Eine mutige Frau

von Barbara
Dieser Text ist Teil 32 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek
Anna Boom / DVA

"Das Leben der Anna Boom" / DVA

Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die im Zweiten Weltkrieg vielen Menschen geholfen hat, vielen Menschen das Leben gerettet hat. Die Niederländerin Anna Boom ist heute eine alte Dame. Aufgewachsen als behütete Tochter einer Witwe steht ihre Gesundheit während ihrer Kindheit und Teenagerzeit im Vordergrund. Und auch ihre Mutter ist omnipräsent, die die einzige Tochter so gut wie nie alleine lassen möchte. 1942 reist Anna Boom dann 22-jährig ohne die Mutter nach Budapest  –  wegen der Liebe zu einem verheirateten Mann. Und ihrem immer drängenderen Wunsch nach Emanzipation.

In Ungarn, Bündnispartner von Nazi-Deutschland, arbeitet sie dann eher zufällig als geplant für den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. Sie überbringt Dokumente, fälscht Pässe, versteckt Menschen und deren Wertsachen. Später hilft sie auch im Krankenhaus bei der Versorgung der Kriegsopfer. Sie erlebt dabei Grauenhaftes – Menschen, die verschleppt werden, vor ihren Augen misshandelt werden und sterben. Als die russische Armee Budapest einnimmt, stellt sie sich gegen russische Soldaten und versucht, zwei Mädchen vor Vergewaltigung und Tod zu retten.

Doch in ihren Erinnerungen ist nicht nur Schrecken, sondern auch Alltägliches. Vom Winter 1944 weiß Anna Boom noch:

“Morgens war sie noch beim Zahnarzt gewesen. Daran konnte sie sich später erinnern, an dieses lächerliche, belanglose Detail. Hauptsache, die Zähne sind gesund! Sie kam sich vor wie ihre eigene Mutter … Die Russen waren nicht mehr weit – wenn auch niemand genau wusste, wo sie sich befanden. Womöglich würde schon bald der Kampf um Budapest ausbrechen, und sie dachte nur daran, ihr Gebiss kontrollieren zu lassen, solange es noch möglich war.”

Was für ein Mensch ist diese Frau, diese “mutige Frau”, die in größter Not an ihre Zähne denkt? Vielleicht ist es genau das, was ihren Mut ausmacht. Sie hat Prinzipien und Ansprüche, aufgrund ihrer Herkunft. Traut sich deshalb auch etwas zu – einmal herrscht sie Soldaten voller Selbstbewusstsein an und entkommt so einer Verhaftung. Sie spricht mehrere Sprachen, was natürlich auch ein Privileg ist, das ihr nutzt. Ihr Mut entspringt auch ihrer Unruhe. Denn ihr ganzes Leben über will Anna Boom etwas tun, lernen, verstehen, feiern, reisen. Sie bleibt nicht gerne am selben Ort, sondern ist am liebsten unterwegs – etwas, das sie durch ihre Mutter, die selbst ständig reiste, kennen und schätzen gelernt hat. Doch Anna Booms Reisen erinnert an ein Auf-der-Flucht-Sein – was wohl auch eine Folge des Krieges ist, den sie miterlebt hat.

Vielleicht liegt es auch an der Erzählweise des Buches, das über Anna Boom in der dritten Person spricht: Man kann man sich dieser Frau nur schwer nähern, sie schwer zu fassen kriegen. Und das entspricht auch dem, was sie tut: Sie ist “flüchtig”, sowohl in ihrer Reise- und Unternehmungslust als auch in ihrer Bindungsbereitschaft – obwohl sie andererseits ihren Lieben eine treue Freundin ist. Aber nur so weit sie ihr ihre Unabhängigkeit lassen. Die Ehe mit einem Mann, der ihre Freiheit beschneiden wollte, funktionierte nicht. Obwohl es nur schwer nachzuvollziehen ist, warum sie ihn überhaupt heiratete, wo er doch schon vor der Hochzeit in einem Brief alles klarstellte:

“Auf alle Fälle würde ich Dir nie erlauben, mit anderen Leuten (Ungarn etc.) während der Arbeitszeit, das heißt, wenn ich nicht dabei sein kann, auszugehen. Du hast selbst einmal gesagt, Du willst eine schöne Ehe haben, aber dann musst Du meinen Willen in dieser Hinsicht respektieren, sonst geht es nicht, verstehst Du das?”

Im Alter kommt Anna Boom dann doch noch zur Ruhe. Und diese Ruhe bedeutet keineswegs, dass sie domestiziert wird – kein “taming of the shrew”!  Sie trifft nach mehreren Beziehungen den richtigen Partner, einen Mann, der sie loslässt und damit halten kann. Durch sein nachhaltiges Interesse an ihr und ihrer Vergangenheit findet sie einen Weg für sich, ihre Kriegserinnerungen aufzuarbeiten, die sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verdrängt hatte. Und auch ihren Frieden zu machen mit dem verheirateten Mann, der sie 1942 nach Budapest reisen ließ.

Judith Koelemeijer, “Das Leben der Anna Boom. Die Geschichte einer mutigen Frau”. DVA, 2009. 288 Seiten, gebunden.

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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 27. August 2009 um 22:09 Uhr unter 1a-Schnecken, Frauenfakten, Himmelschreiendes Unrecht, Kultur. RSS 2.0. Kommentieren. Trackback.



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