Dustin weint, Welt jubelt

von Anna-Sarah

…oder auch:

Studien bestätigen: Bei jedem an 1 Feminist_in gerichtetes genervtes Ächzen, Augenrollen, „Man kann’s auch übertreiben“, „Ihr wollt ja nur Unterdrückung umkehren“ und „Du willst dich aber auch partout über irgendwas aufregen, ne?“ wird irgendwo auf der Welt 1 Typ unter einer Kekslawine begraben, weil er „Ich finde das nicht so gut, dass Frauen manchmal benachteiligt sind“ gesagt hat.

Ein als Mann* markierter Mensch, am liebsten berühmt, muss eigentlich nur öffentlich sagen, dass er Frauendiskriminierung nicht so cool findet, und zack: Props und Anerkennung, und wenn dabei sogar das Wort Feminismus vorkommt, gibt es kein Halten mehr und der Champagner fließt in Strömen – so altbekannt wie nervig. OK, ich spitze zu, aber zumindest was Social Media angeht, staune ich immer wieder, für welche schlichten bis empörend aneignerischen und fauxministischen Statements und Handlungen Männer* mit geradezu euphorischem Lob (manchmal auch direkt mal mit Kolumnen in feministischen Zeitschriften) bedacht werden.  Aktuell zu beobachten bei einem offenbar schon älteren Video, das eine Interviewszene mit Dustin Hoffman zeigt. Der berühmte Schauspieler äußert sich dort über seine aus der Arbeit am Film „Tootsie“ gewonnene Erkenntnis, dass Schönheitsstandards Frauen bisweilen hart zu schaffen machen und vergießt ein paar Tränchen angesichts all der durch den eigenen Tunnelblick verpassten Chancen, noch mehr tolle Frauen kennzulernen.

Aber nicht alle freuen sich darüber. Wie Tyler Coates gestern auf Flavorwire schrieb (ja, auch die Mädchenmannschaft rückt zuweilen mal einen Male-Ally-Cookie raus einself, wobei es wegen der normalisierenden Verwendung der Formulierungen „good looks“ und „male genitalia“ leider keine bunten Streusel oben drauf gibt):

Pardon me for not wanting to jump on the Dustin Hoffman Appreciation bandwagon all of a sudden; I tend not to get my hard-hitting analyses of gender inequality from the straight white dudes who have pretty much profited from the pervading culture that rewards good looks and, well, male genitalia. When men come to great conclusions about how sexism exists (usually too late and with great amounts of self-satisfaction), they’re granted hero status; when a woman does it, she’s bitter, sensitive, angry, man-hating, etc.

Entschuldigt, dass ich nicht Knall auf Fall  in die Dustin-Hoffman-Jubelchöre einstimmen mag, aber ich neige nicht unbedingt dazu,  weiße Heterotypen, die bisher ordentlich profitiert haben von dieser alles durchdringenden Kultur, die gutes Aussehen und, tja, männliche Genitalien belohnt, als bevorzugte Quelle für pointierte Analysen über Geschlechterungerechtigkeiten anzusehen. Wenn Männer zu der großartigen Einsicht gelangen, dass Sexismus existiert (üblicherweise zu spät und mit einer Riesenportion Selbstgefälligkeit), wird ihnen der Heldenstatus zugebilligt; wenn eine Frau das macht, ist sie verbittert, empfindlich, wütend, männerfeindlich usw.

Ich möchte – wie nett von mir ;)  – niemandem verbieten, sich über einen vor Rührung über sich selbst weinenden Hollywoodstar zu freuen oder sich davon empowert zu fühlen, aber manchmal wünsche ich mir bei sowas schon mehr Kontextualisierung. Besonders in feministischen Zusammenhängen. Und mindestens dasselbe, nein: noch eine Kelle mehr Cheerleading für nichttypisierte Sexismuskritiker_innen. Und für Leute, die  nicht aufhören gegen Sexismus zu kämpfen, obwohl es täglich rauhen Gegenwind anstatt Applaus gibt.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 11. Juli 2013 um 14:59 Uhr unter Kultur, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. lesbomat sagt:

    Sehr gut bemerkt.

  2. albatrossin sagt:

    Hallo Anna-Sarah,

    ich bin auf diesen Artikel gestoßen, als ich den Jahresrückblick der Mädchenmannschaft durchgesehen habe und habe eine kurze Rückfrage, weil ich glaube, dass ich etwas nicht ganz erfasst habe: Könntest Du mir vielleicht erklären, warum es ein Problem ist, „male genetalia“ in dem Statement zu verwenden?
    Ich verstehe, dass es ein Problem ist, dass Tyler Coates „good looks“ verwendet hat; ich bin mir aber nicht sicher, inwiefern das zweite ein Problem ist..
    Ich dachte dabei nämlich an die kulturellen Genitalien, deren unterstelltes Vorhandensein ja wirklich eine wichtige Rolle in der Interaktion spielen. Zudem gibt es diverse Anspielungen auf die männlich eingeordneten Genitalien, die metaphorisch Überlegenheit/Stärke/Duchhaltevermögen/[setze weitere kapitalistisch verwertbare männlich konnotierte Eigenschaften ein] etc. ausdrücken.
    Lange Erläuterung, kurzer Schluss: Ich hatte den Eindruck, Tyler Coates liegt damit jetzt nicht so richtig daneben – ob gewollt oder nicht.

    Ich würd mich über eine Rückmeldung freuen!

    Danke und schöne Grüße,
    die albatrossin

  3. Anna-Sarah sagt:

    Hey albatrossin,

    ich finde es nicht an sich problematisch, dass Tyler Coates von „male genitalia“ spricht, denn wie du ja richtig sagst, hat es in dieser Welt oftmals eine lebens(mit)entscheidende Bedeutung, wie die Geschlechtsteile einer Person interpretiert werden. Ich fände es aber wichtig, sprachlich zu kennzeichnen, dass „männliche“ Genitalien nicht aus sich heraus „männlich“ sind, sondern von Menschen diese Zuschreibung mit allem, was kulturell so dazu gehört, erst erhalten. Das meinte ich mit „normalisierender Verwendung“, die ich in diesem Zusammenhang kritisch sehe.

    Ist klarer geworden, was ich meinte?

  4. albatrossin sagt:

    Hallo Anna-Sarah,

    ja, danke Dir!
    Ich hab ‚intuitiv‘ von „männlich eingeordneten Genitalien‘ gesprochen und wohlwollend überlesen, dass Coates das gar nicht tut. :)

    Schöne Wiehnachtstage und einen guten Rutsch,
    albatrossin

  5. […] und warum ich es jedes Mal bescheuert finde, wenn sich alle Welt darüber freut, sobald einem weißen, männlichen Hollywoodstar auffällt, wie sexistisch diese Welt ist. Und das auf derart banale Art und Weise – […]