Deutschenfeindlichkeit ist richtig. Eine persönliche Abrechnung.

von Gastautor_in

in_stereonuts ist 1993 im Alter von 7 Jahren mit ihren Eltern und ihrer Schwester aus der Ukraine nach Deutschland migriert, in der Hoffnung, dass in Deutschland die Kaugummipapierchen hochwertiger sind. Zwischen Flohmärkten und Discountern wurde ihr schnell verdeutlicht, dass sie in Deutschland nicht willkommen ist. Sie hat die deutsche Sprache perfekt gelernt, damit sie auf Fragen, wie z.B. ob sie gerne in Hundescheiße tritt, nicht mehr mit „Ja“ antwortet. Heute nutzt sie diese Sprache, um auf Rassismen der weiß positionierten deutschen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Neben der kritischen Auseinandersetzung mit ihrem Psychologiestudium widmet sie sich der Musik, liebt und lebt den radikalen Feminismus und vermisst die ukrainischen Sonnenblumenfelder und die obszönen Gesänge ihrer Oma. Den Beitrag von in_stereonuts dürfen wir hier mit freundlicher Genehmigung zweitveröffentlichen.

Deutschland stank mir schon von Anfang an. Schwermütig erinnere ich mich an den Gang zur Straßenbahn und dann zum Zug, der mich in dieses Land bringen sollte. Mit einem Eimer voller Aprikosen von unserer Datscha und den Wünschen im Kopf, was ich alles mitbringen sollte: Spielzeug für die Freundinnen, Ohrringe für die Tante und ein Brautkleid für die Kindergärtnerin. In einem Jahr bin ich zurück. Die ukrainischen Freundinnen habe ich nie wieder gesehen, auch nicht die Kindergärtnerin, die Tante bekam Ohrringe von SIX. Aber das ist alles nicht so schlimm.

Viel schlimmer war, dass mein Deutschenhass nicht geteilt wurde. Du wurdest gemobbt weil du die Frage nicht verstanden hast? Scheiße. Du wurdest getreten, weil du die Frage nicht verstanden hast? Scheiße. Du wurdest gewürgt, weil du die Frage nicht verstanden hast? Scheiße. Du hast ’ne vier in Deutsch? Kein Gymnasium. Dann musst du besser lernen. Ein „Scheiße“ reicht nicht. Einen Hitlerwitz mit „Aber meine beste Freundin ist Ausländerin!“ zu entschuldigen reicht nicht. Wenn ich zu einem nahestehenden Menschen sage, der das alles von mir weiß, „das Verhalten von dir ist total deutsch“ und als Antwort Vorwürfe bekomme und mich entschuldige – das ist falsch. Zu sagen, „deine Familie ist komisch“, ist verletzend, auch wenn ich das selber finde. Die Gründe sind andere.

„Du hast ein rundes Gesicht, du hast ein Mondgesicht, du hast ein slawisches Gesicht.“ Die ewige Leier, ich kann’s nicht mehr hören. Und ich lachte mit und ich machte mit weil ich nicht anders konnte. Und ich paukte Deutsch und ich hörte auf Russisch zu sprechen und kaufte bei H&M. „Dein Deutsch ist aber gut!“, „Du bist aber auch integriert“, „Trinkt deine Familie auch so viel Wodka?“, die Aufzählung ist unendlich. Das werden viele Menschen mit Migrationshintergrund bestätigen können. Immernoch, selbst in Kreisen mit einem anti-rassistischen Anspruch sind Ausgrenzungen und Belächelungen auf der Tagesordnung. Mein Witz ist nicht dein Witz.

Aus dem einen Jahr wurden drei, dann acht, dann war es unklar, dann eine Woche Staatenlosigkeit und dann Einbürgerung. Meine deutschen Freund_innen waren stolz auf letzteres. Ich habe meinen Namen etwas verändert, war nicht teuer, 30€ für das Streichen des „a“s am Ende meines Nachnamens, das der Welt zweifellos zeigen sollte, dass ich eine Frau bin. Die Streichung des Zusatznames (der Vorname des Vaters im Genitiv) habe ich heimlich zelebriert. Weil ICH entscheiden konnte. Prestige-Schule, Prestige-Abschluss, Prestige-Studiengänge. Reale und beigebrachte Existenzangst.

Ich bin froh heute Menschen zu kennen, auch weiße Deutsche, die auch deutschenfeindlich sind. Die mir nicht von ihren „Rassismus-Erfahrungen“ als weiße Deutsche erzählen und Solidarität und Entsetzen von mir erwarten. Ich bin auch weiß positioniert und deswegen bin ich immer priviligiert, die Rassismen die ich erlebe sind nicht immer dieselben, die nicht-weiß positionierte Menschen erleben. Das muss ich mir immer wieder spiegeln, mitdenken, welchen Standpunkt ich habe, was meine eigenen Rassismen waren, sind, und dass ich mich auch in Zukunft rassistisch verhalten werde, das muss mir klar sein. Ich komme aus einer akademischen Familie, und der Migrationsknick ändert nichts daran, dass ich mich mit meinen Klassismen auseinander setzen muss.

Ich möchte auf meine Rassismen und Klassismen aufmerksam gemacht werden. Es ist nur komisch, dass das meistens weiß positionierte, der akademischen Mittelschicht angehörige Deutsche tun.

Hier bin ich, integriert, so wie ihr mich wolltet.

Auch Gleichbehandlung ist Diskriminierung. Wenn du voraussetzt, dass ich die Geschichte Deutschlands kenne, wenn du voraussetzt, dass ich Abkürzungen kenne, wenn du denkst, ich wäre vor jeder_m Prüfer_in gleich, wenn du denkst ich habe immer dieselbe Kraft wie du, wenn du besser ankommst, weil du die bessere Sprache hast als ich oder lauter bist als ich, wenn du denkst, ein schönes Haus für meine Familie wäre zu viel, wenn ich mehr Zeit brauche um mich auszudrücken und du mir den Raum nimmst, weil du’s kannst, wenn du denkst, ich habe immernoch keine Angst – dann bist du nicht bei mir willkommen.

Es geht nicht um meine Integration, sondern um deine in mir.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 7. November 2012 um 9:00 Uhr unter Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. Lea sagt:

    „Auch Gleichbehandlung ist Diskriminierung.“

    Das ist toll. Das vergesse ich zu oft. Dabei ist es genau das was ich (und das soll kein derailing sein) als bisexuelle Person fühle. Dieses „aber wir behandeln dich doch genauso wie alle anderen“. Ja, ihr setzte Dinge von mir voraus die nicht da sind, und sagt dadurch, dass wie ich bin ungenügend und schlecht ist.

    Aber ich denke das ist, egal ob Rassismus oder Klassismus oder Sexismus, so verdammt schwer in köpfe zu bekommen, die noch nicht ein mal für gleiche rechte sind. Die noch nicht ein mal zustimmen, dass jeder die gleichen rechte und chancen hat.

  2. Otto Toksik sagt:

    sehr guter artikel! als in österreich geborener „halb-pole“ kann ich zumindest den migration betreffenden aspekt sehr gut nachvollziehen. auch in linken oder „aufgeklärten“ gesellschaftsschichten kann man sich immer wieder ignoranten müll anhören. wenn man sich dagegen wehrt oder versucht zu erklären warum ein witz oder ein vorurteil absolut keine basis in der realität hat wird einem vorgeworfen man nehme alles zu ernst. vor allem gegen osteuropäer scheinen deutsche und österreicher das bedürfnis zu empfinden sich auf verschiedenste kreative arten besser, intelligenter, und erfolgreicher zu fühlen (und auch das ist durchaus auch ein symptom linker kreise, die sind nur meist nicht so ehrlich oder sich ihres pseudo-übermenschentums nicht so bewusst wie die rechten) offensichtlich dummen menschen kann ich solches verhalten noch verzeihen, denn die verstehen oft wirklich nicht was für einen scheiß sie da glauben. wenn aber solche sprüche in „intelektuellen“ kreisen fallen verursacht das hauptsächlich brechreiz.