    Persönlich bin ich gerade in einer Phase, in der ich im Gegensatz zu früher keine Buttons trage. In der Öffentlichkeit bin ich so vielleicht nicht als Feministin erkennbar, (aber auch nicht als Antirassistin, und auch nicht als Person, die sich vegan ernährt und wo irgend möglich bio und fair kauft, oder als Person, die ungern telefoniert). Aber die Orte, an denen ich mich aufhalte, die Art, wie ich agiere und mein politisches und wissenschaftliches Tun senden aus meiner Sicht auch die richtigen Signale. Ein „Erkennungszeichen“ hat Vorteile – aber hat auch was von Geheimbund. Ich bin in keinem Geheimbund. Ich bin Feministin.

  37. aerin sagt:

    hmm ich bewege mich in einem umfeld in dem lippenstift, egal welcher farbe, genau wie alle anderen klassischen modettribute der weiblichkeit, gradezu subversiv ist (ein hoch auf die infornatik oder so ^^).

    aber mal ernst, ich wäre manchmal schon froh wenn ich andere feministisch denkende menschen erkennen könnte, dass kann aber auch daran liegen das meine kommolitoninen feminismus per se für überholt halten und ich mich manchmal etwas einsam mit meinen ideen fühle.

    also ich fände ein logo das man dann auf buttons, t-shirts, ohringe etc machen könnte toll, das kann jede irgendwie in ihren stil integrieren oder auch nicht.

  38. steve, the pirate sagt:

    @Schüttguttechnik:“Genauso wie ein männlicher Sport, den Frauen genauso gut ausüben können “
    Was ist denn für dich ein „männlicher“ Sport?
    Meinst du das Image des Sportes, oder ein mehr von Männern ausgeführte Sportart?

  39. Adrian Lang sagt:

    @elbu: Ich bin nicht von der Lippenstift-Sache ausgeschlossen, weil ich mich als Nichtfrau nicht schminken möchte – was nicht stimmt–, sondern, weil roter Lippenstift für „sehr selbstbewusste, selbstbestimmte Frau[en]“ stehen soll … ein sehr selbstbewusster, selbstbestimmter Mann ist hoffentlich für niemanden hier in der Diskussion eindeutig ein Feminist. Ist aber auch nicht weiter schlimm, die Symbole aus der Vergangenheit waren auch nicht für Nichtfrauen anwendbar.

  40. elbu sagt:

    @Adrian: „sehr selbstbewusst, selbstbestimmt“ zu sein, ist weder für Männer noch für Frauen ein „eindeutiges“ Anzeichen für Feminismus.
    Aus meiner Sicht wäre ein selbstbewusster, selbstbestimmter Mann einer, für den Feminismus zumindest keine Bedrohung darstellt (und der daher durchaus ein Feminist sein könnte). Reflexhafter Antifeminismus ist für mich kein Zeichen von Stärke und Selbstsicherheit.
    Und welches Kleidungsstück ist denn für Nichtfrauen prinzipiell nicht anwendbar?
    Jedenfalls ist auch das wieder ein Hinweis darauf, dass Logos, Buttons, Slogans hilfreich sind. Und da plädiere ich für eine Pluralität. Das eine, vereinigende Symbol würde für mich heißen, es geht irgendwie nicht, auf verschiedene Arten Feministin zu sein. Ob jetzt jemand „This is what a feminist looks like“ oder „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ oder die Faust mit dem “Frauenzeichen“ (wie es lilly-levin nennt) oder ein „“-Shirt, eine „vegan feminist bitch“-Tasche, oder eine „Alphamädchen“-Tasche oder was auch immer bevorzugt – macht nämlich wohl einen Unterschied, aber doch alle irgendwie erkennbar.

  41. Charlotte sagt:

    Ich denke nicht, dass FeministInnen ein äußerliches Erkennungszeichen brauchen.
    Uniform führt meiner Meinung nach nur zur pauschalen Ausgrenzung von Leuten, die diese nicht tragen.
    Ich finde es viel wichtiger mal zu versuchen völlig unvoreingenommen von äußerlichen Merkmalen auf Menschen zuzugehen. Es bezeichnet sich ja auch nicht jeder, der feministisch denkt als Feminist. Und nicht alle die sich Feminist nennen, vertreten in allen Fragen auch dieselben Meinungen.

    Einen konkreten Treffpunkt für feministischen Austausch gibt es ja zum Beispiel hier :)

  42. Adrian Lang sagt:

    @elbu: Ich habe nur den Gedanken rekapituliert der im Ursprungspost hinter rotem Lippenstift als Symbol stand. Prinzipiell für Nichtfrauen nicht anwendbar war die Hose der ersten Frauenbewegung. Ich habe übrigens das T-Shirt http://www.schwarzesocke.com/mailorder_11_18_14529.html, das ist hoffentlich deutlich genug.

  43. […] Vorspeisenplatte auf eine Diskussion im Blog Mädchenmannschaft gestoßen: Wie können sich (junge) Feministinnen gegenseitig […]