Eine eigene Entscheidung
von BarbaraFrauen und Religion. Feminismus und Christentum. Göttin und Gott. Wie soll ich glauben als Feministin? Und an wen? Auf meine Fragen hat die 1964 geborene Journalistin und Politologin Antje Schrupp geantwortet, die einige Semester evangelische Theologie studiert hat und sich selbst als “fromm” bezeichnet.
Liebe Antje,
dass wir nicht nur durch Herkunft und Umwelt sozialisiert, ja determiniert werden, das sehe ich genauso. Sonst wäre ja eigentlich alles umsonst, da der sogenannte freie Wille dann wirklich eine Farce wäre. Doch was fehlt, sind Vorbilder. Role models. An wen soll ich mich wenden, wenn ich einerseits ein Bedürfnis nach Glauben verspüre, andererseits mit dem patriarchalen Öffentlichkeitsbild des Christentums nicht zurechtkomme? Es ist von außen betrachtet schon schwer genug, die feinen Details zwischen Lutheranern und Katholiken zu unterscheiden, sieht man mal von fundamentalistischen Engstirnigkeiten ab. Und das Gros der Frauen studiert nicht Theologie, denke ich, kann also nicht auf Hintergrundinformationen und Spezialwissen zurückgreifen. Dagegen steht das Gros der in der Öffentlichkeit stehenden, agierenden, kommunizierenden christlichen Gläubigen nicht wirklich auf bei feministischen Themen und sagt ja zu Gleichberechtigung. Zum Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Macht euch nichts draus, dass Gott, Sohn und Heiliger Geist männlich konnotiert sind. Es gibt immerhin Maria und ein paar Heilige. Und ein paar andere Frauen. Und überhaupt ist das mit der Personifizierung des Gottes eh nicht so wichtig, eher gefährlich, siehe Goldenes Kalb. Verstehst du, was ich hier zu polemisieren versuche?
Ich weiß, dass ich jeden Weg gehen kann, dass ich individuell handeln und entscheiden kann. Doch der Kontinent des Glaubens, um mal beim Landkarten-Bild zu bleiben, ist auf den ersten Blick nicht attraktiv, da auch dort ein Patriarchat vorzuherrschen scheint. Oder irre ich hier?
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Liebe Barbara,
darauf wirst du von mir keinen Widerspruch bekommen. Du hast vollkommen recht, der „Kontinent“ des Glaubens ist insgesamt gesehen für Frauen nicht attraktiv. Aber genauso wenig attraktiv sind, für mich zumindest, die „Kontinente“ der institutionellen Politik, der Wissenschaft oder der Wirtschaft. Und ich kann zwar aus der Kirche austreten, aber nicht aus der ganzen Welt. Deshalb bin ich froh, dass es in all diesen Kontinenten schon Enklaven gibt, die von freiheitsliebenden Frauen begründet wurden, wo sie bereits eine andere Realität schaffen, die ihren Wünschen besser entspricht und wo ihre Erfahrungen ernst genommen werden. Da siedele ich mich an und finde meine Vorbilder. Und arbeite mit daran, dass diese Enklaven größer werden und sich ausbreiten.
Also ich würde deine Frage „An wen soll ich mich wenden?“ zurückgeben und fragen: „An wen willst du dich denn wenden?“ Wenn du eine interessante Frau findest, dann kann sie ja dein Vorbild sein, auch wenn sie nicht berühmt ist oder irgendeine amtliche Funktion hat. Du selber bist es, die das entscheidet, und auf diese Weise gibst du ihr Autorität (weil du das, was sie sagt, wichtig findest und darüber nachdenkst). Das heißt, du hast objektiv den Einfluss dieser Frau in der Welt vergrößert. Das ist dann kein individueller Weg mehr!
Deine Frage, wie eine Frau ihrem Bedürfnis nach Glauben nachgehen kann, obwohl das Christentum immer noch patriarchal ist, haben sich in den letzten dreißig Jahren ungeheuer viele Frauen gestellt, da gibt es jede Menge Literatur. Mich persönlich beschäftigt sie heute nicht mehr so. Ich rechne zwar mit diesen patriarchalen Strömungen (wie mit schlechtem Wetter) und ergreife gegebenenfalls Gegenmaßnahmen, aber emotional bin ich da völlig raus. Das ist mir bei den Diskussionen um die Bibel in gerechter Sprache klargeworden, ich weiß nicht, ob du davon gehört hast? Eine Bibel-Neuübersetzung, die die Erkenntnisse der feministischen Theologie aufnimmt. Daraufhin gab es eine ziemlich dämliche Debatte von Leuten, die sich darüber mokierten, dass zum Beispiel von „Jüngerinnen und Jüngern“ die Rede ist. Maßgeblich betrieben wurde das übrigens nicht so sehr von konservativen Kirchenmännern sondern vor allem von den angeblich so aufgeklärten Intellektuellen in den Feuilletons. Ich habe gemerkt, dass ich überhaupt keine Lust hatte, mich an dieser Debatte zu beteiligen. Man darf solchen Leuten nicht zu viel Aufmerksamkeit widmen, damit macht man sie nur wichtiger, als sie sind. Inzwischen haben die das Thema auch längst vergessen, und im wirklichen Leben wird die Bibel in gerechter Sprache rege benutzt und entfaltet ihre Wirkung.
Ich sehe es deshalb eher so: Wie käme ich denn dazu, meinem Bedürfnis nach Glauben nicht nachzugehen, bloß weil diese zurückgebliebenen, männlichen Religionsinstitutionen immer noch patriarchal sind?
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Liebe Antje,
wenn ich nun einmal unsere Gedanken zusammenfasse, dann springt mir da eine Hoffnung besonders ins Auge. Nämlich die, selbst zu entscheiden, woran ich glaube, und wie ich mich meinen individuellen Glauben lebe. Dass ich mir das aus dem Bestehenden nehme, mit dem ich mich identifizieren kann. Und dass ich mir die Personen als Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner nehme, von denen ich glaube, dass ein gleichberechtigter Austausch auch über den Glauben möglich ist.
Der Gedankenaustausch wird auch auf Antje Schrupps Website bzw-weiterdenken veröffentlicht.
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Tags: Christentum, Feminismus!, Feministinnen, Frauen & Religion






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