Archiv für ‘Moralkeulen’

Popo oder Prüderie

Monday, March 31st, 2008 von Susanne

In der Frankfurter Allgemeinen erschien heute ein Text über Carol Platt Liebaus Buch “Prude: How the Sex-Obsessed Culture Damages Girls”. Darin stellt die Amerikanerin die These auf:

“Die überwältigende Lektion, die Teenagern heute ringsum vermittelt wird, lautet: Sexy sein ist das höchste Ziel, wichtiger als Intelligenz, Charakter und was eine Frau sonst noch erreichen kann.”

Mädchen müssten sich heute sexuell aggressiv verhalten, weil das die einzige Möglichkeit sei, um Anerkennung und Bewunderung zu bekommen. Denn:

“In einer Kultur, die Paris Hilton feiert ebenso wie Stringtangas oder Songs wie ‘My Humps,’, in dem Busen und Hintern als Sex-Magnet gepriesen werden, gibt es für weibliche Zurückhaltung oder Werte, die nichts mit Sex-Appeal zu tun haben, nur spärliche Anerkennung.”

Als Schuldige macht Liebau die Medien und - Überraschung! - die Mütter der Mädchen aus. Sie seien zu bequem, bei ihren Töchtern Verbote durchzusetzen und würden selbst keine traditionellen Werte vorleben, weil sie dem Jugendwahn verfallen seien. Liebau konstatiert entsetzt, dass sich junge Frauen heute freiwillig und ohne Not die uralten Verhaltensmuster der Weibchen-Rolle wieder aneignen.

Liebaus Kritik scheint nicht vollkommen unangebracht (wer sich beispielsweise an “Prinzessinnenbad” erinnern mag), aber ihre Schlussfolgerung ist dann doch mehr als merkwürdig: Amerika solle seinen Mädchen wieder beibringen, prüde zu sein: Es sei nie zu spät, “sich im Kampf um Amerikas Zukunft zu engagieren und auf einer Kultur zu bestehen, die Sexualmoral hochhält und ihre Jugend schützt.” Uff.

(Dank an Doro für den Link)

Die FAZ über die Frau, das zaghafte Wesen

Saturday, March 22nd, 2008 von Susanne

In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Bettina Weiguny: “Frauen, wir haben versagt!” Sie sagt, dass Frauen nicht den Schneid wie die Männer mitbringen, um die ganz großen Karrieren zu machen:

… Denn es waren eben doch die Männer, die den Takt der globalen Wirtschaft verändert haben. Von der Industrialisierung im 19. Jahrhundert über die IT-Revolution bis zur New Economy und Zuckerbergs Milchbubis. Dabei hätten Frauen seit bestimmt zwanzig Jahren die Chance, sich unter die Goldgräber zu mischen. Dass wir das nicht tun, hat zuallererst mit uns zu tun. Mit unserem Naturell, unseren Wünschen, Neigungen und Prioritäten bei der Lebensplanung.”

Aber genau an dieser Stelle müsste die Autorin einen Schritt weiter gehen, damit der Text wirklich rund wird. Denn natürlich hat sie Recht in dem, was sie beschreibt. Aber all das hat ja eben mit “unserem Naturell” und “unseren Prioritäten” zu tun - die Mädchen nicht selten von Geburt an antrainiert werden und von der Gesellschaft eben auch erwartet. Zum Beispiel, dass eine “echte” Frau Kinder haben soll und dass sie für die auch lieber rund um die Uhr als nur am Abend und am Wochenende da sein soll; dass eine “echte” Frau sanftmütig, nachgiebig und kooperativ ist und deswegen eher nicht die Ellenbogen ausfährt, wenn es um Karrierefragen gibt; dass hinter jedem mächtigen Mann eine starke Frau steht, aber doch bitte nicht neben ihm.

Ja, all das sind Dinge, die wir ändern können und müssen, da gebe ich Bettina Weiguny Recht. Frauen müssen mutiger sein, lauter, zielstrebiger. Aber: Obwohl viele Frauen das schon heute sind, kommen sie trotzdem nicht ganz nach oben. Dieser Aspekt lässt sich nicht so einfach ignorieren. Die Autorin tut aber genau das. Nur: Ein “Ego-Feminismus” (Frau “optimiert” sich zuallererst mal selbst, andere Frauen sind wurscht) wird die Frauen nicht in die Vorstandsetagen bringen. Denn dieser würde bedeuten, die strukturellen Probleme einfach zu ignorieren und den Frauen allein den schwarzen Peter zuzuschieben. Diese Haltung führt ja auch dazu, dass Frauen, die es in höhere Positionen geschafft haben, keine anderen Frauen fördern. Weil sie sich denken: Wenn ich das schaffe, können es auch alle anderen schaffen. Dabei wäre Zusammenhalten besser. Weil das auch die Männer so machen.

Das “Frauen, wir haben versagt!” kann nur bedingt gelten, nur im Zusammenhang und Bewusstsein sozialer Erwartungen, die unser gesamtes Leben und Handeln beeinflussen. Ansonsten gilt natürlich: Ruhig mal was bei den Männern abschauen. Öfter mal die weiblichen Beißreflexe abschalten. Bitte lauter und energischer sein.

180 Seiten Kampf für ein Erziehungsgehalt

Sunday, February 10th, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 1 von 18 der Serie Die Feministische Bibliothek

Der schnellste Weg, lesend Feministin zu werden: eine reaktionäre Lektüre. Wer das Buch der familienpolitischen Sprecherin (!) der saarländischen Linken (!!) liest, Christa Müllers “Dein Kind will dich“, ist danach ganz bestimmt für die Selbstbestimmung der Frau.Das einzige Problem an dieser Herangehensweise: Sie ist sehr, sehr anstrengend. Müller will auf 180 Seiten den Irrglauben retten, dass Kinderbetreuungseinrichtungen in Deutschland reine Verwahranstalten sind. Das ist ihre Hauptthese, die sie bunt illustriert - Chaos, mangelnde Zuwendung, Krankheit und Elend sind in Krippen und Kindergärten Alltag. Und weil die Zustände in der öffentlichen Kinderbetreuung so katastrophal seien, fordert sie, dass Frauen ihre Kinder zuhause erziehen, liebe- und hingebungsvoll, einfühlsam und selbstlos.

Ein Knaller gleich am Anfang des Buches: Deutschland hat nicht zu wenige Kinder, sondern zu viele - weil nämlich Kinder verwahrlosen, misshandelt werden und kein liebevolles Zuhause haben. Die Lösung, so Müller, sei die Einführung eines Erziehungsgehalts, damit sich die Frauen “leisten” können, ihren Kindern Liebe und Zuwendung zu geben. Aber es müssten von den Eltern auch ganz klare Anforderungen erfüllt werden:

“Das heißt konkret: Wie schaffen den Beruf Hausfrau und Mutter bzw. Hausmann und Vater. […] Entsprechend gäbe es in Zukunft aufgrund der Gründung einer Familie keinen Berufsausstieg und -wiedereinstieg von Mutter oder Vater, sondern einen Berufswechsel, […] Das Erziehungsgehalt wird nur geleistet, wenn der Altersabstand der Kinder mindestens zwei Lebensjahre beträgt, da die Erziehungsperson sonst nicht ausreichend Zeit hat, sich um das einzelne Kind zu kümmern.”

An dieser Stelle musste ich das erste Mal laut aber verzeifelt lachen. Müller entwirft schon auf den 170 Seiten davor zum Teil recht krude Modelle für die staatliche Überwachung der “richtigen” Erziehungsarbeit, doch die Forderung nach Mindestabständen zwischen der Geburt der Kinder ist die aberwitzigste von allen.

Ach, es würde hundert Zeilen füllen, den ganzen Quatsch aufzulisten, den sich Christa Müller für dieses Buch ausgedacht hat. Er lässt sich aber auch kurz in ein paar Gedanken und Zitaten zusammenfassen:

  • Frauen und Männer sind entgegen aller feministischen Bestrebungen nicht gleich.
  • Frauen sollen in die Erwerbsarbeit gezwungen werden, weil sie billige Arbeitskräfte sind.
  • Das geht zu Lasten der Kinder, die durch öffentliche Betreuung sozial und geistig gestört werden.
  • “Wer aber will, dass sein Kind in den ersten Lebensjahren so gesund wie möglich ist, sollte es lieber zuhause behalten.”
  • “Eine verantwortungsvolle und fähige Hausfrau, unterstützt von ihrem Partner, ist in der Aufziehung von Kindern und der Schaffung eines gemütlichen Heimes für die ganze Familie unverzichtbar.”
  • “Inzwischen stellen wir in allen Ländern fest, dass die Männer offenbar nicht bereit sind, ihren Part im Haushalt zu übernehmen.”
  • “Der Mann kann Karriere machen und verdient immer mehr Geld, die Frau optimiert derweil ihre Tätigkeit zuhause.”
  • Die Frauen sollten erkennen: “Man kann im Leben nicht alles haben.”

Alle diese Punkte zeigen ärgerliche analytische Mängel: Müller nimmt kritisierbare Zustände als nicht zu ändern hin - unterschiedliche Gehälter, im Haushalt faule Männer etc. Viele ihrer Feststellungen sind ja ganz richtig: Wir haben viele Kinder in diesem Land ohne Bildungschancen und wirklich sind nicht wenige Frauen überfordert, wenn ihnen neben einer (meist auch finanziell notwendigen) Berufstätigkeit die Kindererziehung und der Haushalt als natürliche Aufgaben zugewiesen werden. Aber ihre Lösungsvorschläge orientieren sich nicht an den gegenwärtigen Umständen und an zukunftsfähigen Ideen, sondern ausschließlich an der Vergangenheit. Weswegen Christa Müllers Buch kein konstruktiver Beitrag zur aktuellen Debatte ist, sondern einfach nur ein Nachruf auf die “guten alten Zeiten”, die niemals wiederkommen werden. Weil wir jungen Frauen aber keinen Bock auf Zustände wie in den 50ern haben, versucht uns Müller, die Hausfrauenehe noch mal schmackhaft zu machen:

“Freundinnen meiner Mutter waren stolz darauf, Männer zu haben, welche die Familie allein ernähren konnten. Die Männer waren wiederum froh, eine Frau vorweisen zu können, welche den Haushalt perfekt führte, sich um die Kinder kümmerte, sie hübsch kleidete und anständig erzog. In diesen Ehen achteten sich die Partner gegenseitig, und sie wurden auch von der Gesellschaft respektiert.”

Ja, klar. Wer sich bis jetzt noch nicht sicher war, ob wir den Feminismus brauchen: Lesen!

Frauen an den Herd! Es gibt auch eine Prämie

Tuesday, January 15th, 2008 von Susanne

Die “Herdprämie” ist heute zum Unwort des Jahres gekürt worden - mit der Begründung, es sei würde “Eltern und vor allem Frauen diffamieren, die sich für eine Kindererziehung zu Hause aussprechen”.

Ich bin da völlig anderer Meinung: Die Herdprämie ist eine finanzielle Belohnung dafür, dass Frauen sich aus dem Berufsleben zurückziehen, um ihren Nachwuchs großzuziehen, “der sonst in Kitas verwahrlosen würde”, wie Spiegel Online die christdemokratische Idee ironisch übersetzt. Klar, das Betreuungsgeld würde auch Vätern gezahlt werden, aber wer bitte glaubt denn daran, dass die Väter plötzlich massenweise ihren Beruf aufgeben, nur weil es ein paar Piepen vom Staat gibt? Also.

Immer mal wieder fordern ja Frauen, dass ihre Arbeit zu Hause auch bezahlt werden sollte. Einerseits dachte ich mir dann: Klar, das ist ja auch echt ätzend, dass sie ihrem Mann den Rücken freihalten, ohne dafür ausreichend Anerkennung zu bekommen. Und der Mann kann ihnen immer schön vorhalten, dass er das Geld nach Hause bringt. Das ist scheiße. Aber die Bezahlung der Hausfrauen- und Mütterarbeit ändert nichts an diesen Zuständen und wird auch nicht dafür sorgen, dass Hausfrau und Mutter plötzlich ein hoch angesehener Beruf wird. Weil es kein Beruf ist! Es ist eine Aufgabe, die sich Frau und Mann gefälligst teilen sollen. Ein Hausfrauengehalt dagegen würde alte Geschlechterrollen festklopfen. Weil sich doch jede berufstätige Frau fragen lassen müsste, wieso sie ihr Geld woanders als in den eigenen vier Wänden verdienen will. In so einer Gesellschaft will ich aber nicht leben.

Und ein weiteres großes Problem hat die Herdprämie: Vor allem ärmere Familien würden ein Betreuungsgeld in Anspruch nehmen, weil sie auf das Geld angewiesen sind. Das heißt, dass ihre Kinder nicht von Anfang an die größtmögliche Förderung durch Betreuungsangebote und geschulte Pädagogen bekommen würden. Gerade aber Kinder aus den unteren Gesellschaftsschichten und aus Migrantenfamilien müssten so gut wie möglich integriert und gefördert werden, damit sie alle Chancen im Leben haben. Stattdessen werden sie von Anfang an ausgeschlossen - und wenn es richtig blöd läuft, werden sie kriminell. Und genau das, nämlich das Thema Jugendkriminalität, hat die hessische CDU gerade zum großen Wahlkampfthema erhoben. Anstatt aber mal mitzudenken und zu versuchen, Kinder aus allen Milieus zu integrieren, soll nur abgeschoben oder eingesperrt werden.

Die gleiche CDU und die CSU freuen sich nun öffentlich, dass eine unabhängige Jury von Wissenschaftlern bestätigt habe, was sie schon lange propagieren - Familie ist das Wichtigste auf der ganzen großen Welt, vor allem für Frauen. Und Kinder können nur zu gesunden Menschen heranwachsen, wenn Mutti ihnen bis zur Einschulung den Hintern abgewischt hat. Usw. usf. - wir kennen das alles. Entschuldigt mich, ich gehe jetzt brechen.

(Foto über welt.de)

Viel Lärm um nichts

Saturday, January 12th, 2008 von Susanne

Die Tennisspielerin Sania Mirza ist von indischen Ultra-Nationalisten verklagt worden. Sie empören sich, Mirza habe die indische Flagge mit nackten Füßen berührt, wie es obiges Foto beweise - wenn man denn genau das unbedingt sehen will. Zeugen sagen, zwischen Füßen und Flagge sei ein großer Abstand gewesen.

So oder so ist es absurd, dass Sania Mirza schon wieder verklagt wird. Obwohl erst 21 Jahre alt, ist es schon das zweite Mal - vor drei Jahren wurde sie bereits verklagt, weil sie in der Öffentlichkeit “in unwürdiger Kleidung” auftrete, also in Tenniskleidung, die ihre nackten Arme und Beine zeigt. Sie sei ein schlechtes Vorbild für Millionen. Später verbrannten Konservative wütend Bilder von ihr, weil sie angeblich gesagt habe, Sex vor der Ehe sei okay. Laut ihrem Manager sind alle diese Vorwürfe Quatsch. Offensichtlich wird sie nur deshalb angefeindet, weil sie einen selbstbestimmten westlichen Lebensstil pflegt.

(Foto über sueddeutsche.de)

Alarm: Die Moral-Apotheker kommen!

Wednesday, October 31st, 2007 von Meredith

Papst Benedikt hat katholische Apotheker dazu aufgefordert, die Pille Danach nicht mehr auszugeben. Auch wenn sie in ihren Heimatländern per Gesetz dazu verpflichtet seien, das Präparat zu führen, sollten sie sich auf die Verweigerung aus Gewissensgründen berufen. Darüber hinaus sollen Apotheker nach der Vorstellung Benedikts ihre Kunden über die ethischen Konsequenzen solcher Verhütungspräparate aufklären. Ich würde sagen, ein Apotheker, der lieber sein Christengewissen beruhigt, statt seine Kunden zu bedienen, sollte sich einen anderen Beruf suchen.

Vermutlich stellt er sich das vor wie in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten: Dort haben christlich-konservative Apotheker sich so lange geweigert, Verhütungsmittel zu verkaufen, bis die Gesetzeslage zu ihren Gunsten geändert wurde. Mit der Folge, dass es an manchen Orten mittlerweile vollkommen unmöglich geworden ist, die Pille (und die Pille Danach) zu bekommen.

Hat der Vatikan eigentlich nichts besseres zu tun, als die Freiheit der Menschen zu sabotieren? Wenn er sich schon dazu berufen fühlt, die Pharmazie aufzumischen, sollte sich Benedikt lieber mal mit den Konzernen auseinandersetzen, die die Produktion generischer Medikamente in den armen Ländern blockieren. Damit würde er der Menschheit zur Abwechlung mal einen Gefallen tun.