Fahren dürfen sie, aber keine Fahrerlaubnis machen

von Susanne

Heute ein bemerkenswert abstruses Interview auf sueddeutsche.de, und zwar mit einem Abgeordneten des Konsultativrates in Saudi-Arabien, der darüber entscheiden soll, ob saudi-arabische Frauen in Zukunft uneingeschränkt Auto fahren dürfen.

SZ: Aber es gibt doch ein Gesetz, das den Frauen das Fahren verbietet.

El Sherief: Die westlichen Medien berichten immer über so ein Gesetz. Tatsache ist aber, dass das nicht existiert. Deswegen sieht man auch immer mehr Frauen am Steuer – vielleicht nicht in den großen Städten, aber in den Wüsten und auf den Autobahnen. Es gibt nur Probleme, wenn sie angehalten werden und dann keinen Führerschein vorweisen können.

SZ: Wieso?

El Sherief: Einen Führerschein dürften sie noch nicht machen.

SZ: Ich bitte Sie! Das kommt doch einem Fahrverbot gleich.

El Sherief: Es gibt kein gesetzliches Fahrverbot, also dürfen Frauen natürlich auch fahren.

SZ: Neulich wurde noch eine Frau vom Steuer weg verhaftet …

El Sherief: Ja, aber nicht, weil sie gefahren ist, sondern weil sie keinen Führerschein hatte.

Na dann.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 4. Februar 2009 um 12:27 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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23 Kommentare

  1. access denied sagt:

    Naja typische Islamistentaktik, erst sagen sie, ne das ist nicht verboten, aber dass dies durch andere Gesetze dann doch so ist, verschweigen sie. So wird auch regelmäßig die angebliche Freiheit von Frauen in islamistischen Systemen „bewiesen“

  2. sveni sagt:

    dürften sie noch nicht machen. was isn das?
    antagonistische irrtumslehre (son ne art neue konjunktiv???)

    ich schau jetzt mal ob ich die domain verkehrsbilder.com für ein euro krieg…
    … gekauft, vielleicht wird mal ein ausbildungsberuf draus, nur für frauen im nahen osten

    … darauf trink ich einen

  3. SoE sagt:

    Es ist nicht verboten, aber unmöglich. Das sind doch 2 totaaaaaaal verschiedene Dinge… (Und kommen sie mir jetzt nicht mit dem Ergebnis. Dann müßte ich ja zugeben, dass es aufs Gleiche hinausläuft.)

  4. jessica sagt:

    äh – wie bitte?!

    hier in der Schweiz gibts (oder gab’s vor 3 Jahren wenigstens noch, ich bezweifle, dass sich seither gross was geändert hat) eine ähnlich bescheuerte Geschichte:

    – Seit kurzem dürfen Frauen das traditionelle Fahnenschwingen betreiben, ja sie dürfen sogar im Verein mithelfen (je nach Verein)
    – Sie dürfen aber NICHT an den traditionellen Wettkämpfen teilnehmen, weil es noch keine Tracht für die Frau gibt, mit der man (also frau) die nötigen Fahnenschwing-Figuren ungehindert vorführen könnte – sprich: solange Frauen Röcke tragen müssen, können sie sich eben nicht offiziell im Fahnenschwingen mit den Männern messen – abstrus, oder?

  5. Miriam sagt:

    War die Begründung, warum die Frauen im Appenzell bis 1992 nicht wählen durften nicht auch ähnlich abstrus? Da die Männer zum 18. geburtstag einen Degen bekommen, die Frauen aber nicht, dieser Degen bei den Abstimmungen aber gehoben wurde, war es ja aus rein praktischen Gründen nicht möglich, die Frauen an den Abstimmungen teilnehmen zu lassen…

  6. Susanne sagt:

    Muahaha, manchmal ist Sexismus so einfach, man glaubt es ja gar nicht so recht.

  7. Anna sagt:

    Ich persönlich bin ja sehr fasziniert von dieser Fahnensache…

  8. jessica sagt:

    @Miriam: die degen-geschichte könnte glatt stimmen, da steht jedenfalls was von einem Gewehr geschrieben… und wenns nicht der degen oder das gewehr ist, dann sind es gleich die frauen selber, die sich nicht ums mitreden scheren… jedenfalls jene, welche ohne stimmrecht erwachsen geworden sind (und das ist ja bekanntlich und wahrlich noch nicht lange her) verzichten offenbar auch heute oft ganz freiwillig darauf, ihre stimme abzugeben, schliesslich ging das früher auch noch ohne, und man (frau) hat ja auch nicht so den durchblick usw… frauen legen sich eben auch selber nicht ungerne felsen in den weg (oder sind manchmal zu unmotiviert [zu wenig selbstbewusst?] die brocken wegzuhieven).
    @Susanne: ja, man will es gar nicht glauben!
    @Anna: sieht auch ganz fein aus, so geschwungene fahnen :-)

  9. jj sagt:

    Susanne,

    ich finde das Argument „Chauffeurskosten in der Wirtschaftskrise“ als Begründung für den parlamentarischen Reformeifer fast noch lustiger ;) Saudische Frauen als Krisengewinnlerinnen, wer hätte das gedacht…

  10. access denied sagt:

    „War die Begründung, warum die Frauen im Appenzell bis 1992 nicht wählen durften nicht auch ähnlich abstrus? Da die Männer zum 18. geburtstag einen Degen bekommen, die Frauen aber nicht, dieser Degen bei den Abstimmungen aber gehoben wurde, war es ja aus rein praktischen Gründen nicht möglich, die Frauen an den Abstimmungen teilnehmen zu lassen…“

    Nö, denn das war erstens Ende 1990 und zweitens wurde das Wahlrecht dort durch einen Gerichtsbeschluss eingeführt, nicht durch eine Abstimmung

  11. Kreske sagt:

    Loriot lässt grüßen. Ich weiß nur nocht nicht, ob ich lachen oder weinen soll….

  12. Miriam sagt:

    Natürlich wurde das Appenzell durch einen bundesgerichtlichen Beschluss gezwungen, das Frauenwahlrecht einzuführen, aber die Begründung, warum sich die Appenzeller dagegen gewehrt haben, es vorher schon lieber selbst einzuführen war, dass Frauen bei den Abstimmungen, an denen sie ja dann teilnehmen könnten, wenn sie das Wahlrecht hätten, nichts hätten, mit dem sie abstimmen könnten (ob nun Gewehr oder Degen, sei ja mal egal)

  13. Miriam sagt:

    übrigens wurde nur der Halbkanton Appenzell Inerrhoden vom Bundesgericht gezwungen, die Jungs in Appenzell Ausserrhoden haben sich ein Jahr vorher tatsächlich per Abstimmung dazu durchringen können… aber das nur nebenbei…

  14. access denied sagt:

    Nachtrag: Das mit den Degen kann insoweit sein, weil das Wahlrecht damals in vielen Teilen an den Wehrdienst gekoppelt war. Weiss aber nicht, ob die Degen gekriegt haben, weiss nur, dass die ihre MP’s mit nach Hause nehmen können (oder sogar müssen?)

  15. jessica sagt:

    ich glaub „müssen“ – mein bruder hat seine im schrank und mein freund die seinige auf unserm estrich. allerdings darf seit letztem jahr keine munition mehr zuhause gelagert werden (die diskussion darüber, ob die waffen auch abgegeben werden sollten, wird bei jedem „unfall“ und amoklauf neu entfacht)

  16. jj sagt:

    Und diese Kantone heißen wirklich Innerhoden und Außerhoden? Sorry. Aber das ist zu komisch ;)

  17. Miriam sagt:

    InnerRhoden und AusserRhoden, jj… ;-) aber das sind so ziemlich die konservativsten Kantone, die man sich vorstellen kann. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin 50 Jahre in die Vergangenheit versetzt worden, wenn ich dort bin…

  18. jj sagt:

    SchlupfRhoden ;) Dem Zeitgeist entschlüpft ;)

  19. Miriam sagt:

    Na, heute ein wenig albern? ;-)

  20. geschehen, durch Zufall in Ihr Blog, und ich möchte Ihnen meine besten Komplimente. Sehr gut gemacht und gut besucht.
    Ciao

  21. Judith sagt:

    was für ein scheiß. dass die frauen da nicht autofahren können ist beschissen genug. aber dann is es denen noch nicht mal wert sich eine halbwegs anständige ausrede auszudenken.

  22. Ariane sagt:

    Also die Geschichte mit Degen und Wahlrecht stimmt. Betrachtet man die Geschichte, war das Wahlrecht häufig an den Wehrdienst gekoppelt, war ja schon im alten Athen so, erst als man die Armen für den Wehrdienst brauchte, bekamen sie das Wahlrecht. Wahrscheinlich hat das noch lange nachgewirkt.

    Das mit dem Autofahren ist amüsant. Zwar sehe ich es nicht als das wichtigste Grundrecht an, Kohlendioxid en masse in die Atmosphäre pumpen zu können und frage mich auch, wie das mit Totalverschleierten aussieht. Dürfte eine Frau, die so verschleiert ist wie die Saudis überhaupt in Deutschland einen Wagen lenken? (wäre doch eine viel nettere Ausrede gewesen, bei uns verschleiern sich die Frauen aus religiösen Gründen, können in dem Aufzug dann aber nicht mehr sicher Autofahren). Die Führerscheingeschichte ist ja absolut peinlich. Aber das Nicht-Autofahren-dürfen sehe ich noch als das geringste Problem, da gibt es viel dringendere Rechte, die Frauen in Saudi Arabien verweigert werden.

  23. VerSacrum sagt:

    Naja, fairerweise sollte man dazu schon sagen, dass der Teaser zu dem Artikel so geht:

    „In Saudi-Arabien herrscht Fahrverbot für Frauen. Mohamed El Sherief will sich dafür einsetzen, dass das anders wird.“

    Und weiter heißt es:

    „El Sherief:
    Aber glauben Sie mir, bald wird es Frauen am Steuer geben, wie es in jedem Haushalt einen Fernseher und auch schon Frauen mit Doktortiteln gibt. Wir werden das nicht aufhalten können und wollen das auch nicht.

    SZ: Sie vielleicht nicht, aber die Sittenwächter, die dafür sorgen, dass die Scharia, das islamische Gesetz, befolgt wird.

    El Sherief: Die können nur ihre Meinung äußern, beschließen aber nichts. Außerdem steht in der Scharia nicht geschrieben, dass es den Frauen verboten ist, ein Auto zu fahren. Am Anfang werden sie von dem Gedanken vielleicht nicht so begeistert sein und ältere Generationen wahrscheinlich auch nicht, aber nur, weil es noch so ungewohnt ist. Doch mit der Zeit werden sie sich daran gewöhnen. Ist für sie ja auch finanziell besser.“

    Nicht, dass seine Ansicht zu dem ’nicht-vorhandenen Verbot‘ deswegen einen Deut besser wäre. Aber im Ganzen lesen und dann auch so betrachten sollte man das Interview schon. Die islamischen Staaten werden sich nicht in einem Jahrzehnt zu dem verändern, wofür wir ein Jahrhundert gebraucht haben – kann man von ihnen auch nicht verlangen, wie ich finde. Dass die Menschenrechte und gerade die Rechte der Frauen in fast allen islamischen Ländern mit Füßen getreten werden, da sind wir uns wohl alle einig. Anderen Menschen seine Meinung aufzwingen, hat aber bis jetzt selten funktioniert – sanfte Überzeugungsarbeit dagegen schon öfter mal… in diesem Licht sollte man seine Äußerungen vielleicht auch mal sehen…