Cry Me A River und gebt euch halt mehr Mühe

von Hengameh

Vor ein paar Wochen besuchte ich eine Podiumsdiskussion im Hebbel am Ufer, in dem es um Privilegien ging – um männliche, heterosexuelle und weiße. Wo machen sich diese Privilegien deutlich und wie können sie abgegeben werden? Viel Spannendes kam dabei nicht herum, aber eine Passage hat sich bei mir eingebrannt. Es war ein Abschnitt, der viele mehrheitlich weiße feministische Debatten zusammenfasst. Thema war die Angst vor Fehlern: Wer sich in politischen Kontexten bewegt, weiß um das Risiko, dass mal etwas eskalieren, als problematisch eingelesen und mit einem starken Shitstorm quittiert werden kann. Dieses Gefühl kenne ich zu gut. Besonders, wenn eins den Anspruch hat, mit der eigenen Arbeit Leute aus ihrer Comfort-Zone rauszuschubsen und den flauschigen Bereich liberaler Popular Opinions zu verlassen, ist die Angriffsfläche groß.

„Du kannst eh nicht immer alles richtig machen“, behauptet gefühlt die ganze Welt, faktisch vor allem weiße Personen. Auch an diesem Abend sollte es so sein. Podiumsgast und Performerin Simone Dede Ayivi brachte dazu einen sehr wichtigen Punkt ein. Sie gestand, dass sie für sich selbst tatsächlich den Anspruch hat, stets alles richtig zu machen. Natürlich gelingt es nicht immer, aber, so sagte sie, wenn die eigene Herangehensweise frei nach dem Motto „zufrieden werden eh nicht alle sein“/“Fehler kommen so oder so vor“ ist, dann ist es klar, dass irgendwas verkackt wird/problematisch ist.

Für mich war dies ein sehr wichtiger Moment in meiner aktivistischen Arbeit. Ich wusste, dass ich nicht immer alles richtig machen kann, ich wusste aber auch, dass ich mit einer ausschließenden, problematischen Praxis nicht zufrieden bin. Und wenn ich nicht einmal den Anspruch habe, keine Fehler zu machen und selbstkritisch zu sein, ist es klar, dass das Ergebnis scheiße wird.

Insbesondere, wenn es um subversiven Aktivismus geht, wünsche ich mir ein kritischeres Denkvermögen. Ja, politisches Handeln darf auch weh tun – aber wem? Denen, die von bestehenden Machtstrukturen profitieren oder jenen, die von ihnen unterdrückt werden? Und wer klopft sich schon bei 40% des möglichen Rahmens auf die Schulter und sagt sich „das reicht schon so, sind eh nicht immer alle zufrieden“? Meiner Erfahrung nach häufig weiße Feminist_innen. Mir missfiel schon letztes Jahr auf der re:publica, wie eine weiße Feministin aus sehr privilegierter Perspektive zum „Feminist Burn-Out“ sprach und sich die Thematik stark aneignete. Ja, aktivistische Arbeit raubt viele Ressourcen. Aber am wenigsten von einfach betroffenen Personen wie ihr. Häufig sind es nämlich Schwarze Feminist_innen_Feminist_innen of Color, die sich in Richtung eines „Feminist Burn-Outs“ hinbewegen. Zum Beispiel, weil sie nicht nur das rassistische Cis-Hetero-Patriarchat bekämpfen müssen, sondern drölftausend weiße_cis_heter@ Feminist_innen aufklären müssen. Wahrscheinlich mit einigen Spezis unter ihnen, die sich auch mal wieder dachten, der Mut zur Lücke müsse sein. Da finde ich es unerträglich, diese Endlosschleife des privilegierten „Mimimimi alle hacken auf mir rum, wenn ich mal was falsch mache“(lies: „Bei Rassismus oder anderen Diskriminierungen, von denen ich nicht betroffen bin und die ich selbst reproduziere, wird mal kein Auge zugedrückt“)-Gejammers zu hören oder zu lesen. Natürlich kommen Fehler mal vor, aber Personen können sich auch Mühe geben, nicht den gleichen Fehler trotz Kritik siebzehn Mal hintereinander zu machen.

Selbstkritik soll natürlich nicht zermürben, aber herrschaftskritische Praxis ist nun mal keine unbeschwerte Leichtigkeit, die keck und frech über die Bühne gebracht werden kann. Siehe FEMEN. Siehe Pinkstinks. Siehe Lily Allen. Siehe, siehe, siehe. So please, dear white feminists, get your shit together!




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 21. Mai 2015 um 9:53 Uhr unter Aktivismus. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Jane sagt:

    Danke, ich habe mich so unglaublich über diesen Text gefreut. Was ich total unverständlich finde: Dass sogenannte Aktivistinnen, die mit nichts als Abwehrmechanismen argumentieren, überhaupt als Expertinnen herangezogen werden. Ich empfinde diese Leute nicht nur als bequem, sondern auch als aggressiv. Zu behaupten, dass man Verletzungen von nicht-weißen Positionen als Kollateralschaden tolerieren müsse, ist nichts anderes als Silencing, inkl. der Schuldumkehr, dass man als arme Weiße ja nichts dafür kann, vor allem, weil die bösen PoC-Feministinnen sich auch noch weigern, den Erklärbär für Weiße zu machen und sie mit ihrem Gemecker in Grund und Boden mobben. Ich bin der Meinung, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und das bedeutet nicht, dass man als weiße Feministin mit evtl mangelndem Insight einfach die Hand auszustrecken und „Ich will!“ zu schreien braucht. Man muss schon auch nett sein, vielleicht mal das Gespräch suchen, ernsthaft Zugang zu Leuten suchen, die anders sind, als man selbst, vielleicht auch einfach mal den Freundeskreis etwas vielfältiger gestalten. Das wären die Voraussetzungen für einen Dialog. Da das aber of genung nicht passiert, kann ich nur eine Schlussfolgerung aus dem Verhalten vieler Weißer Feministinnen ziehen: Man will unter sich bleiben.

  2. Chaoskatze sagt:

    Und – Vorsicht, Intersektionalität – das ist der Hauptgrund, weswegen ich als Krüppelfrau mich im Mainstream“feminismus“ nicht zu Hause fühle, fühlen KANN. Denn all die Achsonormalen, Achsohübschen, Achsoschlanken, die sich höchstens mal mitleidig zu mir runter beugen, wenn MAL WIEDER eine Veranstaltung nicht zugänglich ist, MAL WIEDER „geschoben“ oder „getragen“ werden „müsste“ und das auch von mir so VERLANGT wird (nein. Mein Körper bin ich. Und an mich lass ich nicht so einfach Fremde rantatschen, auch wenn sie noch so „liebevoll-wohlwollend-unterstützend“ sein WOLLEN). Wenn ausschließlich Steh(sic)tische vorhanden sind. Wenn ich nur Rücken und Hintern zu sehen kriege und „die Großen“ sich wörtlich „über meinen Kopf hinweg“ unterhalten und ich lediglich dekoratives Beistell-Behindi bin. Und dann noch gesagt/vermittelt kriege, dass all das „verbitterte Meckern“ doch nichts bringe, denn man (!) gebe sich ja schon sooooo viel Müüüühe, aber leiderleiderleider, die Verhältnisse ….

    Ich habe es derzeit aufgegeben. Ich bin derzeit verunsichtbart. Ich habe keine Kraft mehr, immerimmerwiederdasselbe anzumerken, zu kritisieren, zu fordern – um dann einzig den Vorwurf der „Verbitterung“ zu ernten verbunden mit einer freundlichen Therapieempfehlung. Psychotherapie natürlich, um den „Umgang“ mit meinem defekten Körper zu lernen. Damit ich nicht mehr so nerve.