Archiv für ‘Moralkeulen’

Ein hochinteressanter Beelzebub

Thursday, June 12th, 2008 von Katrin
Dieser Text ist Teil 9 von 10 der Serie Die Feministische Bibliothek

Esther Vilar: „Der dressierte Mann“

Eines der vielen Bücher auf meinem aktuellen Stapel war ebendieses, von Vilar schon in den Siebzigern geschriebenes, mittlerweile neu aufgelegtes Werk über die armen Männer. Der Anfang las sich eigentlich ganz gut: Mit einer lustigen Portion Zynismus schildert die Autorin Situationen, in denen Männer sich für Frauen zum Affen machen. Alltägliches. Männer werden als von Frauen dressierte Wesen dargestellt, die sozusagen nur dazu da sind, die Drecksarbeit zu machen, während die Frauen scheinbar hilflos daneben stehen und es sich gut gehen lassen. Von Vilar kann man immerhin mitnehmen: Die Aufteilung in die Geschlechterrollen sind unfair, der Mann kommt dabei nicht einfach nur super bei weg – nein, er muss auch viele daraus entstehende Nachteile in Kauf nehmen. Die Sichtweise der Autorin ist dabei für mich mal mehr, meist aber weniger nachvollziehbar.

Natürlich schlug diese Streitschrift ein wie eine Bombe: Seit den Siebzigern nämlich beschäftigte sich der klassische, der radikale, der vorherrschende Feminismus vor allem damit, Frauen als die Leidtragenden einer von Männern dominierten Gesellschaft zu sehen und gegen diese Zustände zu kämpfen. Dabei gibt es drei verschiedene Aspekte, die das Thema brisant machten und bis heute machen: Erstens, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Handlungsbedarf für die Emanzipation der Frauen aus verschiedenen Gründen größer war, als jener der Emanzipation der Männer. Frauen waren allein schon durch Gesetze und gesellschaftliche Strukturen benachteiligt. Zweitens ist da die Frage nach den Männern und wie man sich ihnen gegenüber im Kampf für die Emanzipation der Frauen verhalten sollte, sind sie Freund oder Feind? Für einige waren sie der Feind und wurden ebenso behandelt. Drittens ist da die Seite der Männer und ihre eigenen Rollen, ihre Probleme, ihre Lebenswirklichkeiten: Sind die wirklich so super und einfach nur rosig? Diese Seite wurde vom radikalen Feminismus kaum thematisiert.

Ein moderner Feminismus, wie wir ihn hier betreiben möchten, setzt sich eigentlich mit allen drei Bereichen auseinander und versucht, die Spannungsfelder, die dort entstehen, zu thematisieren. Während die Emanzipation der Frauen aufgrund weiter existenter struktureller Benachteiligung immer noch ein großes Anliegen bliebt, ist die Interaktion zwischen den Geschlechtern und der Dialog eine immer wichtiger werdende Komponente geworden, DER Mann als Feind nicht mehr so trennscharf zu definieren. Diese beide Aspekte spielen aber in Vilars Buch keine große Rolle, hier geht es nur um die Rolle des Mannes und um seine Emanzipation, die in „Das Ende der Dressur“ genau beschrieben wird.

Aus der Sicht einer modernen Feministin ist daher „Der dressierte Mann“ ein interessantes, wenn auch zu verurteilendes Buch. Die Rollen und Stereotype, von denen Männer geplagt werden, finden eine einzigartige Aneinanderreihung, das Ausmaß der Nachteile, die auch Männer durch eine Aufteilung in Geschlechterrollen haben, wird an mancher Stelle übertrieben dargestellt und hervorgehoben, aber eben doch ganz gut deutlich. Leider schafft Vilar es nicht, die Kurve hin zu einer differenzierteren Problembeschreibung zu kriegen, stattdessen hackt sie auf den Frauen rum und sieht im Feminismus quasi den Teufel, den sie mit dem Beelzebub austreiben will: einem übertriebenen Maskulinismus. In „Das Ende der Dressur“ wird es dann erst richtig haarsträubend und man gelangt schnell zu dem Punkt, diese Frau am Ende doch nicht ernst nehmen zu können. Trotzdem haben mich vor allem die ersten zwanzig Seiten in mancher Hinsicht zu einem produktivem Nachdenken angeregt und meine Sichtweise der Gesamtsituation zwischen den Geschlechtern hat sich durch dieses Nachdenken recht gut weiterentwickelt. Zudem bieten die Bücher eine gute Ausgangslage, sich mit den unsinnigen Behauptungen gegenüber dem Feminismus auseinanderzusetzen, die bis heute immer noch an uns herangetragen werden. Ich möchte zum Schluss eine Rezensentin bei Amazon.de zitieren, die das alles sehr gut in einen kurzen Kommentar gepackt hat:

“Das Buch ist hochinteressant. Es fördert die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. Alles in allem halte ich es aber für einseitig und verfehlt, beinahe unseriös. Eine in intellektuelle Worte gefasste Herabsetzung der Frau.“

Hässliches Kleid - ab mit dir ins Gefängnis!

Thursday, May 15th, 2008 von Meredith

Das fast riesigste Ding in den USA - neben Wahlkampf, Waffen und Geschlechtskrankheiten - ist die Prom, das große Schuljahresabschlussfest, dass die Oberstufen der amerikanischen High Schools traditionell ausrichten. Wir Mitteleuropäer kennen die Extravaganza aus High School-Filmen, wo es oft darum geht, dass irgendwelche hässlichen Entleins von tollen Quarterbacks eingeladen werden und dann die Königinnen des Abends werden und ihre Jungsfäulichkeit unter dem Buffet verlieren o.Ä.

Das wichtigste an der Prom ist das Kleid. Es wird mindestens ein Jahr im Voraus geplant (gemeinsam mit dem Date, der Limousine und dem Gesteck und der Mani/Pedi) und kostet normalerweise ein Vermögen, weil es aus viel Stoff und einem raffinierten Schnitt bestehen muss. Für Amerikanerinnen ist dieses Kleid so essenziell, dass zum Beispiel ich, die ich ja nie in den USA gelebt habe, mit 16 ebenfalls mein Prom Kleid plante, in der vollkommen abwegigen Hoffnung, dass sich mir irgendwie eine Gelegenheit bieten würde, es zu tragen.

Die Schülerin Marche Taylor wurde letzte Woche vor ihrer Prom verhaftet, weil sie ein falsches Kleid anhatte. Es bestand weder aus viel Stoff und der Schnitt, naja, war eher reduziert als raffiniert. Seht selbst:

Der Türsteher wollte Marche damit nicht einlassen wg. zuviel SEXY und als sie Stress machte, rief er die Polizei und das Mädchen wurde in Handschellen auf die Station gebracht. Ich meine, bloß weil jemand ein hässliches Kleid anhat, wird sie in-haf-tiert. Ach ja, das Land der unbegrenzten Freiheit.

Aber mal ernsthaft: Es kann ja wohl nicht angehen, dass man überall und ständig halbnackte Frauenkörper sieht, die für Produktwerbungen eingesetzt werden und post-pubertären Mädchen dann der Eintritt auf ihr eigenes Abschlussfest verwehrt bleibt - bloß, weil sie nicht gecheckt haben, dass das, was scheinbar alle anderen Frauen tun, nämlich sich entblößen und SEXY sein, sie nicht sollen. Oder wie?

Alice Schwarzers Börne-Preis-Rede

Tuesday, May 6th, 2008 von Susanne

Hier hat sich ja schon eine Diskussion um Alice Schwarzers Rede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises für kritischen Journalismus entsponnen und es wurde nach der kompletten Rede gefragt. Gedruckt erschien diese gestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, online gibt es die Rede zum Nachlesen auf Alice Schwarzers Homepage. Hier ein Auszug, in dem sie sich auf die jungen Feministinnen bezieht:

“So erleben wir gerade die weite, medial lancierte Girlie-Welle – Sie erinnern sich an die längst wieder vergessenen Girlies von vor zehn Jahren? – sozusagen eine Post-Girlie-Welle. Deren Protagonistinnen sind allerdings keine Girlies, sondern erwachsene Frauen über dreißig. Sie nennen sich mal „Alpha-Mädchen“ – übrigens wenig originär nach einem vor zwei Jahren erschienenen amerikanischen Buchtitel und einer Spiegel-Story aus dem letzten Jahr – mal nennen sie sich „neue deutsche Mädchen“. Auch nicht ganz neu. Nein, nun doch nicht deutsche Mädel, aber dennoch: So kurz kann das Gedächtnis sein. (…) Diese späten Mädchen und Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus sind für „Fair-trade-Puffs“ und finden, die sogenannte „Sexarbeit“ sei ein Job wie jeder andere; ja, sogar ein besonders vergnüglicher und gut bezahlter. Und sie lieben „geile Pornos“. (…) Wie ganz und gar ungeil es den zwangsverschleierten Musliminnen und den meist aus dem Elend oder gar aus dem Frauenhandel rekrutierten Prostituierten und Porno-Darstellerinnen dabei geht – an diesen Gedanken scheinen die Post-Girlies noch keine Sekunde verschwendet zu haben. Sie interessieren sich ausschließlich für ihre ganz persönlichen Belange, sprich: für Karriere und Männer. Es ist neu, dass man sich einer solchen Kaltherzigkeit nicht einmal schämen muss, sondern sie auch noch im Namen des Feminismus zum Programm erheben kann.”

Nachtrag:
Die jungen Feministinnen antworten. Jana Hensel und Elisabeth Raether heute auf sueddeutsche.de, wir am Mittwoch im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (und auch hier online).

Le Rausch, c’est nur für Jungs

Saturday, May 3rd, 2008 von Meredith

In Großbritannien ist die Rate des Alkoholexzesses unter Frauen in den letzten fünf Jahren drastisch angestiegen. Die britische Polizei hat 50 Prozent mehr hackedichte Ladys verhaftet als Anfang des Jahrzehnts. Deswegen forden Politiker dort eine Verschärfung der Gesetze zum Alkohol: Ab einer bestimmten Uhrzeit und Prozenthaltigkeit sollen Schnäpse nicht mehr ausgeschenkt werden. Interessanterweise wird als Argument dafür aber eben nur der weibliche Konsum angeführt.

The chief executive of Alcohol Concern, Don Shenker, said: “There’s no doubt that the number of women binge-drinking has gone up - they are following the example of young men. The trouble is that women’s bodies cannot handle these large amounts of alcohol.”

Es ist doch immer wieder interessant zu beobachten, wie Verhalten, das für Männer scheinbar ganz normal und akzeptabel ist, automatisch den Erziehungsreflex hervorruft, wenn es von Frauen an den Tag gelegt wird.

Auweia! “Entweihung des weiblichen Körpers”!

Friday, May 2nd, 2008 von Susanne

Die Redaktion des Sterns hat sich dafür entschieden, mit seiner aktuellen Ausgabe ein bisschen was von Charlotte Roches Erfolg für sich abzuzwacken, indem sie den Roman auf den Titel(!) nimmt. Klar, ist ja auch eine gute Gelegenheit, einen nur dürftig bekleideten Frauenkörper A4-groß abzudrucken. Auf stern.de darf dann die Autorin Alexa Hennig von Lange schreiben, wie sie selbst das Buch findet, was dazu führt, dass sie sich selbst, nun ja, vor allem als faul, outet:

Was den Roman “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche anbelangt, mag der Tumult weniger von den Schilderungen sexueller Handlungen ausgelöst worden sein, sondern durch die Entweihung des weiblichen Körpers. Wie das Modell Gisele Bündchen kürzlich erklärte: “My body is my temple.” Doch Charlotte Roche scheint den weiblichen Körper eher als eine Art nässenden, gärenden Komposthaufen zu verstehen. Ich kann dies allerdings nur vermuten, ich selbst habe das Buch nur in Auszügen gelesen.

Interessanterweise sind die Kommentare unter dem Text sehr amüsant und überraschend progressiv - tummeln sich doch normalerweise Konservative auf Deutschlands Presse-Webseiten, um per Kommentar ihre Weltsicht kundzutun.

“himmlisch riechende Frauen, heilige Frauen”

Friday, April 18th, 2008 von Susanne

Franz Josef Wagner ist Kolumnist bei der Bild-Zeitung. Er schreibt oft sehr viel Quark. Also kommt die heutige “Post von Wagner” auch nicht sehr überraschend. Aber trotzdem herzallerliebst und lesenswert:

Liebe Charlotte Roche,
auf der „Spiegel“-Bestseller-Liste liegt Ihr Buch „Feuchtgebiete“ seit Wochen auf Platz 1, sozusagen Ihr Jakobsweg in der Unterhose. Es geht um Ausscheidungen, Kot, Urin, Sperma, Schweiß, Onanieren, Körperbehaarung, Muschiflora. Ihre Hauptaussage ist: Nicht waschen – stinken. Sie sagen, dass Sie Penisse und Muschis durch die Hose riechen wollen. Das Feuilleton bejubelt Sie. „Da kommt Mutter Natur“ (FAZ). Die SZ: das neue Parfüm.
Ich bin zu blöd für dieses neue Frauenbild. Eine Frau, die furzt, kann ich nicht küssen. Ich liebe himmlisch riechende Frauen, heilige Frauen, die nach Efeu duften. Natürlich weiß ich, dass eine Frau einen Darm hat. Aber wenn sie auf Klo muss, lege ich Mozart auf, um ihre Geräusche nicht zu hören.
„Feuchtgebiete“ hat sich jetzt schon hunderttausendfach verkauft. Anscheinend wollen viele Frauen wahrgenommen werden als furzende, stinkende, schwitzende Urgeschöpfe. Eine postmoderne Fiktion des Feminismus. Ich sehne mich nach den wohlriechenden Frauen.
Herzlichst
Ihr F. J. Wagner

Wie immer: lustig.

Oder: blöd.

Oder: späte Rache, weil Charlotte Roche 2001 öffentlicht gemacht hatte, die Bild-Zeitung habe sie nach dem Tod mehrerer Familienmitglieder erpresst?

Nachtrag:
Was immer geht: Franz-Josef Wagner eine Mail schreiben: fjwagner@bild.de.

Popo oder Prüderie

Monday, March 31st, 2008 von Susanne

In der Frankfurter Allgemeinen erschien heute ein Text über Carol Platt Liebaus Buch “Prude: How the Sex-Obsessed Culture Damages Girls”. Darin stellt die Amerikanerin die These auf:

“Die überwältigende Lektion, die Teenagern heute ringsum vermittelt wird, lautet: Sexy sein ist das höchste Ziel, wichtiger als Intelligenz, Charakter und was eine Frau sonst noch erreichen kann.”

Mädchen müssten sich heute sexuell aggressiv verhalten, weil das die einzige Möglichkeit sei, um Anerkennung und Bewunderung zu bekommen. Denn:

“In einer Kultur, die Paris Hilton feiert ebenso wie Stringtangas oder Songs wie ‘My Humps,’, in dem Busen und Hintern als Sex-Magnet gepriesen werden, gibt es für weibliche Zurückhaltung oder Werte, die nichts mit Sex-Appeal zu tun haben, nur spärliche Anerkennung.”

Als Schuldige macht Liebau die Medien und - Überraschung! - die Mütter der Mädchen aus. Sie seien zu bequem, bei ihren Töchtern Verbote durchzusetzen und würden selbst keine traditionellen Werte vorleben, weil sie dem Jugendwahn verfallen seien. Liebau konstatiert entsetzt, dass sich junge Frauen heute freiwillig und ohne Not die uralten Verhaltensmuster der Weibchen-Rolle wieder aneignen.

Liebaus Kritik scheint nicht vollkommen unangebracht (wer sich beispielsweise an “Prinzessinnenbad” erinnern mag), aber ihre Schlussfolgerung ist dann doch mehr als merkwürdig: Amerika solle seinen Mädchen wieder beibringen, prüde zu sein: Es sei nie zu spät, “sich im Kampf um Amerikas Zukunft zu engagieren und auf einer Kultur zu bestehen, die Sexualmoral hochhält und ihre Jugend schützt.” Uff.

(Dank an Doro für den Link)

Die FAZ über die Frau, das zaghafte Wesen

Saturday, March 22nd, 2008 von Susanne

In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Bettina Weiguny: “Frauen, wir haben versagt!” Sie sagt, dass Frauen nicht den Schneid wie die Männer mitbringen, um die ganz großen Karrieren zu machen:

… Denn es waren eben doch die Männer, die den Takt der globalen Wirtschaft verändert haben. Von der Industrialisierung im 19. Jahrhundert über die IT-Revolution bis zur New Economy und Zuckerbergs Milchbubis. Dabei hätten Frauen seit bestimmt zwanzig Jahren die Chance, sich unter die Goldgräber zu mischen. Dass wir das nicht tun, hat zuallererst mit uns zu tun. Mit unserem Naturell, unseren Wünschen, Neigungen und Prioritäten bei der Lebensplanung.”

Aber genau an dieser Stelle müsste die Autorin einen Schritt weiter gehen, damit der Text wirklich rund wird. Denn natürlich hat sie Recht in dem, was sie beschreibt. Aber all das hat ja eben mit “unserem Naturell” und “unseren Prioritäten” zu tun - die Mädchen nicht selten von Geburt an antrainiert werden und von der Gesellschaft eben auch erwartet. Zum Beispiel, dass eine “echte” Frau Kinder haben soll und dass sie für die auch lieber rund um die Uhr als nur am Abend und am Wochenende da sein soll; dass eine “echte” Frau sanftmütig, nachgiebig und kooperativ ist und deswegen eher nicht die Ellenbogen ausfährt, wenn es um Karrierefragen gibt; dass hinter jedem mächtigen Mann eine starke Frau steht, aber doch bitte nicht neben ihm.

Ja, all das sind Dinge, die wir ändern können und müssen, da gebe ich Bettina Weiguny Recht. Frauen müssen mutiger sein, lauter, zielstrebiger. Aber: Obwohl viele Frauen das schon heute sind, kommen sie trotzdem nicht ganz nach oben. Dieser Aspekt lässt sich nicht so einfach ignorieren. Die Autorin tut aber genau das. Nur: Ein “Ego-Feminismus” (Frau “optimiert” sich zuallererst mal selbst, andere Frauen sind wurscht) wird die Frauen nicht in die Vorstandsetagen bringen. Denn dieser würde bedeuten, die strukturellen Probleme einfach zu ignorieren und den Frauen allein den schwarzen Peter zuzuschieben. Diese Haltung führt ja auch dazu, dass Frauen, die es in höhere Positionen geschafft haben, keine anderen Frauen fördern. Weil sie sich denken: Wenn ich das schaffe, können es auch alle anderen schaffen. Dabei wäre Zusammenhalten besser. Weil das auch die Männer so machen.

Das “Frauen, wir haben versagt!” kann nur bedingt gelten, nur im Zusammenhang und Bewusstsein sozialer Erwartungen, die unser gesamtes Leben und Handeln beeinflussen. Ansonsten gilt natürlich: Ruhig mal was bei den Männern abschauen. Öfter mal die weiblichen Beißreflexe abschalten. Bitte lauter und energischer sein.

180 Seiten Kampf für ein Erziehungsgehalt

Sunday, February 10th, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 1 von 10 der Serie Die Feministische Bibliothek

Der schnellste Weg, lesend Feministin zu werden: eine reaktionäre Lektüre. Wer das Buch der familienpolitischen Sprecherin (!) der saarländischen Linken (!!) liest, Christa Müllers “Dein Kind will dich“, ist danach ganz bestimmt für die Selbstbestimmung der Frau.Das einzige Problem an dieser Herangehensweise: Sie ist sehr, sehr anstrengend. Müller will auf 180 Seiten den Irrglauben retten, dass Kinderbetreuungseinrichtungen in Deutschland reine Verwahranstalten sind. Das ist ihre Hauptthese, die sie bunt illustriert - Chaos, mangelnde Zuwendung, Krankheit und Elend sind in Krippen und Kindergärten Alltag. Und weil die Zustände in der öffentlichen Kinderbetreuung so katastrophal seien, fordert sie, dass Frauen ihre Kinder zuhause erziehen, liebe- und hingebungsvoll, einfühlsam und selbstlos.

Ein Knaller gleich am Anfang des Buches: Deutschland hat nicht zu wenige Kinder, sondern zu viele - weil nämlich Kinder verwahrlosen, misshandelt werden und kein liebevolles Zuhause haben. Die Lösung, so Müller, sei die Einführung eines Erziehungsgehalts, damit sich die Frauen “leisten” können, ihren Kindern Liebe und Zuwendung zu geben. Aber es müssten von den Eltern auch ganz klare Anforderungen erfüllt werden:

“Das heißt konkret: Wie schaffen den Beruf Hausfrau und Mutter bzw. Hausmann und Vater. […] Entsprechend gäbe es in Zukunft aufgrund der Gründung einer Familie keinen Berufsausstieg und -wiedereinstieg von Mutter oder Vater, sondern einen Berufswechsel, […] Das Erziehungsgehalt wird nur geleistet, wenn der Altersabstand der Kinder mindestens zwei Lebensjahre beträgt, da die Erziehungsperson sonst nicht ausreichend Zeit hat, sich um das einzelne Kind zu kümmern.”

An dieser Stelle musste ich das erste Mal laut aber verzeifelt lachen. Müller entwirft schon auf den 170 Seiten davor zum Teil recht krude Modelle für die staatliche Überwachung der “richtigen” Erziehungsarbeit, doch die Forderung nach Mindestabständen zwischen der Geburt der Kinder ist die aberwitzigste von allen.

Ach, es würde hundert Zeilen füllen, den ganzen Quatsch aufzulisten, den sich Christa Müller für dieses Buch ausgedacht hat. Er lässt sich aber auch kurz in ein paar Gedanken und Zitaten zusammenfassen:

  • Frauen und Männer sind entgegen aller feministischen Bestrebungen nicht gleich.
  • Frauen sollen in die Erwerbsarbeit gezwungen werden, weil sie billige Arbeitskräfte sind.
  • Das geht zu Lasten der Kinder, die durch öffentliche Betreuung sozial und geistig gestört werden.
  • “Wer aber will, dass sein Kind in den ersten Lebensjahren so gesund wie möglich ist, sollte es lieber zuhause behalten.”
  • “Eine verantwortungsvolle und fähige Hausfrau, unterstützt von ihrem Partner, ist in der Aufziehung von Kindern und der Schaffung eines gemütlichen Heimes für die ganze Familie unverzichtbar.”
  • “Inzwischen stellen wir in allen Ländern fest, dass die Männer offenbar nicht bereit sind, ihren Part im Haushalt zu übernehmen.”
  • “Der Mann kann Karriere machen und verdient immer mehr Geld, die Frau optimiert derweil ihre Tätigkeit zuhause.”
  • Die Frauen sollten erkennen: “Man kann im Leben nicht alles haben.”

Alle diese Punkte zeigen ärgerliche analytische Mängel: Müller nimmt kritisierbare Zustände als nicht zu ändern hin - unterschiedliche Gehälter, im Haushalt faule Männer etc. Viele ihrer Feststellungen sind ja ganz richtig: Wir haben viele Kinder in diesem Land ohne Bildungschancen und wirklich sind nicht wenige Frauen überfordert, wenn ihnen neben einer (meist auch finanziell notwendigen) Berufstätigkeit die Kindererziehung und der Haushalt als natürliche Aufgaben zugewiesen werden. Aber ihre Lösungsvorschläge orientieren sich nicht an den gegenwärtigen Umständen und an zukunftsfähigen Ideen, sondern ausschließlich an der Vergangenheit. Weswegen Christa Müllers Buch kein konstruktiver Beitrag zur aktuellen Debatte ist, sondern einfach nur ein Nachruf auf die “guten alten Zeiten”, die niemals wiederkommen werden. Weil wir jungen Frauen aber keinen Bock auf Zustände wie in den 50ern haben, versucht uns Müller, die Hausfrauenehe noch mal schmackhaft zu machen:

“Freundinnen meiner Mutter waren stolz darauf, Männer zu haben, welche die Familie allein ernähren konnten. Die Männer waren wiederum froh, eine Frau vorweisen zu können, welche den Haushalt perfekt führte, sich um die Kinder kümmerte, sie hübsch kleidete und anständig erzog. In diesen Ehen achteten sich die Partner gegenseitig, und sie wurden auch von der Gesellschaft respektiert.”

Ja, klar. Wer sich bis jetzt noch nicht sicher war, ob wir den Feminismus brauchen: Lesen!

Frauen an den Herd! Es gibt auch eine Prämie

Tuesday, January 15th, 2008 von Susanne

Die “Herdprämie” ist heute zum Unwort des Jahres gekürt worden - mit der Begründung, es sei würde “Eltern und vor allem Frauen diffamieren, die sich für eine Kindererziehung zu Hause aussprechen”.

Ich bin da völlig anderer Meinung: Die Herdprämie ist eine finanzielle Belohnung dafür, dass Frauen sich aus dem Berufsleben zurückziehen, um ihren Nachwuchs großzuziehen, “der sonst in Kitas verwahrlosen würde”, wie Spiegel Online die christdemokratische Idee ironisch übersetzt. Klar, das Betreuungsgeld würde auch Vätern gezahlt werden, aber wer bitte glaubt denn daran, dass die Väter plötzlich massenweise ihren Beruf aufgeben, nur weil es ein paar Piepen vom Staat gibt? Also.

Immer mal wieder fordern ja Frauen, dass ihre Arbeit zu Hause auch bezahlt werden sollte. Einerseits dachte ich mir dann: Klar, das ist ja auch echt ätzend, dass sie ihrem Mann den Rücken freihalten, ohne dafür ausreichend Anerkennung zu bekommen. Und der Mann kann ihnen immer schön vorhalten, dass er das Geld nach Hause bringt. Das ist scheiße. Aber die Bezahlung der Hausfrauen- und Mütterarbeit ändert nichts an diesen Zuständen und wird auch nicht dafür sorgen, dass Hausfrau und Mutter plötzlich ein hoch angesehener Beruf wird. Weil es kein Beruf ist! Es ist eine Aufgabe, die sich Frau und Mann gefälligst teilen sollen. Ein Hausfrauengehalt dagegen würde alte Geschlechterrollen festklopfen. Weil sich doch jede berufstätige Frau fragen lassen müsste, wieso sie ihr Geld woanders als in den eigenen vier Wänden verdienen will. In so einer Gesellschaft will ich aber nicht leben.

Und ein weiteres großes Problem hat die Herdprämie: Vor allem ärmere Familien würden ein Betreuungsgeld in Anspruch nehmen, weil sie auf das Geld angewiesen sind. Das heißt, dass ihre Kinder nicht von Anfang an die größtmögliche Förderung durch Betreuungsangebote und geschulte Pädagogen bekommen würden. Gerade aber Kinder aus den unteren Gesellschaftsschichten und aus Migrantenfamilien müssten so gut wie möglich integriert und gefördert werden, damit sie alle Chancen im Leben haben. Stattdessen werden sie von Anfang an ausgeschlossen - und wenn es richtig blöd läuft, werden sie kriminell. Und genau das, nämlich das Thema Jugendkriminalität, hat die hessische CDU gerade zum großen Wahlkampfthema erhoben. Anstatt aber mal mitzudenken und zu versuchen, Kinder aus allen Milieus zu integrieren, soll nur abgeschoben oder eingesperrt werden.

Die gleiche CDU und die CSU freuen sich nun öffentlich, dass eine unabhängige Jury von Wissenschaftlern bestätigt habe, was sie schon lange propagieren - Familie ist das Wichtigste auf der ganzen großen Welt, vor allem für Frauen. Und Kinder können nur zu gesunden Menschen heranwachsen, wenn Mutti ihnen bis zur Einschulung den Hintern abgewischt hat. Usw. usf. - wir kennen das alles. Entschuldigt mich, ich gehe jetzt brechen.

(Foto über welt.de)