Archiv für ‘Lesezeichen’

Be pragmatisch, be a Platzhirschkuh

Friday, September 26th, 2008 von Meredith

Auf Spiegel Online gibt es ein interessantes Interview mit der Unternehmerin, Trainerin und Autorin Marion Knaths. Sie hat letztes Jahr das Buch “Spiele mit der Macht” veröffentlicht. Darin schreibt sie darüber, wie Frauen sich die Techniken und Strategien der Männer im Wirtschaftsbetrieb aneigenen können, um sich durchzusetzen.

Das Interview ist auch deshalb so interessant, weil Knaths zwar einerseits darauf besteht, dass Frauen und Männer komplett unterschiedlich kommunizieren - aber andererseits das nicht auf einen biologischen Grund zurückführt. Ihre These ist, dass Frauen das berühmte Platzgehirsche in Unternehmen einfach nicht durchschauen, weil es ein spezifsch männliches Ding ist. Deshalb halten sie sich da lieber raus und beschäftigen sich mit Inhalten - und verpassen so die Möglichkeit, sich selbst durchzusetzen.

Außerdem sagt Knaths, dass Frauen in Führungspositionen dazu neigen, sich selbst zurück zu nehmen, um Reibungen oder Konflikte zu vermeiden. Das ist ihrer Meinung nach eines der größten Hindernisse, die sich Frauen auf ihren Karrierewegen sozusagen selbst bauen:

SPIEGEL ONLINE: Wie demonstriert die männliche Eins ihren Status?
Knaths:
Achten Sie mal auf die Körpersprache: Wer sitzt bei der Konferenz am breitesten im Sessel? Wer entert den Raum mit dem meisten Schwung, wer grüßt am lautesten, setzt sich am geräuschvollsten, redet am längsten? Richtig! Die Eins. Führungsfrauen dagegen müssen oft üben, sich den entsprechenden Raum zu nehmen - zum Beispiel, indem sie sich Redezeit genehmigen und ihre Arme dabei souverän über die Sessellehne breiten, statt die Hände brav im Schoß zu falten. Aber Frauen dürfen es mit der Fläzerei auch nicht übertreiben. Was bei Männern negativ wirkt - auch Brüllen oder zotige Sprüche - sollten sie auf keinen Fall imitieren, sonst kippt das Ganze in Richtung Mannweib. Wie es richtig geht, können Sie sehr schön bei Anne Will beobachten: Unten die Beine telegen gefaltet - oben breites Kreuz. Schließlich darf sie sich von den Alphatieren dieser Republik nicht verfrühstücken lassen.

Gleichzeitig bleibt Knaths aber dankenswerter Weise nicht bei der Aussage stehen, Frauen sollten sich halt “mehr wie Männer” benehmen, dann werde schon alles gut. In dem Interview finden sich zwar auch ein paar klassische Frauenkarrierelahmaussagen, wie z.B. Männer wollen viel Geld verdienen - Frauen geht es um die Inhalte - doch alles in allem scheint Knaths Anliegen zu sein, erstmal die Strukturen von innen zu bearbeiten, um sie dann auch zu verändern. Ob das der richtige Ansatz ist, darüber lässt sich ja vortrefflich streiten.

Augen auf: Europa

Tuesday, September 23rd, 2008 von Susanne

Als sich am vergangenen Wochenende Aktivistinnen und Aktivisten auf dem Europäischen Sozialforum in Malmö trafen, hielten sie unter anderem fest, dass der Feminismus in Europa in den letzten Jahren gewaltige Rückschritte gemacht habe. Grund dafür seien ein vorherrschender Neoliberalismus und der Einfluss religiösen Fundamentalismus’ in der Gesellschaft. Unter beiden Tendenzen würden immer häufiger Frauenrechte leiden, sagte Maria Hagberg von der Europäischen Feministischen Initiative zu dieStandard.at.

So würden viele Entwicklungen, zum Beispiel die Situation von Migrantinnen nicht thematisiert, weil sich die Gesellschaft zu liberal gebe. Und so könnten beispielsweise Polinnen im Gegensatz zu früher kaum noch abtreiben, weil dort die fundamentale Christliche in den letzten Jahren erstarkt ist.

Schöne Frauen lesen

Tuesday, September 23rd, 2008 von Barbara

Eine Leseempfehlung: “Schöne Frauen lesen” von Ulrike Draesner.

(c) Ulrike Draesner Ulrike Draesner, 1962 in München geboren und inzwischen in Berlin, gibt in ihrem Buch einen klugen Überblick über die Hand voll Autorinnen, die uns gemeinhin einfällt, wenn wir an “weibliches Schreiben” denken. Die Rede ist von Virginia Woolf, Ingeborg Bachmann, Getrude Stein, Friederike Mayröcker, Antonia S. Byatt, Annette von Drose-Hülshoff, Michèle Métail, Marcelle Sauvageot - und dank “Madame Bovary” auch von einem Quotenmann, Gustave Flaubert. Draesner beginnt mit einem biografischen Überblick und lässt dann durch ihre Überlegungen das Werk der Autorinnen und des Autors noch faszinierender werden, als es eh schon ist.

Virginia Woolf könnte man begleiten, indem man durch Zimmer streift: Londoner Salons, Schlafkammern, Kliniken wechselten einander ab, der Stadtteil Bloomsbury selbst fügte sich zu einem Raum, real bewohnte, ebenso aber erfunde Häuser erschienen, … Im Schreiben vervielfältigten Woolfs Zimmer sich; am berühmtesten wurde eines, das sie “nur” forderte; A Room of One’s Own. Auch Frauen sollen Zimmer haben, ganz für sich … Auch Bücher sind Räume. Sie gehören einem und allen. So sind sie nicht spezifisch, doch ganz genau, nämlich individuell: das, was wir, und nur wir sehen, indem wir sie lesen. Räume aus Schrift, gebaut für uns in dieser Stunde, aus diesem Stoff, in unserem Kopf. Vielfach verbunden mit unseren Leben, weil auch sie am Ende werden, was wir uns erzählen, dass sie waren.

Linktipp: Feminismus in Europa

Monday, September 8th, 2008 von Katrin

Satellitenbild

Unter dem Titel “Feminismus in Europa” veröffentlicht das Blog weltläufig.de seit dem 4. September eine Reihe genau dazu. Als kleiner Aufhänger dient dabei die neue, teilweise hitzige Debatte über den Feminismus, die hierzulande stattfand, als im Frühjahr “Wir Alphamädchen”, “Neue Deutsche Mädchen” und “Feuchtgebiete” auf dem Markt erschienen sind.

Die Autoren der Texte zu “Feminismus in Europa” wollten nach eigenen Angaben einmal den Blick über den deutschen Tellerrand werfen und haben recherchiert, wie es um den Feminismus in anderen europäischen Ländern bestellt ist. Den Auftakt der Reihe machte ein Artikel zum Thema “Feminismus in der Türkei”, dem bereits heute ein Bericht aus Dänemark folgte. Außerdem sollen noch England und Portugal beleuchtet werden.

(Satellitenbild über wikipedia/NASA)

Was muss nach der Debatte passieren?

Tuesday, August 19th, 2008 von Susanne

Das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Boell-Stiftung stellt angesichts der Debatte der letzten Monate die Frage “Was ist der Streit-Wert?” und lässt diese eine ganze Reihe von Personen beantworten.

So schreibt zum Beispiel der Sozialwissenschaftler Martin Wilk, Büroleiter der Frauenpolitischen Sprecherin im Bundesvorstand der Grünen, dass jetzt vor allem die Männer gefragt seien. Elahe Haschemi Yekani von der Humboldt-Universität Berlin fordert, dass der Feminismus breiter und bunter werden muss - sich quasi zu vielen Feminismen wandeln. Ina Kerner, Politologin und Autorin des Buches „Differenzen und Macht. Zur Anatomie von Rassismus und Sexismus“ erwartet vom Feminismus, dass sich dieser immer wieder erneuert.

Momentan stehen neun Beiträge online (darunter auch einer von mir), aber die Liste wird in den kommenden Wochen noch wachsen. An dieser Stelle haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gunda-Werner-Institut einen wahnsinnig wichtigen Schritt getan: indem sie - anstatt zur Debatte nur eine weitere Meinung fallen zu lassen - einen Schritt weitergehen und fragen, was als nächstes passieren muss und kann.

Und hiermit auch an euch die Frage: “Was ist der Streit-Wert?”

Der Feind auf dem Teller

Saturday, August 2nd, 2008 von Susanne

Corinna Huber ist 14 Jahre alt und magersüchtig. Als sie den Kampf gegen die Krankheit beginnt, fängt sie auch an, diesen Kampf aufzuschreiben. Die Reportage, die so entstand, gewann gerade den ersten Preis beim Spiegel-Schülerzeitungswettbewerb. Corinna beschreibt, was ihr durch den Kopf geht, wenn ein Teller mit Essen vor ihr steht und sie ihn einfach nicht leer essen, ja noch nicht einmal ein kleines bisschen vom Essen probieren kann. Sie schreibt diese Gedanken und die Zwänge ihrer Krankheit - wie 500 Situps an jedem Nachmittag und tägliches Fahrradfahren - berührend ehrlich auf und erkennt auch ihr Problem:

“Irgendwann ist jede Diät vorbei und dann habe ich es geschafft. Bin schlank, beliebt und erfolgreich!”, rede ich mir täglich ein. Doch unterbewusst weiß ich ganz genau, dass dies keine “Mal-schnell-zwei-Kilo-weg-Diät” ist. Es ist ein Zwang, eine Sucht, Leere und Hunger zu spüren, ein Schrei nach Hilfe und Aufmerksamkeit. Ein Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Engel und Teufel - ein Kampf gegen mich. Eine gnadenlose Krankheit: Magersucht.

Kind im falschen Körper

Friday, August 1st, 2008 von Susanne

Heute sehr lesenswert im Magazin der Süddeutschen Zeitung :

Mädchen sind willkommen (Jungs nicht)
Die erst zehnjährige Nina wusste immer, dass sie im falschen Körper lebt. Aber es war ein langer Kampf gegen Eltern und Lehrer, bis sie nicht mehr David sein musste

Hochstuhl oder Lehrstuhl?

Saturday, July 19th, 2008 von Susanne

Das fragt die Zeit in dieser Woche. Anlass zur Fragestellung ist der geringe Frauenanteil im Universitätsbetrieb:

Fast nirgends sind Frauen so unterrepräsentiert wie in der Wissenschaft. Während im Durchschnitt 50 Prozent aller Hochschulabsolventen in Deutschland weiblich sind, sinkt die Zahl der Frauen an den Unis mit jeder weiteren Karrierestufe deutlich. Nur noch 40 Prozent von ihnen schaffen eine Promotion, rund 23 Prozent habilitieren sich. Nur zehn Prozent der vollen Professuren in Deutschland sind weiblich besetzt.

Vier Frauen erzählen von sich, ihrer Familiensituation und der Arbeit an der Uni: Davon, wie es ist, während des Studiums ein Kind zu bekommen, wegen des Nachwuchs die Uni zu wechseln, mit drei Kindern eine Habilitation zu stemmen oder warum eine zehn Jahre lang nur mit befristeten Verträgen arbeitet.

Wo die Kinder der Nacht ruhen

Monday, July 7th, 2008 von Meredith

Das hervorragende Good Magazine hat diese Woche einen sehr lesenswerten Artikel über ein Resozialisierungsprojekt für minderjährige Prostituierte.

Im Children of the Night finden Mädchen Zuflucht, die zwischen zwölf und siebzehn sind und sich prostituieren mussten. Das Heim befindet sich in Los Angeles und wird von einer tollen Lady namens Lois Lee betriebe. Sie schrieb in den siebzigern ihre Dissertation über das Phänomen Zuhälter und fing dabei an, jungen Stricherinnen und Strichern zu helfen - indem sie sie bei sich übernachten ließ, ihnen Geld lieh, mit ihnen redete oder zur Polizei ging. Vor dreissig Jahren gründete sie dann das Heim, es wird nur durch private Spenden betrieben - sogar Hugh Hefner hat einiges Geld gegeben. Lee versucht den Mädchen (und wenigen Jungs) nicht nur ein Dach über dem Kopf und eine Ausbildung zu verschaffen, sie verwöhnt die Kids auch, lässt sie ins Spa fahren oder Essen gehen und verbringt enorm viel Zeit mit ihnen. Indem sie ihre Schützlinge leben lässt, wie “normale” Jugendliche, gibt sie ihnen ihre Würde und ihr Leben zurück. Tolle Sache, toller Text. Lesen, lesen!

Und: Wer kennt ähnliche Projekte in Deutschland?

Wetlands

Thursday, July 3rd, 2008 von Susanne

Unsere Leserin Sarah hat uns eine Presseschau (PDF-Download, 320 KB) zusammengestellt, und zwar wie Charlotte Roches Roman “Feuchtgebiete” in den USA besprochen und eingeordnet wird. Es ist nicht nur beeindruckend, wie heftig die US-amerikanischen Medien auf das Thema anspringen, sondern auch spannend zu lesen, wie die aufgeregte deutsche Debatte mit ein paar Kilometern Abstand wirkt und welche Gedanken sich die Autorinnen und Autoren auf der anderen Seite des Ozeans über den erstaunlichen Erfolg des Buches machen.

Vielen Dank an Sarah für die Mühe!