Das Ideal der rosanen Toleranz – Frauenfeindlichkeit unter Schwulen

von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 9 von 26 der Serie Der Kommentar

Ein Gastkommentar von Stephan Siepe

“Schwule sind grundsätzlich tolerant!”, “Schwule sind aufgrund ihrer eigenen persönlichen Erfahrung für das Thema Diskriminierung sensibilisiert und verhalten sich auch dementsprechend respektvoll.”. Dieses sind Annahmen die von vielen innerhalb der schwulen Community geteilt werden. Aber werden Menschen bloß aufgrund ihrer schwulen Identität automatisch toleranter? Natürlich nicht!

Die Mehrheit der Schwulen definiert sich noch nicht einmal alleinig über ihre sexuelle Orientierung. Schwule (so wie alle Menschen) haben eine vielschichtige Identität, sie können SPD- oder CDU-Wähler, Handwerker oder Lehrer, arm oder reich, tolerant oder diskriminierend sein. Dies alles sind Charakteristika, die eine Identität aus machen. Schwule sind keine einheitliche Gruppe. Zu sagen Schwule seien generell dies oder das ist daher schon einmal im Ansatz sehr fragwürdig.

Dann eröffnet sich die Frage, warum sind ausgerechnet Schwule besonders tolerant? Es ist relativ selten der Fall, dass Gruppen, die selbst von enormer Diskriminierung betroffen sind, durch ihre erfahrene Diskriminierung allgemein toleranter und respektvoller im Umgang mit anderen Gruppen werden. Eher im Gegenteil, prinzipiell gilt: Anfeindungen führen nur zu mehr Anfeindungen, Gewalt schürt nur noch mehr Gewalt. Wenn beispielsweise ein Schwuler auf der Straße von einem Russen homophob beleidigt wird, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass der Schwule Vorurteile gegenüber Russ_innen aufbaut. Ebenso wenn eine Griechin auf der Straße von einer Italienerin rassistisch beleidigt wird, steigert dies die Wahrscheinlichkeit, dass die Griechin Vorurteile gegenüber Italiener_innen aufbaut. Weshalb sollte die schwule Minderheit hierbei anders sein, als andere Minderheiten. Weshalb sollten sie toleranter werden, dadurch, dass sie selbst diskriminiert werden?

Schwule sind Teil der deutschen Gesellschaft, und die deutsche Gesellschaft ist voll von Rassismen, Sexismen und anderen Diskriminierungsformen. Dementsprechend gibt es auch diskriminierende Schwule. Schwule sind weder toleranter noch diskriminierender als alle Anderen auch. Doch wenn man schwule (oder schwullesbische) Aufklärungs- und Kampagnenarbeit betreibt, ist man fast schon gezwungen, eine gewisse Identität zu übernehmen, die man nach außen trägt. Es wird ein bestimmtes Bild von Schwulen dargestellt, um mehr Anerkennung in der Gesamtgesellschaft zu erreichen. In der Regel ist dieses Bild geprägt von bürgerlichen Mittelschichtsschwuppen, die gerne ein Kind adoptieren würden, nett zu ihren Nachbar_innen sind und sich natürlich unglaublich respektvoll gegenüber allen anderen sozialen Gruppen benehmen.

Diejenigen die dieses Bild propagieren sind auch diejenigen die das falsche Ideal der schwulen Toleranz nicht aufgeben wollen. Große Teile der Community möchten die Frage, inwiefern Schwule andere Gruppen diskriminieren, nicht ansprechen. Einerseits wollen sie den Themenschwerpunkt der Szene nicht auf interne Probleme legen, andererseits hängen viele immer noch an dem Opfer-Status, den Schwule noch immer besitzen. Zwar ist das Thema Schwule als gesellschaftliche Opfer mit den Jahren weniger geworden, trotzdem existiert es noch.

Viele Akteure innerhalb der Community die für mehr Toleranz und Respekt für Schwule kämpfen, benutzen den schwulen Opferstatus um auf soziale Probleme aufmerksam zu machen, um Finanzierungsmöglichkeiten zu bekommen und zu einem Teil auch zur eigenen Existenzrechtfertigung. Das schlimmste was diesen Akteuren in ihren Augen passieren könnte, wäre nicht mehr als Opfer, sondern als Täter wahrgenommen zu werden. Wenn sie also das Thema, inwiefern Schwule selbst diskriminierend sind, ansprechen, würden sie damit auch eingestehen, dass die Gruppe die sie repräsentieren nicht nur Opfer, sondern, in bestimmten Fällen, auch zugleich Täter ist. Doch, das Eingeständnis, dass diskriminierte Menschen in manchen Fällen auch zugleich Täter sind, könnte in meinen Augen eine ehrliche und konstruktive Debatte innerhalb der Szene anstoßen. Ein bisschen mehr Selbstbeschäftigung tut manchmal durchaus sehr gut. Schwule Täter existieren. Gruppen die von Schwulen diskriminiert werden, gibt es zahlreiche. Diese Gruppen unterscheiden sich kaum von denen, die gesamtgesellschaftlich Diskriminierung ausgesetzt sind, beispielsweise Menschen die als Ausländer_innen wahrgenommen werden, Jüd_innen, Muslime oder auch Frauen. Diejenige Gruppe, die in meiner Erfahrung mit der schwulen Community am meisten offen diskriminiert wird, ist die zuletzt genannte, die der Frauen. Allerdings unterscheidet sich der schwule Sexismus von dem der heterosexuellen Männer. Hetero-Männer übernehmen das patriarchale Rollenbild in Form von direkter Diskriminierung, beziehungsweise Machtausübung. Schwuler Sexismus geschieht zumeist durch Abweisung von Frauen sowie durch frauenfeindliche Kommentare innerhalb von schwulen Gesprächskreisen. Viele Schwule haben einen ausschließlich schwulen Bekanntenkreis. Bei ihnen ist das Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft nicht akzeptiert zu werden, oft besonders stark. Dementsprechend kapseln sie sich schnell ab von der Mehrheitsgesellschaft und leben in einer Art schwulen Blase. Daraus resultiert, dass sie keinerlei privaten Kontakt mehr zu Frauen     haben. Dieser Prozess geschieht zumeist unbewusst. Der (wenn auch unbeabsichtigte) soziale Ausschluss einer bestimmten Gruppe führt schnell zu Vorurteilen und daraus resultierend auch zu Diskriminierungen. Doch selbst Schwule die selbst viele Freundinnen haben und die im direkten Kontakt mit Frauen keinerlei Vorurteile oder Diskriminierungen zeigen, verändern schnell ihre persönliche Attitüde, sobald sie ausschließlich unter Schwulen sind. Zumeist äußern sich die Diskriminierungen in Form von Sprüchen, die eigentlich eher komisch gemeint sind und niemanden verletzen sollten. Die Bandbreite dieser Kommentare ist groß, sie reicht von “Iieehgitt, Frauen”, über “Sowas schafft eine Frau doch gar nicht!” bis zu “Was hast du denn so viel mit Frauen zu tun, wechselst du etwa zum anderen Ufer!?” Solche Sprüche mehren sich innerhalb einer schwulen Gruppe schnell. Die meisten Schwulen sind sich nicht der Dynamik solcher salopp gesagten diskriminierenden Aussagen bewusst.

Denn umso häufiger solche Äußerungen vorkommen, desto weniger werden sie kritisch hinterfragt. Die Grenze zwischen lustig gemeintem Frauenwitz und tief sitzender Frauenfeindlichkeit verwischt dabei schnell. Kaum ein Schwuler ist sich seiner eigenen Frauenfeindlichkeit wirklich bewusst. Sie existiert auch zumeist in subtilerer Form als beispielsweise Homophobie. Lesben und Schwule werden oftmals direkt auf der Straße angepöbelt, frauenfeindliche Diskriminierung aber geschieht versteckter. Schwule diskriminieren Frauen zumeist in Form von Herabwürdigung, ihnen wird nicht so viel zugetraut, sie sind in ihren Augen nicht stark genug. Zudem reduzieren Schwule gerne alles auf Sex. Und in diesem Kontext fallen Frauen natürlich vollständig raus und werden daher im Leben vieler Schwuler schlichtweg als komplett unwichtig angesehen. Sie bekommen höchstens mal etwas Aufmerksamkeit, wenn mal wieder darüber gelästert wird, wie eklig doch der nackte Frauenkörper sei.

Frauenfeindlichkeit unter Schwulen tritt außerdem sehr häufig in Verbindung mit Lesbenfeindlichkeit auf. Selbst unter Schwulen die Aufklärungsarbeit betreiben, kommt dies vor. Die meisten Homo-Gruppen bestehen mehrheitlich aus Männern, einige sind reine Männergruppen. Auf Dauer wirkt sich dies auf die Sensibilisierung dieser Gruppen gegenüber lesbischen Themen aus. Frauen- und Lesbenthemen sind in Homo-Gruppen zumeist unterrepräsentiert und falls von Seiten der Frauen Initiative ergriffen wird dies zu ändern, blockieren sie die Schwulen gerne. Entweder werden schwullesbische Vorschläge als Gegenentwurf vorgeschoben oder es wird kommentiert, dass schwule Themen schlichtweg mehr Echo in der Presse, sowie der allgemeinen Öffentlichkeit, erreichen. Dies ist der Grund weshalb sich viele ausschließlich lesbische Gruppen gebildet haben. Zwar wollten beide Seiten gegen die Homophobie kämpfen, doch viele Schwule waren sich ihrer eigenen Frauen- und Lesbenfeindlichkeit selbst nicht bewusst, beziehungsweise wollten ihre eigene sexistische Einstellung auch überhaupt nicht ändern.

Die Vorurteile die viele Schwule gegenüber Lesben haben unterscheiden sich nur wenig von denen die Heterosexuelle von ihnen haben: Lesben sehen alle aus wie Kerle, seien ständig pampig und zudem auch noch sexuell frustriert. Das dies nicht der Realität entspricht wollen sie schlichtweg nicht begreifen. Aber um Vorurteile tatsächlich abzubauen, müssten sie ja auch in direkten Kontakt mit Lesben treten. Dies ist stets die beste Form um Diskriminierungen abzubauen, die Menschen gegen die man Vorurteile besitzt selbst kennen zu lernen. Aber hier kommen wir wieder zum Punkt der sozialen Abschottung. Wenn man nur noch schwule Freunde hat, lernt man auch keine anderen Gruppen mehr kennen. Dieser Kreislauf ist bei vielen Formen von Diskriminierung stets der gleiche. Soziale Abschottung führt zu Vorurteilen, die wiederum nur noch mehr Abschottung reproduzieren. Als ich Hetero-Freund_innen von dem Thema der schwulen Lesbenfeindlichkeit erzählte, konnten diese das kaum glauben. Eine Minderheit diskriminiert sich untereinander selbst. Sofort fingen sie an zu argumentieren, “Aber damit wird doch bloß die Bewegung geschwächt!”, “Sollten nicht zumindest Schwule sich der Auswirkungen jeglicher Art von Diskriminierung bewusst sein?!”. Die Frage die sich mir bei dem Gespräch hauptsächlich stellte war, wie man gegen diese Probleme angehen kann.

Meiner Meinung nach muss diese Art der Diskriminierung, wie alle anderen auch, auf 2 Ebenen bekämpft werden. Einerseits auf der organisatorischen Ebene, in Form von Aufklärungsveranstaltungen, Sensibilisierungsprogrammen in spezifischen Einrichtungen sowie Veröffentlichungen die konkret für das gewünschte Publikum konzipiert sind. Und bitte nicht nur 160-seitige Expert_innen-Veröffentlichungen die das eigentliche Publikum eh nicht erreichen, sondern die gesamte mediale Bandbreite muss aktiv benutzt werden. Andererseits sollte die Problematik auf der persönlichen Ebene angegangen werden. Jede_r hat eine individuelle Verantwortung jegliche Form von Diskriminierung in ihrem_seinem Bekannt_innenkreis zu thematisieren und die Person hierauf direkt anzusprechen. Würde jede_r diese Verantwortung ernst nehmen, so würde dies mehr zum Abbau von Diskriminierung helfen als alle Aufklärungskampagnen zusammen.

Stephan Siepe macht momentan sein Freiwilliges Soziales Jahr im schwulen Info- und Beratungszentrum Mann-O-Meter in Berlin und ist zudem in der  Grünen Jugend gender- und queerpolitisch aktiv.


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Eintrag geschrieben: Dienstag, 15. September 2009 um 17:01 Uhr unter Gendertrouble, Klartext, Mitdenken, Weibsbilder Mannsbilder. RSS 2.0. Kommentieren. Trackback.



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28 Kommentare

  1. Cymaphore sagt:

    Schock Schwerenot, anders als einem die katholische Kirchen es glauben machen möchte sind homosexuelle halt auch nur Menschen ;-) …

  2. Petra sagt:

    Super Artikel!

  3. stadtpiratin sagt:

    toller artikel – du hattest recht: war mir nicht klar. vor allem mit dem letzten absatz gebe ich dir recht, man sollte die volle mediale bandbreite nutzen. denn diskriminierung hilft letztlich niemandem, sondern ist ein anzeichen von schwäche. egal in welchem bereich.

  4. Kathrin sagt:

    Danke! Guter Artikel.
    Traurig, dass es so wahr ist. In der Hierarchie der ach so geliebten Männer ganz unten…aber es bleiben ja noch die Frauen ;)

  5. Marcel sagt:

    “Weshalb sollte die schwule Minderheit hierbei anders sein, als andere Minderheiten. Weshalb sollten sie toleranter werden, dadurch, dass sie selbst diskriminiert werden?”

    Den nächsten Text bitte über Lesben, die Männerwitze reissen- und dergleichen mehr.

    Dazu liesse sich freilich auch der Feminismus in seiner düstersten Zeit als Beispiel heranziehen- SCUM lässt grüssen!

  6. Lurker sagt:

    “Zudem reduzieren Schwule gerne alles auf Sex.”

    Klar, mit solchen beknackten Vorurteilen solltet ihr mal die “volle mediale Bandbreite” nutzen. Viel Erfolg!

  7. Emily sagt:

    Lustig, der Artikel passt genau zu meiner (sehr begrenzten) Erfahrung mit Schwulen (ich kannte genau einen). Mit dem rede ich nicht mehr, seit er mir ein paar sehr unfreundliche Sachen an den Kopf hat, die sich darauf bezogen, dass ich weiblich bin…
    Deshalb fand ich diese positiven Klischees über Schwule immer etwas seltsam.

  8. Emily sagt:

    nach “Kopf” fehlt “geworfen”.

  9. Cookie sagt:

    @Marcel:
    Dann schreib doch nen Text über Männerwitze reissende Lesben. Hindert dich ja niemand dran.

  10. ping sagt:

    @Lurker
    Du hast recht wenn du dich an dieser Formulierung störst, fand ich auch schräg.
    Aber wen meinst du mit “ihr”?

  11. ff sagt:

    also es ist generell so, dass jeder irgendwelche vorurteile hat, man kann sie nur möglichst minimieren
    aber es ist natürlich gerade traurig, dass gruppen, die selbst so unter diskriminierung leiden, gegenüber anderen gruppen starke vorurteile hegen
    es gibt da so einen comic, wo zuerst ein dicker weißer mann einen schwarzen als ausländer beschimpft, der schwarze im nächsten bild über ein paar schwule herzieht, die dann als nächstes über eine vorbeilaufende blondine lästern und diese schließlich verächtlich über den dicken mann (vom anfang) redet, als sie ihm begegnet… so in etwa jedenfalls

    das zeigt ganz gut, wie das abläuft
    jeder sollte bei sich anfangen und überlegen, ob er nicht, selbst wenn er denkt, besonders tolerant zu sein, oder sich eben selbst über vorurteile ärgert, gewisse stereotypen im kopf hat, die er vielleicht überdenken sollte
    aber jedes klischee bekommt man kaum bekämpft, schon um einen überblick über all die vielfalt dieser welt zu behalten, teilt mensch seine mitmenschen doch zuerst einmal in schubladen ein
    das kunststück ist, die leute da wieder herauszuholen, wenn man sie näher kennenlernen kann…

    wie auch immer, guter und wichtiger artikel

    lg

  12. Laura sagt:

    mir gehts interessanter weise genauso, emily! ich sprech schon noch mit ihm, aber wenn mir wieder irgendwelche fiesitäten an den kopf geworfen werden, motze ich auch zurück.

    sehr guter artikel, auch wenn mir die thematik schon bewusst war (da gabs doch mal einen dok über männer- und frauenfeindlichkeit bei homosexuellen). nur über die formulierung “Zudem reduzieren Schwule gerne alles auf Sex.” bin ich auch gestolpert. wenn schon ein artikel auf vorurteile und verallgemeinerungen hinweisen möchte, sollte er doch selbst keine enthalten. und wenn es kein vorurteil ist, möchte ich gerne den beweis haben (studie?).

  13. Patricia sagt:

    Ich habe schon so unterschiedliche Schwule kennengelernt, dass ich davon abgewichen bin, außer der sexuellen Orientierung in dieser Gruppe große Gemeinsamkeiten zu suchen. Bei Heterosexuellen sind ja auch weitere Gemeinsamkeiten nur zufällig.

    Nach neun Jahren Mädchenschule kam ich in einen Betrieb, in dem zum großen Teil Schwule arbeiteten … hat Spaß gemacht, nur war nix für mich zum Verlieben da.

  14. a. sagt:

    guter artikel!

  15. Marcie sagt:

    “Interessanter” Artikel.
    Wie steht ihr im Gegenzug zur Schwulenfeindlichkeit von Feministinnen?
    Siehe:
    http://www.emma.de/lieber_schwuler_freund.html

  16. Suz sagt:

    In der Tat ein guter Artikel.
    Diskriminierung durch Herabwürdigung von Schwulen, durch offenkundige Mißachtung, das habe ich selbst als große Supporterin der “schwulen Sache” leider mehrfach erlebt.

    Über die Gründe konnte ich aber bislang nur spekulieren. Entfremdung von der Frau als solcher durch rein schwulen Umgang? Möglich!

  17. Marcel Zufferey sagt:

    Möglicherweise ist es eine Illusion, daran zu glauben, alle müssten immer furchtbar nett und tolerant sein.

    @Cookie: Von 300 geplanten Seiten bin ich jetzt bei Seite 150.

  18. Hanna sagt:

    Der Text stößt ein interessantes, wenig bedachtes Thema an.
    Zum Glück trifft die von Dir beschriebene Haltung nicht auf den Großteil meiner schwulen Freunde und Bekannten zu. Es liegt nahe selbst gemachte Erfahrungen zu subsumieren und danach Tendenzen zu bekunden und das ist auch ein legitimer erster Schritt solche gesellschaftlichen Phänomene anzugehen. Aber wie auch @Laura fände ich eine Studie in dem Feld mal sinnvoll und falls es schon eine gibt, dann auch drauf zu verweisen. Vor allem weil Du auch selbst ziemlich viele generalisierende Behauptungen aufstellst.
    Aber mal zu einem Beispiel, das wirklich ein strukturelles Problem dieser Benachteiligungsgeschichte offenlegt:
    Vorletztes Wochenende wurde ich mit einer Gruppe von Freundinnen mal wieder blöde mit homophoben Sprüchen bedacht, als wir morgens von einem Clubgelände gingen. Diesmal war der Typ aber von vorneherein schon aggressiv und wurde handgreiflich und wäre es gern auch noch mehr geworden, wenn er nicht durch ebenso hart durchgreifende “Hinweise” eines Kumpels irgendwann eingesehen hätte, dass er allein gegen fünf Attackierte doch nicht ankommen würde. (Es gab übrigens wieder unbeteiligte Zuschauer, aber das ist, ob es jetzt auf Sollner Bahngleisen oder sonstwo vorkommt, wieder ein Thema für sich.)
    Als ich am nächsten Tag dachte, “Mensch, da gab’s doch so ne Hotline von einem Anti-Gewalt-Projekt”, war ich echt überrascht zu erfahren: ja gibt es. Aber Maneo, das größte und bekannteste dieser Art in Berlin, richtet sich explizit nur an Schwule und Bisexuelle, die von anti-schwuler Gewalt betroffen sind.
    Aha. Seitdem schlimme Überfälle auch gegen Lesben von den Medien (“Volle Kanne”, ZDF) diesen Frühjahr stärker ins öffentliche und lesbische Bewusstsein gerückt haben, gibt es seitdem (also erst Frühjahr diesen Jahres!) auch eine Hotline für Gewalt gegen Lesben. (vom LSVD, wobei es wohl auch sowas von der Lesbenberatung gibt, aber das zu finden hat einige Google-Mühe gekostet, ist also nicht besonders leicht zugänglich)
    Ok, gibts also getrennte Hotlines. Finde ich schon unsinnig genug. Denn da kam mir noch eine andere Frage in den Sinn: Neulich wurde eine Bekannte von mir krankenhausreif geprügelt, als sie mit einem Kumpel freundschaftlich Arm in Arm die Straße langspazierte. Sie waren für ein schwules Paar gehalten worden. Als die Angreifer den “Irrtum” bemerkten, und sahen, dass sie eine Frau war, die nicht dem Genderklischee entsprechend gekleidet war, hat es das natürlich keinen Deut besser gemacht. Ihre sexuelle Orientierung konnten sie in dem Moment allerhöchstens erspekulieren (und abgesehen davon ist nicht jede “butch”aussehende Frau gleich lesbisch). Sie ist aber eine Frau und lesbisch. Wenn der Kumpel nun hetero ist, wo rufen sie an? Der Angriff begann zwar “anti-schwul”, aber als festgestellt wurde, dass da einfach was anderes einer vermeintlichen gesellschaftlichen Norm nach nicht stimmte, wurde ebenso draufgeprügelt.
    Und da frage ich mich, wieso arbeiten Lesben und Trans* nicht einfach bei Maneo mit? Weil es doof wäre, sich einfach an ein erfolgreiches Projekt dranhängen zu wollen? Hm..

  19. Lydia sagt:

    @Marcie: Was ist an dem Text homophob? Ich meine, der hier gepostete Text hat ja schon klargemacht, dass diskriminierte Minderheiten auch kritisch betrachtet werden sollen und dürfen, und ich finde, beide Texte haben recht.

    @Marcel: Ich hoffe, du lädst deinen Artikel hier hoch, damit wir ihn alle lesen können, die 300 Seiten über lesbische Misandrie…

    Ach ja, ich wollte doch selbst mal einen Text schreiben, über Männer, die bei der kleinsten Kritik gleich unsachliche Beißreflexe bekommen…

  20. Janeway sagt:

    Hanna: “Und da frage ich mich, wieso arbeiten Lesben und Trans* nicht einfach bei Maneo mit? Weil es doof wäre, sich einfach an ein erfolgreiches Projekt dranhängen zu wollen?”
    @Hanna: Weil Gewalt gegen Lesben oft auch Gewalt gegen Frauen ist. Und Frauen mit Gewalterfahrung durch Männer sich nicht gerade an eine Stelle wenden wollen, wo sie mit Männern zu tun haben könnten. Selbst bei der Polizei wird (in der Regel) immer dafür gesorgt, dass sich eine Polizistin um das weibliche Gewaltopfer kümmert. Und das ist auch richtig so. Außerdem gibt es bei einigen Polizeidienststellen ausgewiesene Ansprechpartner_innen für Lesben und Schwule (z.B. in Frankfurt/Main).

    Und warum sollen sich die Lesben an ein schwules Projekt dranhängen?
    Schwule sind halt auch “nur” Männer und übersehen oft, dass Lesben auch Frauen sind und dadurch nochmal zusätzlich diskriminiert werden. Bei manchen Themen ist es einfach besser, getrennte Wege zu gehen. Dafür können wir uns aber dennoch gemeinsam auf der Straße zeigen, um gegen Diskriminierung zu protestieren.

  21. Jürgen64 sagt:

    Direkt vorweg: ich habe nichts gegen Schwule. Das ist für mich lediglich eine sexuelle Neigung, die ich nicht werten mag; wer will behaupten, dass seine eigene Neigung oder Ausrichtung besser ist als die des anderen und mit welchem Recht?

    Was mich an Schwulen häufig stört ist, dass sie oft ihre Neigung in den Vordergrund stellen. Für mich ist das genauso wichtig, ob einer lieber mercedes oder BMW oder sonstwas fährt: es interessiert mich nicht, und deswegen möchte ich das Gespräch lieber auf Themen konzentrieren die uns beid interessieren.

    Gruß
    Jürgen

  22. Hanna sagt:

    Das sind beides durchaus in Betracht zu ziehende Argumente. Ich habe aber übrigens bei Maneo angerufen und gefragt. Es sehr wohl in erster Linie mit der gewachsenen Struktur zu tun. Sie haben das mit viel Engagement schon vor Jahren aufgebaut und gegen viele Hürden angekämpft und waren sind eben ein Männerprojekt.
    Ich glaube aber, dass es gerade in vielen Fällen eben nicht eindeutig ist, ob sich die Gewalt gegen Lesben, Schwule, Trans* oder einfach nur gender”unkonformes” Auftreten richtet und die Grenzen verwischen da meines Erachtens zunehmend. Daher finde ich es wichtig, enger zusammenzuarbeiten. Sicher ist es ab einem gewissen Punkt oder auch bei unterschiedlichen Gewalterfahrungen wichtig, spezialisierte Betreuung zu bekommen. Aber das könnte man dennoch an einer zentralen Stelle organisieren.

  23. Hanna sagt:

    (Mein vorheriges Posting war natürlich auf @Janeway bezogen)

    @Jürgen: Das mag Deine Wahrnehmung sein. Aber ich wage zu bezweifeln, dass Dein “oft” tatsächlich nicht häufiger ist als bei Heterosexuellen auch. Wie stellen sie denn ihre Neigung in den Vordergrund?
    Zurschaustellungen heterosexueller Neigungen z.B. durch ganz banales Händchenhalten, Rumknutschen oder beiläufiges Erzählen vom Wochenende mit dem Partner/in im Kollegenkreis wird einfach noch immer als “normaler” und weniger anrüchig empfunden.

  24. Wirklich gut, dass sich ein Artikel auch mal mit diesem Thema befasst und zudem auch von einem Insider geschrieben ist.

    Ich lag auch mal dem Irrglaube anheim, dass Minderheiten ein größeres Bewusstsein für Soziales, Integration und so weiter hätten. Bis ich mal selbst mit ziemlichen Vorurteilen seitens schwuler Blogger bezüglich SMer und Frauen und einer beachtlichen Abgrenzung zu Lesben sowie einer sehr konservativ-liberalen Wertehaltung, konfrontiert wurde.

    Allerdings: Praktisch alle Argumente, die auf vermeindliche Toleranz von Schwulen hindeuten, können auch auf Frauen, Migranten, religiöse Gruppierungen, die Diskriminierung erfahren umgemünzt werden. Somit erübrigt sich eigentlich fast schon der Artikel. Denn überall wird diskriminiert. Er könnte sich also auch auf die Diskriminierung Schwuler seitens von Frauen konzentrieren.

  25. hn sagt:

    Dann hau ich auch mal mit drauf. Mir fällt oft auf, dass (politische) Lesben meist die gesamte Community miterwähnen, -verteidigen, -einladen etc, also auch Schwule, Transgender etc. Die sehen sich oft als Teil der “alles außer hetero!”-Community, und treffen gerne globale Aussagen. Andererseits habe ich nur selten von schwulen politischen Aktivisten Aussagen gelesen, in denen sie von irgendetwas anderem als ihrer schwulen Community sprechen. Auf englisch merkt man es durchs generische “gay” nur oft nicht (wobei hier lesben auch eher “gay & lesbian” sagen).
    In dem Zusammenhang nochmal eine virtuelle Ohrfeige an alle Journalisten die ein generisches “gay” (as in “gay lady”. als synonym für homosexual) immernoch nur mit “schwul” übersetzen.

    Aber, mal ganz verkürzt, das Problem der Communities ist hauptsächlich, dass sie, wie schon gesagt, als einzige Gemeinsamkeit eine sexuelle Ausrichtung haben, aber gewaltsam versuchen weitere zu produzieren, was dann in unendlich selbstkopierten Klischees endet. (bei lesben sehr schön an moustaches, mullets & leather vests zu beobachten. Das war in den 80ern mal lustig.)

  26. Fritz, the Cat sagt:

    ich hätte es vorgezogen, wenn der autor statt dem ominösen “viele” und den sonstigen sprachlichen wendungen der verallgemeinerungen, etwas konkreter geworden wäre, wen er denn meinte.
    aus welcher “szene”, aus welchen aufklärungsprojekten, aus welchen bekanntenkreisen spricht dieser “insider” denn heraus?
    mann-o-meter?
    der berliner lsvd?

    @laura
    der berliner lsvd war zwar relativ stark medial vertreten mit seiner anti-gewalt-telefon-hotline. tatsache ist aber, dass er keine eigene beratende hotline betreibt. sondern höchstens vermittelt. an die lesbenberatung beispielsweise. die zwei halben stellen, die da nebenerher diese lsvd-hotline bedienen (sollen) sind fürs management anderer lsvd-projekte eingestellt……
    ein super beispiel im übrigen dafür wie jemand mit dem label schwul-lesbisch verbandsarbeit für sich betreibt und weniger für schwule und vor allem lesben….

  27. Stephan Siepe (Autor) sagt:

    Kommentar des Autors:

    Den Artikel habe ich ursprünglich für das Magazin GayNow geschrieben, diese wird vom Mann-O-Meter e.V herausgegeben. Dies ist ein schwules Info- und Beratungszentrum. Im Rahmen meines FSJs (Freiwlliges Soziales Jahr) beim Mann-O-Meter habe ich verschiedene lesben- und frauenfeindliche Kommentare von verschiedenen Teilen der Schwulenszene mitbekommen, weswegen ich diesen Artikel schreiben wollte.

    Ich weiß, dass der Artikel selbst nicht wirklich differenziert, geschweige denn pc (politically correct) ist. Teile des Artikels würde ich auch leicht verändern, da ich die hier geäußerten Kritikpunkte am Artikel größtenteils durchaus gerechtfertigt finde. Allerdings sollte bedacht werden, dass ich der Artikel eigentlich schwerpunktmäßig an die Schöneberger Homo-Szene richtet. Damit diese mal selbst zum Nachdenken über dieser Thematik kommen.

    Hätte ich den Artikel für diesen Blog geschrieben, wäre er auch in einer anderen Fassung herausgekommen. Ich wurde schlichtweg angefragt, ob der Artikel hier veröffentlicht werden kann und habe (ohne darüber groß nachzudenken) zugestimmt.

  28. Marcel sagt:

    Es ist genauso, wie ich schon ein paar mal in der Vergangenheit hier geschrieben habe: Nachdem sich die Mehrheit die letzten drei, viel Jahrzehnte mit ihrer eigenen Haltung gegenüber Minderheiten beschäftigt hat, wird sie sich jetzt vermehrt damit auseinandersetzen müssen, was die Minderheiten von ihr denken. Dass es gewisse Minderheiten nicht- oder sogar alles andere als genau nehmen mit der Toleranz, ist an und für sich nichts neues. Neu ist lediglich, dass endlich einmal darüber gesprochen wird- und zwar auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen.

    Diesen Artikel finde ich insofern bemerkenswert, als dass der Autor selbst aus der Schwulenszene kommt-und damit ein Outing der besondeen Art macht. Ich wünschte mir das auch von anderen Minderheiten- Lesben zum Beispiel.

    Das dürfte nicht nur den Begriff Toleranz in ein neues Licht rücken, sondern auch das Verhältnis der Mehrheit zu zahlreichen Minderheiten.

    Das ist zweifellos ein Fortschritt, danke! Dabei darf man allerdings vom Ideal einer pluralistischen und möglichst toleranten Gesellschaft nicht abweichen: Die heute vorherrschende Toleranz musste schliesslich hart erkämpft werden- ich persönlich halte den schwulen Aspekt für eine enorme Bereicherung unseres Alltages, der nicht mehr wegzudenken ist.

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