Die Rollen autonom organisierter rechter Frauen (2)

von accalmie
Dieser Text ist Teil 5 von 10 der Serie Gender und Rechts(extremismus)

[Dieser Text ist der zweite Teil zu autonom organisierten, extrem rechten Frauen. Den ersten findet Ihr hier.]

Oft kommt die Frage auf, ob rechte Aktivist­innen das „Image“ der Rechten nicht auf­polierten, angesichts dessen, dass viele Menschen zwar („männlich“ konnotierte) physische Gewalt ablehnten, aber immer wieder fest­gestellt werden kann, wie (gesamt­-)gesell­schaftlich verankert und eben kein Randphänomen gruppen­be­zogene Men­schen­feind­lich­keit ist, und somit anschlussfähig für extrem rechte Positionen. Auch die Frage, ob der Akti­vismus extrem rechter Frauen (eventuell un­freiwillig) ein Zeichen einer „Frauen­emanzi­pation von rechts“ sein könne, wurde in den letzten Jahren vermehrt gestellt.

Auch wenn es extrem rechten Frauen­gruppen grund­sätzlich und nahe­zu aus­schließ­lich um die Propa­gierung extrem rechter Ideo­logie geht, wird sowohl in der GDF als auch in anderen auto­nomen Frauen­gruppen die Frage nach einer „Auf­wertung“ der (als deutsch definierten) Frau und ihrer Rolle in einer imaginierten/propa­gierten „Volks­ge­mein­schaft“ immer wieder thematisiert. Aus­gehend von der bio­logisti­schen und he­tero­sexisti­schen An­nahme, dass „Mann und Frau […] eine sich er­gän­zende Ein­heit“ seien – so schrieb die GDF noch vor drei Jahren unter dem Ressort „Frauentum“ -, vertritt z.B. die GDF ein dichotomes Geschlechterbild: Männer und Frauen besäßen angeborene, spezifische Charaktereigenschaften und Verhaltensmerkmale, die komplementär seien und aufgrund einer „genetischen Veranlagung“ sich „immer wieder durchsetzen“ würden. Das sei „auch gut so,“ denn „diese elementaren Eigenschaften“ dienten „dem Gesetz der Natur- nämlich dem Zusammenleben und Fortbestehen der Art.“

Die GDF bleibt somit nationalsozialistischer Ideologie treu und sieht den „Wert der Frau“ in „der Fähigkeit der Reproduktion“ begründet, den sie als den „weiblichen Beitrag zur Erhaltung des Volks“ versteht. Gleichberechtigung, Emanzipation, Feminismus – für die Mehrzahl rechter Frauengruppen sind das „marxistische“ Konzepte, die die „Verwirklichung als Frau und Mutter, die höchstes Glück bringt“ zunichte machten. Der „Mädelring Thüringen“ meint in Gleichberechtigungskämpfen gar einen „absichtlich heraufbeschworenen Geschlechterkonflikt“ zu erkennen, aus dem „so genannte Emanzen“ hervorgingen, „welche sich durch kranke Wert­vor­stellungen“ einer „Multi­kulti­ge­sell­schaft“ nähr­ten. Es ist auch kein Zufall, sondern knüpft bereits rhetorisch an die geschlechterbild-reaktionäre, nationalsozialistische Ideologie des „Bund Deutscher Mädel“ an, dass eine große Anzahl extrem rechter Frauengruppen das Wort „Mädel“ in ihrem Namen trägt (und gewisse Traditionen wie „Heimatkunde“ fortgeführt werden, z.B. in der GDF).

Wenngleich einige Gruppen für eine „Aufwertung“ oder stärkere Anerkennung von (erneut: nur als deutsch definierten) Frauen auch innerhalb der rechten Szene eintreten, nehmen sie dabei un­mittelbar Bezug auf die vermeintlich „natürlichen Be­stimmungen“ jener und ihres fest­gelegten Wir­kungs­rahmens. Weib­liche* Selbst­ver­wirklichung liegt für die Mehrheit extrem rechter Frauen­gruppen in der Mutter­schaft. Die Idee zur Emanzipation komme im „natürlichen Denken“ der „deutschen Frau“ nicht vor, schrieb zum Beispiel die GDF 2008 mithilfe schlecht verhohlener antisemitischer Codewörter, sondern sei eine „von außen“ in die deutsche Ge­sell­schaft hin­ein­ge­tragene, „frem­de Lehre“. Erneut wird eine Bi­polar­ität von Männern und Frauen stilisiert: Diese seien zwar „gleich­wertig“, aber nicht „gleich­artig“.

Aus der Über­höhung und ideo­logie­ge­ladenen Ver­klärung von Mutter­schaft, sowie deren Fest­legung als „bio­logische Be­stimmung der Frau“, resultiert auch eine ab­lehnende Haltung der Mehr­zahl extrem rechter Frauen gegen­über Schwanger­schafts­ab­brüchen, die als „Mord“ und wahl­weise auch als „Baby-Holocaust“ be­zeichnet werden, zum Beispiel durch das extrem rechte Portal „Storchen­nest“. Darüber hinaus steht die Re­pro­duktion von Nach­wuchs für die „Volks­ge­mein­schaft“ und die „na­tionale Be­wegung“ im Vorder­grund (und als adäquater Nach­wuchs gelten hier natürlich nur weiße Kinder ohne „Behinderung“ – läge eine „eugenische Indikation“ vor, so das „Storchennest“, sei eine Abtreibung nicht nur legitim, sondern gar präferabel). Die Pille und andere Ver­hütungs­mittel wurden von der GdF 2008 noch als „Evolutionshemmer“ bezeichnet; in den letzten Jahren erklärte die GDF hingegen, dass es angesichts „un­natürlicher“ politischer Zu­stände im „Multikulti“-Europa kein Wunder sei, dass „deutsche Männer und Frauen“ sich weigerten, Kinder zu bekommen.

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Quelle: zamperl.

Auch (öffent­liche) poli­tische Ak­tionen au­to­nom orga­nisier­ter rechter Frauen be­schrän­ken sich pri­mär auf als „Frauen­themen“ De­fi­nier­tes und be­wegen sich so­mit in ihrem (auch) selbst be­grenz­ten Wir­kungs­be­reich: Schwan­ger­schaft, Mutt­er­schaft und ein Kampf gegen (se­xu­elle) Ge­walt gegen Kin­der spie­len auch in der polit­ischen Ar­beit rechter Frau­en­or­ga­ni­satio­nen eine gro­ße Rolle. So führ­te et­wa der „Freie Mädel­bund“ (PDF) vor ei­nigen Jahren eine Unter­schriften­aktionen unter dem Motto „Todes­strafe für Kinder­schänder“ durch – eine Aktion, die explizit auf den Anschluss bei der vermeintlichen „Gesellschaftsmitte“ zielte und den strategischen Einsatz geschlechts(stereo)typischer Themen durch extrem rechte Aktivistinnen illustriert.

Eine weitere von extrem rechten Frauen or­gani­sierte Aktivität ist/war das so­genannte „Braune Kreuz„, ein selbst­ernannter „Sanitäter­innen­dienst“ bei recht­sextremen Auf­märschen, deren Mitglieder Arm­binden trugen, die dem „Deutschen Roten Kreuz“ nach­empfunden waren – abgesehen von der Farbe des Kreuzes. Das „Braune Kreuz“ entstand bereits 1998 unter der Leitung von Cathleen Crewe, aus dem Umfeld des SFD. Nachdem das „Deutsche Rote Kreuz“ juristisch gegen diese Praxis vor­ging, kam es zu einer ausser­gericht­lichen Ei­ni­gung mit der Gründerin der Gruppe: sowohl Name als auch Zeichen dürfen nun nicht mehr verwendet werden – der „Sanitäterinnen­dienst“ ist aber weiterhin ein Betätigungsfeld für extrem rechte Aktivistinnen. Ausser­dem widmen sich extrem rechte Frauen bestimmter Gräber- und nationalistischer Denkmalpflege (z.B. war dies ein explizites Feld der „Mädelgruppe“ der 2005 verbotenen „Kameradschaft Tor“ in Berlin) oder um inhaftierte „Kameraden“ und deren Angehörige, wie der „Freie Mädelbund Bad Gandersheim„. Diese Aktivitäten, die in den letzten Jahren zunehmend an (propagandistischer) Bedeutung gewannen, könnten als Zeichen dafür gewertet werden, dass Rechtsextremistinnen zunehmend (auch direkten politischen) Einfluss gewinnen in der Szene und eigene Akzente setzen; allerdings stets in als „frauenspezifisch“ definierten Bereichen. Gerade das „Braune Kreuz“ und die Gräber/“Denkmal“-Pflege entsprechen in hohem Maße dem Rollenbild der passiv unterstützenden „Kameradin“ des „aktiv“ kämpfenden Mannes und verlassen den stereotypen Wirkungskreis „der Frau“ nicht: Mutter, Kinderbeschützerin, Unterstützerin, Pflegerin, „Bewahrerin“.

Eines der wenigen Beispiele für einen „moderneren“ Fokus rechter Frauengruppen ist hingegen „Jeanne D.“, eine Gruppe, die sich bei der Namensgebung offensichtlich auf Jeanne d’Arc bezieht, die der Rechten in Frankreich als nationalistische Ikone dient. RNF-Vorsitzende Sigrid Schüßler gründete „Jeanne D.“ gemeinsam mit der Sozialarbeiterin und RNF-„Kollegin“ Iris Niemeyer, um „eine Selbsthilfegruppe für politisch verfolgte Frauen in Zeiten der BRD“ zur Verfügung zu stellen, deren Zweck es sei, Frauen, die aufgrund ihres extrem rechten Aktivismus ihren „Arbeitsplatz verloren“ hätten, unterstützend und vernetzend zur Seite zu stehen. Die hier Organisierten verstehen Frauen also durchaus als Erwerbstätige und als politische Aktivistinnen in einer, so erhofft, vorübergehenden Republik-Phase eines propagierten deutschen „Reichs.“ Wie die konkreten Aktivitäten und die direkte Verbindung zur NPD über den RNF aussehen, bleibt allerdings unklar.

Im Bereich der Rekrutierung und „Schulung“ [sic] profitieren extrem rechte Frauenorganisationen weiterhin von der sexistischen Annahme, dass sie inhaltlich harmloser und/oder methodisch friedlicher seien als männliche Kameraden; auch daher sehen sich hier einige extrem rechte Frauen nicht nur in der Rolle der Unterstützerin, sondern Vorkämpferin. Der „Arbeitskreis Mädelschar“ beispielsweise organisiert regelmäßige „Seminare“ (nicht nur) für Neuankömmlinge und das auf ein weibliches Publikum zielende, extrem rechte Magazin „Triskele“ schrieb bereits 2006, dass „jede/r sich darüber im klaren [sic]“ sein solle, „dass die Frau nicht nur ein Anhängsel vom Mann ist. Auch sie kämpft wie er für unsere Heimat.“

Mit „Emanzipation“ oder gar Feminismus hat der poli­tische Akti­vis­mus extrem rechter Frauen demnach aber nichts zu tun: Diese treten ihren na­tionali­stischen Kampf nicht an, um sich auf eine Art und Weise zu eman­zipieren, sondern, um für das Voran­schreiten ihrer rechten Ideo­logie ein­zu­treten. Man kann dennoch fragen, ob dies nicht auto­matisch, so ambivalent und gar teil­weise un­gewollt es sein mag, eine Stär­kung der Rolle von Frauen inner­halb der extrem rechten Szene mit sich bringt. Frauen er­höhen ihre Präsenz in jener, setzen selbst Themen, prägen Meinungen und beein­flussen somit Politik. Mehr noch: die Öffent­lichkeits­wirk­sam­keit der rechten Szene erhöht sich ins­gesamt, indem Frauen stra­te­gisch „bürger­liche“ Themen auf­greifen und so­mit ver­suchen, in den mehr­heits­ge­sell­schaft­lichen Diskurs und „Main­stream­themen“ ein­zu­grei­fen und extrem rechte Positionen weiter zu ent­tabui­sieren.

Ganz geschlechts­stereo­typ und zunehmend strategisch „locken“ extrem rechte Frauen nicht nur mit ihrer spe­zi­fischen Themen­auswahl, sondern auch mit ihrer sozial zugeschriebenen Rolle, die „dem“ aggressiven, gewaltbereit(er)en männlichen Rechtsextremen gegen­über­ge­stellt wird. Insofern scheint der un­mittel­barste Bei­trag organisierter extrem rechterFrauen da­rin zu be­stehen, die (oft nur halb­herzig wider­sprochene) Sicht­barkeit, Hör­barkeit und „Legitimität“ extrem rechter Stand­punkte (weiter) zu er­höhen. In Beate Zschäpes Fall zeigt sich, wozu diese Unter­stützerinne­nrolle rechter Frauen wohl mindestens reicht: zur Beihilfe zum Mord.

 




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Eintrag geschrieben: Montag, 10. Juni 2013 um 9:00 Uhr unter Geschichte, Gewalt. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. Geli sagt:

    „Baby-Holocaust“? Wirklich? Und die Ironie sehen die nicht?

  2. accalmie sagt:

    @Geli: Dadurch wird wohl gezielt versucht, den Holocaust zu verharmlosen, indem man beliebige Formeln vor dieses Wort setzt, um gewissen Gruppen einen (nicht vorhandenen) Opferstatus zuzuschaufeln und natürlich auch, um zu provozieren. Zum Beispiel wird in der extremen Rechten, seitdem der NPDler Jürgen Gansel dieses Wort zum ersten Mal Mal ins Spiel brachte, auch von „Bombenholocaust“ gesprochen, wenn die Bombadierungs Dresdens durch Alliierte „betrauert“ wird. Es geht hier also ganz klar um (extrem) rechte Propaganda und Geschichtsrevisionismus/-verharmlosung.

  3. Reality Rags sagt:

    Prima Artikel!
    Aber irgendwie hab ich jetzt das Gefühl, ich müßte mich waschen, nachdem sie so viele gruslige (Frauen)bilder vor meinem geistigen Auge getummelt haben… brrrr

  4. accalmie sagt:

    @Reality Rags: Dankeschön :)! Und ja, der Ekel ist schwer abzuschütteln…

  5. […] Enorm informativer Artikel über die Frauenrolle in autonomen rechten Gruppierungen: […]