Falsche Freiheit
von BarbaraUnter der Überschrift “Mädchen Top - Jungen Flop” veröffentlicht telepolis.de ein Artikel zum Thema Bildung. Werden Jungs in deutschen Schulen benachteiligt? Sind sie die Verlierer des deutschen Bildungssystems? Statistisch schneiden sie derzeit schlechter ab als Mädchen. Als einer der Gründe für diese gar nicht so guten Zahlen im Bereich der Schulabschlüsse und -abbrüche wurde der falsche Umgang mit der Freiheit genannt:
Viele meinen, sie könnten tun und lassen, was ihnen gefällt. Sie sehen das Leben deshalb nur als wunschgemäßes Vergnügen – da haben Anstrengung, intensive Lernarbeit, solidarisches Verhalten und Einordnung in eine Gruppe keinen Platz mehr.
Das ist aber ein Problem, das sowohl Mädchen als auch Jungs hätten. Doch ein wirkliches Problem sei, dass den Jungs die Väter fehlen:
Sie versuchen das fehlende “Alpha-Tier” durch Null-Bock, Aggression und Gewalt, Alkohol, Kriminalität, Desinteresse und Rückzug in eine eigene Welt zu kompensieren.
Und ein Aufwachsen nur mit Mama, Erzieherinnen und Lehrerinnen bringt die Jungs in Identitätsschwierigkeiten:
“Männer” identifizieren sich über Männer, ansonsten gelten sie als Weichei. Welcher Schüler möchte das schon?
Obwohl um Gleichberechtigung gekämpft wird, werden besonders im Bildungsbereich Stellen hauptsächlich von Frauen besetzt. Das alte Spiel: Mädchen werden Lehrerin, Jungs Ingenieure. Und das ist nicht immer gut so:
Die eingangs gestellte Frage, wer nun die wirklichen VerliererInnen unseres zu reformierenden Bildungsystems sind, ist einfach beantwortet. Es sind nicht vordergründig DIE Mädchen oder DIE Jungen – es ist unser Land und damit wir alle.
Tags: Bildungsfrage, Diskussionen, Schule & Uni
April 14th, 2008 um 12:20 pm
Klingt ein bisschen wie die alte Leier von der dringend benötigten ‘männlichen’ Identifikationsfigur…
Als müsste man Geschlechteridentitäten auch noch verfestigen… *seufz* Man sollte sich lieber an einer pädagogischen Auflösung derselben versuchen. Vom wem das gemacht wird, ob ‘Mann’ oder ‘Frau’ ist dann auch egal…
April 14th, 2008 um 12:39 pm
@ Sven: Ich habe gegen männliche Identifikationsfiguren nichts einzuwenden. Ist etwas dagegen einzuwenden, wenn jemand mit den Kindern Drachen baut, ihnen erlaubt, auf Bäume zu klettern, vermittelt wie man sich durchsetzt, mit den Kindern rauft, zum Angeln geht und Fußball spielt und mal ordentlich mit ihnen durch den Garten tobt? Ich finde nicht. Es sollte viel mehr von ihnen geben.
Andreas B.
April 14th, 2008 um 12:43 pm
und warum sollten weibliche Identifikationsfiguren das alles nicht machen??
April 14th, 2008 um 12:59 pm
@Andreas:
Ich schließe mich Elisabeths Frage an… Was für eine Rolle spielt das Geschlecht bei den von dir angesprochenen Tätigkeiten?
April 14th, 2008 um 1:02 pm
Aus meiner Sicht: natürlich keine. Warum auch?
April 14th, 2008 um 1:16 pm
…mich würde es als junge auch nerven: geht er in den kindergarten nur erzieherinnen, kommt er in die grundschule nur lehrerinnen - nur vielleicht der rektor ist männlich…und erst mit dem übergang zu weiterführenden schule, hat der junge die möglichkeit auf eine männliche bezugsperson zu treffen!!! das stinkt!!! es impliziert ja gerade, dass frauen sich nur um die erzieherischen aufgaben zu kümmern haben, die im kindergarten und in der grundschule ja noch vorrang haben!!! aber sobald der fachliche teil im bildungssystem (weiterführende schulen) beginnt, trifft man auf männer… was wird denn bitte den kindern da für ein bild vermittelt!!!
April 14th, 2008 um 1:18 pm
((Dieser Kommentar wurde gelöscht.))
April 14th, 2008 um 1:27 pm
zu meinem kommentar von 01:16:
aber auch den mädchen fehlt die männliche bezugsperson, denn wenn das vorurteil, welches savvalis geschrieben hat, stimmt, dass frauen keine spielzeugbagger zusammenbauen können, dann muß endlich jemand her, der den mädels und bengels zeigt, wie das funktioniert, damit sie es dann bald auch alle können!!!
ich hab ja mal nen praktikum im kindergarten gemacht, allerdings hat sich das vorurteil nicht bestätigt, denn die erzieherinnen waren in sachen kinderspielzeug echt allround-talente!!! zu der zeit gab es dort auch zwei männliche praktikanten und die waren bei allen kindern echt beliebt und immer von ihnen umringt…
April 14th, 2008 um 1:27 pm
Hey Savvalis, pack doch deine Vorurteile wieder ein und geh woanders spielen. Ich kenne jedenfalls genügend Frauen, die ihre Waschmaschine alleine auseinander schrauben und beim Spielzeug zusammenbauen eine sehr gute Figur machen. Und dann wieder jede Menge Männer, die gern am Herd stehen oder stundenlang im Garten Pflänzchen umbuddeln.
April 14th, 2008 um 3:26 pm
Ich denke man sollte immer mitdenken, daß die Auflösung von klaren Standards mit mehr Freiheit auch mehr Unsicherheit bringt. Aus meiner Sicht wird es - solange sich die Menschheit sexuell fortpflanzt - auch kulturelle männliche und weibliche Rollen (und nicht nur das biologische Geschlecht), weil die Paarungsanbahnung ja innerhalb einer sozialen Situation und nicht in einem Vakuum stattfindet. Frauen haben eine (statistische) tendenzielle Vorliebe für das Männliche, und Männer eine (statistische) tendenzielle Vorliebe für das Weibliche. Sowohl was die Biologie betrifft als auch die jeweilige kulturelle Ausprägung. Ob und inwieweit es gelingen kann, über neu ausgehandelte Rollen Individuen gleichzeitig mehr Freiheit UND mehr identitäre Sicherheit zu geben, ist aus meiner Sicht die große Herausforderung in diesem Zusammenhang.
April 14th, 2008 um 4:28 pm
@ Elisabeth:
Sie können es schon, was gerbe auch als Widerspruch an Savvalis gedeutet werden darf.
Es ist vielmehr die Frage, ob sie es denn *wollen*. Wieviele Frauen kennt ihr, die den Kindern all das vermitteln, was Kinder vor der Ausgrenzung der Männer und der Verteufelung alles Männlichen noch mit auf den Weg bekamen?
Das Ergebnis können wir heute bestaunen: Kinder, die von der Natur schon so weit entfremdet sind, daß sie nicht mal mehr eine Buche von einer Eiche unterscheiden können.
Andreas
P.S. Meinen anderen Beitrag dürft ihr gern auch freischalten. Er ist nicht gefährlich. Veritates dolent, so ist das halt im Leben.
April 14th, 2008 um 4:47 pm
Schön gesprochen Tobias.
Das selbe Problem stellt sich ähnlich bei der guten alten Debatte um eine Balance zwischen öffendlicher Sicherheit und Freiheit in der Demokratie. Wobei ich immer eher auf der Seite der Freiheit stehe, natürlich auch bei der Geschlechterrollenfrage.
Geschichtlich gesehen kann die Geschlechterrollenentwicklung als Teil des allgemeinen Verschwindens von Tradition in der Modernen Welt gesehen werden, die oft auch mit Orientierungslosigkeit einhergeht. Der entscheidende Punkt ist meiner Meinung nach, dass eine Einseitige Orientierung auf Sicherheit bzw. ein Zurückfallen in (oft dogmatische anmutende) Traditionsmuster und (damit) eben auch Geschlechterrollen die offensichtlichen Probleme nicht löst.
Kurz gesagt: Den Mann wieder Jagen zu schicken und die Frau an der Herd zu beordern ändert gar nichts! Den Sinn von Geschlechterrollen in der möglichen Lösung aktueller Probleme zu suchen ist Unsinn! Genauso wie Gesellschaftliche Probleme auf die Genderproblematik zu reduzieren. Das heißt nicht, dass diese kein Teil davon ist.
April 14th, 2008 um 4:50 pm
@P.S.:Andreas
Deine Wahrheit ist keine!
April 14th, 2008 um 4:57 pm
“Ausgrenzung der Männer und der Verteufelung alles Männlichen”
- meine Güte, nur weil Machismo in Form von Frauenverachtung nicht mehr Gesellschftsfähig ist (zum Teil wohl nur), geht doch nicht alles männliche zum Teufel..
April 14th, 2008 um 4:58 pm
Was ich nicht verstehe: Wie kann man nur auf die Idee kommen, von Kindern etwas zu verlangen, was die Erwachsenenwelt nicht vorlebt: Die Aufgabe von Geschlechteridentitäten.
Daß Double-Bind schwere psychische Gewalt ist, sollte sich nach den (Menschen-)Experimenten der 68er eigentlich herumgesprochen haben.
April 14th, 2008 um 5:00 pm
@ Andreas: In welcher Parallel-Realität lebst du denn? Die Frauen sind daran schuld, dass Kinder keine Bäume mehr kennen? Wahnsinn. Ich würde mal meinen, da sind die Eltern schon gemeinsam “Schuld”. Und: Männer werden in unserer Gesellschaft nicht ausgegrenzt oder verteufelt. Wer so einen Quatsch erzählt, will hier anscheinend nur mal ein bisschen durch die Gegend spucken.
Und genug Mütter bringen ihren Kindern all die Dinge bei, die vielleicht sonst eher von den Vätern “erwartet” werden. Meine zum Beispiel. Und die wollte das auch tatsächlich so. Und war trotzdem keine Ausnahme. Du kannst doch nicht allen Ernstes behaupten, Müttern würden mit ihren Kindern nur die “rosa” und die “unnatürlichen” Sachen machen wollen!
April 14th, 2008 um 5:03 pm
Gut der krasse statistische Unterschied im schulischen Abschneiden von Jugen und Mädchen ist natürlich nicht ohne Geschlechterrollen diskutierbar, weil der Unterschied ja gerade Geschlechterspeziefisch ist. Nur ist die Frage, ob die traditionellen Geschlechterrollen Grund oder Resultat für diese Leitungsunterschiede sind. Ich sage vor allem Grund und deshalb nicht durch sie lösbar.
Der lange Beitrag eben war ein bischen allgemein. Wollte ich aber immer schon mal sagen ;)
April 14th, 2008 um 5:04 pm
@ Felix: Das wird die Zukunft zeigen.
April 14th, 2008 um 5:05 pm
Nach neueren pschologischen Erkenntnissen ist Double-Bind als Hauptauslöser von z.B. Schizophrenie nicht haltbar. Läuft heute unter “wenig konstanten oder wiedersprüchlichen Umwelteinflüssen”.
April 14th, 2008 um 5:07 pm
Ich will überhaupt nicht, dass irgendjemand seine Identität aufgibt. Aber ob ich einen Bagger reparieren kann oder nicht, hat mit meinem Geschlecht überhaupt nichts zu tun.
April 14th, 2008 um 5:07 pm
Und dieser lange Beitrag gefiel mir sehr gut, lieber felix! Weil ich das genauso empfinde und beobachte: Wegen der Milliarden an Optionen wünschen sich viele einfach ein bisschen Orientierung zurück. Und eine nicht unerhebliche Zahl von ihnen denkt sich dann: “Ich als Frau bin eben von Natur aus diejenige, die …” Das macht die Sache einfacher, aber ist gleichzeitig eine, wie ich finde, absolute Verweigerungshaltung gegenüber dem “Projekt” Zukunft. Die müssen wir schon selber erfinden, da werden uns keine Modelle aus den 50er Jahren helfen.
April 14th, 2008 um 5:10 pm
“Ich als Frau bin eben von Natur aus diejenige, die…”
Das ist nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr, dass Frauen denken: “Der als Mann ist eben von Natur aus derjenige, der …”
April 14th, 2008 um 5:11 pm
Beides ist ein Problem. Und zwar das Gleiche.
April 14th, 2008 um 5:11 pm
@felix: Moment mal, alle betrachten mein Kind, das von mir Abhängig ist, als Jungen - Und ich verlange von ihm gleichzeitig, er solle kein Junge sein.
Nun erzählst du mir: “Macht nix, ist schon okay - Schizphren wird er davon nicht”??
April 14th, 2008 um 5:16 pm
@Elizabeth: Das ist ja auch völlig in Ordnung. Aber ein Junge braucht jemand, mit dem er sich als Junge identifizieren kann. Wenn er nur weibliche Bezugspersonen hat, ist das ein bisschen schwierig, denn er wird ja als etwas anderes behandelt als seine Schwester.
April 14th, 2008 um 5:27 pm
@felix: Früher hatten Jungen traditionelle männliche Vorbilder und waren gut in der Schule. Warum sollen also dann die traditionellen Männlichkeitsbilder die Ursache sein?
P.S.: Nicht immer alles glauben, was in der EMMA steht. Sie ist tatsächlich Männerfeindlich
April 14th, 2008 um 5:30 pm
In der Zeit gab es mal ein aufschlussreiches Interview zum Thema Männer/Väter als Bezugsgröße für Kinder:
http://www.zeit.de/2006/28/B-V-ter-Interview
Einer der Schlüssel-Sätze heißt interessanterweise:
“Wer nach einfachen Antworten sucht, hat schon verloren.”
April 14th, 2008 um 5:36 pm
“nur weil Machismo in Form von Frauenverachtung nicht mehr Gesellschftsfähig ist”
ist es leider doch sehr. Siehe Berichterstattung in Boulevardpresse, siehe “Musiker” wie Bloodhound Gang, Limp Bizkit usw. Siehe auch (amerikanisches) Mainstreamkino. Siehe die allgemeine Gesellschaftsfähigmachung von Pornofilm/ Porno-”Stars” und Sexmessen (es gibt Ausnahmen, klar, aber es gibt zu viel hochgejubeleten Scheiß).
April 14th, 2008 um 5:50 pm
Was in diesem Artikel auch steht, ist ja die Unfähigkeit, mit Freiheit umzugehen. Ist das so?
April 14th, 2008 um 5:53 pm
@ Barbara: In der Soziologie wird schon davon ausgegangen, dass Freiheit erst mal nichts per se Gutes oder Schlechtes ist. Ein im sozialen Sinne “freier” Mensch ist auch ein einsamer Mensch, weil er keinerlei soziale Bindungen hat.
Und in Sachen Kindererziehung empfinde ich es schon auch so: Wenn dir niemand sagt, was richtig und was falsch ist, wenn du keine Vorbilder für einen konstruktiven Umgang mit Konflikten oder ähnliches hast, dann ist das ganz schrecklich für ein Kind. Laut vieler Wissenschaftler reagieren ja viele Kinder auf diese “Freiheit” mit Gewalt.
April 14th, 2008 um 6:48 pm
Barbara,
“Was in diesem Artikel auch steht, ist ja die Unfähigkeit, mit Freiheit umzugehen. Ist das so?”
Naja, das kommt drauf an - aber Menschen haben eine begrenzte Rationalität. Und Rollen, Institutionen, etc, dienen (auch und vor allem) dazu Komplexität zu reduzieren - so daß man eben nicht immer als neu aushandeln muß wie bei Habermas. Das heißt nicht, daß alle Rollen gut oder gleich gut sind oder sie nicht veränderbar sind - ich denke, daß ist offensichtlich. Aber es heißt eben auch, daß sie immer ein nicht unwesentlicher Bestandteil bei der Organisation menschlichen Verhaltens sein werden und daß man sie nicht als automatisch problematisch ansehen sollte. Sie mögen unangemessen sein und Veränderung erfordern, aber kognitiv sind sie dazu da, das Leben zu erleichtern.
April 14th, 2008 um 10:07 pm
Ich kann hier als Schweizerin die Diskussion des Schweizer Fernsehens empfehlen: http://www.sf.tv/sf1/club/index.php?docid=20080122
In der Sendung wird genau die Fragestellung des Blogs diskutiert.
April 15th, 2008 um 10:22 am
Und ein Kind, das keinerlei sozialen Bindungen hat, muß gefühlt um sein Leben bangen. (Auf sich allein gestellt, müsste es ja verhungern)
Ich glaube, man ist bei der Abschaffung der konservativen Rohrstockpädagogik - Die ohne Zweifel notwendig war - Zu sehr davon ausgegangen, daß der Mensch in seinem “innersten” “gut” ist. Man müsse es nur unbefangen aufwachsen lassen, dann würden sich seine “natürlichen sozialen Instinke” schon entfalten. Die mag es ja haben, aber die konkrete Ausgestaltung müssen wir den Kindern schon zeigen.
Das ist eigentlich eine Umkehrung von Erziehung: Die Kinder sollen uns, da sie “unverdorben” sind, zeigen wie man miteinander umzugehen hat. Kein Wunder, daß sie mit Aggressionen auf so eine Überforderung reagieren.
Das geht - und da gebe ich Andreas Bühler mit der “Verteufelung alles Männlichen” recht - Mit einer Verklärung des “Weiblichen” einher. Der edle Wilde hat freien Sex und lebt im Matriarchat. Eine Idee, die gerade die 68er beseelt hat wie sonstwas - Man betrachtet Frauen als Instinktverbundener, und die Mutterliebe als die höchste Form natürlichster Liebe.
So, jetzt könnt ihr über mein zusammengeschusterstes Weltbild herfallen..
April 15th, 2008 um 10:42 am
@ Nils: Ich wundere mich eher darüber, dass du dein Weltbild aus einer Zeit, die schon 40 Jahre lang vorbei ist, beziehst. Heute sind wir doch schon wieder eher am anderen Ende der Skala - “Lob der Disziplin” und all das. Oder eher noch: Es gibt eine Ausdifferenzierung der Erziehungsstile: tendenziell eher wenig Erziehung, weil Überforderung in den “bildungsfernen” Schichten und dafür ordentlich Zucht und Ordnung in den “leistungsorientierten” Schichten.
Und auch 1968 haben nicht ALLE plötzlich aufgehört, ihre Kinder zu erziehen. Es wird ja eher davon ausgegangen, dass die radikale Bewegung nur ein Fünftel der Bevölkerung war. Bei den restlichen 80 Prozent der Bevölkerung und vor allem im Bildungssystem sind die ganzen reformpädagogischen Konzepte wohl eher in homöopathischen Dosen und Schritt für Schritt angekommen. Hätten sich die 68er wirklich so durchgesetzt wie du das behauptest, hätten wir zum Beispiel überall nur noch Gesamtschulen. So ist es aber nicht. Komisch, ne?! Vielleicht, weil die, die da ganz oben sitzen, doch nicht ganz so durchgeknallte Typen sind wie du behauptest, auch wenn sie 1968 jung waren.
Es ist nur anscheinend gerade “in”, den 68ern unsere Probleme von heute in die Schuhe zu schieben. Ist mir etwas zu einfach. Wir müssen uns schon auch an unsere Nasen von heute fassen.
April 15th, 2008 um 10:45 am
@ Nils: Und jetzt deute bitte auf Feministen/Feministinnen, die Mutterliebe als “höchste Form natürlichster Liebe” betrachten… Ich sehe keine.
Auch wenn es Dir offensichtlich schwer fällt, das zu verstehen: Meinem Empfinden nach treffen sich in diesem Blog Leute, die weder das Männliche verteufeln, noch das Weibliche verklären. Leute, die gemeinsam überlegen wollen, wie die Zukunft aussehen könnte.
Also lass doch bitte Deine Klischees stecken, wenn Du hier schreibst.
Danke.
April 15th, 2008 um 11:05 am
Nils, ich stimme Thomas zu: Du kämpfst hier eher gegen Windmühlen, solltest dir zum “Aufklären” lieber ein Mütterfeminismus-Forum suchen. Dort wäre wirklich noch einiges zu tun.
Wer zum Thema den Kopf schütteln will, kann das z.B. hier tun:
http://sahmilitarywife.blogspot.com/
April 15th, 2008 um 11:11 am
@ Nils noch mal in Sachen Rohrstockpädagogik: Darf ich das umkehren? Dass da dann die Annahme war, der Mensch sei von Haus aus schlecht und müsse durch Züchtigung zum Guten bekehrt werden?
Ich denke, in jedem schlummert doch beides.
April 15th, 2008 um 12:13 pm
Moment mal, leute. Das Thema war hier in erster Linie Pädagogik - Und Feminismus nur am Rande. Warum fühlt ihr euch gleich wieder angegriffen?
Habt ihr euch nicht darüber beschwert, daß an jedem Thema sich eine Grundsatzdiskussion entzündet?
In den Schulen gibt es nun mal haufenweise alte 68er, und die Reformpädagik wurde nun mal maßgeblich von Rousseau beeinflußt. Da weht schon noch einiges von dem Geist umher. Ich habe mich kürzlich mit einer jungen Lehrerin unterhalten, und auch da habe ich ein ähnliches Bild wahrgenommen.
Und wenn ich mir sowas wie Peter Döges Utopie von einer nachhaltigen, weil von “weiblich konnotierten” Merkmalen beseelte Gesellschaft (die Trennung von Körper und Geist sei Männlich), oder Micheal Moores “Männer haben 10000 Jahre die Welt Regiert, und wir sehen ja, was draus geworden ist” anschaue, dann habe ich schon den Eindruck, daß auch hier noch ein wenig von dem Geist umherspukt.
Man kann doch nicht einfach deklarieren “der Feminismus will die Abschaffung des Mutterbildes”, und meinen daß deshalb der Feminismus plötzlich frei davon wäre.
Ich deklariere : “Ich bin gegen Rassismus”, und deshalb sind alle meine Gesinnungsgenossen frei von rassistischen Vorurteilen oder wie jetzt?
@Barbara: In jedem schlummert beides, jep.
April 15th, 2008 um 12:20 pm
Und wenn man den historischen Einfluß der 68er kritisch beleuchtet, dann heißt das noch lange nicht, daß man die 68er zum Sündenbock macht.
Sind die 68er eine heilige Kuh, die man nicht kritisieren darf?
April 15th, 2008 um 12:43 pm
@Susanne:
April 15th, 2008 um 12:43 pm
@ Nils
“Männer haben 10000 Jahre die Welt Regiert, und wir sehen ja, was draus geworden ist”
Das stimmt genauso. Das heist nicht, dass die Frauen es besser gemacht hätten, aber sie haben auch keine Chance gehabt es zu zeigen.
Vor allem aber haben wir in den letzten 1000 Jahren die Chance verpasst es gemeinsam zu versuchen. Und genau das sollten wir langsam (oder vielleicht auch ein wenig schneller) mal angehen.
In diesem Sinne bin ich auch für eine rücksichtslose Einführung einer Frauenquote. Dass dabei auch eine Männerquote verscucht werden sollte steht ausser Frage. Beispielsweise wo bei in einer Trennung der Aufenthaltsort der Kinder sein sollte. da gibt es nach wie vor zB eine eindeutige Rechtsprechung obwohl völlig unbewiesen ist, dass Frauen nach einer Trennung die besseren bzw. Männer die schlechteren Eltern sind.
Sowohl Mädchen als auch Jungen brauchen natürlich gleichgeschlechtliche Vorbilder. Das müssen nicht notwendigerweise Verwandte sein, auch wenn sich diese anbieten. Allerdings müssen das Vorbilder sein, welche die Eltern ebenfalls als Vorbilder anerkennen und das auch nachvollziehbar so gegenüber den Sprösslingen darstellen. Das geht aber die Glaubwürdigkeit der ganzen Erziehung an und daran mangelt es derzeit. Glaubwürdigkeit scheint mir ohnehin der wichtigste Aspekt in der Erziehung zu sein.
Die Freiheit zu tun was man will impliziert auch zuerst mal die Freiheit zu nutzen sich darüber klar zu werden was man denn wirklich will und welche Konsequenzen man bereit ist dafür zu tragen. Freiheit wir oft mit Richtungs- und Führungslosigkeit verwechselt, letzteres gerade im Umgang mit Kindern. Ich mag den Begriff der nnitautoritären Erziehung nicht udn würde eine gewaltfreue oder unterwerfungsfreie Erziehung vorziehen. Niemand kann ohne Vorbilder, also ohne Autoritäten, vernünftige Entscheidungen treffen, selbst wenn im Einzelfall eine bestimmte Entscheidung SO noch nicht getroffen wurde an die frau/man/kind sich halten kann. Aber eine bestimmte Richtung bzw. des Abwägens der grundsätzlicehn Überlegungen um zu einer verträglichen Entscheidung zu kommen bedarf der Orientierung an Vorbildern.
April 15th, 2008 um 1:02 pm
@bernd:
Da gab es schon ein paar, und sie haben gezeigt, daß sie es nicht besser (aber auch nicht unbedingt schlechter) machen. Was soll also der Quatsch von Micheal Moore? Natürlich sollte man versuchen, alle Menschen in das Regieren gleichberechtigt einzubinden.
Quoten sind so eine Sache, bei den Grünen z.B. gibt es dann nur ganz wenige Kandidatinnen, die zur Wahl stehen. Es müssen dann Positionen gewählt werden , die nicht unbedingt von der Basis getragen werden. Das ist wiederum undemokratisch.
Das Familienrecht ist auch in meinen Augen Gynozentrisch geprägt, unsere EU-Nachbarn sind da viel weiter. Leider sind es immer wieder die Konservativen auf der Einen, und Frauenverbände auf der anderen Seite, die Reformen blockieren. Was da Teilweise an Diffamierung der Vaterschaftsverbände - die nichts anderes fordern als das was jede klar denkende Feministin fordern müßte - gerade teilweise von feminstischer Seite kommt ist unglaublich.
Ich wollte nichts Anderes sagen als du, wenn du von Erziehung sprichst.
Gewaltfreie und Unterwerungsfreie Erziehung ist ein sehr schöner Oberbegriff, den ich sofort unterschreiben würde.
April 15th, 2008 um 1:05 pm
@Tobias:
“Ich denke man sollte immer mitdenken, daß die Auflösung von klaren Standards mit mehr Freiheit auch mehr Unsicherheit bringt.”
Klar, aber diese ‘Unsicherheiten’ sind produktive Ergebnisse der Freiräume, die entstehen. Anstatt die Kinder weiter in einer unsinnigen Sicherheit zu wiegen, sollte man ihren lieber Wege aufzeigen, in der Freiheit die Rolle zu konstruieren, die am besten zu ihnen passt.
@Rest:
Ich würde die Unterscheidung zwischen antiautoritärer und gewaltfreier (im weitesten Sinn) Erziehung befürworten. Gewaltfrei heißt, dass der Erziehende zugleich Vorbild als auch Partner ist und sich bemüht, dem Kind Freiräume aufzuzeigen, es aber nicht bevormundet.
April 15th, 2008 um 1:09 pm
@ Nils
;-) dann ist ja alles klar
April 15th, 2008 um 3:06 pm
Gerade damit habe ich Bauchschmerzen, weil man Kinder in Sicherheit wiegen muß. Man kann ihnen nur soviel Freiräume lassen, wie sie die Konsequenzen überschauen und tragen können. Sie müssen langsam lernen, immer weitreichendere Entscheidungen zu treffen - Da kann eine Bevormundung nicht ausbleiben, denke ich.
April 15th, 2008 um 3:21 pm
@Sven,
“Klar, aber diese ‘Unsicherheiten’ sind produktive Ergebnisse der Freiräume, die entstehen. Anstatt die Kinder weiter in einer unsinnigen Sicherheit zu wiegen, sollte man ihren lieber Wege aufzeigen, in der Freiheit die Rolle zu konstruieren, die am besten zu ihnen passt.”
Wenn alles gut läuft, *kann* das so sein. Der Regelfall ist das aus meiner Sicht leider eher nicht. Das ist ja genau der Punkt - von wo aus denkt man die “gesellschaftliche Verbesserung”? Vom Individuum und seinen Problemen her oder von einem abstrakten Ideal ausgehend - mich zumindest hat die Geschichte gelehrt gegenüber gesellschaftspolitischen Verbesserungsansätzen, die nicht vom Individuum her denken, eher skeptisch zu sein.
April 15th, 2008 um 5:52 pm
Gerade damit habe ich Bauchschmerzen, weil man Kinder in Sicherheit wiegen muß.
Wenn es um Geschlechterrollen geht, brauchen meist nur Erwachsene Sicherheit. Kinder brauchen die Sicherheit, dass ihre Eltern sie nicht hungern und frieren lassen, dass sie sich geliebt fühlen und dass immer jemand da ist, um ihren Po abzuwischen. Dabei ist es ihnen erstmal schnurz, ob Frauen angeblich besser kochen, wenn Papa lecker Kartoffelbrei macht, ist alles in Ordnung.
Wenn man ihnen dann Geschlechterrollen aufzwängt, sind die vielfach mit Enttäuschung verbunden. “Mädchen gehen doch nicht zur Feuerwehr, echte Jungs spielen Fußball statt zu tanzen”. Kleinen Kindern machen auch Homosexualität, Intersexualität etc. keine Kopfschmerzen. Es gibt keine biologische Voreinstellung, die Kleinkinder veranlasst vor zwei knutschenden Männern wegzulaufen.
April 15th, 2008 um 6:12 pm
@ Nils weiter oben: Kritik an ‘68 ist überhaupt kein Tabu. Nur empfinde ich manche deiner Beiträge, z.B. “(Menschen-)Experimente der 68er”, nicht gerade als Diskussionsgrundlage, sondern als pauschalisierende Schuldsuche.
April 15th, 2008 um 7:33 pm
@Susanne: Okay, der Begriff war etwas zu emotionsgeladen. Man muß natürlich berücksichtigen, daß bis 68 nicht die geringste Konsequenz aus Nazideutschland gezogen wurde, und daß es einer gründlichen Cäsur bedurfte. Wer neues macht, macht auch Fehler.
Aber die Idee, mit Erziehung einen “neuen Mensch” schaffen zu wollen finde ich - hm - gelinde gesagt unethisch.
April 15th, 2008 um 8:24 pm
Nils,
alle soziologisch dominierten politischen Bewegungen haben das Problem… genau darin liegt ja ihr größter innerer Konflikt. Befreiung in der Gruppe ist eben nur sehr begrenzt möglich, Befreiung außerhalb der Gruppe genauso. Das Verständnis von gesellschaftlicher Organisation und der Interaktion von nature/nurture - vor allem was die Zeiträume betrifft, in denen Veränderungen möglich scheinen - hat doch enorm zugenommen, auch und gerade durch die soziologischen Feldversuche des 20. Jahrhunderts. Deswegen finde ich ja auch die gegenwärtigen Versuche, einen Feminismus unter Einbeziehung eines individuellen Freiheitsbegriffes zu konstruieren, so spannend. Das, so meine ich, ist auch eine Spätfolge von 68, auch wenn die 68er ja mittlerweile wieder in der Demographie-Debatte gruppensolidarisch die Konsequenzen der Individualisierung bedauern, die ihnen von ihrer Elterngeneration noch immer vorgeworfen wird, und zwar sowohl von links (Die Renten, der Sozialstaat) als auch von rechts (Die Deutschen sterben aus!).