do it yourself – just for fun?

von Hannah C.

Vor Kurzem lernte ich an der Nähmaschine zu nähen und wie immer, wenn sich neue Handlungsoptionen ergeben, kam es mir vor wie der Übertritt in eine neue Welt.
Kleidung, die wirklich passt nähen! Stoffdinge nähen, die mir gut tun! Stofftiere nähen, die andere Menschen erfreuen! Yeay!

Und dann kam, was kommen musste: die Kostenfrage
Nicht nur “die Geldfrage” – an Material kommt man immer irgendwie und auch an verschiedenes Spezialwissen.
Wenn man einen Internetanschluss hat.
Und den bezahlen kann.

Für mich gab es im Stoffladen einen Moment, in dem ich mich fragte: “Okay – ist es das jetzt wirklich wert?”, nachdem ich als Frau kategorisiert und mit einer Kinderwunschunterstellung konfrontiert wurde. Dann gab es das Moment, nachdem ich frustriert und den Tränen nah vor meinem Projekt saß und merkte, wie viel Arbeit, Zeit, Kraft es bis zu seiner Fertigstellung von mir abverlangen wird. Und dann gab es das Moment, in dem mir sehr bewusst wurde, dass ich mir gerade etwas selbst mache, was an anderer Stelle als therapeutisches Hilfsmittel gilt und entsprechend teuer auch verkauft wird. Weshalb ich es mir ja selbst machen wollte. Weil ich kann mir ja selbst helfen. Ich bin ja superautonom selbstbestimmt Powermenschwesen Rosenblatt.

“Do it yourself” ist seit Jahren ein Schlagwort für Eigeninitiative, kreatives und eigenverantwortliches Selbermachen.
Geht es in Sachen „Heimwerk(en)“ nachwievor überwiegend darum (cis) Männern ihre Erfolgserlebnisse bei der Materialverarbeitung im Zuge von Badezimmersanierung und Garagendämmung zu verkaufen, geht es in Sachen „Handarbeit“ nachwievor überwiegend darum (cis) Frauen Spaß und Freude bei der Materialverarbeitung für eher gestaltend-dekorierend bis praktisch-schönem Allerlei anzudrehen.

DIY ist weniger gender- bzw. geschlechtsspezifisch und hat je nach Mode und Markt unterschiedliche Sichtbarkeiten.
Zur Zeit lässt sich gut beobachten wie Dinge, die vorher gezielt für Frauen beworben worden wären, als “DIY-Bastelsets” günstig in die Regale der Bastelshops wandern und sich gut verkaufen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil unfertige Produkte eben billiger verkauft werden können. Die Kund_innen bezahlen Geld und arbeiten am Ende kostenlos zur Fertigstellung eines Werkstückes.
Eine weitere Entwicklung passiert in DIY-Blogs, die nicht erst seit Pinterest und DaWanda-Online-Shops immer beliebter werden. Alle versuchen etwas Neues und Frisches zu machen – am Ende verkaufen die meisten Heimarbeithandwerkdesigner_innen ihre Stücke doch wieder unter Wert bzw. gerade so, dass sie ihre eigenen Material- und Werkzeugkosten decken. Nicht etwa auch ihre Arbeitszeit.
“Do it yourself” entwickelt sich so zu etwas, das man macht, um es Machens willen.
Nicht um des Machwerks willen.

Ich für mich will das nicht bewerten, weil ich selbst auch nicht weiß, was meine Arbeitskraft und Arbeitszeit eigentlich so wert ist. Für mich oder für andere.
DIY lässt diese Frage auch sehr schwammig werden, denke ich. Und vielleicht ist das ja genau auch ein Ziel der Bewegung, denn DIY war auch nie unpolitisch.

Für mich wird es so allerdings schwierig mein eigenes Werkstück in seinem Wert zu beurteilen und darüber auch wie hart ich jetzt wirklich dran bleibe.
Eigenmacht und Selbstbestimmung hin oder her, kostet es mich nämlich natürlich neben Material und Zeit auch Kraft, die ich aus Gründen oft weniger habe als andere Menschen.

Ich merke an meinem Projekt, dass ich in meinem Fall mit Geld auch eine spezifische Auseinandersetzung mit Materialienkunde, der Klärung spezifischer Aspekte wie Produktpflege und Hygiene, so wie die Gewährung gewisser Garantien bezahlen würde.
Wer sich mal mit DIY – Rollstuhltuning auseinandergesetzt hat, weiß, dass „do it yourself“ eben doch nicht immer und für alle gleich abgesichert ist. Stichwort: Versicherungsschutz und Rechtssicherheit.

Ich merke, dass ich an meinem jetzigen Stück keinen Spaß habe, sondern Arbeit, die ich beenden willmuss, damit die Investition in Material nicht umsonst war und das überrascht mich. Noch nie hatte ich je Probleme am Faktor “Spaß” – normalerweise spornt mich die Idee eine (strukturelle) Lücke selbst füllen zu können völlig ausreichend an, um Dinge zu (er)schaffen.
Jetzt habe ich die Idee, dass viel DIY-Zeugs genau deshalb so beliebt ist: Es macht Spaß, wenn man nichts fertigstellen möchte, das man braucht, weil es hilft, sondern, wenn man Dinge fertig stellt, die einfach schön, toll und nicht in jedem Laden der Innenstadt kaufbar sind.

Es macht Spaß, so lange man das Gefühl hat, man macht etwas anderes als „die Anderen“.
Ersetzt man sich über DIY etwas, was man von „den Anderen“ (aus Gründen) nicht haben kann, ist es kein Spaß mehr.
Sondern etwas, das man selbst (allein) machen muss. Gerade, weil es sonst niemand macht.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 4. März 2016 um 10:00 Uhr unter Aktivismus, Ideen - Theorien, Inspiration, Kultur, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Katrin sagt:

    Manchmal würde ich auch gerne – Wie fast alle Mamas in meiner Umgebung – schöne Kindersachen nähen. Aber dann überlege ich, ob die Zeit, die ich abends stattdessen in politischen Gremien verbringe, nicht besser angelegt ist für meine Kinder. Und ich dann lieber die günstigen Sachen bei dawanda kaufe.