Sexismus und Rassismus in RTL2s „Villa Germania“

von Gastautor_in

Sexismus und Rassismus, serviert als TV-Unterhaltungs­paket. Überall verfügbar, und besonders eindrucksvoll derzeit demonstriert durch das späte Abend­programm von RTL2. Sollte keinen wundern. Gestern konnte mensch also in den Höllen­schlund gucken: „Villa Germania“ wurde kredenzt. Dihia Wegmann und Nadia haben im Folgenden mal gemeinsam ein bisschen in dem Fernseh­dreck rumgestochert.

Ausgangslage: RTL 2 begleitet weiße, hetero­sexuelle Männer in ihrem Sex­tourismus-Renter-Dasein in Thai­land. Und das geht so:

„Was für viele hierzulande ein Traum bleibt, ist für sie wahr geworden. Die Bewohner der thailändischen „Villa Germania“ führen fernab grauer Tristesse ein Leben bei Sonnenschein.“

Im Mittelpunkt der achtteiligen Doku-Soap „Villa Germania – Forever Young“ steht das Aus­wanderer­duo Horst und Ingo, mit ihren deutschen beziehungs­weise thailändischen Frauen. Horst ist der Manager der Wohn­anlage, er vermietet seine Apparte­ments an Aus­steiger, Früh­rentner und Ur­lauber. Ingo ist seit vier Jahren in Thai­land und „Horstis“ bester Kumpel. Die in der Doku-Soap auftretenden thailändische Frauen werden als sprach­lose Produkte vorgeführt. Die [Nicht­vorzeige-]Männer bringen bei, wie deutsches Bier mit Krönchen serviert wird, erzählen un­er­träg­lichen Sinnlos-Kram (O-Ton: „Ohne das Thai-Gesicht würde sie aus­sehen wie meine verstorbene Frau“) und zeigen in fast jeder Szene, hinter welch hetero­normativ-rassistischem Mond sie leben.

Jedes Thai­land-Klischee wird durch die White-Male-Prota­gonisten immer wieder re­produziert. Ein ganzes Land wird so wieder mal durch das verbaselte Privat­leben irgend­welcher Deutschen durch die Homogenitäts­suppe gezogen. Das Ganze wird serviert mit den üblich-hämischen Kommentaren aus dem Off, die das Treiben humoristisch aufbereiten sollen. Und wie kann mensch etwas böse finden, wenn er*sie noch dabei lachen kann? Und irgendwie soll das ja wahrs­cheinlich auch ein bisschen „auf­klärerisch“ rüber­kommen. Weil Horsti und Co. ja nicht als die Super­checker dar­gestellt werden. Weil Zu­schauer­_innen sich in dem Glauben wähnen, irgendwas „Authentisches“ zu sehen und zu erfahren. Es geht ja um das wahre Mitten im Leben, halt ein bisschen zurecht gerückt und ge­schnitten, aber so wird es doch sein? Voyeurismus unter dem Deck­mantel von „Da kann man noch was lernen!“. Wie immer.

Sich fragen, wer sich so eine Kack­scheiße einfallen lässt? Sich in die Köpfe der RTL2-Mit­arbeiter­_innen reindenken? Grübeln, wie und warum so ein Format immer wieder funktionieren kann? Müßig. Wir sind nicht die ersten, die sich dazu Fragen stellen und Antworten suchen. Denn Antworten gibt es natürlich.

Und wir reden nicht mal von trivialen Strukturen. Generell fällt bei den 08/15-TV-Formaten immer wieder auf, dass sie meist rassistisch-sexistische Hetero­norma­ti­vi­tät abfeiern. Ein Großteil der Menschen wird als „weniger wertvoll“ dargestellt. Mögliche Zu­schauer­_innen werden aus­ge­schlossen. Die Hegemonie des Formats wird auf die hegemonialen Rezipient_innen eins zu eins über­tragen. Die Mehr­heit nimmt konkrete verletzende Dar­stellungen kaum wahr, allerhöchstens im Grenz­bereich, denn die Ab­stumpfung ist – dank ähnlich gelagerter Formate – perfekt eingebläut. Ein gesamter ge­sell­schaftlicher Common Sense sorgt dafür, dass sowas wie diese Villa des Grauens seit Fernseh­jahr­zehnten bestens funktioniert.

Again: Wir reden nicht von trivialen Strukturen. Wir reden also auch nicht von der Mög­lichkeit, diese zeitnah irgend­wie korrigieren zu können. Die 1a-Familien­haus-Siedlungen der Hegemonie, in denen sich viele ganz gemütlich eingerichtet haben, lassen sich nicht so einfach in individuelle und schmerz­freie Wohn­konzepte umbauen. Das ist einfach so. Da werden noch jahrelange Kämpfe aus­ge­tragen werden müssen. Kein Blog-Beitrag, keine Aufschrei, kein Aktivismus wird derzeit erreichen können, dass derlei Sender­formate schleunigst von der Bildfläche verschwinden. Vielmehr freut RTL2 sich mit Sicherheit über das „Skandälchen“ der Sendung – das zeigt auf jeden Fall die 08/15-Standard-Antwort auf Beschwerden, die der Sender großzügig verschickt. Ein bisschen Aufregerei, ja, die sieht mensch wohl und hat sie beim Sendeplan mit einkalkuliert, ohne jedoch das ganze Ausmaß der menschenverachtenden Darstellungen wahrnehmen zu können. Deswegen auch die Schema-F-Antwortbriefchen, die juchzend an Sendungsgegner verschickt werden, und auch schlechte Presse ist ja Presse ist ja Werbung sind ja Zu­schauer­zahlen sind ja Geld.

Bestehende Realitäten müssen in diesem Fall wahrgenommen, müssen vorerst „akzeptiert“ werden. Ist es sehr pessimistisch, wenn wir vermuten, dass etwas wie die „Villa Germania“ nicht so erfolgreich demontiert werden kann wie etwa ein sexistischer Lufthansawerbespot? Antje Schrupp hat dazu in der letzten Woche einen sehr erhellenden Beitrag geschrieben, nämlich „Wenn Markenexperten unsanft geweckt werden„:

„Offenbar genügt es, wenn eine gewisse Anzahl problembewusster Menschen – und das müssen im Anfang gar nicht viele sein, zwei, drei, vier – im Internet ihren Unmut kundtut und ihren Unwillen, sowas zu tolerieren. Sie haben durch ihre Vernetzung, durch ihre Blog-,  Twitter-, Google- und Facebook-Reichweiten genug Einfluss, um den Ver­ant­wort­lichen das Leben unangenehm zu machen.“

Ja, in diesem Fall (Lufthansa) hat es genügt. In anderen Fällen (Eon – E wie Einfach) auch. Dennoch: Derzeit bleibt es bei Punkt­erfolgen, beim Abarbeiten an Einzel­fällen, bei der Kon­zen­tration auf Mikro-Ebenen. Aber vielleicht ist genau das der Weg: Wenn wir davon aus­gehen, dass Leute erst dann auf­stehen, erst dann aktiv oder aktivistisch werden, wenn der Leidens­druck zu groß oder der gesellschaftliche „Trend“ dazu da ist, dann muss mensch immer wieder weiter machen. Wider­stand und Ak­ti­vis­mus können auf unter­schiedlichen Ebenen formuliert werden und stehen in einer Reziprozität zwischen individuellem Leidens­druck und gesellschaftlichem Trend. Wollen sagen: Immer wieder auf die Finger klatschen, wenn Sexismus, Rassismus, alle anderen -ismen irgendwo auftauchen. Abschaffen können wir die „Villa Germania“ damit für die nächsten Wochen – und immer – wahrscheinlich nicht. Die „Villa Germania“ ist nur eine der vielen Spitzen vieler Eis­berge. Sie ist nicht die Krank­heit, sie ist eins der Symptome. Aber wenigstens können wir nochmal betonen: Ist scheiße, sexistisch-rassistische Kackscheiße.




Tags: , , ,

Eintrag geschrieben: Donnerstag, 28. Juni 2012 um 12:00 Uhr unter Kultur, Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



18 Kommentare

  1. Oni sagt:

    Kein Blog-Beitrag, keine Aufschrei, kein Aktivismus wird derzeit ver­hindern können, dass derlei Sender­formate schleunigst von der Bildfläche verschwinden.

    Schön wärs. Wahrscheinlich sollte da „erreichen“ statt „verhindern“ stehen?

  2. Nadia sagt:

    Wenn sechs Augen mehr als vier sehen. Thx!

  3. Sonja sagt:

    Welche Unternehmen buchen bitte bei solch einer Sendung Werbezeit? Vielleicht sollte man dort ansetzen und entsprechend nachhaken. Der Villa Germania den Geldhahn abdrehen…

  4. Mika sagt:

    Finde den Ansatz von Sonja gut. Vllt einfach mal eine Liste erstellen, mit Unternehmen, die sich dort Sendezeit kaufen und veröffentlichen. Danach kann jede/r selbst entscheiden, ob er/sie diesen Unternehmen einfach mal eine Email zu kommen lassen will, in der er/sie einfach mal mit einem Produkt-Boykott droht. Das läuft hinten rum, es gibt keine Publicity für RTL2 und sie verlieren Bares.
    Leider muss sich nur eine arme Sau finden, die diese Liste macht und sich den Schrott einmal ansehen ;-).

  5. PoC sagt:

    „Ein gesamter ge sell schaftlicher Common Sense sorgt dafür“

    Was ihr meint, nennt sich konsens. Commons sense heißt gesunder Menschenverstrand.

  6. Babs sagt:

    Hatte heute eine Diskussion mit AkademikerInnen über diese Sendung.O-Ton:Das kann gar nicht rassistisch sein,diese Männer haben ja Thai-Frauen (sic!) geheiratet.Ein Nazi würde ja keine Jüdin heiraten.Was zum…? Wie begegnet mensch solch bodenloser Ignoranz? Und:Vielen Dank für den Beitrag, sowas taut meinen Brain-Freeze nach besagter Diskussion ein bisschen auf.

  7. Nadia sagt:

    @PoC: Common sense nach Webster, also, die unreflektierten Meinungen der „ordinary“ Menschen. (Sry wenn der Gramsci-Touch fehlgeleitet hat.)

  8. Auralibby sagt:

    Ja, also das ist wirklich mal ein Format, das selbst ne olle Pessimistin/Misanthropin wie mich noch verblüffen konnte. Ich habe die Ausschnitte bei fernsehkritik.tv gesehen und war nur noch so „Whaaaaaat the f…“
    Kann man das wirklich nicht verbieten lassen? Juristen? Bitte..?

  9. Nadia sagt:

    @PoC:
    Hihi, dann schließe ich mich bei Gelegenheit nochmal Marx an. Nice! (Nachdruck: Nicht Konsens.)

  10. Nivek sagt:

    „traumfrau gesucht“ anfang des jahres hat ja ganz ähnlich funktioniert…

  11. Mel sagt:

    Ich habe RTL II schon lange völlig aus meiner Programmliste gelöscht – auch ne Lösung :)

    Ist zwar nicht der Sender und die Sendung oder auch das Format, aber hat eine/r unter euch schon „Spartacus“ auf Pro7 gesehen? Extrem blutige Gewaltbilder in Slow-Motion im Sekunden-Wechsel mit nackten Frauen(hauptsächlich als Sklavin oder Dauerkorpulationsbereite)/sexuellen Darstellungen (aus der Kategorie „Männerfantasien“) u erträglich knapp hintereinandergeschnitten.
    So funktioniert im Grunde die ganze Serie.
    Wenn es so weitergeht, der nächste Sender, der aus der Programmliste fliegt. Nicht nur wegen dieser Serie.

    Ich spreche dies hier an, um Ideen zu sammeln, wie man gegen solche assoziativ grenzwertigen Inhalte (Gewalt/Vergewaltigung – Sexualität) und ihre Dauerwiederholungen angehen kann. Mir kam beim sehen der Szenen neben der Galle auch die Frage hoch, ob man da nicht rechtlich was machen könnte. Wie auch Aurabilly oben schon gefragt hat.
    Jemand?
    Oder weitere Vorschläge?

  12. Mel sagt:

    *unerträglich*

  13. Zara sagt:

    @Mel:

    Ich hab Spartacus gesehen bzw. die ersten beiden Staffeln jetzt, finde es ist ein schlechter Abklatsch von Rom bzw. 300 mit wirklich extrem viel Effekthascherei.

    Ich sehe da aber noch riesige Unterschiede zu Vila Germania, v.a. dass bei Vila Germania wirkliche Menschen gedemütigt und ausgebeutet werden und die deutschen Rentner wirklich kein bißchen Empathiefähigkeit zu haben scheinen.

    Ich finde auch nicht, dass Frauen bei Spartacus als Dauerkorpulationsbereite dargestellt werden, sondern als zur Dauerkorpulation Gezwungene und so war das leider ja zu der Zeit. Wie soll man eine Serie über Sklavenbefreiung drehen, ohne das Leid der Sklaven darzustellen?

    Und bist du generell dagegen, dass Vergewaltigungsszenen im Fernsehen gezeigt werden und wenn ja warum?

  14. hannah sagt:

    @zara: oh ja, szenen mit sexueller gewalt muss ich nicht tagtäglich im tv zu sehen bekommen!!! wenn ich könnte würde ich das sofort verbieten!

    vor allem da ich menschen kenne, die solche szenen nicht ertragen können, bzw. bei denen dadurch getriggert wird. dieser trigger kann sich so krass auswirken, dass durch die erinnerung an etwas schreckliches aus der vergangenheit blackouts passieren.

    und auch für mich persönlich finde ich es schrecklich und grausam solche schlimmen gewalttaten en detail anschauen zu müssen.

  15. Mel sagt:

    @Zara
    Mir ist bewusst, dass sich die Formate nicht vergleichen lassen (zumindest nach dem, was ich hier gelesen hab).
    Spartacus ist mE aus feministischer Sicht grenzwertig, wenn nicht sogar ganz abzulehnen. Es werden entgegen deinen Ausführungen nicht nur Vergewaltigungen dargestellt (hier teilweise sogar uneindeutig: sprich als ob das Opfer im Verlauf doch Lust empfindet), sondern auch Frauen der Oberschicht (zB die frühere Xena-Darstellerin). Und diese dann eben dauerkorpulationsbereit oder nach Schmuck und Parfum gierend usw.
    Mut Vergewaltigungsszenen habe ich keine Schwierigkeit, siehe zB den Film „Irreversible“. Die „Szene“ macht hier sogar gefühlt ein Drittel des Filmes aus. Es geht mir um den filmischen (nicht zeitlichen) Kontext, in den diese Darstellungen eingebunden sind. Und bei Spartacus ist dieser Kontext gewaltverherrlichend. Grenzwertig vor allem, wenn Vergewaltigungsszene und glorifizierende Tötungsszenen im Wechsel im Sekundentakt hintereinander geschnitten sind. So dass gleichzeitig mit der Ejakulation, der Gegner seinen Kopf verliert oder dergleichen.

    Bei Filmen, die in erster Linie von Männern als sehenswert und mit „geil“ tituliert werden, habe ich kein Interesse. Erfahrungsgemäß handelt es sich meist um stark objektifizierende (hauptsächlich Frauen) Filme oder sie enthalten fast nur Schlachtszenen oder barbarische Tötungsdarstellungen. Nicht eindeutig kritisierend oder einfach historisch darlegend sondern filmisch ästhetisch, so das auf jeden Fall eine Verharmlosung, wenn nicht Glorifizierung stattfindet.

  16. Uwe sagt:

    Um meine Zufriedenheit mit dem Deutschen Privatfernsehen auszudrücken hatte ich kurz vor dem 30.September 2010 mein Fernsehgerät mit einer Motorsäge in der Mitte zerteilt.

    Danke ihr verhunsten Kacksender fur euer tolles Programm.