MTVs Serienhit „Faking it“ – sometimes nailing it, sometimes failing it

von Nadine
Dieser Text ist Teil 23 von 26 der Serie Die Feministische Videothek

Neulich schrieb ich noch, dass ich mir am liebsten Hetenserien gebe, weil ich darin unbeteiligte Zuschauerin bin. Und bis auf wenige Ausnahmen keine Serien mit hohem Anteil queerer Perspektiven und Figuren schaue, weil der Fokus oft auf Gewalt und Diskriminierung liegt. Trotz meiner anfänglichen Skepsis gegenüber dem Hauptplot von Faking it, folgte ich der Empfehlung einer Freundin, die die Serie aus dem Hause MTV mit einer Schüler_innen AG schaut.

Amy und Karma, zwei Teenager aus Austin, Texas besuchen die Highschool. Aber nicht irgendeine, sondern Hester High, eine Schule, an der Normabweichung gefeiert wird, statt mit Mobbing und Stalking darauf zu reagieren. Diskriminierung existiert an der Schule nicht, alle sozialen Gruppen sind vertreten, die Schüler_innen supporten sich gegenseitig. Klar, dass Amy und Karma, zwei weiße normschöne Heten da nicht viel zu melden haben. Während Amy mit ihrer unbedeutenden Position kein Problem hat, quälen Karma Selbstwertprobleme. Sie will dazu gehören und beliebt sein. Als die beiden versehentlich für ein lesbisches Paar gehalten werden und die Schule sie als Prom Queen Pärchen sehen will, lässt Karma sich nicht zwei Mal bitten. Sie überredet Amy das Ganze noch ein bisschen länger zu faken. Schließlich steht nun Liam, der Hottie der Schule auf sie. Und wir wissen ja, wie „interessant“ straighte Typen Lesben finden, die für Frauen vorgesehene Schönheitsnormen erfüllen.

Als Lauren, Amys Stiefschwester, die beiden als hetero outen will, verhindert Amy Laurens Plan, indem sie Karma vor der gesamten Schule küsst. Ein sehr folgenreicher, wie sich bald herausstellt, denn für Amy wird es nicht beim „Faking it“ bleiben. Und so spinnen sich herzzerreißende, selbstironische und empowernde Geschichten um Sex_ualität, Liebe, Beziehungen, Identität, Freund_innenschaft, Begehren und Gender, eingebettet in ein völlig unrealistisches diskriminierungskritisches Setting. Unrealistisch ist hier tatsächlich liebevoll gemeint, denn Faking it schafft es, eine Utopie zu kreieren, die Jugendlichen die Möglichkeit gibt, sich mit positiven Bildern zu identifizieren statt mit Trauma, Mobbing und Gewalt, ohne Diskriminierung als Fakt und die eigene Realität darin unter den Teppich zu kehren.

Obwohl mensch nicht lange braucht, um zu erkennen, dass der Kontext und die durchweg feministischen Perspektiven, die von Teenagern vertreten und gelebt werden, einen pädagogischen Zweck erfüllen sollen, ist Faking it alles andere als stockig, uninspiriert und überfrachtet. Nicht nur die eingestreuten Klischees und Überzeichnungen lockern auf, auch die Themen und Charaktere sind überraschend komplex und zugleich leicht zugänglich geschrieben: Dem Feiern von Diversity wird eine Kritik an Tokenism gegenüber gestellt, Typen reden offen über ihre Gefühle mit anderen Typen, heterosexuelle Coming-Outs vor Eltern und Mitschüler_innen kehren die Perspektive um und illustrieren damit wunderbar Heterosexismus und Homophobie, die Grenzen und Hierarchisierungen zwischen Freund_innenschaft und Liebesbeziehungen werden in Frage gestellt. Partys, Drogenkonsum und Sex bilden keine Projektionsfläche für misogyne, femininitätsfeindliche, slut-shamende und victim-blamende Giftspritzen. Vielmehr geht es um das Ausprobieren und Aushandeln eigener Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse und der Kommunikation mit anderen über diese. Umgänge statt gut gemeinter dogmatischer Vorgaben von „richtig und falsch“ scheint das Motto von Faking it zu sein.

Doch bei all der Lobhudelei für kurzweilige Popkultur, was wäre die Mädchenmannschaft ohne die obligatorische Portion Feminist Killjoy und Party Pooping? Auf die Frage, welche Körper in Faking it wie repräsentiert werden, fällt die Antwort wie so oft ernüchternd aus: (fast) ausschließlich weiß, schön, schlank, cis, nicht-behindert, gut situiert bzw. reich sind die Hauptfiguren Amy, Karma, Lauren, Shane und Liam. Andere Körper müssen in Nebenrollen ausweichen, die wenig Sprechzeit/Screentime haben und somit auf die Handlungen der Serie kaum Einfluss nehmen. Eine Lesbe of Color darf nicht nur für lesbische und rassistische Stereotypen herhalten, sie ist auch Hauptakteurin in einer „witzig“ gemeinten Racheaktion mit K.O.-Tropfen. Die zwar einen Typen trifft, um so viel vorweg zu nehmen, aber die K.O.-Tropfen selbst stammen aus Typenhänden. Rape Culture subtil verquer lustig(wtf) in a nutshell. Jackpot. Über den Umstand, dass die meisten LGBT Charaktere in Film und Fernsehen von straighten Cis-Personen gespielt werden, müssen wir erst gar nicht sprechen. Absurd wie kackscheiße werden auch die Themen Flucht und Immigration behandelt, wenn sich brasilianische Refugees als brasilianische Tourist_innen mit schönheitschirurgisch behandelten Nasen entpuppen. Das soll zwar – surprise – lustig sein, bagatellisiert aber in Gänze die in den USA wie auch hierzulande bekannte Problematik von Inhaftierung, Obdachlosigkeit, Rechtelosigkeit und Gewalt, die Migrant_innen und Geflüchtete erfahren. Weniger „Faking it“ würde der Serie ganz gut stehen.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 13. Oktober 2015 um 14:30 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. jasmin sagt:

    Danke für die Rezension. Diese Serie kannte ich bisher gar nicht.

    Ich habe gerade mal eine Suchmaschine bedient, um herauszufinden, wann die Serie läuft (das steht in deinem Artikel leider nicht – oder weiß nur ich solche Dinge nicht? :/). Für alle, die es interessiert, hier ist der Link, um online reinzuschauen: Zur MTV-Seite
    Für mich zumindest klingt „durchweg feministische Perspektiven“ sehr spannend. Bitte mehr solcher Serien, liebe Fernsehsender!

    P.S.: Ich hoffe, der Link funktioniert über HTML. Ich kenn mich leider nur mit Java aus.