„Das ist für mich schon das Gegenteil kapitalistischer Ideen“

von Nadine
Dieser Text ist Teil 7 von 16 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Interview mit Julia Lemmle zur der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Julia, du hast „Schneewittchen rechnet ab…“ mitorganisiert und warst für das künstlerische Programm verantwortlich. Warum Performancekunst auf einer Tagung zu feministischer Ökonomiekritik?

Weil jede Reflexion und Kritik ganzheitlich stattfinden muss. Etwas kognitiv und abstrakt zu verstehen, ist nur eine Seite, auf die mir viel zu oft viel zu viel Gewicht gelegt wird. Die meisten Menschen wissen darüber Bescheid, dass die Länder des Nordens auf Kosten der Länder des Südens leben, endliche Ressourcen verschwenden usw. Das heißt nicht, dass das zu einer Veränderung der eigenen Prioritäten führt. Das hat damit zu tun, dass mein Leben und die Entscheidungen die ich treffe, nicht nach rein „logischen“ Prinzipien erfolgen. Jede Person hat eine andere Normalität erfahren, hat andere emotionale Zugänge und Reaktionen auf die gleichen Themen. Anzunehmen, dass Themen, die die Lebenswirklichkeit von allen betreffen, rein durch akademische Diskurse abgehandelt oder angemessen behandelt werden könnten, halte ich für einen Trugschluss. Außerdem führt ein solches Vorgehen zu Ausschlüssen. Fremdwörter, der universitäre Habitus und die Annahme, dass ein bestimmtes angelesene Wissen das relevante Wissen darstellt, schließen eine große Gruppe von Interessierten von vornherein aus.

Ich möchte außerdem verschiedene Felder, die sich leider zu wenig im Austausch befinden, zusammenzubringen. Bei den Feldern Kunst und Politik erlebe ich häufig eine wechselseitige grundsätzliche Ablehnung und Unterschätzung. In der Theaterlandschaft zeigt allein schon das Label “politisches Theater” das offenbar Theater normalerweise nicht als politisch gesehen wird. Diese Grundannahme ist mir völlig unverständlich, weil sie Theater als freien Raum, der über den Dingen schwebt und lediglich “berichtet”, verkauft. So eine Sichtweise führt dann auch zu einer expliziten Entpolitisierung der eigenen künstlerischen Tätigkeit. Das konnten wir ganz gut bei der Blackface-Debatte beobachten, wenn weiße Theatermacher (in der Hauptsache waren es Männer, darum lasse ich das so stehen) die Kunstfreiheit als Argument gebrauchen, um nicht über die Reproduktion rassistischer Bilder nachdenken zu müssen.

Im eher traditionell orientierten Theatermilieu erlebe ich, dass eine politische Positionierung als unnötig angesehen wird, bzw. noch schlimmer, oft als peinliche und unkünstlerische Form der Darstellung. Das ist sehr gut zu sehen, wenn Frauen explizit feministische Kunst machen, diese Kunst zählt dann nicht mehr zur “Normalkunst” sondern bekommt das Etikett “Frauenthemen” oder eben “politische Kunst” und ist dann keine Konkurrenz mehr zum Mainstream. Umgekehrt kenne ich es aus den politischen Bewegungen und Institutionen, dass Kunst nur als Abendprogramm angefragt wird. Nachdem das “Wichtige” passiert ist, nachdem die Themen besprochen wurden, können und sollen sich alle bei einem Glas Wein ein bisschen entspannen. Ich habe überhaupt nichts gegen Entspannung und wenn sich Leute bei meinen Performances wohlfühlen und lachen, ist das wunderbar. Aber: diese Platzierung weist den Künstler_innen einen Platz in der zweiten Reihe zu. Als hätten sie nichts Relevantes zum Thema zu sagen.

Ich verstehe das Grundmisstrauen, das ich bei vielen alternativen politischen Akteur_innen spüre, wenn es um Kunst geht – es hat mit dem zu tun was ich als Grundproblem im Mainstream Feld der Kunst sehe. ABER es gibt nicht wenige Künstler_innen und Gruppen, die sehr reflektiert mit ihren Mitteln Themen bearbeiten, und es auf eine Weise tun, die Menschen viel tiefer berührt, als es ein Workshop / Vortrag / Diskussion kann.

Man muss auch dazu sagen, dass im Bereich der Performancekunst und der freien Theaterszene sehr viel mehr Schnittmengen und Kooperationen zwischen den Feldern passieren als mit dem Stadttheater. Aber leider ist das den politischen Akteur_innen oft nicht bekannt. Wie auch immer, ich denke es passiert zu wenig Kommunikation und die wollte ich in die Tagung tragen. Aus diesem Grund gibt es morgens, mittags und abends einen künstlerischen Beitrag – einen Rahmen für die Frage nach feministischer Ökonomiekritik. Ich wünsche mir, dass Teilnehmer_innen inspiriert und berührt werden, dass in der Auseinandersetzung mit anstrengenden, herausfordernden und oft auch deprimierenden Themen etwas energetisch Positives passiert. Die Performances sind als Diskussionsbeiträge zu sehen und gleichzeitig als Vorgehensweise und Werkzeug, mit dem Thema umzugehen.

Nach welchen Kriterien hast du die Performerinnen angefragt? Was war dir bei der Auswahl der Künstlerinnen wichtig?

Natürlich zunächst, dass sie sich mit Feminismus beschäftigen, sich selbst feministisch positionieren und Gender-Themen in der künstlerischen Arbeit eine Rolle spielen. Wichtig war außerdem, dass es Künstlerinnen sein mussten, denen ich die Herausforderung, sich innerhalb des Formats “Tagung” zu präsentieren, das eben Kunst eher an den Rand verbannt, zutrauen und zumuten konnte. Das ist keine leichte Aufgabe, weil es eben üblicherweise diesen Blick auf Kunst als entspannendes Extra gibt und deshalb mit dieser Vorerwartung umgegangen werden muss. Thematisch ist es herausfordernd und spannend außerhalb des künstlerischen Feldes zu agieren, da der Blick eines Tagungspublikums sich sehr auf direkt lesbare inhaltliche Zusammenhänge fokussiert. Das Publikum fragt sich viel eher: Wie werden die Fragestellung(en) zu Ökonomie und Feminismus durch die künstlerische Auseinandersetzung berührt? Als Künstlerin muss ich also ganz besonders darauf achten, dass mein Beitrag weder als beliebig noch als zu unverständlich oder hermetisch wahrgenommen wird. Gleichzeitig ist es wichtig, genau diese Grenzen auszuloten, um keine platte Bebilderung zu machen. Deshalb war es eigentlich nur möglich, Künstlerinnen anzufragen, die und deren Arbeit ich seit Jahren gut kenne und schätze.

Mit fast allen habe ich auch schon gemeinsam performt. Bibiana Arena, Joy Harder und Krarque & Jamari? machen politisch positionierte Kunst, auf eine empathische, humorvolle und sehr komplexe Art und Weise. Ich würde sie auch alle als Aktivistinnen und politische Akteurinnen sehen. Mit Joy Harder und Krarque & Jamari? arbeite ich als Teil von Fräulein Bernd zum Thema “Art as Activism – Artists meet Activists – Activists meet Artists”. Dort fragen wir uns wie künstlerische Strategien konkret Teil des politischen Agierens sein können und probieren das dann auch konkret aus auf Demonstrationen zum Beispiel.

Durch Bibiana Arenas Solos, die Genderthemen in Verbindung mit Objektivierung und dem weißen rassifizierenden Blick auf Menschen of color setzt, hat sich mein Horizont erweitert. Nie werde ich vergessen, wie ich ihre Solos 2006 das erste Mal sah und tief beeindruckt war. Auch geschockt von der schlagartigen Erkenntnis, dass ich mich doch viel in der Berliner Theaterszene umgesehen hatte (all diese langen langen Castorf-Abende an der Volksbühne zum Beispiel), aber das Thema Weißsein dort keine Rolle spielte und ich selbst mich dazu nie als weiße feministische Künstlerin hatte positionieren müssen. Der Theater- und Kunstraum, aber auch der feministische Raum ist in Deutschland leider immer noch einer, der sich als weiß definiert, ohne dies jedoch zu benennen – sondern stattdessen diese Perspektive als universal, als “den Feminismus” verkauft.

Aus diesem Grund muss eine künstlerische Arbeit wie die von Bibiana Arena, die auch immer ein politisches Statement ist, in jedem feministischen Umfeld einen Platz haben. Und zwar einen viel größeren und selbstverständlicheren, als er ihn hier auf der Tagung bekommen hat. Das sehe ich auch selbstkritisch als Leerstelle und Manko an und kann nur sagen, dass ich daran weiterarbeiten und die Repräsentationspolitik und Diskurspolitik an Veranstaltungen, an denen ich beteiligt bin, verbessern muss.

Performerin Joy Harder hat die Tagung mit Thesen zu Kunst & Ökonomie eröffnet. Eine davon war, dass sich Performance der kapitalistischen Verwertungslogik entzieht. Kannst du das näher erläutern?

Dazu möchte ich sie eigentlich einfach nur zitieren – also den Lectureteil ihrer Performance „Ökonomie + Kunst: Recherche I“ und dann eine Beispielerfahrung von mir anschließen.

11 – Scheitern
Weil auch ein Prozess des Scheiterns ein Prozess ist, kann Performancekunst nicht scheitern. In der Abwendung vom Markt oder Mainstream haust die avantgardistische Kunst gewissermaßen im Moment des Scheiterns. Nicht erfolgreich sein, kann eine im Endeffekt höchst erfolgreiche (künstlerische) Strategie darstellen.

12 – der Markt
Die Erfindung der Performancekunst hat natürlich nicht dazu geführt, dass der Markt aus der Kunst verschwunden ist, sondern dass der Markt sich Mechanismen der Performance zunutze gemacht hat. Die Möglichkeit der Performancekunst alles zu sein, wird übertroffen durch die Fähigkeiten des Marktes alles, aber auch wirklich alles in Arbeit zu verwandeln.

14 – Gefährdung
Die Gefährdung des eigenen Körpers in der Performancekunst ist nicht gleich aber vergleichbar mit der resoluten Selbstgefährdung in Widerstandsbewegungen. Der Widerstand gilt in diesem Zusammenhang immer auch der Trennung von Kunst und Leben. Da geht nur ein Weg von weg der sagt, ich verkaufe meine Arbeit nicht. Ich nenne meine Kunst nicht Arbeit. Ich nenne sie also auch nicht mehr Kunst. Ich mache einfach. Nicht weil für den Künstler andere Regeln gelten, sondern weil diese für alle gelten sollten. Gegen die totale Zweckgebundenheit und Optimierung allen Tuns.

Ich würde sagen: Nicht weil für die Künstlerin andere Regeln gelten, sondern weil diese für alle gelten sollten. Als ich als Teil von Fräulein Bernd mit Joy Harder, Anja Ibsch und Agnes Böhmelt auf dem Month of Perfomance Art (MPA) im Mai in Berlin mitmachte, war das für mich fast ein erleuchtendes Erlebnis. In einem Raum zu sein, mit einem Publikum, das bereit war, alles zu akzeptieren und selbstständig damit umzugehen, war so befreiend. Ich habe selten gespürt, dass mir Zuschauer_innen durch ihre Art des Daseins signalisieren: “Ich kümmere mich selbst darum, was ich hier mitnehme, was ich sehe, was ich erlebe, ob ich damit etwas anfangen kann.” Es ist das Gegenteil vom Theaterraum, in dem Entertainment und “Können” vorausgesetzt wird.

Für mich ist Performen Wollen viel riskanter, interessanter und existentieller als Können. Beim MPA habe ich gespürt, was ich eigentlich schon wusste: Performance heißt, die Leute machen einfach was sie wollen. Das war toll. Ich wusste, wenn ich nicht machen will, was ich mir vorgenommen habe, dann mache ich “nichts”, also bleibe einfach stehen zum Beispiel, was ja viel mehr ist als nichts. Oder gehe. Oder schaue es mir durch die Glastür an. Es ist alles möglich was in dem Moment für dich als Performerin richtig erscheint. Das ist erstaunlicherweise ja auch eine gar nicht so einfache Aufgabe – wieder in den Moment zu kommen. Das ist die Situation. Das sind die Menschen mit denen ich jetzt hier bin, so ist die Stimmung. Darin positioniere ich mich. Den eigenen Standpunkt und das eigene Bedürfnis zu (er)kennen. Das ist für mich schon das Gegenteil kapitalistischer Ideen.

Im klassischen Theater ist häufig ein fertiges Produkt zu sehen. Performance hingegen versucht einen Prozess aufzuzeigen. Brüche, Ambivalenzen und Widersprüche werden in den Darstellungen sichtbar. Ist Performance demnach nicht perfekt geeignet um feministische Geschichten zu vermitteln?

Mein Interesse an Performance kommt aus dem Interesse, politisch und feministisch zu arbeiten. Das ist aber sicher auch meine Lesart. Es gibt genug unkritische sexistische weiße Performances. Also das hängt nicht per se zusammen. Ich habe allerdings gemerkt, dass wenn ich eben zurückblicke grade auf die 60er, 70er Jahre und welche Performerinnen dort aktiv waren, dann fällt mir schon auf, wie wichtig Bilder von Weiblichkeit, und der eigene Körper im Zusammenhang mit Kunst und dem Angesehen-Werden steht. Auch endlich selbst die Themen zu setzen, die Texte zu schreiben, die Handlungen zu entscheiden – das ist das Gegenteil des bürgerlichen Regietheaters.

Für mich ist das Abwandern von ehemaligen Theaterschauspielerinnen in die freie Szene oder Performance weg vom Ensembletheater auch ganz logisch, wenn frau sich politisch und sexismuskritisch positionieren will. Schauspielerinnen an deutschen Bühnen wird zugemutet, immer die gleichen furchtbaren, ich finde retraumatisierenden Rollen ernstnehmen zu müssen und zu reproduzieren – unter dem Kommando weißer männlicher Regisseure (ein Blick auf die jährlichen Nominierungen beim Theatertreffen beweist jedes Mal, dass es mehrheitlich leider immer noch genauso aussieht).

Dieses patriarchale Muster wird von den Medien unterstützt. Als Beispiel nur mal, was ich vor kurzem gelesen habe: Die Zeitschrift Theater der Zeit schreibt unter das Coverfoto “Das Rätselwesen – Die Schauspielerin P.Z.” In der aktuellen Zitty ist derzeit ein Interview (bzw. eher ein lobpreisendes Gespräch) mit Frank Castorf und Kathrin Angerer – unter dem Foto der beiden steht tatsächlich: “Der Meister und seine Schauspielerin”. Und im Interview darf Castorf ein bisschen rasönieren, dass Kathrin Angerer “vieles nicht mit dem Kopf versteht, aber intuitiv” – diesen Diskurs gab es vor über hundert Jahren als z.B. Wedekind “Lulu” schrieb. Nicht mal das Vokabular hat sich geändert. Dass Frauen darauf keine Lust haben, ist doch völlig verständlich. Darüber hinaus ist das Ganze auch sehr bürgerlich und der Blick so eng gefasst – worauf richtet sich Castorfs Empörung? Alles sei spießig und er leide so unter dem “Ökoterror beim Einkaufen”. Das ist Lichtjahre von den Themen politischer Akteur_innen entfernt und eigentlich auch nur noch lachhaft.

Zusammengefasst, ich sehe nicht dass Feminismus und antirassistische Perspektiven im Mainstream deutscher Theaterlandschaft (von wenigen Ausnahmen abgesehen wie z.B. Ballhaus Naunynstraße) stattfinden. Ich habe dort auch nichts gelernt, was mich weiterführen könnte, reflektierte Aussagen auf einer Bühne zu machen. Außerdem ist es sehr schwer innerhalb der sehr engen Handlungsspielräume im Produktionsapparat “subventioniertes Stadttheater” etwas tatsächlich politisch Reflektiertes zu machen. Die Hierarchien sind klar, es wird nie danach gefragt, was eigentlich das Bedürfnis der Mitwirkenden ist, jede_r soll nur eine bestimmte Funktion erfüllen, schnell muss es gehen und das Haus voll werden. Passt alles sehr gut zum kapitalistischen Produzieren. Theaterstücke heißen ja auch “Produktionen”. Unter diesen Bedingungen etwas zu machen, was Raum für Ambivalenzen, Scheitern und die Frage nach den emotionalen Ressourcen der Beteiligten lässt, sehe ich von vorne herein als fast unmöglich an.

Und wenn ich schaue, wer andere Formen auf die Bühne bringt, dann sind das eben meist Teams – und zwar nicht irgendwelche, sondern Kollektive – die seit Jahren zusammenarbeiten und andere “Produktionsweisen” entwickelt haben. Ich kann aber auch tatsächlich immer nur von den Rändern her sprechen, denn was ich mache ist weder “klassische” Performancekunst noch Theater. Sondern eher kollektiv erarbeitete biographisch positionierte Diskursanalysen.

Oder was ich auch mag ist ein Format, was ich den “Show-Vortrag” nenne. Ich glaube, frau kann überall gute Formate finden, es geht darum diese zu erweitern und sich selbst anzueignen. Als wichtig habe ich gerade auch die Kritikfähigkeit und Kontinuität im künstlerischen Nachdenken und Handeln empfunden. Sich klarzumachen, dass man nur Vorschläge macht, dass man nichts selbst erfunden hat, dass der Geniebegriff in der Kunst nur behindert, dass es darum geht sich zurückzunehmen und Kolleg_innen und Zuschauer_innen zuzuhören und zu lernen. Dass es um einen gemeinsamen Raum geht und um Freude. Das ist so wichtig. Empathie und Freude. Das fehlt so oft sowohl im Feld der Kunst und der Politik. Ich denke, beides war spürbar bei den künstlerischen Beiträgen auf der Tagung und es hat den gemeinsamen politischen Raum auf eine positive Art verändert.

Julia Lemmle, M.A. Literatur- und Geschichtswissenschaft, arbeitet als freie Künstlerin und Kommunikationstrainerin inhaltlich vor allem zu Gender, Antisexismus, kritischem Weißsein und Rassismuskritik. Sie ist in der Initiative “Bühnenwatch” aktiv, die sich gegen Rassismen innerhalb des Theaters positioniert. Mit ihrem Solo “Die Gedanken sind frei oder Wer hat Angst vor der Männerdämmerung?” und in den Kollektiven “Fräulein Bernd” und “Muschiballett” verbindet sie die Bereiche Aktivismus, Kunst & Diskursanalyse zu kritischen und empowernden Aufführungen. Aktuelle Veröffentlichung: “Kann es denn rassistisch sein, wenn ich es nicht rassistisch meine? Weißsein, Theater & die Normalität rassistischer Darstellung




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Eintrag geschrieben: Montag, 3. Dezember 2012 um 9:04 Uhr unter Inspiration, Kultur, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. Christian sagt:

    Feine Sache. Nur zu einer Stelle habe ich eine Frage. Vielleicht stehe ich da aber auch nur auf dem Schlauch.

    Ist „[..]wenn weiße Theatermacher (in der Hauptsache waren es Männer, darum lasse ich das so stehen)[…]“ nicht genau das, was NICHT geht? Oder gibt es ein bestimmtes Zahlenverhältnis (größer gleich „in der Hauptsache“), bei dem das generische Maskulinum wieder okay ist?

    Fragt mit vielen Grüßen
    Christian

  2. Nadine sagt:

    Lieber Christian,

    Inhalt und Form gehören zusammen. Wenn Julia inhaltlich von Männern spricht, ist es in der Konsequenz nur logisch, dass sie dafür im Sprechen Maskulinum verwendet. Im aktuellen Beispiel geht es nebenbei noch um männerdominierte Räume wie den Theaterbetrieb.

    Grüße,
    Nadine

  3. Christian sagt:

    Hallo Nadine,

    ich will jetzt nicht unbedingt den Kommentarbereich zumüllen. Aber eine Antwort muss noch gehen. Als jemand, der auch in einem „männerdominierten“ Bereich unterwegs ist und dort häufiger mal erklären muss und will(!), warum es denn jetzt schon wieder dieses umständliche „Innen“ sein muss, bin ich mit Deiner Antwort nicht ganz zufrieden.

    Julia sprach inhaltlich von „in der Hauptsache Männern“. Deswegen meine Irritation. Ansonsten hätte sie auch „ausschließlich Männer“ sagen können. So weit ich das verstanden habe, ist das doch der Grund für die Verwendung genderneutraler Sprache, gerade und vor allem auch bei Räumen, die von einem Geschlecht (Krankenschwestern, Lokführer) dominiert sind. Übersetzt heißt Julias Aussage (auch nach Deiner Erklärung), dass ausschließlich Männer im Theater die Kunstfreiheit benutzen, um nicht über die Reproduktion rassistischer Bilder nachdenken zu müssen. Aber dann muss das auch so gesagt werden, und das relativierende „in der Hauptsache“ braucht nicht eingefügt zu werden.

    Mit Dingen wie diesen werde ich dann nämlich bei den Erklärungen, warum es „Innen“ sein soll, konfrontiert, und das stärkt die feministische Argumentationsposition ganz und gar nicht. Aber das Problem ist ja auch kein neues mehr. Naja…

    Viele Grüße
    Christian

  4. läufer sagt:

    „Wenn Julia inhaltlich von Männern spricht, ist es in der Konsequenz nur logisch, dass sie dafür im Sprechen Maskulinum verwendet. Im aktuellen Beispiel geht es nebenbei noch um männerdominierte Räume wie den Theaterbetrieb.“

    Das finde ich nicht in Ordnung, die Frauen*, die dort ohnehin in der Minderheit sind, werden damit unsichtbar gemacht.

  5. Nadine sagt:

    @läufer @Christian

    Ich würde darum bitten, die Aussage nicht aus dem Kontext zu reißen. Julia spricht explizit davon, dass Entscheidungsträger im Theaterbetrieb in den häufigsten Fällen Männer sind. Wir sprechen hier vom Bereich der Produktion, Intendanz, Regie, Dramaturgie. Sie spricht davon, dass es „in der Hauptsache“ (also fast ausschließlich) Männer sind, die bestimmen, was wie gespielt wird und somit auch verantwortlich sind für viele Reproduktionen von Rassismen. Sie benennt also damit nicht nur „wer“ etwas tut, sondern auch ein Machtverhältnis/Geschlechterverhältnis, das dahinter steht. Dass somit nur wenige Frauen in entscheidungstragenden Positionen sind, wird damit nicht unsichtbar gemacht, sondern eher verdeutlicht. Auch, dass weiße Frauen am Theater Rassismen reproduzieren, wird dadurch nicht unsichtbar, weil sie nicht einfach von „Theatermachern“ spricht, sondern erklärt, warum sie es tut. Deine Kritik an ihrer Aussage bezieht sich in meinen Augen auch nicht auf den Inhalt, sondern ist eher formalistisch, deshalb schrieb ich vorhin, dass beides zusammengehört und im Kontext betrachtet werden sollte.

    Und: mit Julias Aussage und Sprechweise sollte nicht dein Bemühen um geschlechtergerechte Sprache in männerdominierten Räumen stehen und fallen ;)

    Abschließend: Ich würde es begrüßen, wenn die Diskussion sich ab jetzt um das Thema des Interviews drehen könnte.

  6. Anna-Sarah sagt:

    I love Sprachkritik, aber können wir vielleicht aufhören, profilierten feministischen Aktivistinnen zu erklären (zumal aus unterstellter männlicher Perspektive) wie Feminismus richtig geht? Thx.