Die Bilder toter Menschen

von Charlott

Eine kann kaum noch die Seite eines sozialen Netzwerks aufrufen, ohne mit Bildern toter Menschen konfrontiert zu werden. Ob auf Twitter tausendfach geteilt oder bei Facebook bereits mit viele Likes versehen – es gibt kein Entkommen. Gestern war es vor allem das Bild des dreijährigen Aylan Kurdi.

Das Zentrum für Politische Schönheit (als neuer Teil einer Reihe von hoch gefeierten aber hoch problematischen Aktionen/ Äußerungen ) verkündete auf ihrer Facebookseite heute:

In Großbritannien liegt Aylan Kurdi (3) heute auf allen Titelseiten des Landes tot am Strand vor der Europäischen Union. In Deutschland kann noch eine Generation sagen: „Wir haben es nicht gewusst!“

Und in den Kommentaren geht es mit dieser Argumentationslinie weiter: Die Bilder seien wichtig. Die Bilder zeigten eben was passiert. Die Bilder rütteln auf. Die Bilder seien bedeutend für Empathie. Dabei ist die Perspektive eine ganz eindeutige: Was benötigen die mehrheitlich weißen, christlich-säkularen Europäer_innen?

Benötigen wozu eigentlich? Zu erkennen, dass tausende von Menschen an den europäischen Grenzen sterben? Dieses Sterben als etwas Schlimmes zu kategorisieren? (Auch ein Grund, warum gerade das Bild eines toten Kindes so gut funktioniert, wird ihm doch per se eine ‚Unschuld‘ zugeschrieben, denn von der Einteilung in ‚gute‘ und ’schlechte‘ Geflüchtete mag sich kaum eine_r verabschieden.) Oftmals heißt es, dass die Bilder zeigten, dass Geflüchtete wirklich Menschen seien.

Doch statt zur Vermenschlichung der Zahlen („wieder 600 Tote im Mittelmeer“) tragen diese Fotografien zur Dehumanisierung bei. Die toten Körper werden zu einem Symbol stilisiert, ohne Gedanken an die Angehörigen oder die Würde der Verstorbenen. Oftmals werden in einem Bild gleich eine Reihe von Menschen gezeigt, Namen werden nur selten zugeordnet. Wurde beim Flugunglück in Frankreich penibel darauf hingewiesen, dass keine Fotos von Toten veröffentlicht werden, so sehen viele Menschen kein Problem damit die Bilder toter Schwarzer Menschen und POC zu verbreiten. Für die Sache.

Empathie und Mitgefühl sind keine Empfindungen, die in einem machtleeren, hierarchiefreien Raum entstehen. Wenn diese Strukturen nicht ständig mithinterfragt werden, wird es kaum grundlegende gesellschaftliche Veränderungen geben und statt Einsatz für die Abschaffung von Grenzbestimmungen, Kapitalismus und rassistischer Gesellschaftsstrukturen steht ausschließlich eine Mitfühl-Performance, die wiederum das eigene, (weiße), europäische Ich in den Mittelpunkt stellt. Selbst wenn die Bilder den Zweck erreichten, der ihnen zugesprochen wird, was ist der Preis?

Lesetipp




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 3. September 2015 um 15:00 Uhr unter Aktivismus, Gewalt, Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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10 Kommentare

  1. liz sagt:

    Ich finde den Text interessant und wichtig. Bei dem Bild von Aylan Kurdi habe ich mich aber geärgert, dass gerade durch ein Foto von einem weißen Kind so viel „Mitgefühl“ und „Aufmerksamkeit“ generiert werden soll und dass es gerade das Bild von einem weißen Kind ist, das hundertfach geteilt wird…

  2. Leonie sagt:

    Das Bild spricht das Herz an wie nichts sonst, weit mehr als Zahlen und Berichte es je könnten. Seine Würde ist nicht angetastet, denn es ist nicht entstellt, sieht aus wie schlafend.

    Wer täglich so viel über Krieg und Tod liest, wird durch immer mehr Info nicht mehr groß berührt – wie denn auch, man könnte ja den Alltag kaum mehr meistern wegen all des Elends auf der Welt.

    Das Foto ist insofern ein wichtiger Beitrag zur „Fern-Empathie“ – das kann man nicht wegdiskutieren oder moralisch verurteilen, das ist einfach wahr.

  3. Jane555 sagt:

    liz: Vor allem in Deutschland werden Menschen wie der kleine Aylan meistens eher nicht mit so viel white privilege bedacht, da gibt es doch eine Menge Rassismus (kann ich ein Lied von singen). Die Wirkung jetzt dem toten Kind bzw. dessen „Whiteness“ in die Schuhe zu schieben, finde ich abwegig.

  4. accalmie sagt:

    @Leonie: „Es“…? Der Junge heißt Aylan Kurdi. Sein Bruder, Galip Kurdi und seine Mutter, Rehan Kurdi, sind ebenfalls ertrunken. So viel Empathie, noch nicht einmal die Namen zu kennen oder sie für nicht erwähnenswert zu halten, hat das Bild also zumindest Dir eingebracht. All das, was Du schreibst, ist wirklich (gar „einfach wahr“) und fast schon tragisch die Veranschaulichung vieler der Punkte, die Charlott in ihrem Artikel ansprach und kritisierte.

    @Liz: Vorsicht mit Zuschreibungen, würde ich hier sagen. Aylan Kurdi ist nicht „weiß“ (erstrecht, wenn wir „weiß“ als soziale Position verstehen, nicht von Rassismus betroffen zu sein bzw. von diesem zu profitieren). Natürlich es ist wichtig, Colorism als einen Aspekt von Rassismus (der auch in PoC communities weitergetragen wird) anzusprechen, aber hier halte ich das für völlig fehl am Platz.

  5. Jane sagt:

    Danke accalmie, dass du die Namen nochmal ansprichst. Sachliche Berichte könnten – für Menschen, die tatsächlichen versuchen, sich in die Lage anderer zu versetzen – durchaus ausreichend sein, um Empathie mit getöteten Kindern zu entwickeln. Was hier passiert ist, dass ganz viele Europäer jetzt „achgottachgott, das ist ja so schrecklich“ rufen. Was ist die Motivation dahinter? Ein egoistisches. Endlich können wir unsere negativen Gefühle mal durch ein Ventil fließen lassen und gepaart mit white guilt andere bemitleiden. Da fühlt man sich gleich viel besser und so schön dankbar.. Herrlich. Wer braucht denn da noch Namen. Auch geil: Die süße schlafende Kinderleiche. Nur eine hübsche Leiche ist eine gute Leiche!

  6. Hotzenplotz sagt:

    @ Leonie: was Jane sagt.
    Was folgt denn aus dieser aufbrandenden so genannten „Empathie“, die in den letzten Tagen durch melodramatische Schlagzeilen in den Boulevardmedien ihren Ausdruck findet (irgendwas mit „Bild bewegt Europa“ oder „die Welt weint“)? Gar nichts. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass nun mehr Menschen aus ihrer Lethargie erwachen, die sich bisher den Arsch platt gesessen haben und sich nun für Bleiberecht etc. einsetzen? Auf stilles, gönnerhalftes Mitleid können die Geflüchteten verzichten. Ich finde es bezeichnend, dass man erst durch ein solches Bild affiziert werden muss, um überhaupt etwas zu spüren und zu checken, wie katastrophal die Lage der Geflüchteten ist.
    Und was die Würde des Jungen angeht: ja, sie ist sehr wohl verletzt, wenn dieses Bild ohne sein Einverständnis oder das Einverständnis seiner Eltern veröffebtlicht und für billige, gehaltlose Emo-Berichterstattung instrumentalisiert wird.

  7. Aki sagt:

    Wie ist das bei Bildern toter Soldaten, Opfern von Seuchen und Epidemien, toter Kriegsopfer oder Tote bei Anschlägen, Bilder verhungerter Kinder oder klassisch den Bildern aus den Konzentrationslagern auf denen hunderte toter Menschen aneinandergereiht zu sehen waren. Solche Bilder wurden schon immer „benutzt“ um Menschen aufzurütteln und ihnen die erbarmungslose Realität vor Augen zu führen um ein Umdenken und Wachrütteln zu erreichen. Sind solche Bilder genauso zu verurteilen?

  8. Magda sagt:

    Hallo Aki,

    so wie ich Charlotts Text verstehe, geht es ihr nicht um das pauschale Verurteilen von Bildern, auf denen Leid und Tod abgebildet sind. Bilder können helfen, etwas, was mensch nicht versteht, einzuordnen, nachzuvollziehen. Bestimmte Fragen kommen allerdings zwangsläufig bei der Verbreitung von Bildern von toten Menschen auf: Wer ist das imaginierte Publikum des Bildes und warum braucht dieses Publikum solch ein Bild, um Empathie zu empfinden? (Dazu hat accalmie in den Kommentaren auch schon geschrieben.) Kann das Zeigen von Bildern nicht in einem bestimmten Rahmen passieren, einer, der den Tod und Traumata mitdenkt? Ein Rahmen, der respektvoll ist und von Angehörigen gewollt?

    Um dein Beispiel aufzugreifen: Ich glaube in der Tat nicht, dass hunderte Bilder aus Konzentrationslagern über dutzende Kanäle (Facebook, Twitter…) zwangsläufig Menschen aufrütteln. Manchmal glaube ich, dass das eher zur Abstumpfung beiträgt. Wenn das Zeigen von Bildern Menschen zum Nachdenken und Überdenken eigener rassistischer Gedanken bewegen würden, lebten wir in einem antifaschistischen Paradies, denn Bilder von Shoah-Überlebenden z.B. kurz nach der Befreiung im Mai 45 sind vor allen Dingen an Jahrestagen allgegenwärtig. Ich persönlich glaube eher, dass soziale Netzwerke kaum einen respektvollen Rahmen für die Weiterverbreitung solcher Bilder bieten können, einfach weil das Teilen in Echtzeit ungeahnte Dimensionen annehmen kann.

    Letztendlich bleibt der Wunsch, dass Menschen Aufmerksamkeit für die Lebensgeschichten von Geflüchteten entwickeln und den Tod von tausenden Menschen betrauern lernen (Tote, die politisch gewollt sind…), ohne „aufrüttelnde“ Bilder zu sehen. Empathie entsteht nicht ausschließlich aus grausamen Bildern, sondern auf Grund von Verantwortungsübernahme und (im Rahmen der eigenen Möglichkeiten) Engagement.

  9. Jane sagt:

    Aki: Man kann das, wie ich finde, tatsächlich kritisieren. Auch, wenn die Wirkung solcher Bilder unbestritten ist, kann man in der Tat fragen: Muss das sein? Man könnte auch Radio hören und trotzdem wissen, dass Kinder auf der Flucht ums Leben kommen, und entsprechend Empathie entwickeln, aber dafür müsste man sich bewusst und aktiv mit den Informationen beschäftigen. Ich finde es jetzt wichtig, dass sich genau die Leute, die sich so davon betroffen zeigen (siehe oben), mal fragen, warum sie erst solche Bilder brauchen, um etwas zu merken. Zunächst mal reine Bequemlichkeit. Sich emotional ansprechen zu lassen, ist immer einfacher. Und dann offenbart sich leider nciht nur Nächstenliebe, sondern man darf sich endlich mal öffentlich empören und, was ich glaube auch nicht zu unterschätzen ist, reine Sensationsgeilheit. In einer Gesellschaft, die von Abstumpfung und Gefühlsarmut geprägt ist, kann es sehr angenehm sein, bei solchen Bildern öffentlichkeitswirksam („Ich bin ja so betroffen!“) mal alles raus zu lassen.

  10. Aki sagt:

    @Magda
    Danke für deine Erläuterung. Dem kann ich nur zustimmen.

    @Jane
    Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft von Abstumpfung und Gefühlsarmut geprägt ist. Wir werden durch moderne Medien zugeschwemmt mit Schicksalen auf der ganzen Welt….24/7. Das man darauf irgendwann (aus Überforderung) mit einer Neutralität reagiert und nicht mit jedem Schicksal mitleiden und mit echter Trauer reagieren kann ist menschlich und eher eine natürliche Reaktion auf eine unatürliche Situation.

    Das diese Empörung als Reaktion auf die Bilder aber eher einem Selbstzweck dienen, das sehe ich auch so. Es erinnert mich an ein Seminar, dass ich mal belegte. Es ist im weseltlichen eine Erleichterung im Hinblick auf das eigene Schicksal und ein Selbstwerterhöhung um zu zeigen, welch ein moralischer Mensch man ist. Beides Motive die den Betroffenen wie so oft nicht helfen sondern nur dazu dienen, sich selbst besser zu fühlen.