Die Welt nur mit den Augen sehen

von Helga
Dieser Text ist Teil 63 von 115 der Serie WWW Girls

In jeder Folge der WWW Girls stellen wir euch eine Bloggerin und ihr Weblog vor. Heute:

Die Welt mit den Augen sehen

Wie heißt du?
Julia Probst

Seit wann bloggst du?
Angefangen mit der Bloggerei habe ich im August 2005, aber die Einträge damals waren eher selbstreflektierend und drehten sich eher um meine Gedanken und Erlebnisse, wobei ich kaum Bezug zu meiner Gehörlosigkeit genommen habe, da das Blog ja für Familie und Freunde gedacht war, die ich ja damals schon komplett aufgeklärt hatte und auch nah genug an meinem Leben sind, um sich zu denken, wie das so ist.

Drei Bloggerinnen mit weißen Laptops auf denen der Venusspiegel prangt, darum der Slogan - Feminists of the WWW: unite

(c) Frl. Zucker, fraeuleinzucker.blogspot.com

Warum hast du damit angefangen?
Ich war schon immer eine, die gern und viel geschrieben hat, schon von klein auf. Ich hatte eine echte Schulbank als Kind mit echter Tinte, wo ich dann meinen Füller reingetunkt habe und mir Geschichten ausgedacht habe oder aufgeschrieben habe. Kindergeschichten halt. Bloggen heute ist doch nichts weiter, dass man sich für sich selbst hinsetzt. Aber anders als damals überlegt man sich halt, ob man was verwertbares für das Blog erlebt hat, denn anders bei einem Tagebuch oder einem nichtöffentlichen Blog schreibt man ja nicht nur für sich selbst!

Frühjahr 2009 hat dann ein Journalist zu mir gemeint: „Du solltest ein Blog darüber (über die Gehörlosigkeit und das Leben damit) schreiben. Für mich selbst ist das alles so schwer vorstellbar und sehr weit weg von meinem Leben.“ Das war dann der Auslöser für das jetzige Blog: meinaugenschmaus.blogspot.com

Worüber schreibst du?
Ich engagiere mich sehr für Barrierefreiheit im alltäglichen Leben und im Fernsehen für Gehörlose, d.h. ich schreibe über die niedrige Untertitelquote von 10,6% im deutschen Fernsehen und über die schlechte Qualität der Untertitel. Also über die ganz typischen Alltagsproblemen der Gehörlosen, die der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Andere Themen sind dann noch die Bildungspolitik, Inklusion und natürlich die Gebärdensprache und die Gehörlosenkultur. Irgendwann merkte ich, dass ich ganz gut darin bin die Körpersprache anderer Menschen zu lesen, was ich dann auch verbloggt habe.

Was dir ohne Internet nicht passiert wäre:
Zur WM 2010 bot ich einen Ableseservice an, d.h. ich habe Jogi und unseren Jungs von den Lippen abgelesen, was die so auf dem Feld oder in der Trainerzone sagten und dies dann in Echtzeit auf Twitter vertwittert. Ein Follower bedankte sich bei mir, dass seine Liebste wegen meinem Ableseservice reges Interesse an der WM 2010 gefunden hätte – auf dem häuslichen Sofa hätte also Friede, Freude und Eierkuchen geherrscht. Oder die Erkenntnis, die ein anderer Follower mitteilte: „Auch Hörende haben eine Behinderung. Sie können nicht von den Lippen ablesen.“ Ohne das Internet wäre ich nicht ins Fernsehen und in die Zeitung gekommen wegen des Ableseservices.

Wovon braucht das Internet mehr:
Mehr Barrierefreiheit auf jeden Fall für Menschen mit Behinderungen, das fängt bei der Einblendung von Untertiteln und Gebärdensprachdolmetscher für Gehörlose an und reicht bis zu der problemlosen einfachen Bedienbarkeit für Sehbehinderte, Blinde und die motorisch Eingeschränkten. Dadurch würde ein Mehr an Miteinander entstehen, was ja leider im alltäglichen Leben nicht so passiert durch die Aussortierung der Menschen mit Behinderungen.

Frauen im Web sind…
…genauso wie im alltäglichen Leben: Jede auf ihre eigene Art faszinierend.

Deine tägliche Web-Lektüre:
Mein RSS-Feed, der mit solchen Seiten wie www.freitag.de, www.manomama.de/blog, notquitelikebeethoven.wordpress.com, gehoerlosblog.com bestückt ist und dann sind da noch die üblichen Verdächtigen mit dabei, die man so braucht, um up to date im Netz zu bleiben!

Tipps und Bewerbungen für die WWW Girls an post(at)maedchenmannschaft.net.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 24. Februar 2011 um 12:42 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. Lucrezia sagt:

    Eine hervorragende Empfehlung. Das Engagement von Julia Probst finde ich bewundernswert. In ihrem Blog erfährt man viel über die Situation der Gehörlosen und ihre Posts sind sehr interessant.

  2. Julia Probst sagt:

    Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, die Fragen im Interview zu beantworten. Derzeit ist auf meinem Blog leider nicht so viel los, wie es sein sollte, da ich eine Schreibblockade habe. :-( Hoffentlich geht das bald wieder weg!

    Liebe Grüße an alle Mädchenmanschaftler – ihr seid toll und ich habe hier schon soviele tolle Blogempfehlungen bekommen!

  3. Angelika sagt:

    also ich bin begeistert von Julia Probst, ihrem twitter und blog !
    m.E. gaaaaanz wichtige themen.
    und meine hoffnung ist ja, dass dank web mehr menschen aufmerksamer werden.

    und das z.b. von wegen mangelnde untertitelung in dld./ bei den ÖR nervt mich ja schon permanent und seit vielen jahren.