Der CSD weit von der Spree

von Silviu

In wenigen Tagen feiern die nicht-heterosexuellen Communities in Berlin und anderen deutschen Städten wieder den CSD, den Cristopher Street Day. Bunte Party, tolle Kostüme, same procedure as every year. Eine weitgehend kommerzielle, entpolitisierte und wenig aussagekräftige Veranstaltung, meinen einige lokale KritikerInnen. Und vielleicht haben sie sogar Recht, wenn wir das Phänomen nur in seinem unmittelbaren, westeuropäischen Kontext sehen. Denn der CSD kann seinen ursprünglichen politischen Charakter nur behalten, wenn er echte politische und soziale Themen problematisiert, die aktuell von Bedeutung für die nicht-heterosexuellen Communities sind.

Doch ich muss gestehen: Ich mag den großen, alten Berliner CSD, trotz seiner vielen Mängel. Ein kleiner Perspektivenwechsel als Erklärung: In der kroatischen Stadt Split wollten knapp 300 Menschen am vergangenen Wochenende zum ersten Mal eine CSD-Parade organisieren. Die Veranstaltungen musste beendet werden, da die Polizei sich als unfähig erwies, die Teilnehmer gegen die 10,000 gewaltbereiten rechtskonservativen GegendemonstrantInnen zu verteidigen. Die gleiche Geschichte wiederholt sich seit Jahren in der serbischen Hauptstadt Belgrad, wo die Anzahl der Rechtsextremisten ebenfalls höher ist, als die der Mitglieder der LGBTQ-Gemeinschaft (samt Freunde!).

Aus einer osteuropäischen Perspektive erscheinen also die deutschen Debatten um die (richtige) Politisierung des CSD wohl als Luxusprobleme. Doch nicht überall in Osteuropa werden die TeilnehmerInnen einfach von Nazis oder vermeintlichen VerteidigerInnen der „Familien- und christlichen Werte“ zusammengeschlagen. In Bukarest haben die reaktionären Proteste in den letzten Jahren  nachgelassen. Die Mischung aus HardlinerInnen der Orthodoxen Kirche und Fußballfans, die bei dem ersten rumänischen CSD 2005 Steine geworfen hat, blieb dieses Mal ruhig. Allerdings war die Anzahl der TeilnehmerInnen (150) noch niedriger als in der Vergangenheit.

Warum wagen nur die wenigsten OsteuropäerInnen, für ihre Rechte und gegen Diskriminierung zu demonstrieren? Warum geben sich so viele von ihnen zufrieden mit einem Leben im Schatten, am Rande der Öffentlichkeit – und das, obwohl die gesetzliche Lage in all diesen Ländern im Großen und Ganzen genug Garantien und Schutz bietet? Warum bleiben osteuropäische CSD-Paraden populärer unter Ausländern als unter lokalen Lesben und Schwulen? Auf diese Fragen habe ich keine einfachen und kompletten Antworten. Doch eins ist sicher: Wir müssen mehr sein und mehr machen, um ernstgenommen zu werden. Und wenn wir viele sind, ungefähr so, wie in Berlin, dann fühlen wir uns auch besser. Denn dann haben wir eine ganze Menge geschafft.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 14. Juni 2011 um 14:51 Uhr unter Aktivismus. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. drikkes sagt:

    Krönchen der (selbstgemachten) Entpolitisierung ist bei der Cologne Pride auf jeden Fall die Veranstaltung im Phantasialand. http://fantasypride.de/

  2. arrr! sagt:

    als lesbe die immer nur csd in deutschland beging, ist das vielleicht etwas vereinfacht zu behaupten, es wäre tatsächlich ein problem der politischen ausrichtung. was mich 2010 aus den nachrichten beeindruckt hat, waren die bilder vom belgrad pride, voll mit fahnen von antifas und hausbesetzer_innen. eine ultrarechte gegendemo scheint sich dann nicht nur gegen homosexuelle zu richten, sondern insgesamt gegen alternative lebenskonzepte.
    in d hingegen hat sich der lesbischwule mainstream von der autonomen szene weit, weit entfernt. auf dem csd ist immer alles schön bunt und exotisch und multikulti, aber insgeheim wünschen sich gefühlte 90% der lesben und schwulen ein häuschen im grünen mit gartenzwergen, schäferhund und jägerzaun.
    im geiste von stonewall ist das nicht. und das ist ein problem, denn andere z.b. aufgrund ihrer hautfarbe bashen zu können weil man jetzt selbst nicht mehr zu den unterdrückten gehört, ist eine absolut antiemanzipative entwicklung.

    ach, und @seppo: halt’s maul.

  3. HCL sagt:

    angesichts der 10.000 gegendemonstranten ein interessanter hinweis:
    http://www.psychologytoday.com/blog/the-big-questions/201106/homophobic-men-most-aroused-gay-male-porn

    und ansonsten: meine motivation, trolle zu füttern, ist auch sehr gering.

  4. dada sagt:

    „Warum geben sich so viele von ihnen zufrieden“

    das so hinzustellen ist einfach nur naiv und zeigt einfach die unkenntniss der situation und der lebenswirklichkeit unter der viele LGBTQ in deutschen nachbarländern zurechtkommen und sich organisieren müssen.
    geschlagen, bedroht, abgedrängt oder auch lebensgefährlich verletzt zu werden kann physische und psychische konsequenzen haben vor der viele angst haben.

    vor allem auch, weil vielen die unterstützung selbst aus der eigenen familie fehlt.

    warum ein öffentliches auftreten für persönliche belange noch immer so klein ist hat auch mit der sozialistischen vergangenheit dieser länder oder wie in polen mit der religiösen gegenwart zutun.

  5. boxi sagt:

    @dada… da kann ich dir nur zustimmen, zumindest klingt es ein wenig nach einem vorwurf, auch wenn es vielleicht gar nicht so gemeint war. gründe dafür gibt es -wie du sagst- viele und letzendlich ist jeder stark genug, dass niemand von uns behaupten könnte, sie/er würde auf jedenfall den mund aufmachen.

  6. ghost in the attic sagt:

    Ich kann dada nur zustimmen.

    Die Situation sieht zum Beispiel in Polen aufgrund relativ starker religiöser Strukturen nicht so einfach aus. Es gibt auch Organisationen wie die „Allpolnische Jugend“, die zur Ermordung von in ihren Augen unliebsamen Menschen (u.a. Homosexuelle) aufrufen …

    Ich meine mich zu erinnern, dass es im dt-poln Magazin „Dialog“ einmal einen Artikel über die Situation homosexueller Menschen in Polen gab und dort u.a. die Aussage getroffen wurde, dass viele nach Berlin gehen, weil sie dort sehr viel offener leben können.

    Es hat sicherlich schon Verbesserungen gegeben, aber es scheint mir noch ein weiter Weg zu sein.

  7. Silviu sagt:

    @dada: Das stimmt so nicht. Es lässt sich vielleicht so pauschal sagen, dass es in Osteuropa mehr Homophobie / aggressivere Formen von Homophobie gibt als in Deutschland.

    Aber: „geschlagen, bedroht, abgedrängt oder auch lebensgefährlich verletzt zu werden“ gehört einfach nicht zur Lebenswirklichkeit der Lesben und Schwulen in Warschau, Budapest oder Bukarest. Ich bin dort geboren und habe viele Jahre dort gewohnt. Das Risiko eines homophoben Angriffs hält sich in den Großstädten in engen Grenzen. Was realistisch passieren kann, sind verbale Übergriffe, die zwar inakzeptabel sind, aber nicht „lebensgefährlich“. Osteuropäische LGBTQ leben in einer durchschnittlich intoleranterer Gesellschaft, aber nicht unter ständigem Barbarenterror!

    Es ist vielmehr die stillschweigende, unausgesprochene Feindseeligkeit von großen Teilen der Gesellschaft (inklusive Familie, Schule etc.), die wirklich stört, und viele Osteuropäische LGBTQ immer noch dazu bewegt, sich eine bessere Stadt zu suchen.

  8. Silviu sagt:

    @arrr!: Du hast recht, was die Umstände in Deutschland angeht. Es ist aber auch nicht so, als ob die osteuropäischen Lesben und Schwulen die Avangarde der sozialen Revolution wären :-) Die antifaschistischen Bewegungen in Osteuropa sind wiederum immer noch in der Anfangsphase, obwohl – hier hast Du auch recht – Serbien durch seine spezifische Geschichte ein Sonderfall darstellt.

  9. dada sagt:

    @silviu
    nunja, ich kenne szene in polen recht genau und habe u.a. den CSD in Krakau von 2004 und 2006 (2005 wurde ja wegen national-religiöser gefühle abgesagt) noch gut im gedächnis und das war sehr wohl realität, denn ich war mit in krankenhaus.

    es gibt in diesem zusammenhang auch verhaftungen, leute die arbeit verlieren, die von ihre familien geächtet werden etc. homophobie wird in polen auch gezielt politisch instrumentalisiert, als sündenbock für viele probleme.

    zu sagen, die geben sich mit ihrer situation zufrieden, ist so einfach nicht richtig. es gehört eben sehr viel mehr dazu, als einfach mal an einem tag auf die strasse zu gehen.