Der Türkei-Beitritt zur Europäischen Union ist auch eine Frauenrechtsfrage

von Franziska

iyi günler!

Das heißt „Guten Tag“ auf Türkisch; heute werde ich über den Türkeibeitritt zur Europäischen Union schreiben und damit auch über Frauenrechte in der Türkei. Denn gerade hat die EU anlässlich ihres jährlichen Fortschrittsberichts die Türkei ermahnt, die Situation der türkischen Frauen zu verbessern.

Seit 2004 ist die Türkei offizieller Beitrittskandidat der EU. Beitritte in die EU sind an die Einhaltung der Kopenhagener Kriterien gebunden. Diese wurden vom Europäischen Rat im Jahre 1993 in Kopenhagen mit Blick auf die EU-Osterweiterung beschlossen. Drei Gruppen von Kriterien gibt es: politische, wirtschaftliche und Acquis-Kriterien (Übernahme bestehender EU Gesetzgebung). Im Wortlaut:

„… Als Voraussetzung für die Mitgliedschaft muss der Beitrittskandidat eine institutionelle Stabilität als Garantie für demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, für die Wahrung der Menschenrechte sowie die Achtung und den Schutz von Minderheiten verwirklicht haben …“

Eine Dimension des Menschenrechtsschutz ist dabei die Stellung der Frau und ihrer Rechte in der Gesellschaft. Die drei Kategoriengruppen werden in 35 „Kapiteln“ konkretisiert und verhandelt, erst wenn alle Kapitel verhandelt und geschlossen sind, kann das Land der EU beitreten. Die Kapitel werden eröffnet und geschlossen auf Empfehlung der Europäischen Kommission, in Form von jährlichen Fortschrittsberichten – wie dem gerade veröffentlichten.

Im vergangenen Jahr hat die Türkei wichtige Schritte eingeleitet, allerdings sind Reformen in der Sozialpolitik für die Gleichstellung von Frauen nicht wirklich vorangekommen. Das Parlament hat zwar hier einen neuen Ausschuss geschaffen, es gibt von der Regierung und von Privatleuten Initiativen, die auf die Verbesserung der sozialen Lage der Frauen abzielen und die auch Positives bewirken, aber es bleibt noch viel zu tun. Die Kommission hat deswegen auch die Situation der Frauen in ihrem Bericht besonders hervorgehoben:

However, gender equality remains a major challenge in Turkey and a gender equality body as required by the acquis has yet to be established. (…) Political representation of women, at both national and regional levels, is very low. The local elections held on 29 March 2009 did not change this: there are only two female mayors at provincial capital level and seventeen at district town level. Overall, despite the pre-electoral rhetoric, political parties did not place a sufficient number of female candidates in electable positions. Finally, the Law on Political Parties and the statutes of the parties contain no provisions that could lead in practice to adequate political representation of Turkish women.

(Hier würde Deutschland wahrscheinlich ähnlich schlecht abschneiden – die Dichte der weiblichen Bürgermeister ist auch bei uns nicht sehr hoch.)

Women’s participation in the labour market is still very low. Women entering the labour market are likely to be employed in the informal sector; this makes their situation fragile. Overall, women earn less than men for work of equal value. (…) Women’s access to education is the lowest among the EU Member States and OECD countries. The good results on reducing the gender gap in primary education need to be sustained and improved, in particular by ensuring that girls continue to attend school and by identifying and addressing school drop-outs (see the section on children’s rights. Domestic violence, honour killings and early and forced marriages are still serious problems. The report on national research on domestic violence against women illustrated the gravity of the problem: 39% of the women said that they had been victims of physical violence and 15% victims of sexual abuse. One out of every four women had been injured as a result of physical or sexual violence. Furthermore, the poll found that 48.5% of the victims had told no-one about the abuse, while only 4% had sought help from the police and a mere 1% refuge in State-run shelters. Most Turkish women are still not fully aware of their rights and significant further efforts are needed in this regard.

Women’s organisations report that family courts take a long time to issue restraining orders to protect women facing the threat of violence under the Law on Protection of the Family. This undermines the effectiveness of the law and leads to further victimisation of women. There are only 54 shelters for female victims of domestic violence. This is much lower than provided for by the law or required by the actual needs, both in terms of number of shelters and overall bed capacity. The availability and accessibility of intermediate protection and prevention services needs to be strengthened to meet the demand.

Die EU-Kommission empfiehlt deshalb:

The overall legal framework guaranteeing women’s rights and gender equality is broadly in place. However, further significant efforts are needed to turn the legal framework into reality and to narrow the gap between men and women in economic participation and opportunity, political empowerment, and access to education. Domestic violence, honour killings and early and forced marriages remain serious problems in some areas of the country. There is a need for further training and awareness-raising on women’s rights and gender equality, for both men and women. (…) Women’s participation in the labour market is very low. Efforts to combat undeclared work and social exclusion need to be stepped up.

Der Druck aus der Kommission und der EU insgesamt erreicht aber insgesamt immer nur so viel, wie die aktuell regierenden Kräfte in der Türkei an einem EU-Beitritt interessiert sind und diesen mit aller Kraft verfolgen. Diese Motivation ist umso wichtiger, je stärker fundamentale Veränderungen der Tradtitionen und Gesetzgebung betroffen sind. Diese Motivation hängt unter anderem aber auch von Signalen aus Brüssel und den Hauptstädten der EU ab. Kommen von hier Signale wie „wir wollen Euch eh nicht, egal was ihr macht“, wird der gesamte Prozess zur Farce und damit verliert er auch seine Strahl- und Ziehkraft.

Für mich ist klar: Die EU wird niemals die heutige Türkei aufnehmen und die Türkei wird niemals der heutigen EU beitreten. Beide werden sich im Laufe des Prozesses verändern. Die Kriterien für die Türkei sind klar, da wird es mit uns auch keine Rabatte geben. Aber es gibt eben auch keine weiteren Kriterien, wie die Religionszugehörigkeit.

eyvallah, eure Franziska




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Eintrag geschrieben: Freitag, 30. Oktober 2009 um 11:38 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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