#emmaistfürmich oder: Deutschland, dein Netzfeminismus.

von Nadine

Das „feministische“ Magazin Emma wollte wohl auch mal bei diesem Netzaktivismus mitspielen und rief unter #emmaistfürmich ihre Leser_innen dazu auf, Videobotschaften, Emails, Selfies, Tweets usw an die Redaktion zu senden. Auf Twitter kam der Hashtag besonders gut an und erfreut sich derzeit großer Beliebtheit, damit alle ™ endlich ™ mal sagen können, was vom Zentralorgan Alice Schwarzers zu halten ist. Nun sollte es nicht wirklich verwundern, dass an diesem Heft kein gutes Haar gelassen wird und der überwiegende Teil der Emma-Fans offenbar Twitter selten bis gar nicht benutzt.

Allerdings ist ja nicht erst seit gestern bekannt, dass die Emma so ziemlich alles ist, nur nicht feministisch. Bereits die fast zeitgleich gegründete, oft als „Gegenmagazin“ gewertete, Courage, und viele andere feministische, lesbische und frauenbewegte gedruckte Publikationen, die heute nicht mehr existieren (wen wundert’s?), verfolgten andere Strategien feministische Bewegungen und Debatten abzubilden und zu diskutieren als Paternalismus pur, auch wenn sie es oft genug nicht schafften, über den eigenen weißen, christlich geprägten, deutschen, frau=feminismus Tellerrand hinauszublicken. Alice Schwarzers Meinungen, die im übrigen keine Erfindung von Alice Schwarzer selbst sind, sondern gerade hierzulande auf fruchtbaren, anschlussfähigen Boden fallen, wurden, seitdem sie das erste Mal den Stift und öffentlich Reden geschwungen hat, als mindestens unzureichend und verkürzt kritisiert – so wie es die gesamte weißdeutsche FrauenLesbenbewegung wurde. Festgehalten in unzähligen Schriftstücken, archiviert und auffindbar mit ein bisschen Recherche. Im Allgemeinwissen haften geblieben dürften lediglich wenige „Interventionen“ (eher Inszenierungen) sein, z.B. das gruselige Gespräch mit Antifeministin Esther Vilar und Verona (damals noch) Feldbusch. Aktivist_innen erinnern sich auch gern an die großzügigen Geldspenden der ehemaligen Frauenministerin Kristina Schröder für das Schwarzer-Imperium.

Sich von der Emma und Alice Schwarzer zu distanzieren ist leicht, dienten beide doch schon immer als perfekte Projektionsfläche für antifeministische Diskurse und Schuldzuweisungen, dass der Feminismus(tm) so einen schlechten Ruf hat. Beides hängt leider miteinander zusammen. Schuldzuweisungen werden erteilt, weil Antifeminismus (auch) auf dem Rücken von Emma/Alice Schwarzer ausgetragten wird, allerdings wäre dann die Verantwortung eher in einer durch und durch antifeministischen Gesellschaft zu suchen. Solange Antifeminismus als Abwehr von Gleichstellungsbestrebungen verstanden wird. Dass auch letztere antifeministisch wirken, weil sie in dem Sinne nur eine marginale Gruppe von lediglich Frauen überhaupt im Blick haben und ein sehr eindimensionales Verständnis von Feminismus besitzen, ja das Gleichstellungsbestrebungen in Deutschland auf anderen Diskriminierungen aufbauen, wird gar nicht erst gesehen oder kritisiert. Intersektionale Praxis bedeutet auch im hiesigen Netzfeminismus oft: Erst ich (also weiß, middle-class, hetero) und (wenn überhaupt) dann alle anderen.

Im Grunde wird hier mal wieder eine Scheindebatte initiiert, um sich selbst als die_der bessere Feminist_in zu fühlen, die_der alles richtig_er macht. Nun ja, höchst problematische Personen und ihre Werke (aktuelles Beispiel: Lena Dunham, Emma Watson) werden solange abgefeiert, bis eine andere Schwarze Feminist_in, die nicht in Europa lebt und in den Augen der hiesigen weiß dominierten feministischen Gemeinde genügend Credibility und Famefaktor besitzt, sie kritisiert. Dann wird entweder mitkritisiert oder stillschweigend vergessen, was mal für gut und richtig befunden wurde. Das ist dann intersektional. Street Harassment, sexualisierte und häusliche Gewalt gilt solange als Bürde weißer Heteras, bis zu eben jenen mal vorgedrungen ist, dass weder alle Typen gleichermaßen Gewalt im öffentlichen Raum ausüben oder vom Patriarchat profitieren noch weiße Heteras der enormen Gewaltrealität ausgesetzt sind, die z.B. Schwarze Trans* Frauen und Trans* Frauen of Color erleben. Hauptsache #aufschrei lässt sich gut kapitalisieren. Über „die Migrantinnen und Transgender“ kann ja nicht auch noch gesprochen werden. Mein Körper gehört mir, solange er weiß, dünn, normschön ist und der deutsche Staat an seiner Reproduktion interessiert. Aber mitdenken, das tun wir. Irgendwie. Das ist nämlich intersektional. Und die Alice macht das nicht, deswegen ist die auch voll doof. Außerdem hat sie Queen Bey als Schlampe betitelt.

Dass überhaupt in den Köpfen zunehmend jüngerer weißdeutscher Feminist_innen angekommen ist, dass Feminismus nicht gleich Kampf gegen Sexismus bedeutet, den weiße Heteras erleben, ist in Deutschland Aktivist_innen wie Benjamin Baader oder May Ayim oder dem Zusammenschluss FeMigra zu verdanken, die sich vehement für Mehrdimensionalität eingesetzt haben und Kämpfe kämpften, die sich weit entfernt der eigenen privilegierten Radare abspielten. Nicht erst seitdem Audre Lordes Selfcare-Zitate cool gefunden werden oder bell hooks Schriften als kostenlose PDF regelmäßig auf Twitter verlinkt werden, um nie gelesen in den eigenen Bookmarks ihr Dasein zu fristen.

Mensch könnte sich auch mal fragen, ob der eigene Lippenbekenntnis-Aktivismus und Bullshittröten wie Alice Schwarzer so weit voneinander entfernt sind, wenn es um die Zentrierung eines weißen, heterosexuellen, bürgerlichen Frauenbildes und den damit verbundenen Erfahrungen geht. Solange immernoch von Minderheiten und Mainstream die Rede ist, solange immernoch der Bezugsrahmen die eigene Befreiung – entschuldigung – die eigene Gleichstellung mit den lukrativen Privilegien weißer deutscher Typen ist. Klar ist es wichtig, sich gegen all das zu stellen, was Alice Schwarzer stellvertretend für viele deutsche Mitbürgerinnen und Harald Martenstein für viele deutsche Mitbürger so meinen, dennoch kann die Alternative nicht sein, sich nur auf rhetorischer oder symbolischer Ebene dagegen zu stellen, damit das Absichern eigener Vorteile unerkannter bleibt.

Christiane Leidinger hat für eine Broschüre der Rosa Luxemburg Stiftung mal diese Literaturliste zum Thema «Frühe Debatten um Rassismus und Antisemitismus in der (Frauen- und) Lesbenbewegung in den 1980er Jahren der BRD» zusammengestellt.

Wer noch mehr über Street Harassment und Gewalt im öffentlichen Raum lesen möchte, findet bei Trudy ordentlich Lesestoff.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 5. November 2014 um 9:00 Uhr unter Aktivismus. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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7 Kommentare

  1. bluespunk sagt:

    hey, schicker artikel und ich gehe auch mit verdammt viel daraus d’accord. nur glaube ich dass zwei dinge dabei hinten runter fallen, was ich persönlich schade finde.

    nämlich erstens die tatsache dass solche hashtags ja auch eine gegen_normalität aufmachen können für diejenigen, die konkret in situationen sind, in denen sie diskriminiert werden. ich musste beim lesen spontan an einige situationen denken in denen mir ein twitteraccount und ein smartphone eine menge gebracht hätten.
    und in der einen davon vielleicht sogar konkret das emma bashing.
    (die eine war ein längerer klinikaufenthalt, während dessen mich die hetero- und cisnormativität allenthalben in einer eh schon sehr schwierigen zeit ziemlich beansprucht hat. dort musste ich mich tatsächlich u.a. hart von der emma abgrenzen. die andere war die zeit in der berufsschule, wo eins gut diskriminierungsbingo hätte spielen können und ich gar nicht wusste wo anfangen mit dem diskutieren. gleichzeitig habe ich dort auch viel über andere lebensrealitäten gelernt, was ich an dieser stelle nicht verschweigen will.)

    und zweitens dass dementsprechend der ich-schreib-jetzt-mal-schnell-da-son -hashtag-aktivismus (der für sich alleine nicht so viel mehr bringt als selbstvergewisserung, das sehe ich auch so) für einige (nehm ich mal an) ergänzend zu anderen über_lebenspraktiken stattfinden kann.

    in manchen situationen kann selbstvergewisserung ne ziemlich schicke sache sein.

    zusätzlich gibt mir dieses twittergeflimmer die möglichkeit, jenseits von persönlichen gesprächen die perspektiven von menschen die aus anderen gründen trouble haben als ich und die (vielleicht auch aus gründen) nicht in meinem nahumfeld sind mitzuschneiden.

    was mich auch nervt ist diese dynamik von: dissens/verfehlung ist skandal, skandalisiert werden die anderen, kritik an der eigenen praxis ist böse. überhaupt skandalisieren wird überbewertet in meinen augen. ja.

    ich glaube dass mein einwurf an deiner kritik etwas vorbeigeht, schicke ihn aber dennoch ab sozusagen als ergänzung, weil diese dimension darin für mich eben fehlt. hoffe ist nicht zu lang, zu wirr oder total off-topic.

  2. Nadine sagt:

    vielen dank für deinen ausführlichen kommentar und die weiteren gedanken dazu. ich versuche mal auf einige punkte näher einzugehen.

    gegen_normalität: völlig d’accord. hashtag-aktivismus und allgemein kritik via twitter hat ja in der vergangenheit schon einiges positives bewirkt und sei es auch „nur“ die selbstbestärkung bei persönlich erlebter kackscheiße, die eine person loswerden will. im konkreten fall emma: nun ja. es ist nun nicht so, dass die emma besonders hohes ansehen genießen würde. weder bei antifeminist_innen noch unter feminist_innen. emma diskreditiert sich mit jeder wortmeldung von selbst, auch dann, wenn sie sich super in hegemoniale diskriminierende diskurse einfügen. hier haben die leitmedien mit ihren antifeministischen artikeln wesentlich mehr einflussmacht. im fall emma eine gegen_normalität zu kreieren ist wie eulen nach athen tragen, das kind mit dem bade ausschütten oder offene türen einrennen. well, auch das ist ja nicht weiter eine kritik wert, wenn es nicht in einem größeren zusammenhang betrachtet auf eine form des aktivismus hierzulande fällt, die selten über empörung und skandalisierung hinaus kommt und diese form in erster linie dafür bemüht wird, das eigene gute selbst zu bestätigen, ohne eigenes zutun in diskriminierende strukturen und diskurse zu hinterfragen, zu kritisieren und in der eigenen feministischen alltagspraxis etwas zu verändern. charlott hat an anderer stelle schon darauf aufmerksam gemacht, dass bei anderen themen empörung und skandalisierung oft ausbleibt, nämlich dann, wenn ich nicht persönlich von der empörung profitiere, siehe z.B. NSU morde oder refugee protest bewegungen, wenn mich also etwas nicht direkt betrifft, ich nicht direkt adressiert werde oder der kontakt/austausch mit betroffenen nicht da ist.

    an feministischen aktivismus wird öfter von außen die forderung gestellt, mal selbst was zu unternehmen, statt immer nur zu kritisieren. gewiss ist diese forderung problematisch, weil jeder mensch etwas für gerechtigkeit tun kann und nicht auf „den feminismus“ warten muss, geschweige denn ist „der feminismus“ allein dazu da, alle themen, die sich im kontext antidiskriminierung abspielen entsprechend zu bearbeiten. trotzdem würde ich da gern konkreter hinschauen: wer hat welche kapazitäten und ressourcen und kann auf welche strukturen zurückgreifen zu welchen interventionen? ich hab das gefühl, dass viele diese frage nicht ehrlich beantworten wollen, weil dann dabei herauskäme, dass da doch ganz schön viel da ist und sich ein schlechtes gewissen einstellen würde. stattdessen wird sich öfter auf sehr individualisierte formen des aktivismus oder selfcare zurückgezogen oder werden diskriminierungsrealitäten größer behauptet, als sie tatsächlich sind. ich hatte neulich einen guten austausch mit eine_r freund_in dazu. er_sie meinte, dass die meisten aktivist_innen, die sich in queer_feministischen kontexten aufhalten, kein gutes einschätzungsvermögen haben, was lebensrealitäten als begriff bedeuten, wenn es um zugang zu wohnung, krankenversicherung, medizinischer versorgung nach wunsch, gesundheit, körperlicher unversehrtheit, staatsbürgerlich verbrieften rechten, finanzieller sicherheit, lohnarbeit, unterstützungszusammenhänge (freund_innen, wahl/herkunftsfamilie, arbeitskolleg_innen) oder wahlfreiheit in bezug auf die ausgestaltung des eigenen alltags geht. das hat sehr viel mit weißsein und (anerkannt) deutschsein zu tun, mit klassenspezifischer privilegierung und den möglichkeiten sich in bestimmte aktivistische kontexte zeitlich, habituell und intellektuell einzufügen (all das natürlich nicht getrennt voneinander, sondern immer zusammengedacht) auch wenn ich oft selbst tage habe, an denen es mir schlecht geht, ich kaum aus dem bett komme, ich mit diskriminierung, die ich selbst erlebe nicht gut umgehen kann, gesundheitliche probleme habe und meine eigenen ganz privaten kämpfe ausfechte, so weiß ich doch sehr zu schätzen, womit ich nicht umgehen muss.

    es ist auch eine frage von durch privilegierungen hervorgebrachten prioritäten, wie und welchen themen ich mich in meinem aktivismus und meiner lebensführung zuwenden kann. ich habe das gefühl, das alles wird viel zu häufig übersehen oder nicht mitbedacht oder mit dem argument „du spielst oppression olympics“ abgewürgt. nein. ich bin tatsächlich der überzeugung, dass es vielen menschen sehr viel schlechter geht als mir, auch hier in schland (egal, ob und wie sie an strukturen „leiden“, welche umgänge sie für sich finden oder es vielleicht auch gar nicht bemerken). und das hat weniger damit zu tun, dass es mir voll gut geht oder ich meine erfahrungen als nicht so schlimm werte, sondern dass ich versuche zu begreifen, was strukturen für auswirkungen haben. damit ich mir für meine politische praxis überlegen kann, wie und wo ich meine prioritäten setze. mir bringt es einfach nicht (mehr) so viel, mich so viel aufzuregen und ich will das auch nicht mehr so forcieren und mittragen, weil ich sehe, in welche (schein)kämpfe welche energien gesteckt werden, um hinterher die notwendigkeit von self-care/pause/rückzug einzuklagen. wer kann sich denn überhaupt zurückziehen? und ist mein rückzug nicht auch manchmal folge meiner verantwortungslosigkeit, mich an dingen aufzureiben, die mir nicht gut tun oder meine volle aufmerksamkeit ziehen (weil sie mich eher betreffen) oder mal da länger hinzuschauen, wo ich nicht für mich diskriminierungserfahrungen geltend machen kann? (und selbst die sind ja nochmal unterschiedlich erlebt, sexismus ist nicht gleich sexismus, zum beispiel)

    mir fehlen oft gemeinsame überlegungen zu sinnvollen ansatzpunkten und dem anschluss an bestehende bewegungen. mir fehlen ebenso gemeinsame überlegungen, wie wir uns gegenseitig bestärken und unterstützen können, jenseits von selbstorganisierter sehr intellektualisierter (und oft akademisierter) bildungsarbeit (texte lesen, texte verlinken, texte schreiben). empörung auf ein leichtes ziel gerichtet kann nicht die einzige antwort sein, die netzfeminismus hierzulande zu bieten hat. das emma-beispiel ist hier wirklich nur eins von vielen.

  3. distelfliege sagt:

    Moin Nadine!

    Ich schrieb auf twitter: “ ich fand es gestern cool, dass die HT aktion von emma nach hinten losging. feddisch. dinge können manchmal auch einfach sein.“

    Ist doch schick, dass sich Sexwork-Aktivist_innen zb stark beteiligt haben. Ist doch okay, dass die Emma wenigstens auf twitter sich nicht mehr als DAS Sprachrohr des Feminismus fühlen kann. Das sind keine super verwunderlichen Dinge. Es ist nicht die Weltrevolution und das muss es auch nicht sein. Dass wir uns an die eigene Nase packen sollten, versteht sich auch von selbst, und zwar laufend und nicht ab und zu.

    Ich hab dieser Tage öfter das Bedürfnis, Einspruch zu erheben, wenn wirklich zu jeder Gelegenheit drauf hingewiesen wird, wie viel Arbeit bis zur Befreiung von den Machtverhältnissen noch vor uns liegt. Ich find das „until all are free, no one is free“ auch super solidarisch und so. Aber ich vermisse, dass man zwischendurch einfach mit schadenfrohem Spass ein paar TERFs (Ausgeschrieben: Trans Exclusionary Radical Feminists) und rassistisch-feministischen Postillen in die Suppe spucken kann, ohne dass gleich wieder klar gemacht wird, wie sehr das einfach nicht genügt.

    Klar genügt es nicht. Weiß ich doch! Und ich hoffe, viele andere auch. Ich glaube, viele wissen das auch. Ich vertraue darauf.

    Zudem glaube ich, gerade Twitter und das Internet lässt eben genau diesen „Lippenbekenntnisaktivismus“ zu, da alles aus meist schriftlichen Äusserungen, sprich Lippenbekenntnissen, besteht. Ein Haufen Leute aus meiner Twitter TL gehen so im alltag noch ganz anderen Aktivismen nach, es sei denn, sie sind wegen Armut, Überarbeitung, und Sonstigem grad nicht in der Lage dazu.
    Das ist das, was wir im Netz dann nicht sehen.

    Und dann kommt noch hinzu, dass es viel zu kurz greift, bestimmte Anliegen als Lippenbekenntnis-Besserfühl-Aktivismus von weißen middle class Heteras zu kategorisieren.
    #aufschrei war z.b. für eine Freundin von mir total empowernd (weiß, working class, hetero). Für mich nicht, weil ich mich mit dem Thema lang genug befasst hatte und es einfach nix neues war für mich. Es war für mich weder empowernd noch hat es mich negativ betroffen. für andere wiederum war #aufschrei total kacke, weil sie nicht mitgedacht, ausradiert und übergangen wurden. Weisste ja selber, du hattest auch dazu gebloggt.

    Die Emmaistfürmich-Aktion war vielleicht auch gar nicht so eine „ich glaub ich bin was besseres“ Lippenbekenntnisaktion für die Sexworker, die sich beteiligt haben. Ich muss mal gucken, ob eine was dazu geschrieben hat, was es da für Wahrnehmungen und Beurteilungen gibt.

    Aber grad bei #aufschrei weiss ich immer noch nicht, wie ich mich zu so was verhalten soll. Vielen Frauen* in meinem Bekanntenkreis hat es einiges gebracht, und ich merke echt, wie viele davon politisiert wurden und heute z.b. auch über ihre Erlebnisse mit Alltagsrassismus bloggen und wieviel bessere/andere Gespräche jetzt unter uns laufen. Vorher war total so ne Abwinkerei/Abwiegelei/Derailing an der Tagesordnung, sobald es um anti-Diskriminierung ging.
    Andererseits seh ich total ein, wie scheisse es war, wie Lesben, Trans* und queers, als die grosse Aufschrei-Welle rollte, voll ausradiert und entnannt waren.
    Zum Glück hat meine persönliche TL keine heterosexistischen und rassistischen Tweets gebracht. Dann wäre klar: Da wär was gegen zu sagen gewesen. Aber bei meiner TL ging es nicht um Fails, sondern darum, dass für einige Frauen* etwas sehr wichtig und empowernd war, was anderen einfach nicht weit genug ging, für sie vielleicht auch „hetero-Pipifax“ war.

    Was ich aus so einer Situation machen soll, weiß ich einfach nicht.
    Können wir das nicht nebeneinander laufen lassen, und es auch okay gehen lassen, dass für verschieden positionierte Menschen auch verschiedene Dinge wichtig sind, und da einschreiten, wo eine Person andere, ob unwissentlich oder nicht, diskriminierend verletzt?

    Und an der Reflektion der eigenen Privilegien weiter arbeiten. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dem black feminism bin, ob im US raum oder hier im deutschsprachigen Raum. Ich glaube, da hast z.B. du weitaus mehr Kenntnisse und Arbeit hinter dir als ich, und mir fehlen da auch einfach noch viele Debatten und viel durcharbeiten von Texten. Ich bin auch der Mädchenmannschaft sehr dankbar, dass ihr hier Intersektionalität so groß schreibt wie es geht.

    Äh, also zu ner Art Punkt kommen:
    Mehr Geduld haben mit denen die noch nicht „so weit“ sind, langsam aber sicher weiter dran arbeiten, regelmässig reflektieren, und wenig Aktivismus ist besser als gar kein Aktivismus.

    Das sollte auch als Ergänzung sein. Als Gegenrede möchte ich das hier nicht rein stellen, zumal ich denke, ein feministisches Blog mit Reichweite sollte auch nicht alles flachschmusen, und ein kämpferischer Artikel ist besser zu diskutieren als so ein Wischiwaschi-Gelaber. Also schreib du ruhig die kämpferischen Artikel und ich ergänze dazu halt, dass ich es auch wichtig finde zu sehen, dass wir gar nicht so weit sein können wie wir es oft gerne hätten, dass es verschiedene Kenntnisstände gibt, dass es verschiedene Bedürfnisse gibt, und dass ich mir Kritik gleichzeitig hinter die Ohren schreiben werde und mit grosser Geduld und Verzeihlichkeit mir selber gegenüber mit kleinen Schritten weiter kämpfe.

    Soligrüsse
    Ziska

  4. bluespunk sagt:

    i get the point. das fehlt in der tat.

    *an die eigene nase fass*

    zumal das eine (skandalisieren von fails/abgrenzung von menschen die fehler begangen haben) das andere (praktische solidarität mit konkreten menschen die trouble haben und umverteilung von ressourcen) oft genug ausschließt in meiner wahrnehmung. das eine kann aber für das andere zur ausrede werden.

  5. Esther sagt:

    Hallo

    Ich habe den Eindruck, dass die Emma mit der Kampagne gegen Prostitution gesellschaftlich ungeheuer wirksam war. Überall wurde es in den Medien lanciert und es gibt nun auch einen Gesetzentwurf, der in verschiedener Hinsicht der Kampagne entgegen kommt. Ich kann sehr gut verstehen, dass Sexworker*innen und ihre Unterstützer*innen daher versuchen jede Chance zu nutzen darauf aufmerksam zu machen, wie sexistisch, klassizistisch und rassistisch diese Kampagne ist und wie sehr die Emma und Schwarzer darauf hinarbeiten die Situation von Sexarbeiter*innen zu verschlechtern. Zudem handelt es sich bei ihnen nun nicht grade um eine Gruppe, die mit allzu vielen Privilegien gesegnet ist. Der Anteil von Migrant*innen und auch Trans*Menschen ist vergleichsweise hoch in dieser Berufsgruppe. Die Gefahr von Gewalterfahrungen ist für alle hoch, auch grade von institutioneller Seite. Der Vorwurf, diejenigen die im Bereich Sexarbeit aktivistisch tätig seien, wären auf Grund ihrer Privilegien nicht repräsentativ und daher zu ignorieren, wird ja von der Emma selbst genutzt. Daher bin ich diesem Argument gegenüber skeptisch, denn es kann genutzt werden, um die Betroffenen komplett zu ignorieren. Das geht nicht. Mit Sexworker*innen sprechen, nicht über sie. Mit POC sprechen, nicht über sie. Mit Frauen muslimischen Glaubens sprechen, nicht über sie. Etc. Darin ist die Emma nicht besonders gut. Und wenn sich die Gelegenheit ergibt da sichtbar zu werden, und sei es mit einem Hashtag, dann nutzen sie diese Gelegenheit. Ich bin sicher, dass es einige Leute gibt, die auf die Welle aufspringen, um sich selbst ein gutes Gefühl zu verschaffen. Und dann noch Maskus, die jede Chance nutzen feministischen Aktivismus zu diffamieren… Schwierig. Ich kann gar nichts über die Verteilung selbst im Hashtag sagen. Aber viele Tweets, die ich gesehen habe, waren von einer echten Betroffenheit getragen, weil die Leute konkrete Stigmatisierung durch die Emma erfahren haben: Sexworker*innen setzen sich doch kontinuierlich zur Wehr gegen die Anmaßungen der Emma. Da erscheint es mir vollkommen konsistent auch diesen Hashtag zu nutzen. Und die ganze Debatte über Prostitution und Menschenhandel ist doch brandaktuell und wird auch in der Emma noch fortwährend bearbeitet. Was für eine Rolle spielen sie in Deinem Artikel? Hast Du sie nicht gemeint? Oder ist Dir ihr Aktivismus zu lasch? Zu sehr Lippenbekenntnis? Oder sollten sie weiter unten auf der Prioritätenliste stehen? Ich sehe einfach nicht, wie sie sich in Deine Argumentation eingefügen, habe sie jedoch im besprochenen Hashtag als sehr aktiv wahrgenommen.
    Viele Grüße
    Esther

  6. Nadine sagt:

    @distelfliege

    wenn sich menschen an kritiken und interventionen beteiligen, die direkt von den diskriminierungen betroffen sind, die sie kritisieren und dafür von unterstützenden ordentlich backup bekommen, finde ich das natürlich super. allerdings war #emmaistfürmich auch wieder ein sammelbacken für alle anderen, die nun auch mal senfen mussten, dass die emma total alles „istisch“ ist. ich guck mir dann lieber noch mal konkreter an, wer was sagst und was davon wie gehört und weitergegeben wird, als mich einfach nur damit zufrieden zu geben, dass auch vertreter_innen „der richtigen“ leute dabei waren. ich hab das ja bereits an bluespunk geantwortet, dass es immer lohnenswert, sich ganz konkret dinge anzuschauen, als einfach nur an der oberfläche zu befinden, dass kritik an emma immer cool ist oder menschen halt auch etwas bauchmiezelei und spaß brauchen.

    wenn ich mir die vielen nicht an mich oder an die mädchenmannschaft direkt adressierten reaktionen auf den artikel so anschaue, dann ärgert mich vor allen dingen eines: dass sich menschen in ihrem spaß bedrängt und zensiert fühlen und argumentationen verkürzen, um sie dann kritisieren zu können. was ist denn das bitte für eine debattenkultur? da ist kein interesse an austausch vorhanden oder kein wille, sich mit argumenten auseinander zu setzen, nur wieder das, was ich bereits kritisiere: empörung spielen. mir war es wichtig, bestimmte formen von netzaktivismus in einen größeren zusammenhang zu stellen. wer andere aspekte wichtig findet oder kritik äußern möchte, kann das doch gerne hier in den kommentaren tun. but well, vielleicht stehen sich da am ende des tages einfach grundverschiedene ansichten gegenüber, die nicht zueinander finden.

    ich hab das gefühl, dass auf jedwede kritik an vermeintlich richtigem sofort abwehr kommt, mensch wollte doch nur, mensch hätte doch nicht… ich dachte mal, dass es wichtig ist, das eigene gesagte ein bisschen in einem größeren kontext reflektieren zu können und wenn das nicht möglich ist oder gewollt wird, dann souveräner mit kritik umgehen zu können. nach dem motto: ach lass die party pooper von der MM doch labern, ich/wir hatten unseren spaß, wir brauchen keine validierung von außen. offenbar wird die aber trotzdem benötigt bzw. wird sich beschwert, wenn sie nicht kommt.

    ich stimme dir zu, dass lippenbekenntnisaktivismus in textbasierten austauschräumen wie twitter oder blogs quasi auf der hand liegt. ich denke, es ist fast kaum möglich diese schwierigkeit adäquat zu lösen, habe trotzdem mit dem netz schon andere erfahrungen gemacht, zum beispiel was netzwerke und schnelle verabredungen für aktion XY betrifft oder konkrete netzbasierte aktionen wie zum beispiel ganz aktuell der widerstand gegen diesen widerlichen typen julien. es führt dazu, dass der typ nicht mehr überall seinen müll an die leute bringen und frauen belästigen kann. und auch was blogs betrifft, muss ich ganz ehrlich gestehen, dass da immer mehr drin ist. dass es eigentlich nicht das medium „an sich“ ist, dass das problem darstellt, sondern „was“ mit diesem medium publiziert wird, welche perspektiven sich darin wiederfinden usw. nicht umsonst habe ich das storify von trudy verlinkt zu street harassment, das nochmal eine ganz andere perspektive auf gewalt einnimmt, als es bei aufschrei der fall war. und klar möchte ich nicht absprechen, dass dadurch einige leute politisiert wurden oder empowert. frag mich aber, wieso dann die ausradierung von erfahrungen oder die erfolge von aktionen immer auf dem rücken von anderen stattfinden müssen bzw, das in kauf genommen wird, damit wieder einmal diejenigen empowerment feiern können, die sowieso schon immer durch feminismus empowert wurden. dieses entweder oder nervt mich. dabei haben doch schon so viele aktivist_innen darauf hingewiesen, dass eine zentrierung von marginalisierten perspektiven eben auch zur verbesserung der lebenssituation von privilegierteren leuten führt. warum fühle ich mich erst empowert, wenn ich direkt adressiert werde, wenn es um mich und meine lebenserfahrung geht? das ist total problematisch und zeigt, wie empathielos ich auch durch die privilegierungen werde, die mir widerfahren. für mich ist eben nicht nur relevant, dass menschen auf ihre (un)intendierten erteilten verletzungen hingewiesen werden, sondern dass sich viel öfter die frage stellt, wo auch ständige unsichtbarmachungen durch ressourcenverteilung und themenpriorisierungen stattfinden (ganz egal, ob das erstmal „richtige“ kritiken sind). denn auch das trägt zu diskriminierung bei.

    und klar sind das krasse und sehr herausfordernde widersprüche, denen es sich zu stellen gilt, aber sich am ende des tages immer nur wieder hinzusetzen, das alles zu sehen und mit den schultern zu zucken oder „weiß ich halt auch nicht“ zu postulieren, ist halt auch nichts weiter als privilegierte ohnmacht. wie ich am beispiel von emma watson schon mal gesagt habe: sich selbst als gar nicht so weit entfernt von denen zu begreifen, die kritisiert werden, ist vielleicht ein ansatzpunkt. dass mich von watson in bezug auf weißsein nur entscheidet, wie wir politik machen und nach wem wir unsere politiken ausrichten. nicht, dass ich die bessere weiße bin, weil ich mich mit mehr dingen auseinander gesetzt habe oder länger aktivismus betreibe als sie (infame unterstellung meinerseits), sondern unsere konkreten handlungen unterscheiden uns voneinander. vielleicht mal eher die leute daran messen, was sie tun und nicht, was sie via twitter in die welt posaunen.

    ich schrieb auch nicht, dass #emmaistfürmich nicht alle probleme dieser welt löst und deshalb kritikwürdig ist. wenn darauf kritiken an meiner perspektive fußen, ist das einfach nur undifferenziert und scheinargument. es geht mir nicht darum, das ist doch gar nicht möglich. mein punkt ist (immer wieder), wem wir uns zuwenden, auf wen wir uns ausrichten und welche interventionen welche energien bekommen (bereitwillig) und welchem zweck das dient oder wem damit geholfen ist. feministischer netzaktivismus ist einfach ein sehr weiß dominierter und sehr bildungsbürgerlicher aktivismus, der einen bestimmten habitus erfodert, der zeitkapazitäten erfordert, eine bestimmte sprache und den willen, sich einzupassen. das heißt nicht, dass alle da middle class und studiert sind, aber eben doch bestimmte lebensrealitäten schlicht nicht vorherrschen. ich denke, das kann öfter mal reflektiert werden. wenn sich da z.B. weiße leute, die jahrelang in der uni gehockt haben und (bald) das volle privileg eines akademischen abschluss als deutsche genießen (egal ob sie damit erstmal in hartz IV rutschen oder nicht), gegenseitig klassismus vorwerfen, während andere gar nicht die chance haben teilzunehmen (wenn sie das wollen), ist doch einfach nur lächerlich. das meine ich mit lippenbekenntnisaktivismus. wieviel kontakt haben wir denn mit leuten, für die wir meinen, die ganze zeit in die bresche springen zu müssen? wäre es nicht auch eine überlegung wert, wie wir die privilegien, die wir jeweils haben, umverteilen können und auch außerhalb des netzes? wir können oft sehr viel weiter, als wir tun, da widerspreche ich dir. siehe auch meinen kommentar an bluespunk.

  7. Nadine sagt:

    Hallo Esther,

    vielen Dank für deine Punkte. Ich habe nicht kritisiert, dass Sexworker_innen die Emma kritisieren, sondern wer sich da auch reingesetzt hat und zu welchem Zwecke (Personen, die von dem, was die Emma schreibt, gar nicht negativ betroffen sind). Ich habe im Hashtag sehr wenige Sexworker_innen wahrgenommen, ebenso wenig dass sich der Protest hauptsächlich gegen Emmas Anti-Sexarbeit-Hetze richtete. vielleicht habe ich da nicht genau genug gelesen. Vielleicht wäre es aber auch – und so verstehe ich deine Kritik an meinem Text – gut gewesen, eben genau diese Stimmen nochmal stärker in den Fokus zu rücken, diesen Aspekt zu betonen.

    Du hast recht, der Entwurf der Großen Koalition zum „Prostitutionsschutzgesetz“ ist ein kompletter Schuss in den Ofen, wird sogar in der Form die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiter_innen verschlechtern, ebenso die Situation für Betroffene von Menschenhandel und sexualisierter Ausbeutung und sicher lässt sich nicht ausschließen, dass die Verlautbarungen von Emma ihren Teil dazu beitragen, obwohl ihr Hauptziel – das Verbot von Sexarbeit und die rechtliche Sanktion von Menschen, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen – nach wie vor nicht erfüllt ist.