Ein Brief an feministische Frauen(Lesben)-(Polit)gruppen: Über Frauen(Lesben)-Räume, (Queer-)Feminismus und nicht-binäre Genderverortung_identifikation

von Gastautor_in

Ich verorte mich als genderqueere Person und queer-feministische_r Trans*aktivist_in. Ich schreibe eigentlich keine Texte wie diese, habe keine theoretischen Auseinandersetzungen mit (Queer-)Feminismus, kann keine Theoretiker_innen lesen, habe nicht studiert, habe kein richtiges Abitur aber eine Konzentrationsschwäche. Also kann ich in folgendem Text nur mit meinen politischen Auseinandersetzungen und meinen Gefühlen argumentieren.

Liebe feministische Frauen(Lesben)-(Polit)gruppen,
ich fühle mich dem Feminismus stark verbunden, er begleitet mich seit ein paar Jahren und ich definiere mich sehr stark über ihn. Ich habe in den letzten Jahren einige offene Veranstaltungen von Frauen(Lesben)-Politgruppen besucht und unterstützt und finde viele Themen sehr, sehr wichtig. Manchmal weiß ich aber nicht so recht ob ich diesen Kampf überhaupt mitkämpfen darf, denn Identitäten_Verortungen außerhalb von Frau und Mann finden bei euch kaum_keine Erwähnung. Ich weiß, dass Anerkennung für feministische Themen oft sehr rar ist, was es nicht immer einfach macht dafür zu Kämpfen. Trotzdem ist mir wichtig, auch an euch meine Kritik herantragen zu dürfen:

Ich bin keine Frau, bin aber auch kein Mann. Mache jedoch tagtäglich Erfahrungen mit dieser Gesellschaft, die ihr wahrscheinlich „frauenspezifisch“ nennen würdet. Aber das sind meine Erfahrungen und die kann man mir nicht einfach so absprechen nur weil ich keine Frau bin. Denn nur ich weiß, welche Erfahrungen ich mache. Ich erlebe Sexismus, Cis-Sexismus und Hetero-Sexismus, weil ich meistens weiblich oder androgyn gelesen werde.

Und wenn ihr sagt, dass ihr auf geschlechtsspezifische Macht- und Unterdrückungsverhältnisse aufmerksam machen wollt und euch auf Feminismus beruft, fühle ich mich da mitgemeint. Jedoch passe ich nicht in das Konstrukt Frau bzw. FrauLesbe. Zu meinen Auseinandersetzungen mit Gender gehört es, mich bewusst keinem der offiziell anerkannten Geschlechter zuzuordnen. Und deshalb finde ich übrigens auch das generische Femininum ausschließend, wenn über Personen gesprochen wird die sich zum Beispiel als genderqueer verorten_identifizieren oder die Gender-Verortung_Identität nicht bekannt ist.

Ich werde von dieser Gesellschaft „frauisiert“ und somit als Frau und Lesbe diskriminiert. Meine Selbstbezeichnung ist aber eine andere. Die Raumfrage würde ich mir deshalb so beantworten: Es gibt diese Form der Machtausübung (Patriarchat), davon sind vor allem Frauen negativ betroffen, aber auch Personen, die sich selbst anders wahrnehmen, jedoch (z.B. auf Grund von weiblichkeits-Abwertung) sehr ähnliche Erfahrungen machen. Klar, Männer können auch unter dem Patriarchat leiden, sie profitieren aber eben auch wesentlich mehr als alle anderen Geschlechter.

Daraus ergibt sich, dass ich einen Raum eher über gemeinsame negative Erfahrungen mit Sexismen (und damit verschränkte Unterdrückungsmechanismen) definieren würde, anstatt negative Erfahrungen mit Sexismus nur an Frauen(Lesben) zu koppeln. Wenn Personen also feststellen, dass sie negativ von Sexismus betroffen sind und eher keine männlichen Privilegien haben, weil sie sich beispielsweise als genderqueer verorten_identifizieren, sollen sie sich für einen solchen Raum entscheiden können.

Was ich verstehe ist, dass wenn ihr ausschließlich von Frauen und Männern sprecht es euch wahrscheinlich darum geht Machtstrukturen zu benennen. Diese Gesellschaft also nur diese beiden Kategorien kennt und sie demnach auch für das Patriarchat die wichtigste Rolle spielen.

Aber ich bin der Meinung: So einfach ist es nicht! Geschlechtsspezifische Unterdrückung ist komplexer (geworden). Eine Benennung und Sichtbarmachung von Frauen im Zusammenhang mit diesen Machtverhältnissen muss eine Benennung und Sichtbarkeit von anderen (marginalisierten) Gendern nicht ausschließen. Denn es existieren ja nicht nur geschlechtsspezifische Machtstrukturen entlang von Mann und Frau, sondern auch zwischen offiziell anerkannten Gendern_Geschlechtern und unsichtbar gemachten Gendern_Geschlechtern. Und ich denke auch nicht, dass damit Machtstrukturen verwischt werden, jedoch dass es eine authentischere Herangehensweise wäre, würden auch andere Identitäten_Verortungen benannt werden.

Aber ich frage mich, wieso das nicht zusammen gedacht werden kann. Wieso muss das Eine das Andere ausschließen? Und das, obwohl wir es doch gar nicht so klar voneinander trennen können – dafür sind die Erfahrungen von Frauen und beispielsweise genderqueeren Personen zu ähnlich und gehören zusammen gedacht.

Andere Menschen haben eben einen anderen Umgang mit Sexismus, Zuschreibungen und Identität_Verortung gefunden. Und der ist vielleicht manchmal „nur“ eine Überlebensstrategie, aber deshalb nicht weniger wichtig. Und ob dieser Umgang jetzt weniger radikal ist oder nicht, darüber kann man streiten. Aber definitiv sind Non-Binary Lebensweisen nicht weniger wichtig um Geschlechtergrenzen aufzulösen. Im Gegenteil: Ich halte sie für maßgeblich, wenn es um die Auflösung von Geschlechtergrenzen geht. Genauso maßgeblich wie Personen, die sich politisch als Frau verorten und daraus machen was auch immer sie wollen!

Aber leider reiht auch ihr euch mit dieser nicht-Thematisierung in die gesamtgesellschaftliche Unsichtbarmachung von Trans*-Identitäten (jenseits von Mann und Frau) ein und das ist für mich teilweise sehr schmerzhaft, denn eigentlich ist die feministische Szene sehr relevant für mich.

Was will ich mit meiner Kritik sagen?
Ich will nicht darauf bestehen, dass ihr unbedingt Politik für mich macht und schon gar nicht will ich unbedingt in eure Räume. Wenn ihr zum Beispiel der Meinung seid, dass es wichtig ist, Räume zu haben, in denen Frauen sich über ihre Gewalterfahrungen austauschen können, die sie mit dem Bewusstsein eine Frau zu sein gemacht haben, dann werde ich das akzeptieren. Auch wenn es, wie gesagt nicht meine Herangehensweise wäre.

Aber was ich will ist ein bisschen Sichtbarkeit. Sichtbarkeit, dass es mich gibt und ich ziemlich genau die gleichen Erfahrungen mache. Egal ob es der sexistische Alltag ist, die Probleme die ich mit Care-Arbeit in WG´s mit Typen erlebe, meine Betroffenheit von häuslicher und sexualisierter Gewalt, etc.

Als Minimum würde ich mir wünschen, dass ihr z.B. auch Bezug auf Transmänner und Transfrauen nehmt und ob diese eurer Ansicht nach die gleiche Rolle wie jeweils Männer und Frauen innerhalb des Patriarchats einnehmen. Und was ich mich auch frage: Wie definiert ihr die Grenze zwischen einer Butsch-Lesbe und bspw. einer Transmännlichkeit, einer Gernderqueeren oder Noitrois Person? Was ist überhaupt mit Reproduktionspolitik und nicht-Frauen bzw. Transfrauen?

Weitergehend würde ich mir mehr Solidarität mit Trans*-Anliegen allgemein wünschen.
Und ihr ein, wenn auch kleines Zeichen setzen würdet. Aber das kann und will ich natürlich nicht „erzwingen“. Sich mit den Lebensrealitäten und Bedürfnissen von Trans*-Personen auseinanderzusetzen, muss aus einem Eigeninteresse kommen. (Weitere Gedanken zu Solidarität s.u.)

Für mich fühlt sich diese feministische Sichtweise ein bisschen so an, als würde das was ich tue, das womit ich mich auseinandersetze und das, was ich in mein politisches Selbstverständnis einfließen lasse, also mein Feminismus keine Anerkennung finden. Keine Anerkennung weil ich mich vielleicht nicht aus Selbstermächtigung heraus als Frau wahrnehme_wahrnehmen kann, sondern mich aus Selbstermächtigung als Person sehe, die nicht in die Kategorien Frau/Mann passt_passen will.

Dann erinnert mich diese Denkweise auch oft an trans*feindliche FeministInnen der sogenannten zweiten Welle, die es selbst bis heute oft nicht schaffen zumindest Transweiblichkeiten willkommen zu heißen. Obwohl es zu Transfrauen/-weiblichkeiten doch eigentlich noch weniger bis gar nichts zu diskutieren geben dürfte als zu Genderqueers oder Transmännern/-männlichkeiten.

Denn: Transfrauen sind Frauen!

Ich würde mir eine stärkere Abgrenzung von dieser Denkweise wünschen. Denn zum Einen finde ich es ganz und gar nicht selbstverständlich zu wissen, dass Frauen(Lesben)-Gruppen Transweiblichkeiten in ihre Kämpfe mit einbeziehen. Und zum Anderen erinnert mich das Sprechen von genau 2 Cis-Gendern vor allem daran, wie unsichtbar ich in dieser Mehrheitsgesellschaft bin, dass ich sowohl rechtlich, als auch in den allermeisten Köpfen gar nicht existiere. Im Unterschied dazu existiert zwar offiziell die Kategorie Frau, jedoch erhalten die meisten Frauen Repressionen, wenn sie nicht so sind wie mann sie haben will und werden im besten Falle geduldet. Ich will nicht sagen, dass das Eine schlimmer ist als das Andere, aber es ist eben eine unterschiedliche Struktur.

Für mich sind das immer wieder beschissene Gewalterfahrungen, wenn ich und andere Genderqueers so wie wir sind ausgeschlossen werden. Ich würde mir wünschen, dass so emanzipatorische Gruppen, denen ich mich auf eine Art und Weise so verbunden fühle, das zumindest auf dem Schirm haben und sich mit den Parallelen und Unterschieden zwischen uns auseinandersetzt. Und: Ich will benannt zu werden!

Ich will Frauen(Lesben) nicht den Raum für deren Politik nehmen, und ich denke auch nicht, dass ich das mit meiner Forderung bewirke. Aber ich würde mir wünsche, dass ihr euer politisches Selbstverständnis ergänzt und meine soo ähnlichen Erfahrungen und meine Unsichtbarkeit in der Gesellschaft und damit eine weitere geschlechtliche Machtstruktur anerkennt.

Ihr wollt in der Gesellschaft, in der der Cis-Mann als Norm gilt gesehen werden – ich bitte euch auch meine Unsichtbarkeit nicht weiter zu reproduzieren und euch von Cis-Sexismus zu emanzipieren! Ich denke in meiner politischen Praxis auch Themen wie „Slut-Shaming“ und Interessen von Sexarbeiter_innen mit, auch wenn sie mich nicht direkt betreffen, aber dafür viele (Trans-)Frauen. Das gehört für mich zu meinem Selbstverständnis von (Queer-)Feminismus.

Ich kämpfe jeden Tag gegen die Gesamtscheiße; ich will, dass meine Sichtbarkeit auch irgendeine Rolle in eurer politischen Arbeit spielt und wir aufhören Geschlechtervariationen auszuschließen wo es eigentlich nicht notwendig ist. Denn auch wir wollen das Patriarchat zerlegen, uns vernetzen und austauschen!

Weiter bin ich der Meinung, dass sich Queer-Feminismus und die Sichtbarkeit von Machtverhältnissen und Präventionspolitik gegen Gewalt gegen Frauen, beides an mich gerichtete Ansichten, nicht ausschließt. Aber da will ich nicht weiter drauf eingehen.

Es tut mir leid, falls ihr euch dadurch angegriffen/überfordert fühlt oder euren Aktionismus durch die Umsetzung meines Wunsches stark eingeschränkt seht, das ist nicht was ich möchte.

Ich weiß, dass es wahrscheinlich nie eine vollständige Antwort auf alle Fragen geben wird und es immer Widersprüche und Punkte geben wird, die neu ausgehandelt werden müssen.
Trotzdem hoffe ich sehr auf die Bereitschaft Manches zu überdenken, auf einen wertschätzenden_sensiblen Umgang und dass ihr euch ein Stück weit in meine Lage versetzen könnt.

Queerfeministische, solidarische Grüße!

(Gender-)identität und (Gender-)verortung:

wenn ich von (Gender-)verortung schreibe, meine ich damit eine (politische) Positionierung.
Mit (Gender-)identität meine ich ein inneres Gefühl. Wobei ich nicht weiß ob es so etwas wie ein „objektives“ Gefühl zu Gender geben kann, wenn wir von einer Konstruiertheit von Gender ausgehen. Ich beziehe mich deshalb auf die Selbstbezeichnung von Personen, wenn ich von Identität schreibe.

Gedanken zu Solidarität:

Für mich und ich denke auch für einige andere Trans*-Personen spielt Solidarität eine große Rolle. Die Bedürfnisse von Trans* werden nur an sehr wenigen Stellen mitgedacht und das eben auch, weil Trans*-Personen allein aus quantitativen Gründen nicht überall repräsentiert werden können.
Ich vermute, dass überproportional viele Trans*-Personen politisch interessiert sind, aber trotzdem werden wir alleine nie diese Strukturen aufbauen können, die wir bräuchten. Dazu kommt noch, dass von den Trans*-Personen, die politisch Interessiert sind, viele gar nicht öffentlich tätig werden können, da sie sich nicht outen können_wollen. Es gibt so viele Strukturen, die so trans*feindlich sind – das zu verändern, kann nicht ausschließlich die Aufgabe von Trans*-Personen sein.

Die Frauenbewegung ist da teilweise schon besser aufgestellt (Frauenbeauftragte, Frauennotruf, Selbstverteidigung_Selbstbehauptung für Frauen, Frauen-Verlage, …), auch weil es eher akzeptiert ist unter dem Label „Frau“ zu handeln. Angesichts dessen würde ich mir wünschen, dass um dem etwas entgegen zu setzen, eher Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zwischen Trans*-Personen und Frauen gesehen werden.
Ich will nicht, dass Stellvertreter_innen-Politik gemacht wird und ich will nicht auf alle Initiativen_Strukturen zugehen und um Teilhabe bitten. Ich will, dass Trans*-Personen nach ihren Bedürfnissen gefragt werden. Denn ich finde es keine schöne Vorstellung, auf Personen_Initiativen zuzugehen, etwas einzufordern und dann zurückgewiesen zu werden. Das fühlt sich wirklich nicht gut an und ist sehr ernüchternd und zeitintensiv.

Deshalb: Wenn euch das Thema wichtig ist, ihr die Problematik versteht und meine Ansicht(en) teilt, wäre mein Vorschlag, dass ihr einfach auf Trans*-Personen/Gruppen zukommt und sie fragt wie ihr sie unterstützen könnt.

Zum weiterlesen/anhören:

https://queerfeministischbiertrinken.wordpress.com/2015/03/07/qfb-rede-zum-8-marz-2015/
http://transgenialefantifa.blogsport.de/selbstverstaendnis/
http://trans.blogsport.de/2014/01/23/kritik-am-aufruf-zum-8-maerz-in-berlin/
http://trans.blogsport.de/2012/01/04/same-discussions-as-every-year-intervention-gegen-die-bewusste-oder-unbewusste-ausgrenzung-von-transfrauen/
http://maedchenmannschaft.net/queer-feministische-caring-communities/




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 14. Mai 2015 um 9:00 Uhr unter Aktivismus. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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12 Kommentare

  1. caro sagt:

    Hallo Gastautor*in (leider steht da nirgends ein Name, mit dem ich dich ansprechen kann^^),
    vielen Dank für die Denkanstöße. Ich fand es sehr interessant, deinen Text zu lesen und deine Erfahrungen geteilt zu bekommen.
    Ich hätte noch eine Frage: Wenn bspw. von Frauen* die Rede ist, dachte ich bisher (das kann aber auch an meinem Unwissen liegen), dass damit in der Regel Personen gemeint sind, die sich eben nicht nur als Cis-Frau definieren, sondern alle Arten von konstruierter Weiblichkeit/Frauisierung gemeint sind. Fühlst du dich davon angesprochen, auch wenn du dich selbst nach deiner Aussage nicht-gender-binär verortest_identifizierst (bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass das * bzw. der _ genau für Menschen gedacht ist, die sich nicht in cis-Kategorien einordnen wollen_können)? Und wenn nein, wovon würdest du dich angesprochen fühlen, jetzt so rein praktisch gesehen? Ich war mal auf einer Konferenz, auf der im Selbstverständnis stand, dass alle angesprochen sind, die nicht Cis-Männer sind. Wäre das zum Beispiel eine Möglichkeit?
    Nochmal vielen Dank für die offenen Worte.
    Viele Grüße

  2. […] aus der Kategorie ‚Supporting Trans* Sichtbarkeit‘, der von einer_m Gastautor_in auf mädchenmannschaft erschienen ist; dort habt ihr auch die Möglichkeit, euch über die Kommentarfunktion an einer […]

  3. Hallo Gastautor_in,

    Ich denke ein Faktor, der dabei eine Rolle spielt, ist dass die Kritik an genderbedingten Diskriminierungen, Sexismus und dergleichen nur die eine Sache beim Feminismus ist. Was das betrifft, so hast du recht, dass es keinen Grund gibt, warum dieser Kampf sich allein auf „Frauen“ beziehen soll, weil alle mögliche Genders ebenfalls unter cis-Mann-Dominanz leiden. Da finde ich auch, dass Feministinnen inklusiver sein müssten.

    Ein anderer Teil des Feminismus (der mir persönlich der wichtigere ist) ist allerdings die Arbeit an einer symbolischen Ordnung, die explizit die Position „Frau“ einnimmt_akzeptiert und von dort aus politisch handelt. Also die bewusste Selbstaneignung und Neuinterpretation der Kategorie „Frau“ als politischer Akt. Das ist ein Akt, den du (wenn ich dich richtig verstanden habe) bewusst aufgrund deiner Überlegungen gerade ablehnst. Damit haben wir aber eine politische Differenz zwischen z.B. dir und mir, die vielleicht eine Differenz zwischen Queer-Feminismus und „Frauen“-Feminismus, wenn man so will, generell ist.

    Diese Differenz müssten wir inhaltlich ausdiskutieren, sie hat nicht nur etwas damit zu tun, dass wir „Frauenfeministinnen“ die anderen Genders quasi „vergessen“, sondern eben damit, dass wir wählen, unser „Frausein“ politisch sichtbar zu machen – und dabei trennen sich dann unsere Wege logischerweise (was aber natürlich Kooperationen, Austausch, Solidarität usw. nicht ausschließt).

  4. eternallyn00by sagt:

    @ antje schrupp: selbst-verortung ja, und da versteh ich auch den kampf für das wiederaneignen des frau-seins, aber wenn deine theorie nicht funktioniert, ohne andere fremd-zu-verorten (für die der kampf nicht das richtige ist, sondern ein anderer), ist sie halt kaputt.

  5. Gastautor_in sagt:

    Hallo caro,
    schön, dass der Text dir Denkanstöße geben konnte!
    Also ich kann da erstmal nur von mir selbst sprechen, aber ich fühle mich mit Frau* eher nicht mitgemeint. Ich verstehe das Sternchen in dem Zusammenhang vor allem als Hinweis darauf, dass unter dem Begriff Frau mehr verstanden werden soll, als die Rollenerwartungen, die es für diese Kategorie gibt und dass es halt ein Konstrukt ist.
    Aber damit werden erstmal keine weiteren Identitäten_Verortungen sichtbar gemacht oder Zweigeschlechtlichkeit komplett in Frage gestellt.
    Ich bin keine Frau, die (stark) von den Erwartungen der Gesellschaft abweicht, ich bin etwas außerhalb von Frau und Mann.
    Meiner Auffassung nach unterscheidet sich demnach das Sternchen hinter Frau von Sternchen oder Unterstrichen, die Platz in einem Wort schaffen sollen wie z.B. in „Lehrer_in“.
    Den Vorschlag sich über „alle außer Cis-Männer“ zu definieren finde ich eine gute Lösung. Mit „Frauen* und Trans*_Genderqueers_Non-Binaries_…“ würde ich mich genauso angesprochen fühlen.
    In den Links zum Weiterlesen ist auch ein kurzer Text von „w.i.r. – linksradikale Trans*vernetzung NRW“ dabei in dem deutlich gemacht wird, dass Transmännlichkeiten nicht unter Frauen* zusammengefasst werden können. Denn das ist nicht das was sie sein wollen. Und Genderqueers wollen auch oft nicht in die Kategorie Frau gedrängt werden.

    @Antje Schrupp
    Ich finde deinen Umgang mit der Kategorie Frau total wichtig! Und ich finde es sehr gut, wenn Frauen* das als ihren Umgang mit dem Scheiß wählen. (Hatte ich auch versucht in meinem Text deutlich zu machen.)
    Aber es ist eben nicht der einzige Umgang den es gibt und nicht meiner.
    Ich befürworte es sehr. wenn beides gleichwertig nebeneinander stehen kann als Strategien Gendergrenzen aufzulösen.
    Es ist super, wenn ihr euer Frausein politisch sichtbar machen wollt, aber erkennt doch auch andere Strategien an.
    Also im Klartext: Für mich gibt es da nicht viel zu diskutieren, denn ich finde beide Varianten total OK. Das muss jede Person für sich selbst entscheiden :-)

  6. Jane sagt:

    @Antje Schrupp: Ich verstehe glaube ich den Gedanken dahinter, frage mich aber trotzdem, ob es sinnvoll ist, ein „politisches Konstrukt Frau“ zu ..ähm.. konstruieren, das neben (wohl eher über?) den individuellen Selbstzuschreibungen bzw dem politischen Konstrukt „Mann“ stehen soll. Ich wünsche mir eigentlich nichts sehnlicher, als dass solche Identitäten weniger politisch aufgeladen würden. Zwar sehe ich, dass es so möglich wird, seine Identität als „Kampfmittel“ zu gebrauchen, aber selbst als feministische Cis-Frau möchte ich mich nicht mit einem politischen Konstrukt „Frau“ identifizieren müssen. Ich fühle mich dadurch instrumentalisiert. Und ich möchte mir endlich leisten können, individuell und nicht als Kollektiv agieren zu können und gesehen zu werden. Das einzige, was mir in einer Welt, in der Geschlecht und Macht verknüpft sind, helfen würde, ist die Dekonstruktion dieser (politischen) Kategorien.

  7. @Jane – hm, ich glaube, die Diskussion dieser Frage würde jetzt hier vom Thema wegführen. Der politische Ansatz ist auf so vielen Ebenen ein unterschiedlicher, z.b. ist Frausein für mich keine „Identität“, sondern eine Tatsache, die alle möglichen verschiedenen Inhalte und Identitäten haben kann.

    Vielleicht nur so viel: In meiner Analyse ist die Geschlechterdifferenz nicht selbst die Krankheit, also die Ursache für alle möglichen Probleme und Ungerechtigkeiten, sondern die Art und Weise ihrer Konstruktion ist lediglich ein Symptom für tiefer liegende „Krankheiten“ unserer Kultur, die ja alles Mögliche in Dualismen quetscht, nicht nur Menschen (Dualismen, die letztlich alle zur Geschlechterdifferenz parallelisiert werden können: öffentlich privat, Körper Geist, Natur Kultur, Vernunft Gefühl usw usw.)

    Die Geschlechterdifferenz isoliert zu „bekämpfen“ ist so, wie wenn man auf eine Krankheit an den Symptomen behandelt und nicht an den Ursachen. Das kann in schweren Fällen durchaus sinnvoll sein, wenn jemand die Symptome nicht mehr aushält oder auch nur nicht mehr haben mag, aber es greift natürlich immer zu kurz, was die Krankheit selber angeht. Die Symptome ernst zu nehmen und zu akzeptieren hingegen beinhaltet die Möglichkeit, etwas näher an die Wurzel des Übels zu kommen.

  8. Jane sagt:

    „Vielleicht nur so viel: In meiner Analyse ist die Geschlechterdifferenz nicht selbst die Krankheit, also die Ursache für alle möglichen Probleme und Ungerechtigkeiten, sondern die Art und Weise ihrer Konstruktion ist lediglich ein Symptom für tiefer liegende “Krankheiten” unserer Kultur, die ja alles Mögliche in Dualismen quetscht, nicht nur Menschen (Dualismen, die letztlich alle zur Geschlechterdifferenz parallelisiert werden können: öffentlich privat, Körper Geist, Natur Kultur, Vernunft Gefühl usw usw.)“

    @Antje Schrupp: Gerade deshalb verstehe ich nicht, warum ich mich als Frau über ein politisches Konstrukt definieren sollte, was meine biologischen Eigenschaften oder persönlichen Empfindungen (nennen wir sie Identität) als Ausgangspunkt nimmt. Ich finde es darüberhinaus äußerst fragwürdig, andere notwendigerweise auch in entsprechende Konstrukte zu stecken (ich mochte hier den Begriff fremdverorten). Meiner Meinung nach passiert hier eher etwas mit dem Selbstverständnis der Cis-Frauen, die diese Eigenschaft politisch nutzen. In Bezug auf männliche Herrschaft sehe ich ein, dass Frauen ihr Frausein politisieren um Privilegien einzufordern, die sie im Vergleich zu Männern nicht haben. Dafür kann eine Abgrenzung sinnvoll sein. Das muss aber meiner Meinung nach in Bezug auf andere Machgefälle kritisch hinterfragt werden: Im Vergleich zu Transpersonen sind Cis-Frauen in der privilegierteren Position. Da geht es nicht darum, mit dem Frausein als politisches Instrument Gleichberechtigung herzustellen. Was vielmehr passiert ist die Abgrenzung nach „unten“, und da finde ich ein politisches Konstrukt Frau, das andere ausschließt, nicht gerecthfertigt. In dem Moment ist auch das Frausein nciht einfach nur eine von der Umwelt vorgegebene Tatsache, sondern auch ein Konstrukt, dass Frauen sich über Ausschlüsse selbt geschaffen haben, und das Ungleichheit und Ungerechtigkeit reproduziert.
    Es bleibt für mich auch noch die individualistische Perspektive: Mein Frausein mag in vielen Fällen eine Tatsache von gesellschaftlicher oder politischer Tragweite sein, aber ich weigere mich, das zu reproduzieren und auf dieser Grundlage für mehr Privilegien zu kämpfen, zumindes, soweit ich überhaupt Einfluss darauf habe. Das wäre für mich reine Symptombekämpfung und das richtige Leben im Falschen.

  9. chirlu sagt:

    »tiefer liegende “Krankheiten”« … »in schweren Fällen durchaus sinnvoll« … »aber es greift natürlich immer zu kurz«
    Rückgriff auf den Dualismus „krank“↔“gesund“, der die Existenz eines „gesunden“ (Kultur)Zustands postuliert – in Abgrenzung zum davon abweichenden „kranken“ …
    Pathologisierung anderer Perspektiven, die zu »schweren Fällen« werden, denen geholfen werden sollte …
    denen aber jegliche Fähigkeit abgesprochen wird, Ursachen zu erkennen und Auswege zu entwickeln.
    Warum kommt mir das alles nur so bekannt vor?
    Bei so viel Reproduktion gewaltverursachender und gewaltvoller Strukturen kommen mir doch arge Zweifel an der Bereitschaft, anderen Perspektiven und Ansätzen auch nur Respekt entgegenzubringen.

  10. @Jane – also mir geht es ganz sicher im Feminismus nicht darum, „Privilegien einzufordern, die Frauen im Vergleich zu Männern nicht haben“ :) _ mir geht es nicht um Frauen*, mir geht es um die ganze Welt.

    Aber, um auf das Thema des Blogposts zurückzukommen: Das eigene Frausein als Positionierung im politischen Diskurs zu betonen, bedeutet in meiner feministischen Praxis gerade nicht, vorgegebene Konstrukte von Frausein zu reproduzieren. Es bedeutet im Gegenteil, sie davon zu befreien, indem ich nämlich sage_behaupte: „Ich, eine Frau, bin frei“ (und von dieser Position aus bestreite ich eure stereotypen Anforderungen ans Frausein). Und das ist eben eine anderen politische Positionierung als die von Gastautor_in, nämlich zu sagen „Ich weise eure Behauptung, ich sei eine Frau, zurück, denn ich bin frei“.

    @chirlu – Ähm, ich habe das Bild mit der Krankheit als Analogie verwendet, also im Sinne von: „Die Geschlechterdifferenz verhält sich zu dem gesellschaftlichen Problemfeld, um das es mir im Feminismus geht, so wie ein Symptom zu einer Krankheit“.

    Aber jetzt, wo du es sagst, würde ich es tatsächlich auch ganz unmetaphorisch behaupten. Eine Krankheit ist ein Zustand, in dem es einem Organismus nicht gut geht und (Teile davon) Schmerzen und Leiden ertragen müssen. In diesem Sinn finde ich schon, man kann eine patriarchale_rassistische Gesellschaft als „krank“ bezeichnen.

  11. bluespunk sagt:

    Hey Antje,

    wäre es eine bessere Lösung für dich wenn alle die sich weder als Mann noch ls Frau wahrnehmen quasi gewaltsam in eine dieser Kategorien pressen würden? Würde das deinen Feminismus reicher machen? Wäre es besser wenn diese Menschen weiter nicht wissen dass es andere wie sie gibt, weil sie sich alle hinter den beiden „erlaubten“ Labels verstecken? Auf die Spitze gebracht: Findest du, ich als weder-Mann-noch-Frau-Person sollte sich deinem Feminismus opfern? Sind „wir“/diese Menschen alle nur Ausdruck von „Krankheit“ für dich, oder dürfen „wir“/sie auch für sich existieren?

    Ich nehme es anders wahr als du. Ich nehme es für mich so wahr, dass es für mich unglaublich befreiend ist zu wissen dass ich existieren kann als der_die der_die ich bin. Ich erlebte die Zeit in der ich dachte, ich müsse doch Mann oder Frau sein als sehr qualvoll. Deswegen finde ich es voll gut dass es immer mehr Menschen im Netz und auch außerhalb dessen gibt die sich als genderqueer, non-binary, weder-noch etc verorten. Nicht um abzuwerten was Frauen sind / sein können und auch nicht um ihnen Freiheitsgrade in der Selbstentfaltung zu nehmen. Sondern um so zu existieren wie es für sie selbst passt. Und ich verstehe nicht, warum das deiner Meinung nach feministische Anliegen gefährdet. Es sei denn du siehst Freiheit tatsächlich als etwas an, das ich und andere Krankheitssymptome Frauen wegnehmen können.

    Dass ich nicht als Frau existiere heißt ja nicht, dass ich abwerten muss dass andere eben Frauen sind oder dass ich ihnen keine Freiheiten zugestehe, anders zu sein, als die patriarchale Norm es verlangt. Im Gegenteil, ich feiere Frauen die sich diese Freiheiten nehme. Ich finde es unerträglich dass in dieser Gesellschaft einige Menschen sich das Recht herausnehmen, über andere zu verfügen und über ihre Körper zu bestimmen. Dazu gehört für mich z.B. der §218, aber auch das Transsexuellengesetz oder die Verstümmelung von Zwittern. Ich finde den politischen Gegensatz den du „per se“ aufmachst zwischen Frauen und Menschen die keine passende Toilette zugewiesen bekommen schade und ein bisschen ignorant. So wie du dir wünschst dass Frauen unabhängig von Männern stehen können würde ich mir von dir wünschen, dass du anerkennst dass Andere Feminist_innen sein können, ohne Frauen dabei etwas zu nehmen.

    Grüßchen
    Bluespunk

  12. Jane sagt:

    @Antje Schrupp
    jetzt leuchtet mir das etwas mehr ein. Wenn ich sage „ich, eine Frau, bin frei“, bzw „ich, xyz, bin frei“ zeigt das ja, dass es unendlich viele Möglichkeiten der Selbstdefinition gibt, die alle nebeneinander stehen können. Für mich wäre dann aber eigentlich auch der nächste Schritt, eben als viele Individuen gemeinsam zu „kämpfen“ (ich amg diesen Ausdruck nicht), und nicht mehr Gruppen zu bilden, in denen sich selbst so bezeichnende Frauen finden, die ihre Identität als politisch verstehen (und damit auch evtl in Kauf nehmen, dass Frauen, die lieber außerhalb einer solchen Gruppe agieren, vereinnahmt werden), und der undefinierbaren „Restgruppe“, also alle anderen, die sich aufgrund ihrer Diversität nicht in Gruppen organisieren lassen und das vielleicht auch gar nicht wollen. Ich möchte einfach, dass jeder für sich Einfluss nehmen kann, und deshalb verstehe ich nicht, warum man zusätzlich noch an einer politischen Dimension „Frau“ festhalten muss. Ich finde, das steht dem ganzen eher im Weg.