Die schmutzige Antwort

von Helga

Der Postfeminismus hat keine Meinung zu Flatrate-Bordellen

Den heute gängigen Vorwurf gegenüber der Jugend, Gleichgültigkeit, wiederholte vor einiger Zeit Ursula März in der Zeit. Im Gegensatz zu früher würden die heutigen „Postfeministinnen 30 plus“ die schmutzigen Themen aussparen. Lange habe ich darüber nachgedacht, vielleicht haben wir zu wenig darüber gesagt, dabei ist es am Ende klar: Ein Ziel des Feminismus ist es, dass alle Menschen ihr Leben frei gestalten können. Auch und gerade, wenn es um Sex geht.

Zunächst bleibt festzuhalten: Menschenhandel und Zwangsprostitution sind menschenverachtend. Der deutsche Umgang mit den Opfern von Zwangsprostitution leider auch: Für sie gibt es wenig Hilfe, die meisten werden abgeschoben. Ob es in ihrer Heimat sicher ist oder sie gleich wieder verschleppt werden, eine Zukunft als Ausgestoßene droht – egal. Erst schauen wir weg und dann wollen wir sie nur schnell wieder loswerden.

Vom freien Willen kann auch keine Rede sein, wenn Frauen Prostitution als letzten Ausweg sehen, Geld zu verdienen. Es ist vielmehr ein Armutszeugnis von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, dass es heute noch dazu kommt.

Schließlich gibt es sie: Menschen, die sich freiwillig dazu entschließen, sexuelle Dienstleistungen anzubieten. Doch um die ging es in der Debatte um die Flatrate-Bordelle niemals. Sie schalteten Anzeigen, dass sie wirklich freiwillig dort arbeiteten, gestürmt wurden die Pussy-Clubs dennoch – mit hanebüchenen Begründungen, die später wieder zurückgezogen wurden. Statt auf die Forderungen nach rechtlicher Sicherheit beim Bordellbau einzugehen und die Diskriminierungen bei Versicherungen zu beenden, führt man in Deutschland lieber Razzien durch.

Doch bei allen Problemen sind wir heute deutlich weiter als in den siebziger Jahren, über die Legalisierung der Prostitution hinaus. Im Internet gibt es jede Menge Blogs von Sexarbeiter_innen und Blogkollektive wie http://www.harlots-parlour.com. Für viele sicherlich erstaunlich, aber es soll sogar Feministinnen unter ihnen geben. Dass viele nur unter Pseudonym bloggen (müssen) zeugt wieder von den Problemen. Denn erführen ihre Nachbarn davon, wäre gesellschaftliche Ausgrenzung die Folge. Wer eben noch ein normaler Mensch war, scheint durch seine Arbeit den Anspruch auf einen würde- und respektvollen Umgang, menschlichen Umgang, zu verlieren.

Bevor es also zur nächsten Debatte über Bordelle und ihre Angestellten kommt, sollten wir mit ihnen reden. Und damit das erfüllen, was selbstverständlich sein sollte: Sie als Menschen wahrzunehmen.

PS: In der Jungle World habe ich den einzigen Artikel gefunden, in dem das passiert.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 25. September 2009 um 9:27 Uhr unter Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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7 Kommentare

  1. stadtpiratin sagt:

    gerne gelesen: eine gute annäherung an ein schwieriges thema. es ist viel Toleranz und Offenheit nötig auf diesem gebiet um zu etwas wie verständnis zu gelangen. und das ist dringend notwendig. mehr davon!

  2. Matze sagt:

    Sehr guter Artikel!

  3. Lena sagt:

    guter Artikel!

    .. ich habe in irgendeinem anderem Artikel ueber die Flatrate Bordelle gelesen, dass diese fuer die Angestellten Damen auch einen Vorteil haben: Sie bekommen ein festes Gehalt, jeden Monat.
    Das ist sonst in dem Bereich selten der Fall…

  4. Judith sagt:

    Super Artikel!
    Fragt die Leute, dies betrifft! Gilt eigentlich fast immer.

  5. Sina sagt:

    Sehr guter Artikel… man kann von dem ganzen ja halten was man will, aber die Meinung der Betroffenen zu übergehen, wie es in dieser Diskussion geschehen ist, zeugt von völliger Respektlosigkeit und ist mit der als Vorwand genutzter Menschenwürde absolut nicht vereinbar.

  6. jj sagt:

    Helga

    „Vom freien Willen kann auch keine Rede sein, wenn Frauen Prostitution als letzten Ausweg sehen, Geld zu verdienen. Es ist vielmehr ein Armutszeugnis von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, dass es heute noch dazu kommt.“

    Also, das ist schwieig. Was heißt denn schon „letzter Ausweg“? Wenn sie als Putzfrau 3,50 Euro/h verdienen kann und als Prostituierte 80 Euro/h? Ist das dann ein letzter Ausweg? Daß Prostitution nicht „ein Job wie jeder andere ist“ gilt ja auch für die Bundesagentur, die *nicht* in diesem Bereich vermittelt oder zumindest bei Ablehnung von Angeboten im Bereich Sexarbeit (Strippen, etc, so was gab’s mal irgendwo) keine Kürzungen der Leistungen vornimmt. Und was ist mit anderen körperlich und seelisch beanspruchenden Jobs wie Pfleger/Pflegerin? Sind die als letzter Ausweg zulässig? DAS sind sogar Jobs deren Aufnahme aus gesellschaftlichem Interesse aktiv gefördert wird… da wird immer noch mit diversen Maßstäben gemessen.

    Aber immerhin wird jetzt darüber geredet!