Einfach ignorieren? Selbst wenn ich könnte, würde ich nicht.

von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 21 von 44 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Wir veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung der Autorin eine Übersetzung des Textes „I Wouldn’t Even if I Could„, den die großartige Melissa McEwan im vergangenen Monat auf ihrem Blog Shakesville gepostet hat. Eine Anmerkung zum Adjektiv “dick_fett”: Das Wort wird in der Fat-Acceptance-Bewegung als Selbstbezeichnung und politischer Begriff verwendet – eine objektive Beschreibung dafür, was “dick” oder “dünn” ist, gibt es nicht.

(Content note: Abwertung von dicken_fetten Körpern, sexualisierte Gewalt)

„Ignorier es doch einfach.“

Das ist der Rat, den ich zu zahllosen Gelegenheiten bekommen habe, wenn es um den grenzenlosen Hass gegen dicke_fette Menschen ging, der jeden Aspekt, jede Ritze unserer Kultur durchdringt.

Ich bekomme ihn von Menschen, die mich lieben und die nicht wollen, dass mich all jene Botschaften verletzen, die mir sagen, dass ich „weniger als“ bin, dass ich schwach und faul und grotesk und wertlos bin, und ich bekomme ihn von Menschen, die mich hassen und die Leute, die so aussehen wie ich, ungehindert mit ihrer Feindseligkeit bespucken möchten, die versuchen mich dazu zu zwingen, ihnen nicht den Spaß an ihrer Bigotterie zu nehmen.

Ich bekomme diesen Rat von Menschen, die glauben, die Tatsache, dass ich auf Herabwürdigung reagiere, dass ich überhaupt irgendwie darauf reagiere, sei ein Beweis für meine Überempfindlichkeit. Niemals ist es der Beweis dafür, dass jemand, der sich in Hass gegen dicke_fette Menschen ergeht, nicht empfindsam genug ist.

Ich bekomme ihn von Menschen, die mir sagen, dass ich nicht verletzt sein sollte oder kein Recht habe, es zu sein – Menschen, die etwas für Beleidigtsein halten, was eigentlich Geringschätzung ist.

Ich bekommen ihn von Menschen, die glauben, dass sie mich beschützen, wenn sie mich dazu drängen, die Abwertung dicker_fetter Menschen zu ignorieren, obwohl „ignorieren“ faktisch einfach bedeutet „nicht öffentlich sichtbar reagieren“. Bestätige es nicht. Führe deine Gefühle nicht weiter aus. Sprich nicht laut aus, auf keinen Fall laut, dass so etwas falsch ist. Das würde nur allen unangenehm sein.

Besser, dass ich mich stattdessen alleine unbehaglich fühle.

Darauf zu reagieren gibt den Mobbern Macht, sagen wohlmeinende Menschen, von denen ich weiß, dass sie intelligent genug sind um zu wissen, dass das nicht wahr ist. Die Unfähigkeit zu reagieren und das Schweigen geben ihnen Macht. Mobbing unwidersprochen durchgehen lassen gibt ihnen Macht. Ein Mangel an Verantwortungsübernahme gibt ihnen Macht. Aber meine Reaktion führt dazu, dass sich alle vor Unbehaglichkeit winden, also wird mir gesagt, dass es eine schlechte Sache sei, wenn ich reagierte.

Zu reagieren ist keine Schlechte Sache. Selbstverteidigung ist keine Schlechte Sache. Würde, Menschlichkeit, Selbstachtung sind keine Schlechten Sachen.

Ignorier es doch einfach.

Ignorier es einfach und tausche meine Würde, meine Menschlichkeit, meine Selbstachtung ein für deine momentane Bequemlichkeit.

Ignorier es einfach, wir wollen schließlich nicht, dass es irgendwie peinlich wird.

Für die Leute, die mich zu ihrer  Zielscheibe auserkoren haben.

Verpackt in diesen Ratschlag, diese Empfehlung es einfach zu ignorieren, ist die Folgerung – ein Vorwurf – dass irgendwas mit mir nicht stimmt, wenn ich es nicht hinkriege, es zu ignorieren. Dass das etwas ist, was ich hinkriegen sollte.

Es ist eine Sache, die ausgesprochen wird, eine Anschuldigung die gemacht wird von Leute, die nicht wissen, was sie mir da nahe legen.

Ignoriere das body shaming, das food policing und den Hass auf dicke_fette Körper, gerichtet gegen sich selbst oder gegen andere, die routinemäßig zu Konversationen mit Familienmitgliedern und Freund_innen dazu gehören.

Ignoriere die Werbekampagnen – in sozialen Medien, auf Nachrichtenseiten, auf Plakatwänden, im Radio, im Fernsehen, in Zeitungen, in Magazinen, auf Bussen, überall dort wo eine Werbeanzeige platziert werden kann – für Abnehmmedikamente und Diätpläne und Trainingsregeln und körperformende Kleidungsstücke und bariatrische Chirurgie und Fettabsaugung und all die neuen und glanzvollen Methoden mit denen ich meinen Körper verstümmeln kann (und sollte!), um ästhetisch erfreulicher auszusehen.

Ignoriere die Witze über Fett und das gewichtsbezogene Mobbing, das die ganze Zeit um mich herum vor sich geht. Ignorier es, wenn es mir von vorbeifahrenden Autos aus hinterhergeschrien wird. Ignorier es, wenn es in jeder einzelnen Fernsehshow vorkommt, die ich anschaue, auch in jenen, die gegen Mobbing, für „Diversity“ und irgendwie einer guten Sache verpflichtet sind. Ignorier es, wenn es in meinem Twitterfeed ist. Ignorier es, wenn es Teil dieses zum Schreien komischen neuen Mems ist, welches diese_r Fortschrittliche Promi gerade auf Facebook gepostet hat. Ignorier es in nahezu jedem Film, den ich sehe. Ignorier es in den Kommentaren in meinem eigenen Blog. Ignorier es in den Kommentaren der meisten Blogs. Ignoriere es in den Kommentaren zu meinen Youtube-Videos, wo die Menschen es gar nicht abwarten können, mir mitzuteilen, dass ich fett bin, als ob ich es noch nicht selbst bemerkt hätte. Ignorier es in meinem elektronischen Postfach. Ignorier die Witze über Fett und das gewichtsbezogene Mobbing überall wo ich hinsehe und –höre.

Ignoriere den eklatanten Mangel an positiven Darstellungen dicker_fetter Menschen. Ignoriere, das die präsentesten Bilder dicker_fetter Menschen die „kopflosen Dickerchen“ sind, mit denen Berichte über den „Krieg gegen die Fettleibigkeit“ illustriert sind. Ignoriere, dass ich in einer Kultur lebe, in der ein „Krieg gegen die Fettleibigkeit“ geführt wird.

Ignoriere entmenschlichende und vernichtende Kampagnen gegen dicke Menschen. Ignoriere diejenigen, die zwar nicht offen auf unsere Beseitigung abzielen, aber von dicken Menschen fordern, dass wir unsere Körper dazu bringen Dinge zu tun, die sie nicht tun können, damit wir uns in Menschen verwandeln können, die wir nicht sind. Und ignorier diejenigen, die ausdrücklich unsere Vernichtung anstreben – jene, die nahe legen, dass fette Menschen zusammen getrieben und beseitigt werden sollten, bevor wir das Land in den Ruin stürzen.

Ignoriere den Hass gegen dicke_fette Menschen in der Praxis meiner Ärzt_in. Ignorier ihn beim Kleiderkauf. Ignorier ihn, wenn ich in der Öffentlichkeit esse. Ignorier ihn, wenn ich Lebensmittel einkaufe. Ignoriere ihn, wenn ich ein Flugzeug besteige. Ignorier ihn, wenn ich im Bus sitze. Ignorier ihn, wenn ich in der Post in der Schlange stehe, oder Kaffee kaufe, oder irgendeine von den Dutzenden normaler Alltagshandlungen ausführe, die Leute so tun und die in einen Spießrutenlauf von bösen Blicken und feinseligem Starren und Spott und Kommentaren ausarten können, einfach weil ich fett bin.

Ignorier die Dinge, die mir nicht zu tun erlaubt sind, die Orte wo ich nicht passe, weil ich fett bin. Ignorier die Dinge, von denen mir gesagt wird, dicke Frauen „tun sie nicht“, „können“ oder „sollten“ sie nicht tun, und die Dinge die mir nicht wirklich subtil ausgeredet werden, und die Dinge die ich nicht tun kann, wie zum Beispiel in einem örtlichen Einkaufsladen ein Halloweenkostüm besorgen, dass nicht einfach nur ein riesengroßer Sack ist, weil ich fett bin.

Ignorier die Leute, die mir sagen, niemand würde mich jemals vergewaltigen, weil ich fett bin. (Ups.) Ignorier die Leute, die mir sagen, dass ich vergewaltigt werden sollte, weil ich fett bin.

Ignoriere die ständige Vermischung von Dicksein mit Bösartigkeit und Dummheit. Um zu zeigen, dass eine Figur ein Bösewicht oder Trottel ist, lässt man sie am besten unglaublich dick sein.

Ignorier die Menschen, die mir lange und detaillierte Anschreiben darüber schicken, wie mein Sexleben mit meinem Ehemann sein muss, weil ich fett bin. Ignorier die Leute, die mir E-Mails schicken, um mir zu sagen, dass mein Ehemann mich höchstwahrscheinlich überhaupt nicht fickt, weil ich fett bin. Ignorier die Leute, die mir E-Mails schreiben, um mir zu erzählen, dass er sich nicht von mir angezogen fühlt, weil ich fett bin. Ignorier die Leute, die mir E-Mails schreiben, um mir zu erzählen, dass er sich nur deshalb von mir angezogen fühlt, weil ich fett bin.

Ignorier die Dinge, von denen ich weiß, dass sie stimmen – dass dicke Menschen schwerer einen Job finden, dass dicke Menschen weniger verdienen, dass dicke Menschen bei Beförderungen übergangen werden, dass dicke Menschen von Vorgesetzten und Kolleg_innen als fauler und weniger ehrgeizig betrachtet werden; dass es für dicke Menschen schwieriger ist, Zugang zu Gesundheitsversorgung zu bekommen und die richtigen Diagnosen zu erhalten; dass dicke Menschen mehr für Produkte und Dienstleistungen zahlen müssen, auch wenn es dafür keine stichhaltige Begründung gibt.

Ignoriere, dass es immer noch total in Ordnung ist, wenn ein dünner Schauspieler einen Fatsuit anzieht.

Ignorier jedes Mal, wenn ich höre, wie jemand einer anderen Person den schlimmsten denkbaren Fluch an den Hals wünscht: „Ich hoffe, sie_er wird FETT.“

Ignoriere die Grausamkeit, die ich die ganze Zeit gegen dicke Menschen gerichtet sehe. Ignoriere, wenn mich jemand zum Ausnahmefall erklärt. Ich meinte nicht dich. Ignoriere, dass ich beständig dazu verpflichtet bin, mich an meiner eigenen Marginalisierung und an der Marginalisierung anderer zu beteiligen.

Ignoriere, dass viele Menschen mich unterschätzen, weil ich dick bin. Dass sie denken, ich bin nicht so schlau wie ich bin, oder nicht so stark wie ich bin, oder nicht so arbeitsam wie ich bin, oder nicht so sauber wie ich bin, oder nicht so geliebt werde wie ich bin. Ignoriere, dass diese Vorurteile mein Leben beeinflussen, und auch meine Möglichkeiten, auf Weisen die ich nicht immer kenne, nicht immer identifizieren kann.

Ignoriere all diese Dinge, und all die Dinge, die ich nicht in Worte gefasst habe.

Sag’s mir, sage ich zu der Person, die mich drängt, „es einfach zu ignorieren“. Was bräuchte es für dich, um zu ignorieren, was dir buchstäblich in jedem Moment an jedem Tag begegnet?

Ich kann es nicht ignorieren. Und ich würde es auch nicht, selbst wenn ich könnte.

Wer ich bin, wer ich sein möchte, hängt von meinem Nicht-Ignorieren der Tatsache ab, dass ich verachtet werde. Wer ich bin hängt davon ab, diesem Hass frontal zu begegnen und ihn zurückzudrängen mit der gesamten Kraft meines starken, zähen, fetten Körpers.

Ich werde mich nicht wie eine Person benehmen, die keinerlei Mumm hat. Ich werde jeden Tag hoch erhobenen Hauptes in die Welt hinaus gehen, und ich werde reagieren, wenn jemand versucht, mein Kinn zu senken und meinen Schritt zu verlangsamen.

Ich werde es nicht einfach ignorieren. Verlang gar nicht erst von mir, es zu versuchen.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 14. November 2013 um 9:00 Uhr unter Gewalt, Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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7 Kommentare

  1. hannah sagt:

    dem ist nichts mehr hinzuzufügen. DANKE!

  2. Koschti sagt:

    Ich kann dieses Buch sehr empfehlen: „Mythos Übergewicht“ von Achim Peters.

    Es bündelt eine Menge wissenschaftliche Erkenntnise darüber, dass dicke Menschen länger leben, schwere Krankheiten besser überstehen, Dicksein gar nichts mit mangelnder Beherrschung zu tun hat, und dass Diäten nicht funktionieren und darüber hinaus auch gesundheitsschädlich sind.

    Alleine schon aus rein wissenschaftlicher Sicht ist es sehr interessant, da es mit den üblichen Vorstellungen über „Übergewicht“ bricht, die auch in der Fachwelt so verbreitet sind, dass sie nicht hinterfragt und auch nicht mehr belegt werden müssen (!), und zahlreiche Studienergebnisse nennt, die ein ganz anderes Bild zeichnen. Aber es ist auch für Nichtmediziner gut geeignet, um das „Arsenal“ gegen das Fatshaming aufzustocken.

  3. Lea sagt:

    @Koschti: ich fand das buch schrecklich und SEHR unwissenschaftlich bzw pseudo wissenschaftlich. Ich denke da fährt man mit „intuitive eating“ (gibts auch auf deutsch) und Health at every size besser, aber letzteres gibt es leider soweit ich weiß noch nicht übersetzt.

  4. Rita sagt:

    Genialer Text. ich weiß nicht, wann ich zum letzten so was tolles gelesen habe!

  5. Chaoskatze sagt:

    Danke für das Post!

    Eine dicke, sichtbar „behinderte“ Frau (die als Dicke alles und als sog. „Behinderte“ sehr vieles unterschreiben kann(

  6. Koschti sagt:

    @ Lea

    Würde die Erläuterung deiner Kritikpunkte für diesen Rahmen zu ausführlich ausfallen?
    Eine absolute Wahrheit ist in der Medizin grundsätzlich schwieriger zu finden als in den exakten Wissenschaften, daher will ich (insbesondere auch als fachfremde Person) gar nicht ausschließen, dass es in Peters Arbeiten einige nicht ganz wasserdichte Schlussfolgerungen gibt. Aber komplett unwissenschaftlich? Das ist schon eine krasse Unterstellung für eine Forschungsgruppe, die von der DFG gefördert und deren Paper peer-reviewed sind. ;)