Deutsch in jedem Wohnzimmer – CSU läuft sich warm zum Parteitag

von Charlott

„Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, so heißt es in einem Leitantrags-Entwurf für den nächsten CSU-Parteitag, der in den letzten Tagen bekannt wurde. Der CSU-Vorstand wird heute über das Papier beraten und vom 12. bis 13. wird der Parteitag in Nürnberg stattfinden. Der ‚Vorstoß‘ wurde am Wochenende sofort kritisch in vielen Medien aufgenommen. Der CSU-Generalsekretär Andres Scheuer aber verteidigte die Forderung weiter und wurde vom BR mit folgenden Worten zitiert: „Die Entwürfe der Leitanträge zum Parteitag sind gut vorbereitet und breit abgestimmt“.

Natürlich lädt die Forderung zu Spötteleien (Was ist mit Bayrisch?) und zu großen Fragen der Umsetzung (CSU-Verterter_innen in jedem Wohnzimmer des Landes zur Kontrolle?) ein. Aber bevor der Antrag unter ‚A wie absurd‘ abgeheftet wird, ist es wichtig festzustellen, dass er wunderbar anschlussfähig ist an rechtspopulistische Diskussionen und diese mit neuer Nahrung füttert.

Selbst in der kritischen Medienanalyse wurden viele der Konzepte, die in dem Antrag stecken unhinterfragt übernommen, so sprachen viele Artikel von ‚Ausländern‘, um die es ginge. Aber wer sollen eigentlich diese ‚Ausländer‘ sein? Um den Besitz eines bestimmten Passes geht es sicher nicht. Selten wird in diesen Debatten an alle Sprachen und alle mehrsprachig agierenden Menschen gedacht. Die Grenzen  dessen, was als okay angesehen wird, sind klar rassistisch und klassistisch beeinflusst. Zumeist nicht mitgemeint sind die Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien, die zu Hause nur Französisch sprechen und beispielsweise in Berlin dann das Lycée Français de Berlin besuchen. Die rassistische Abwertung bestimmter Sprachen (wie zum Beispiel Türkisch) ist zudem verbunden mit einem Denken, dass Verwertbarkeit in  den Mittelpunkt rückt. Sprachen, die „in der Wirtschaft“ wichtig sind/ als wichtig gesetzt werden, sind toll (aber auch dann meist nur, wenn sie von weißen erlernt werden).

Die CSU macht auch in ihren weiteren Aussagen deutlich, wo sie steht. Denn eigentlich geht es ihr vor allem um „bayrische Werte“ (wie auch immer diese aussehen). Weiter wird die Angst geschürt, dass Menschen allein wegen der Sozialleistungen einwandern und wahrscheinlich ‚richtigen Deutschen‘ somit etwas wegnehmen. Die Debatte um Sprache verstärkt dabei besonders stark Vorstellungen vom ‚Deutschsein‘, in dem sie auf Vorstellungen aufbaut, die von ‚einem Volk‘ mit einer Sprache in einer Nation ausgehen – die natürlich noch nie so der ‚Wirklichkeit‘ entsprochen haben, aber wichtige ideologische Stütze vieler rassistischer und nationalistischer Rhetoriken ist.

Auch auf Twitter wird der CSU-Vorschlag diskutiert. Unter dem Hashtag #YallaCSU wird der diskriminierende Gehalt auseinander  genommen und über eigene Erfahrungen geschrieben. Am Wochenende erreichte der Hashtag sogar die Top10 der Twitter-Themencharts.

Kübra schrieb bereits 2012 auf Ein Fremdwörterbuch über Wörter, Ideen und Gefühle, die für sie mit verschiedenen Sprachen verknüpft sind: „So leben manche Gefühle nur in bestimmten Sprachen. Sprache öffnet uns die Welt und grenzt uns ein – im gleichen Moment.“




Tags: , , , ,

Eintrag geschrieben: Montag, 8. Dezember 2014 um 9:05 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



2 Kommentare

  1. Susanne sagt:

    Guter Artikel.
    Was mir bei der Kritik jedoch auffällt, ist, dass sie sich weitgehend auf den Teil des „Antrags“ bezieht, der das Deutschsprechen zu Hause betrifft. Ich finde es auch nicht angemessen, Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie sich auf der Straße miteinander unterhalten oder telefonieren. Dieser Teil des „Antrags“ ist rein populistisch, um solche Wähler anzuziehen, die sich über „unverständliches Gebabbel“ in der Öffentlichkeit aufregen.
    Nur als Nachtrag.

  2. Sasha sagt:

    In dem Beitrag „Das mehrsprachige Klassenzimmer“ von hr-infor (http://www.hr-online.de/website/radio/hr-info/index.jsp?rubrik=85363&key=standard_document_53750135&xtmc=klassenzimmer&type=d&xtcr=2) wird dargelegt, warum es für das Deutschlernen nicht sinnvoll ist, wenn Eltern ihre Muttersprache zurückstellen und stattdessen Deutsch mit ihren Kinder sprechen, und es wird auch darauf hingewiesen, dass Mehrsprachigkeit eine wertvolle Erfahrung ist.
    Eine der Interviewten weist außerdem darauf hin, dass es in den Augen vieler eine „gute“ und eine „schlechte“ Mehrsprachigkeit gibt: „gut“ ist es etwa, Englisch, Französisch, Latein und Chinesisch in der Schule zu lernen, als „schlecht“ werden etwa türkisch-, russisch- und arabischsprachige Mitschüler_innen angesehen.
    Das in dem Beitrag vorgestellt Buch gleichen Titels zeigt einen konkstruktiven und bereichernden Ansatz, wie man Integration über Sprachförderung mit kulturellem und Sprachen-lernen verbinden kann, so dass alle davon profitieren.