„Computer zu Programmieren ist wie ein Abendessen zu planen“

von Helga

Erinnert ihr euch noch an die “Rosies”? Die Mathematikerinnen, die während des Zweiten Weltkriegs zunächst für die US-amerikanische Armee arbeiteten und später die ersten Computer programmierten? Tatsächlich war Programmieren lange ein Frauenberuf (in Malaysia ist das auch heute so). Leser Christian hat uns dazu auf einen schönen Artikel verwiesen. Das Blog von Fog Creek hat nicht nur ein paar Zahlen ausgegraben (1987 waren 42% der US-amerikanischen Softwareentwickler Frauen), sondern auch einen alten Artikel der Cosmopolitan. Danach war Programmieren ein echter Frauenberuf, da es die gleichen Qualitäten erfordere wie ein Abendessen zu planen: Vorausschauend planen, geduldig sein und auf Details achten.

Ab den Achtzigern sank die Zahl der Programmiererinnen aber wieder deutlich. Inzwischen stiegen die Zahlen langsam wieder, so Fog Creek. Das heißt es übrigens auch in einem Artikel auf Gulp von 2000, der eine Erklärung des Imagewandels bereit hält:

Der Ursache für den Frauenschwund ist Britta Schinzel, Direktorin des Instituts für Informatik und Gesellschaft an der Universität Freiburg, auf die Spur gekommen: Solange Programmieren als geistig weniger anspruchsvoll galt, stürzten sich die Männer auf Hardware und Computerentwicklung. Seitdem die Softwareentwicklung Imagepunkte dazu gewonnen hat, machen sich die Herren der Schöpfung hier breit. Anne Brüggemann-Klein, Informatikprofessorin aus München geht ergänzt: „Der Computer ist zu einem Symbol für Männlichkeit, die Beherrschbarkeit der Technik geworden“




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 9. August 2011 um 9:13 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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12 Kommentare

  1. Weatherwax sagt:

    Tätigkeiten in der Informationstechnik um die 1960er lassen sich mit denen nachfolgender Jahrzehnte nur schwer vergleichen.

    In den 1960ern waren Zentralrechner zu programmieren, Heim- & Personal-Computer waren unbekannt. Hochsprachen standen an ihrem Anfang, Programme wurde oft noch auf Lochkarten in die Rechner eingespeist. Als Systembediener galt oft auch Personal, welches Programme nicht entwickelte, sondern auf Lochkarten übertrugen oder Wartungen an Hardware vornahmen, z.B. Bandwechsel. Erste eigenständige Studiengänge in Informatik gab es erst zum Ende des Jahrzehnts.

    Der Umschwung beim Frauenanteil trifft m.E. mit dem Auftauchen von Personal- und vor allem Heimcomputern zusammen. Ein weiterer Faktor könnte es daher sein, dass mehr männliche als weibliche Kinder & Jugendliche eine neue Freitzeitbeschäftigung entdeckten, nämlich zu Programmieren und dabei, u.a., die vorgegeben Technik auszuprobieren und auszureizen. Auch die Themen der Informatik sind in solchem Umfeld andere, wenn Programmieren nicht mehr Mittel zu Zweck ist, sondern Zweck an sich.

    Aber auch die Art des Programmierens dieser Zeit dürften sich gravieren von der heutigen unterscheiden. Eine hardwarenahe, ressourcenausschöpfende Programmierung ist verpönt, Portabilität auf verschiedene Hardware wie Betriebssysteme erwünscht; Netzanwendungen, Clouddienste usw. bieten gänzlich neue Spektren des Programmieren.

    Eine Vergleichbarkeit der Berufswahl in der Informatik über einen längeren Zeitraum halte ich deshalb für schwierig bis unmöglich, da die Berufe als solche und ihre Inhalte einem erheblichen zeitlichen Wandel unterliegen.

  2. Anna sagt:

    Stimmt sicher alles, was du sagst, Weatherwax, aber den Umschwung von Programmieren als ‚Frauenkram‘ zu ‚Männersache‘ erklärst du damit nicht. Nur beispielhaft: Was hat eine ‚hardwarenahe, ressourcenausschöpfende Programmierung‘ damit zu tun, ob das ein Mann oder eine Frau macht? Sind Männer von Natur aus weniger ressourcensparend?
    Und dass mehr Jungen als Mädchen das Programmieren als Freizeitbeschäftigung entdeckt haben, liegt wohl eher daran, dass Programmieren Männersache war/ist – nicht umgekehrt.
    Bleibt also die Frage, wie es dazu gekommen ist, dass Programmieren keine Frauensache mehr ist. Ich könnte mir vorstellen, dass es mit dem wachsenden Bedarf und damit einhergehend mit den steigenden Löhnen zu tun hatte. War es nicht so, dass in den Ländern, in denen Physiker schlechter bezahlt werden, der Frauenanteil höher ist? Nur so eine Idee.
    Anna
    (aktuell gut bezahlte Programmiererin, obwohl ich mich im Physikstudium nicht getraut habe, Informatik als Nebenfach zu nehmen, und deshalb Chemie gemacht habe.)

  3. Weatherwax sagt:

    Die Zusammenhänge des Frauenanteils in Informatik-Berufen dürften nicht monokausal sein. Ich halte aber daran fest, das Programmieren der jeweiligen Zeiten unterscheidet sich so sehr, dass eine Vergleichbarkeit des Programmierens über längere Zeiträume ausscheidet, sondern diese wie verschiedene Berufe behandelt werden müssen.

    Das Programmieren eines ENIAC unterscheidet sich schon sehr sehr deutlich zu dem eines Altaire 8800 und eine Vergleichbarkeit zwischen der Programmierung eines ENIAC mit der von Apple II, Sinclair oder C64 ist dann kaum noch möglich, zu einem heutigen PC mit moderner IDE undenkbar. Die jeweilige Programmier-Generationen und Anforderungen spricht natürlich andere Menschen mit entsprechenden Interessen an.

    Warum vorwiegend Jungen ein Interesse an den Heimcomputern entwickelt haben, das kann ich nicht erklären. Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre war Programmieren aber anscheinend aber noch nicht Männersache“:
    „1987 waren 42% der US-amerikanischen Softwareentwickler Frauen“

    Da anscheinend erst Ende der 1980ern der Umschwung einsetzte, spricht vieles dafür, dass diese Generation der Computer-Kids dann auch die Informatik-Berufe ergriff und für den Umschwung beim Frauenanteil sorgte.

    Dass sich aus einem Hobby späterhin gut bezahlte Karrieren entwickeln könnten, war zumindest Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre kaum abzusehen; es war eher ein Kollateral-Nutzen. Diese damaligen Computer-Kids waren ja eher abwertenden Klischees ausgesetzt und auch viele Eltern betrachteten dieses Hobby eher mit Sorge denn als karrierefördernd.

  4. g4b sagt:

    Ich frage mich auch, warum es keine Frauensache mehr ist, und zwar schon etwas länger (Seitdem ich vor 5 Jahren über die Programmiererinnen in der Uni gelernt habe, und ohnehin seit etwa 10 Jahren den wandel an den Unis beobachte)

    Egal wie man es dreht und wendet, es ist sogar bei steigendem Informatikerinnenanteil jedoch immer noch eine Domäne, die scheinbar mehr Männer anzieht. Nicht jedoch jene Männer, die dem typischen steretotypischen Mann entsprechen.

    Nur weil wir mehr Informatiker haben, bedeutet es aber lange noch nicht, dass es auch mehr Programmierer gibt. Im Gegenteil! Nur ein Bruchteil von Informatikern (einfach mal mit leuten reden!) ist wirklich begeistert von „Programmierung“, die meisten Unis haben versucht das Programmieren ohnehin als eine Art „Werkzeug“ stehen zu lassen und beschäftigen sich mit „Projektmanagement“ im informatischen Sektor, sowie unterschiedlichen ansätzen der logik.

    Programmieren ist eine _Kunstform_. Und zwar eine die irgendwo zwischen Zeichnen und Musik, sowie „virtueller“ Architektur und Bildhauerei anzusiedeln ist. Sie ist stark mathematisch, aber dennoch hoch künstlerisch, weil sie eine offene komplexität hat. Es wurde aber jahrelang anders präsentiert. Wird es immer noch, von Leuten, die glaube ich zu wenig wirklich programmieren, und zu viele Titel durch Dampfplaudern haben.

    Wir sind mit der Benutzung von Programmiersprachen und der Entwicklung von Software erst sehr am Anfang, die Möglichkeiten sind noch unbekannt, wie stark sich Software und virtuelle „Baukunst“ entwickeln wird. Es ist also kein reines Genderphänomen.

    Tatsächlich war es lange Zeit ein öder Job, der viel Geduld erforderte, und damit wahrscheinlich Männer abschreckte. Frauen sind immer stärker bereit, ihren Stolz bei der Arbeit nicht im Vordergrund zu halten, tendenziell, und wesentlich geduldiger in Forschungsarbeiten. Ich tippe – und ich bewege mich abseits des modernen „wir sind alle gleich“ klischeedenkens und liebe das „wir sind menschen, und menschen haben zwei geschlechter und das ist gut so“ – darauf, dass die inmaterialisierung der programmierung dazu beitrug, es weniger interessant zu machen für frauen (ich liebe die tendenz von frauen, lebensunwichtige spielsachen nicht wichtiger zu nehmen als die gegenwart und realität).
    Der Zugang der „Künstler“ und „Mathematiker“ unter Frauen zur Programmierung ist durch die „Durchseuchung“ unserer Gesellschaft mit Computern nun jedoch erleichtert. Ich freu mich, wenn die ohnehin _wenigen_ wirklichen liebhaber der Programmierung (unter Männern) nun Verstärkung bekommen. Auch hat glaube ich das web viel damit zu tun (webdesign ist immerhin größtenteils eine relativ geschlechterunabhängige – oder fast auch frauendominierte domäne)

    ich kann mich damit aber nicht anfreunden, es im typischen gendering licht zu sehen und hier von „männer machten sich breit“ zu sprechen. wie jede kunstform ist kunst kein bereich von wirtschaft, aber immer wirtschaftlich nutzbar. nun, wo sich programmierung mehr und mehr entfaltet und sprachen sich langsam schon stetig verändern, ist es einfach nun nicht mehr einfach nur ein job.

    männer wurden nur mehr aufmerksam darauf, weil sie eben gerne mit ihren spielzeugen spielen, bis sie alt sind. aber wir wollen immer, dass frauen auch mit unseren spielsachen spielen, besonders jene männer, die gerne bauen und erfinden.
    ich bin mir sicher, dass mehr weiblicher zugang zur programmierung auch dem gesamten gut tut.

  5. Tim sagt:

    Ich bin selber Informatiker und der Meinung das dieser Job eher etwas für Männer ist. Beim Entwickeln von Software (wobei man hier auch zwischen einer einfachen Webseite bzw. einem Blog und einem komplexen Algorithmus unterscheiden muss) geht es darum ein konkretes Problem zu lösen. Das erfordert vor allem viel logisches, analytisches und abstraktes Verständnis, welches nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern bis tief in die Materie hineingeht. Dabei denke ich nicht, dass das irgendwas mit Intelligenz zu tun hat, es ist einfach eine bestimmte Art zu Denken. Diese braucht man zum Beispiel auch beim Schach. Wenn man sich dort die Weltspitze so anguckt, sieht man die erste Frau Judith Polgar, auf Rang 43.

    Wie gesagt, ich will nicht sagen das Frauen nicht so Intelligent sind wie Männer. Ihre Fähigkeiten liegen einfach nur auf anderen Gebieten bzw. Ihr Denken ist ein ganz anderes. Frauen versuchen oft ihr Umfeld miteinander im Einklang zu halten und können auf kurzem Bereich alles bis ins kleinste Detail überblicken. Deswegen eignen sich Frauen meiner Meinung nach perfekt als Projektleiter, bzw. Teamleiter. Allerdings fehlt es dazu vielen Männern noch an der richtigen Einstellung.

  6. Helga sagt:

    @Tim Ah, Frauen können nicht analytisch, logisch und abstrakt denken? Oder zumindest nicht allzu gut? Sind das nicht Qualitäten, die in allen Wissenschaften gefragt sind?

  7. hn sagt:

    vielleicht liegt es auch daran, dass Männern einfach mehr Obsession gestattet wird. Wie g4b meinte, Programmieren (und damit auch die übergeordnete Softwareentwicklung, das ist ja nicht mehr wie damals getrennt verschiedene Gruppen, die einen malen Diagramme, die anderen tippen das ab) ist eine Kunstform, die eben gerne von Männern zum Extrem ausgelebt wird, während Frauen höchstens in den praktischeren Sphären akzeptiert sind. Ist bei OpenSource-Projekten schön zu sehen: die mit dem höchsten Frauenanteil sind „sinnvolle“ Sachen wie Drupal (wo Code Mittel zum Zweck ist), in der TeX-Welt hingegen ist mir noch keine einzige Paketautorin untergekommen: hier produzieren Männer tausende Zeilen unlesbaren Code, der dann oft nur minimale typographische Auswirkungen hat. Interessanterweise ist die User-Community aber nur wenig sexistisch und mit relativ großem Frauenanteil (weil es eben praktisch Pflicht ist, für Naturwissenschaftler_innen).
    Ich glaube das liegt daran, dass Frauen eben allgemein weniger gestattet wird, sich so offensichtlich unproduktiv zu beschäftigen (ihr Anteil an Gamern ist ja auch geringer)

  8. Julius sagt:

    Ada Lovelace. nuff said. kthxbye.

  9. Christian sagt:

    @Weatherwax, eine Sache gefällt mir an Deiner Analyse irgendwie nicht, auch wenn sie im Ganzen nicht von der Hand zu weisen ist (Du legst ja m. E. zu Recht nahe, dass es hier keine Monokausalität gibt): Die implizierte Vorstellung, dass es chronologisch einen unbedingten, „harten“ Bruch zwischen sog. hardwarenaher Programmierung und dann Hochsprachenprogrammierung gibt. Auch, dass man für Hochsprachenprogrammierung weniger Geduld braucht. Das ist doch beides wieder zu monokausal, nicht? Gibt es heute keine hardwarenahe Programmierung mehr – eher im Gegenteil – die Plattformen werden mehr, sie werden mobiler, die Unterschiede der Prozessoren werden markanter (auch weil Funktionen in prozessornahe Software verlagert werden) usw. usf. Wo ist da die Kausalität, die von eher weiblichem zu eher männlichem Interesse führt? Ich versteh’s nicht.

    Ich erinnere mich ganz gut an seitenlanges Abtippen von Listings in irgendeinem BASIC-Dialekt – das brauchte viiiiel Geduld. Und ist 25 Jahre her – da gab’s in meiner Klasse + Parallelklassen (4 Stück) m. E. n. nicht ein einziges, das sich für den Quatsch interessierte. Gut, ist jetzt auch nur ne Momentaufnahme…. nur um den Geduldspunkt ein wenig zu konterkarieren :-)

  10. fuckermothers sagt:

    Schöner Text. Hier noch eine Ergänzung bzw. Buchempfehlung, bei dem ich allerdings besonders den Namen schön finde: ‚My mother was a computer‘
    http://books.google.com/books/about/My_mother_was_a_computer.html?id=lwaRyOZfBzgC

  11. […] bezahlt oder gar nicht mehr dafür gezahlt wurde. vgl. z.B.  Döpcke, S. 18,  Equal Pay Day & MM), diskutiert, dass dazu nicht schärfere Gesetze notwendig sind, sondern die Geschäftsmodelle und […]