Ein Buch nach dem anderen: 2014, das Jahr der Essays

von Charlott
Dieser Text ist Teil 90 von 120 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Wenn es an einem im letzten Jahr nicht mangelte, dann an Essay-Bänden von Autorinnen. Und vor allem auch Essaybände, die in den Literaturspalten (der englischsprachigen) Medien rauf- und runterbesprochen wurden und nicht nur verstaubt in der hintersten Ecke kleiner spezialisierter Bücherläden verblieben. Welche ich las:

Am 19. März erschien You Feel So Mortal: Essays on the Body von Peggy Shinner. In ihren zwölf Essays wendet Shinner in vielen Vignetten ihren Blick auf den eigenen Körper – und den Körpern anderer und wie diese alle in kulturellen Kontexten eingelesen, bewertet und gefasst werden. In einem Beitrag beginnt sie von ihrem komplizierten Verhältnis zu ihren Füßen aus eine Geschichte der Zuschreibungen bestimmter körperlicher Merkmale zu Jüd_innen und die einhergehende Abwertung. In anderen Texten widmet sich sich BHs, Schönheitsoperationen, Haaren und Autopsien. Sicher gibt es in dem Band auch Leerstellen zu Körperwahrnehmungen und Vorstellungen (schon allein, da Shinner ihr Erleben immer als Ausgangspunkt wählt), doch ist ihre dezidiert weiblich_jüdische_lesbische Perspektive auch ihre Stärke.

Nur zwei Woche später, erschien am 01. April The Empathy Exams von Lelsie Jamison, eine der schönsten Essay-Sammlungen, die ich bisher las. Jamison nähert sich in allen Texten auf ganz unterschiedliche Weise Fragen nach Empathie und der Un_Möglichkeit des Nachfühlens. Im titelgebenden und auch erstem Essay schreibt sie über ihre Erfahrungen als „medical actor“, als Schauspielerin, die für angehende Ärtz_innen in Examen Patientin mit allerhand Krankheiten und Schmerzen spielte. Im abschließenden (und vielleicht herausragensten) Essay schreibt sie dann über ‚tatsächlichen‘ Schmerz und zwar Schmerz von Frauen, dabei fragt sie, wie es möglich ist über Schmerzen zu sprechen ohne immer wieder in die kulturellen Tropen der „schwachen, leidenden Frau“ zu verfallen – und wenn das nur so schwer möglich ist, darf das ein Grund sein gar nicht über Frauen und Schmerz zu sprechen? (Jamison hat zu mindestens auf die letzte Frage eine klare Antwort: Nein.)

Rebecca Solnit wird häufig als die Erfinderin des Begriffs „mansplainer“ benannt. Am 20. Mai erschien der Band Men Explain Things To Me, inklusive eben jenes Essays, welcher zu der Zuschreibung führt – und stellt auch noch einmal klar: Nein, den Begriff habe sie nicht erfunden. Aber ihr Essay ist natürlich trotzdem ein perfektes Paradebeispiel für’s mansplainen. In den anderen Texten schreibt sie über Gewalt gegen Frauen, Virgina Woolf und die Öffnung der Ehe. Das ist mal spannender, kreativer (Woolf) und mal leider eher oberfächlich (Ehe).

Und für alle die Popkultur und feministische Theorien gleichermaßen lieben, veröffentlichte am 05. August Roxane Gay endlich Bad Feminist. Gay hat beschlossen eine „schlechte Feministin“ zu sein, damit meint sie in erster Linie Ambivalenzen auch einmal hinzunehmen. Von einem Podest, auf welches in größerer Öffentlichkeit agierende Feministinnen, könne eine eh nur schnell herunterfallen, darum steht sie nicht nur zum Unperfekten, sondern schließt dieses gleich in die Arme. Das Buch chargiert zwischen Rezensionen, Essays und Memoiren, zwischen viel Humor und Ernsthaftigkeit. Gay schreibt wie sie als Schwarze queere dicke Frau, als Kind haitianischer MigrantInnen in den USA, aufwuchs und durch den Alltag navigiert. Sie berichtet von ihren Erfahrungen im fat camp als Kind, sexualisierter Gewalt und warum sie auch mal zu Songs tanzt, von denen sie weiß, dass sie sie aus feministischer Perspektive ganz und gar nicht gut finden kann. Ein Buch, welches sich vor allem auch aufgrund der Schreibweise, für Einsteiger_innen in all diese Themen eignet.

Im Netz gelesen

Zum Jahresende blickten viele Publikationen auf das Buchjahr 2014 zurück – immer eine gute Chance um noch einmal Buchwunschlisten aufzufrischen. So stellte Autostraddle eine Top 10 für queere und_oder feministische Bücher vor, die Belletristik, Poesie, Essays, Memoiren und mehr umfasst. (Englisch)

The Year’s 10 Best Transgender Non-Fiction Books“ präsentiert Mitch Kelleway bei The Advocate. (Englisch)

Joy Goh-Mah stellt fest, es sei zwar schwer – einmal die feministische Brille auf der Nase – kulturelle Erzeugnisse einfach zu genießen, aber immer wieder findet sie doch Bücher mit spannenden Protagonistinnen, die nicht alle Klisches mitnehmen. Auf Media Diversified schrieb sie darum über ihre liebsten Bücher, die sie im letzten Jahr gelesen hat (die aber auch in anderen Jahren erschienen sein könne). (Englisch)

This Is Africa schaut nicht nur auf die letzten 12 Monate, sondern bringt gleich eine Liste mit 100 besten Bücher von 2010 bis 2014 von afrikanischer Autor_innen. Zwar sind da ein paar Datierungsfehler dabei, aber letzten Endes bleibt es eine super Liste für Leute, die anfangen möchten zu stöbern. (Englisch)

Im letzten Jahr erschien auch „A Cup of Water Under My Bed“ von Daisy Hernández. Im Gespräch auf The Rumpus spricht sie über Sprache und Macht, Migration, wie sie Englisch und Spanisch im Schreiben verbindet und Genregrenzen aufbricht. (Englisch)

Ein Artikel, der aufgrund der Länge gefühlt einen halben grauen Winternachmittag füllt, hat Katherine Angel für die Los Angeles Review of Books geschrieben. In diesem blickt sie einmal auf das große Feld von Geschlecht und Literatur, berichtet wie Frauen auf Veranstaltungen selten als Autorinnen erkannt werden, analysiert wie Schreibstile bewertet werden, wer und was veröffentlicht und besprochen, sowie wie auf Kritiken reagiert wird. (Englisch)

Neuerscheinungen

Dieses Mal gibt es schon einiges zum Gespanntsein und Vorfreuen für das erste Drittel des Jahres. Am 24. Februar werden Kim Gordons Memoiren Girl in a Band erscheinen. (Englisch)

Im März können wir Jayrôme C. Robinets Lese- und Hörbuch Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht beim neugregründeten Verlag w_orten & meer erwarten. Ebenfalls in diesem Verlag soll im April eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen von Emily Ngubia Kuria herauskommen. (beides Deutsch)

Im April wird auch ein neues Werk von Toni Morrison (God Help the Child) erwartet. Bereits auf vielen Liste der meisterwarteten Bücher für 2015 vertreten. (Englisch)

“Ein Buch nach dem Anderen” ist quasi mein Anti-Lese-Motto. Meistens lese ich viele Bücher parallel, aber ich stelle sie der Reihe nach vor. Was lest ihr denn gerade? Erscheinen demnächst Bücher, auf die ihr euch ganz besonders freut?




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Eintrag geschrieben: Freitag, 9. Januar 2015 um 14:00 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. accalmie sagt:

    Vielen Dank für die Zusammenstellung, Charlott :)!