Den Nagel auf den Kopf getroffen: Klassismus und Klassenunterschiede

von Julia
Dieser Text ist Teil 100 von 118 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Nadine Kegele: Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause

Ich habeNadine Kegele_Eidechsen den Roman Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause bestellt, nachdem ich Interviews mit der Autorin Nadine Kegele gelesen hatte. Darin tritt sie nicht nur als überzeugte Feministin auf, sondern bezieht zudem anti-klassistisch Position – dies auf persönliche Weise, indem sie ihre eigene Arbeiter_innenherkunft zum Ausgangspunkt nimmt. Und tatsächlich: Dass die Wienerin Feministin ist und klassenbewusst, daran lässt ihr Roman keinen Zweifel. Buchseiten mit besonders lustigen oder den-Nagel-auf-den-Kopf-treffenden Sätzen habe ich eingeknickt – als Erinnerungsstütze für mich, zum Nachlesen für später. Nun ist das ganze Buch voller Eselsohren, ein Drittel aller Seiten eingeknickt, manche doppelt. Denn es ist eine wahre Fundgrube an wunderbaren Sätzen, die in ihrer Knappheit Herrschaftsverhältnisse aufdecken, wütend, analytisch, auch mit Humor.

Einige besonders tolle Sätze stammen von Ruth, meist als Stimme in Noras Kopf. Ruth ist eine Freundin von Nora und die einzige lesbische Akteurin des Romans – keine Hauptperson, dafür eine, die es in sich hat. In Diskussionen haut sie ordentlich auf den Putz und macht auf Heterosexismus aufmerksam. Ihre kritischen Analysen begleiten Nora. Andere Sätze, die Eselsohren nach sich zogen, stammen von „der Kaiserin“, auch sie bevölkern Noras Gedankenwelt. „Die Kaiserin“, das ist Noras Therapeutin und sie taucht immer unter genau dieser Bezeichnung auf. Das klingt nach einer guten Portion Sprachwitz und liest sich lustig – und ändert doch nichts daran, dass „die Kaiserin“ kluge therapeutische Sachen von sich gibt.

Und dann sind da diese Sätze zum Thema Klasse: Sätze, die Nora durch den Kopf gehen, wenn sie mit ihren Freundinnen zusammen ist, die allesamt reicher, bürgerlicher oder akademischer sind – womit die Betreffenden durchaus unterschiedlich umgehen, mal selbstkritisch, mal ignorant, mal ahnungslos. Bei diesen Sätzen handelt es sich um Noras eigene Gedanken, die sie manchmal ausspricht, oft nicht, dabei häufig wütend. Dazu kommen Diskussionen zwischen den Freundinnen rund um Arbeit, Geld oder Klassenherkunft. Diese Passagen bringen analytisch auf den Punkt, was Klassenunterschiede im Alltag und für das Miteinander bedeuten. Wenn Nora sich bei ihrer Therapeutin darüber beklagt, dass sich die anderen, ihre Freundinnen, immer so wichtig nehmen; wenn die Freundinnen darüber diskutieren, warum die eine viel Geld hat und die andere nicht; wenn der Besuch bei der Mutter einer Freundin ansteht, der ein Sektimperium gehört.

Manchmal mischen sich Sätze „der Kaiserin“ in Noras Klassen-Wut. Dann wird Klasse als verinnerlichte Realität greifbar, als etwas, womit es umzugehen gilt – im Zweifelsfall auch therapeutisch. Das heißt aber nie, dass Klassenverhältnisse individualisiert würden in Kegels Erzählung, ganz und gar nicht – dafür sorgen die analytisch treffsicheren, scharfen, wütenden Beobachtungen Noras.

Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause ist nicht leicht zu lesen, weil die Protagonistinnen es nicht leicht haben: als vernachlässigte Tochter, die ihre im Koma liegende Mutter nicht sehen will; als Mutter, die ihre eigene Vernachlässigung und Misshandlung als Kind weitergibt an ihre eigenen Kinder; als Frauen, die destruktive Muster wiederholen und sich auf Männer einlassen, die im besten Fall keine Hilfe sind. Es geht um gewaltvolle Strukturen in Kleinfamilien und um die Folgen.

Da ist aber auNadine Kegele Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hausech dieser Freund_innenkreis, der nie reine Harmonie ist, der aber ein Zuhause bietet und Zusammenhalt. Da sind die Stimmen der Freundinnen, „der Kaiserin“ und der Hauptprotagonistin selbst – Stimmen, die sich im Verlauf des Geschehens verändern und die persönliches Wachstum bedeuten und begleiten. Und da sind eben auch diese großartigen Sätze, durch die es Nadine Kegele gelingt, dem Roman bei aller Schwere eine Spur Leichtigkeit und Humor beizumischen.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 29. Mai 2015 um 11:46 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Miria sagt:

    Das hört sich echt interessant und toll geschrieben an. Ich werde mir das Buch auf jeden Fall besorgen und bald lesen.

    Vielen Dank für die tolle Rezension!

  2. Anna sagt:

    …und Nadine Kegele kommt im Juni nach Recklinghausen und nach Münster zum Lesen. Der Eintritt ist jeweils frei und jede_r Interessierte herzlichst eingeladen!

    22. Juni: Lesung im Alternativen Kulturzentrum Recklinghausen (https://www.facebook.com/events/897891106932692/)

    23. Juni: Lesung im SpecOps Münster (https://www.facebook.com/events/411656939021413/)