Archiv für ‘Im Gespräch’

„Gleichberechtigung muss Selbstverständlichkeit sein“

Sunday, July 13th, 2008 von Barbara

(c) Sabine Ponath

Im Interview beantwortet Sabine Ponath, geboren 1984 in Traunstein, Fragen zu Gleichberechtigung, Quoten und Gesellschaft. Sie ist in der Grünen Jugend aktiv und Direktkandidatin für die Landtagswahl im September. Ihre Themen sind Bildungspolitik und Geschlechtergerechtigkeit.

50 Jahre Gleichberechtigung in Deutschland: Hand aufs Herz – wie gleichberechtigt sind Männer und Frauen wirklich?

Es ist wichtig, zu betonen, dass diese 50 Jahre konkret nur die Gleichberechtigung per Gesetz meinen, finde ich. Die Gesetzeslage vor 1958 klingt so schauderlich, dass man gar nicht meinen möchte, dass es tatsächlich mal eine Zeit gab, in der es so lief. Der Ehemann hatte zum Beispiel das Recht, über das in die Ehe eingebrachte Vermögen der Frau zu entscheiden! Der sogenannte „Gehorsamkeitparagraph“ sprach dem Mann ein Letztentscheidungsrecht zu.

In dieser Hinsicht kann man also ein bisschen aufschnaufen und sagen: „Ja, in den letzten 50 Jahren hat sich etwas getan.“ Außerdem können wir froh sein, dass sich Frauen vor uns bereits so energisch eingesetzt haben.

Lässt man allerdings den Blick über die heutige Situation in Deutschland schweifen, sieht es immer noch düster aus: Es gibt kaum Frauen in Führungspositionen, außerdem bekommen Frauen durchschnittlich 22 Prozent weniger Lohn als Männer für dieselbe Arbeit. Frauen wird nach wie vor alleinig die Erziehungsarbeit zugeschoben, Männer sollen die Familie ernähren und arbeiten gehen. Und das ist nur ein Ausschnitt aus der Palette der Missstände. Bis zu einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft ist es also noch ein langer Weg.

Wofür setzt du dich ein?

Gleichberechtigung muss Selbstverständlichkeit sein, das ist mein Traum. Dass es aber bis zur Verwirklichung noch dauern wird, ist klar. Meiner Meinung nach muss hier gleich ganz am Anfang, soll heißen, in den Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen usw. angepackt werden. Ich kämpfe für eine Reformierung der ErzieherInnen- und LehrerInnenausbildung – unter anderem eben unter dem Aspekt der geschlechtsbewussten Erziehung. Viele Menschen bekommen dann immer gleich Angst, weil sie denken, das würde bedeuten, dass ihrem kleinen Söhnchen nun zwanghaft Puppen in die Hand gedrückt werden würden. Aber das ist natürlich Unsinn.

Auf lange Sicht gesehen, kann so tatsächlich versucht werden, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. Bis es soweit ist, müssen aber auch andere Maßnahmen ergriffen werden. Ich bin beispielsweise eine Verfechterin der Quotenregelung. Eine solche Regelung wäre beispielsweise auch im Hinblick auf Führungspositionen und ProfessorInnenstellen denkbar. Abgesehen davon müssen von staatlicher Seite Möglichkeiten für Frauen geschaffen werden, sich Freiräume zu erkämpfen – dazu gehört für mich beispielsweise die Abschaffung des Ehegattensplittings, aber auch das Angebot und die Gewährleistung von Krippenplätzen.

Aber auch schon „im Kleinen“ kann viel bewegt werden, zum Beispiel dadurch, dass man beginnt, seine Sprache zu „gendern“. Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, das sogenannte „Binnen – I“ zu verwenden. Dafür muss man nicht in Politischen Ämtern hocken, das kann man einfach vorleben.

Du kritisierst das Ehegattensplitting. Woran liegt es, dass die klassische Rollenverteilung, bei der der Mann das große Geld verdient, und die Frau Teilzeit arbeitet und dazuverdient, immer noch sehr vielen als das gängige Modell erscheint?

Ganz grundsätzlich liegt es wohl daran, dass der Großteil unserer Gesellschaft mit dem Bild „Frau erzieht zu Hause die Kinder, ist zärtlich und emotional; Mann arbeitet und bringt Geld nach Hause, ist stark und dominant“ aufgewachsen ist, ein Überbleibsel aus der scheinbar heilen Welt der 50er Jahre. Das prägt sich über die Generationen hinweg tief ein, auch wenn ab und an vielleicht Zweifel aufkommen. Unterstützt wird das Ganze teilweise durch das durch die Medien geprägte Bild von Familie. Man schaue sich doch nur mal eine Süßwaren-Reklame im Fernsehen an. Die Mutter mit dem Einkaufskorb überlegt, wie sie ihren Lieben eine Freude machen kann und trotzdem auf ihre Gesundheit achten kann. Die Familie strahlt und verzehrt genüsslich das Sammelgut der Frau. Platt, aber wirkungsvoll.

Welche neuen Modelle, die gleichberechtigter sind, kannst du dir vorstellen?

Eine individuelle Besteuerung würde tradierte Rollenverständnisse am radikalsten aufbrechen. Die Ersparnisse könnten sinnvoll für die Freisetzung finanzieller Mittel für Kinder genutzt werden. Aber auch von der Ersparnis für den Staat ganz abgesehen, bekämen Ehefrauen einen eigenen Grundfreibetrag - ein steuerlicher Anreiz arbeiten zu gehen. Unterhaltsleistungen zwischen Ehe- und eingetragenen Partnern sollen in diesem Modell weiterhin anerkannt werden, schon allein aus verfassungsrechtlichen Gründen. Dies wird durch einen pauschalen, zwischen den Partnern übertragbaren Höchstbetrag in Höhe des steuerfreien Existenzminimums ermöglicht. Damit erreicht man zugleich, dass Eingetragene Partnerschaften endlich auch im Steuerrecht gleichgestellt sind.

Was hältst du von einem gesetzlichen Anspruch auf einen Krippenplatz?

Grundsätzlich ist das eine gute Sache, ohne wenn und aber. Dafür müssten erst einmal möglichst bald und professionell die Krippenplätze ausgebaut werden. Dazu gehört auch eine übergreifende Verbesserung der Qualität der Betreuungseinrichtungen. Finanzierbar ist die ganze Sache übrigens über Ersparnisse, die wir durch eine Abschaffung des Ehegattensplittings hätten.

Durch die Einrichtung der von Ursula von der Leyen versprochenen Krippenplätze wird die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf für viele Frauen sicher weniger problematisch. Doch gibt es eine breite Akzeptanz in Deutschland, ein Kind schon wenige Monate nach der Geburt von der Mutter zu trennen?

Nein, das glaube ich nicht. Wie schon gesagt: Es hängen oft noch veraltete Bilder von der Vater-Mutter-Kind Familie in den Köpfen Vieler fest. Dazu gehört, dass die Mama immer zuhause und für die Familie da sein muss, ansonsten wird sie als Rabenmutter beschimpft. Viele halten eine Trennung von Mutter und Kind in diesem frühen Alter für gefährlich und schädigend, auch so manche (selbsterklärte) WissenschaftlerInnen. In Gesprächen an Infoständen höre ich immer wieder durch, dass arbeiten so lange „okay“ sei, solange die Frau (!) nicht öfter als 2–3 mal die Woche vom Baby getrennt ist. Ich erwarte deshalb diesbezüglich kein „Von-heut-auf-morgen“-Umdenken der breiten Masse, das scheint mir unrealistisch. Aber auf lange Sicht gesehen, wird sich bestimmt einiges verändern. Schon allein durch eine eventuelle pädagogische Grundlegung.

Wenn Frauen stärker werden, heißt das ja nicht, dass deshalb Männer schwächer werden. Wie können wir lernen, dass Gleichberechtigung eine Chance für alle ist und keine Bedrohung?

Es fängt im Kleinen, im Privaten an. Leben wir es selbst anderen vor, zeigen wir doch, dass eine starke Frau keine „Mannfrau“ sein muss. Es ist ja auch eine Chance für die Männer, endlich einmal einen Teil der Last des unerschütterlichen Alleinverdieners ablegen zu können.

Ausgehend davon sind gerade auch Personen des öffentlichen Lebens gefordert, dafür einzustehen. Besonders sie haben die Möglichkeit, viele Menschen anzusprechen und Sympathien zu wecken oder mit anderen Worten schlicht Vorbild zu sein.

Es gibt also keine Ausreden mehr. Jede und jeder ist gefordert und zwar sofort!

Die Emma-Besetzungscouch

Tuesday, June 24th, 2008 von Susanne

Das Deutschlandradio Kultur fragt seit einigen Wochen verschiedene Frauen, wer die Emma-Nachfolge von Alice Schwarzer antreten und wie es mit dem Feminismus weitergehen soll. Bereits im Interview waren schon Bascha Mika von der Tageszeitung und Tissy Bruns vom Tagesspiegel und haben Vorschläge gemacht, welche Kandidatin oder welcher Kandidat auf die Emma-Besetzungscouch gehören.

Heute ab 14:07 Uhr geb auch ich in der Sendung “Radiofeuilleton” meinen Senf zum Thema dazu und in den nächsten Wochen werden noch viele weitere Kommentare folgen, unter anderem auch von Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray. Auf die Gespräche, ebenfalls zum Nachhören als mp3, werden wir dann an dieser Stelle hinweisen.

Nachtrag 1. Juli:
Auch die Statements von Journalistin und Autorin Ingrid Kolb und von Rapperin Lady Bitch Ray kann man jetzt online anhören. Interessante Info bei Lady Bitch Ray: Sie und Alice Schwarzer sind lose zu einem Gespräch verabredet, Alice Schwarzer will auf einer Hiphop-Veranstaltung diskutieren, Lady Bitch Ray lieber bei Beckmann oder Kerner.

Nachtrag 18. Juli:
Und hier auch noch das Interview mit Thea Dorn, die wahlweise Harald Schmidt oder Frank Schirrmacher als neuen Emma-Chefredakteur vorschlägt. Interessante Wahl! Und damit endet die Serie des Deutschlandradios auch.

„Wir brauchen dringend Solidarität unter Feministinnen“

Wednesday, June 11th, 2008 von Barbara

Im Interview mit maedchenmannschaft.net sprechen Sabine Scherbaum und Waltraud Pomper von DIE FRAUEN über Ziele und Zukunft ihrer Partei.

Wofür steht die Feministische Partei DIE FRAUEN?

Die Feministische Partei DIE FRAUEN steht für eine feministische Politik. Diese basiert auf drei Faktoren:

a) Wir wollen mehr Macht für Frauen. Dies ist ein Gebot der Demokratie und Gerechtigkeit. Frauen müssen die Macht haben, selbst an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen mitzuwirken – und zwar in einem Umfang, der ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht.

b) Wir wollen eine Überwindung der Ungerechtigkeiten, die vor allem darauf beruhen, dass Frauen die überwiegende Mehrheit der unbezahlten Versorgungsarbeiten verrichten und dadurch von der angemessenen Verteilung der gesellschaftlichen Macht und des wirtschaftlichen Reichtums ausgeschlossen sind.

c) Unsere Vision ist ein Wertewandel hin zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft, in der das gleichwertige Miteinander aller Lebensweisen im Mittelpunkt des politischen Handelns steht. Wir gehen davon aus, dass die Verwirklichung dieser feministischen Vision Voraussetzung dafür ist, dass eine Welt jenseits der Politik von Kriegen, Umweltzerstörung und Gewalt ermöglicht werden kann.

Wie hat sich das politische Klima seit Angela Merkels Einzug ins Kanzleramt und die damit verbundene Große Koalition hinsichtlich Ihrer Themen verändert? Begreift eine Frau an der Macht, unterstützt von Ministerinnen und besonders einer starken Familienministerin, feministische Themen besser?

Natürlich hat es eine Bedeutung für Frauen, dass wir in Angela Merkel erstmals eine Frau als Bundeskanzlerin haben. Sie versteht es mit unterschiedlichen Positionen, konstruktiv umzugehen. Doch Frau-Sein ist kein politischen Konzept. Feministische Themen bleiben bei ihr unberücksichtigt, frauenparteiliche Äußerungen werden von ihr nicht vernommen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn gerade in ihrer Partei herrschen in den Köpfen traditionelle Geschlechterbilder.

Und was unsere starke Familienministerin anbelangt: Sie lässt auf eine Einstellung schließen, dass mit mehr Kinderbetreuung schon alles getan wäre. Sie thematisiert nicht, dass Frauen schon viel früher benachteiligt werden und nicht erst dann, wenn sie Kinder haben. Wir müssen Frau von der Leyen Anerkennung dafür zollen, dass sie die Thematik “Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch für Männer” ernsthaft und gegen den massiven Unwillen ihrer Parteikollegen öffentlich angestoßen hat. Dennoch wird sich mit den von der Regierungskoalition beschlossenen Maßnahmen nichts an der geschlechtsspezifischen Aufteilung unserer Gesellschaft ändern.

Was muss sich ändern in der bundesdeutschen Politik? Welche innenpolitischen Baustellen sehen Sie? Welche Themen gehören wieder in den Fokus?

Ein erster wichtiger Schritt sind sofortige Maßnahmen zur Erhöhung der Repräsentanz von Frauen. Dass dies mit Hilfe von Quoten schnell umgesetzt werden kann, ohne dass Politik und Ökonomie zusammenbrechen, hat die norwegische Regierung bereits bewiesen. Die Sichtbarmachung von Frauen bedarf lediglich des politischen Willens. Den Gegnerinnen von Quoten ist entgegen zu halten: Auch momentan werden Posten nicht auf Grund von Qualifikation vergeben, sondern in erster Linie auf der Basis des “Old-Boys”-Netzwerk, angetrieben von wirtschaftlichen und politischen Machtinteressen. Männer haben noch nie Skrupel gehabt, einen Posten anzunehmen, den sie nur auf Grund von “Beziehungen” angeboten bekamen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gleichstellung von Reproduktions- und Erwerbsarbeit. Diese Diskussion bezieht alle aktuell drängenden Probleme mit ein: Professionalisierung und angemessene Bezahlung für Arbeiten im Zusammenhang mit Kinderbetreuung und Pflege, Abschaffung der so genannten geringfügig Beschäftigung, Einführung einer existenzsichernden Grundsicherung, die Verkürzung der durchschnittlichen Arbeitszeit.

Wir wollen auf allen Ebenen der Gesellschaft eine Veränderung zu gewaltfreier Konfliktbewältigung, gerechtem Interessensausgleich, eben eine Kultur, in der jeder Person unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft oder Nationalität gleichwertige Chancen und Lebensbedingungen zustehen.

Derzeit ist eine Debatte von altem und modernem Feminismus in den deutschen Medien im Gange. Wie stehen Sie zum so genannten “Wellness-Feminismus” der jüngeren Generation?

Es gibt für uns keine Trennung in “alten” oder “modernen” Feminismus. Feminismus will in erster Linie gleiche Rechte für Frauen und Männer. Davon kann keine Rede sein, solange so profane Forderungen wie “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit” noch nicht verwirklicht sind. Die diskriminierende Bezeichnung “Wellness-Feminismus” ist u. E. nur eine Neuauflage des alten Tricks aus der Mottenkiste des Patriarchats, der da heißt: Männer müssen Frauen gar nicht fertigmachen, das besorgen die schon selbst. Dabei sind Frauen immer dann erfolgreich gewesen, wenn sie sich nicht auseinander dividieren ließen, in alt und jung, arm und reich, schön oder nicht, Karriere- oder Hausfrau…, siehe die Erkämpfung des Wahlrechts und die Erfolge der Frauenbewegung in den 70er Jahren.

Gibt es – vergleichbar mit den JuSos – auch JuFrauen in Ihrer Partei? Wie halten Sie den Kontakt zur jungen Generation?

Ja, die gibt es, aber es sind viel zu wenige, viel zu wenig junge und viel zu wenig alte, überhaupt viel zu wenige, und das liegt daran, dass wir uns Öffentlichkeit nicht erkaufen können wie es in unserem System so üblich ist. Wir haben eben nicht den Anteil an Macht und Geld, der uns auf Grund unserer Arbeitsleistung zusteht, und freiwillig werden uns Männer bzw. patriarchal denkende Frauen – wie Frau Merkel – diesen Anteil nicht geben. Wir brauchen daher dringend Solidarität unter Feministinnen – Feminismus eben.

Alphamädchen bei BR Alpha

Sunday, April 27th, 2008 von Susanne

Heute Abend sendet BR Alpha im “Freiraum” einen Beitrag über jungen Feminismus und lässt uns darin erzählen, wie wir uns die Sache so vorstellen. In der Ankündigung liest sich das ganze dann so:

Die drei Münchner Journalistinnen Meredith, Susanne und Barbara treten in ihrem neu erschienenen Buch “Wir Alphamädchen” vehement für einen Feminismus jenseits der klassischen Rollenklischees ein. Die drei jungen Frauen zeigen, dass Kinder und Karriere, Sex und Intellekt, Freiheit und Verantwortung sich nicht widersprechen, sondern von modernen Frauen durchaus verbunden werden können.

Sonntag, 27. April, 17:30 Uhr, BR Alpha
(Wdh. am 29. April, 19:15 Uhr)

Hallo Mama, ich bin im Fernsehen!

Wednesday, April 23rd, 2008 von Susanne

Heute Abend sendet Frau TV einen Beitrag über uns - yay:

Feministinnen? Das sind doch die mit lila Latzhosen, die gegen Männer sind? Für viele Frauen und Männer ist der Begriff “Feministin” ein echtes Schimpfwort. Feminismus - so finden viele - ist unsexy, männerfeindlich und eigentlich komplett überholt. Das krasse Gegenteil beweisen immer mehr junge Frauen wie die Autorinnen Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl. Alle unter 30 Jahren, durchaus sexy, lebensfroh und klug. frauTV besucht die Autorinnen des Buches „Wir Alphamädchen“ – alle drei bekennende Feministinnen.

Mittwoch, 23. April, um 22.00 Uhr im WDR (Wiederholung am kommenden Freitag um 13.30 Uhr)

“Das böse F-Wort ist zurück”

Thursday, April 17th, 2008 von Meredith

Polylux kündigt für die heutige Sendung an:

Popkultur: Das böse F-Wort ist zurück. Endlich. Junge Frauen zeigen, wie wunderbar Feminismus mit Pop, Sex, Männern und Style harmoniert.

Und wer wird da aus dem Fernseher gucken? Susanne von der Mädchenmannschaft.

Heute Abend, 17. April, 23:30 Uhr, ARD.
Wdh. am Samstag um 14:00 Uhr auf 3sat.

Oder bei polylog.tv schauen.

Will kommen, Missy Magazine

Sunday, March 2nd, 2008 von Barbara

„Keine Frau braucht eine Anleitung dafür, wie sie sich scheiße fühlt“

Fünf Fragen an die Journalistin Sonja Eismann, die gerade gemeinsam mit Chris Köver und Steffi Lohaus den Hobnox Evolution Contest gewonnen hat. Gekürt wurde das geplante Mädchenmagazin Missy Magazine.

Sonja Eismann, (c) Ventil Verlag

Gratulation! Was bedeutet das jetzt für die Zukunft eures Heftes?
Danke! Wir sind selbst sehr glücklich über diesen Gewinn und können es noch gar nicht so ganz fassen. Für die Zukunft von „Missy“ bedeutet das zunächst vor allem, dass wir uns über die Initial-Finanzierung keine Sorgen machen müssen – da fällt uns ein riesiger Stein vom Herzen. Für uns war immer klar, dass wir das Heft auf jeden Fall durchziehen. Wir haben es schon gegründet, bevor wir überhaupt vom Hobnox-Wettbewerb erfahren haben. Aber wir haben uns schon dabei gesehen, wie wir Freundinnen, Freunde und (entfernte) Bekannte anbetteln, doch bitte für uns Solikonzerte zu spielen, damit wir die Druckkosten zusammenkratzen …

Missy Magazine soll sich an amerikanischen Frauenmagazinen wie Bust orientieren. Was steht dann also im Inhaltsverzeichnis und was unter keinen Umständen?
Unter keinen Umständen wird es im Inhaltsverzeichnis Themen wie Diäten oder Männerjagd-Tricks geben, die in den klassischen Frauenmagazinen üblich sind. Davon wollen wir uns ganz bewusst absetzen, denn keine Frau mit einem eigenen Kopf braucht eine Anleitung dafür, wie sie sich scheiße fühlt – ganz im Gegenteil. Wir wollen Frauen nicht suggerieren, dass sie defizitär sind und sich erst toller fühlen können, wenn sie sich selbst disziplinieren oder gewisse Produkte kaufen, sondern eben, dass es da draußen viele Frauen gibt, die abseits von Geschlechterklischees coole Musik, Kunst, Filme, Literatur, Mode oder auch Politik etc. machen. Wenn wir „klassische“ Frauenmagazin-Themen wie Mode, Kosmetik oder Sex präsentieren, die uns ja auch interessieren, dann auf jeden Fall mit einem ganz anderen Ansatz: Modestrecken mit Personen mit alternativen Körperbildern statt dünner weißer blonder Magermodels, DIY (Do it yourself; Anm. d. Red.)-Mode und -Kosmetik mit ethischem Background und endlich mal ehrliche Worte zum Thema Sex – oder eben auch kein Sex, haha!

Für wen wollt ihr euer feministisches Heft machen? Und dürfen auch Jungs reinschauen?
Generell wollen wir ein Heft für alle machen – so wie die existierenden Popkulturmagazine einen universalistischen Anspruch haben, obwohl es ja meistens von Jungs für Jungs gemachte Hefte sind, in denen was über Jungs zu lesen ist, wenn man das mal überspitzt formuliert. Wir wollen für alle interessant und offen sein, aber natürlich sind unsere Kerngruppe Frauen von 16–40, die keine Lust mehr auf eingefahrene Geschlechterrollen haben und die sich für, im weitesten Sinne, popkulturelle Themen mit subkulturellem oder „cutting-edge“-Touch interessieren. Männer dürfen sehr gerne reinschauen – von US-Magazinen wie Bust weiß man, dass die eine sehr treue und begeisterte männliche Leserschaft haben – und Männer werden sogar auch im Heft vorkommen, und sogar nicht nur nackt, wie ich gerne zu scherzen beliebe.

Als alte Häsin der Kulturschaffenden gefragt: Warum ist der deutsche Frauenzeitschriften-Markt so desolat? Brauchen wir wirklich so viele Diät-Rezepte, Beauty-Tipps und Braut-Führer? Interessieren sich deutsche Frauen auch für Dinge wie Gitarrenmusik, Fußball oder Politik?
Darüber haben wir uns selbst ja jahrelang den Kopf zerbrochen und keine rechte Antwort gefunden. Mitunter muss man ja an die traurige Geschichte des jetzt-Magazins denken, dem immer so viel Begeisterung entgegen geschlagen ist und das trotzdem in seiner alten Form eingestellt werden musste, weil es einfach nicht mehr finanzierbar war. Der Anzeigenmarkt ist sicher ein ganz großes Problem. Da wir mit Missy aber auf einem zwar professionellen, aber doch von DIY-Strukturen geprägten Level operieren werden, wird uns das hoffentlich nicht so treffen.
Zudem gab es in Deutschland nie so eine sichtbare bzw. organisierte Gruppe von feministisch denkenden, popinteressierten Frauen, die nicht nur, wie so viele, nach diesen Grundsätzen leben und handeln, sondern sich auch dazu bekennen, wie es sie z.B. in den USA gibt, wo ja eben Magazine wie Bust, Venus und Bitch existieren. Da ist sicherlich auch das negative Image von Feminismus schuld, das maßgeblich von den Medien mitgeprägt wurde. Aber ich habe das Gefühl, das bricht langsam um, und wenn man bedenkt, wie viel Enthusiasmus Missy bis jetzt entgegen gebracht wurde, sind wir da wirklich frohen Mutes bezüglich einer veränderten Haltung.

Und nun die Gretchen-Frage: Warum erst jetzt? Warum mussten wir so lange warten, bis endlich auch ein cooles Frauenmagazin am Kiosk auf uns wartet?
Weil vielleicht alle drauf gewartet haben, dass es jemand anders macht… und weil das finanzielle Wagnis ja doch relativ groß ist und der Arbeitsaufwand bzw. die Selbstausbeutung, die damit zwangsläufig verbunden ist, sicherlich immens. Aber bei uns war das Bedürfnis irgendwann so stark, dass wir uns gedacht haben: Wir machen’s einfach! Es gab ja auch schon Versuche wie z.B. Tussi Deluxe vor fast zehn Jahren, und deren Geschichte des Scheiterns war nicht gerade ermutigend. Auch wenn man sieht, wie einigermaßen akzeptable Mädchenmagazine wie Young Miss oder das Jugendmagazin der Elle nach guten Ansätzen immer mainstreamiger bzw. letztendlich eingestellt wurden, ist das nicht gerade ermunternd – auch das kultisch verehrte Sassy Magazine in den USA musste schließlich gecancelt werden. Trotz allem lassen wir uns davon nicht beirren und gehen mit riesiger Euphorie an die Arbeit für die erste Ausgabe, die im Frühherbst dieses Jahres erscheinen soll! Wir danken jetzt schon mal für das Interesse, das bereits geäußert wurde!

Sonja Eismann, geboren 1973, steht seit Jahren hinter dem feministischen Popkultur-Onlinemagazin Plastikmädchen und hat kürzlich den feministischen Reader “Hot Topic” im Ventil Verlag veröffentlicht.

Charlotte Roche und der Feminismus

Tuesday, February 26th, 2008 von Meredith
Dieser Text ist Teil 3 von 10 der Serie Die Feministische Bibliothek

Jetzt aber zackzack, noch ein Hinweis: Auf der jetzt.de-Seite in der Süddeutschen Zeitung ist gestern ein Interview mit Charlotte Roche erschienen. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass dieses Gespräch das wohl einzige ist, in dem Hämorrhoiden kein Mal vorkommen. Dafür haben wir uns lang und ausführlich über Feminismus unterhalten.

Feuchtgebiete” ist ein kurzweiliger Roman. Es geht darin um die 18-jährige Helen, die sich bei einer Intimrasur, äh, anal verletzt hat und deswegen operiert werden muss. Sie liegt danach ein paar Tage auf der Station und wartet auf den Besuch ihrer geschiedenen Eltern und dass ihr Stuhlgang wieder funktioniert. Nebenbei verliebt sie sich in ihren Pfleger Robbie und lässt selbstgebastelte Tampons im Aufzug liegen. Weil sie sonst nichts zu tun hat, beschäftigt sie sich eigentlich ununterbrochen mit sich selbst, ihrem Unterleib und ihren diversen Sekreten und Haaren. Sie denkt über Schönheitszwang, Hygieneregeln, weibliche Prüderie und das Dilemma, dass Frauen keine offene Sprache für ihre Sexualität haben, nach. Das ist manchmal ein bisschen anstrengend, aber oft auch sehr unterhaltsam und anregend.

Mein einziger wirklicher Kritikpukt - abgesehen davon, dass ich Hygienezwänge für eines der geringeren Probleme der Weltbevölkerung halte - ist, dass ich einer 18-jährigen Protagonistin eine dermaßen reflektierte und ausgereifte Sexualität nicht zutraue. Aber ich gestehe Charlotte zu, dass sie mit dem Buch möglicherweise eine personale Utopie entwerfen wollte beziehungsweise eigentlich der (jungen) Leserin Perspektiven aufzeigen wollte. Dass man eben durchaus laut und locker mit sich selbst und seinem Sex umgehen kann. Mit einer Mitt- oder Endzwanzigerin als Protagonistin würde das für jüngere Leserinnen mangels Identifikation nicht funktionieren.

Außerdem: It’s natürlich Fiction, Baby. Ich freue mich jedenfalls auf die Lesung heute Abend im Lustspielhaus.

“Wenn uns schon die großen Fische schlucken - sorgen wir für eine schwere Verdauung!”

Saturday, January 26th, 2008 von Susanne

Wie wir gestern kurz berichteten, hat die 38-jährige Versicherungsspezialistin Sule Eisele ihren Arbeitgeber verklagt, weil der ihren Job neu besetzte, nachdem sie ankündigte, in den gesetzlich geschützten Mutterschutz zu gehen. Wir haben Sie gebeten, uns von ihrem Fall zu erzählen:

Wie geht es Ihnen momentan und wie ist der Stand Ihres Arbeitsverhältnisses?
Ich bin wütend, traurig, genervt, müde, gedemütigt. Aber auch kampfbereit und mit erhobenem Haupt. Ich bin es mir und meiner Familie schuldig. Und ich bin es auch den anderen Opfern schuldig, die keine Kraft zum Widerstand spüren. Mein Arbeitsverhältnis ist unklar. Ich bin noch bei der R+V angestellt, kann seit meiner Rückkehr vom Mutterschutz nicht arbeiten, da meine EDV nicht freigeschaltet ist und ich nicht zu meiner alten Diensstelle darf und auch nicht zur Neuen, die man mir aber auch nicht zuweisen durfte. Ich werde seit der Rückkehr aus dem Mutterschutz dafür bezahlt, dass ich nicht zur Arbeit gehe. Wie soll man sich da fühlen? Ist Mutterwerden eine ansteckende Krankheit?

War Ihnen klar, dass Sie einen Präzedenzfall schaffen, wenn Sie Ihren Arbeitgeber verklagen?
Davon können Sie ausgehen! Mein erster Rechtsanwalt sagte: “Es gibt keine Präzendenzfälle, also lassen wir die Finger davon.” Aber: Wie soll es unter solchen Umständen jemals zu Präzedenzfällen kommen? Ich will das Ganze eigentlich nicht. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg. Ich habe am Beispiel von Kolleginnen gesehen, wie der “normale Weg” geht. Die “Stille Kündigung”, die dich dazu bringt, eine lächerliche Abfindung als Erfolg zu werten und dann ohne Arbeit dazustehen. Das ist keine Lösung.

Hatten Sie Angst? Was hat Sie motiviert, das durchzuziehen?
Ich habe jetzt noch Angst. Und diese Angst werde ich wohl auch nicht mehr ablegen. Mich hat der Rückhalt meiner Familie, insbesondere meines Mannes geholfen. Für meine Familie steige ich in den Ring, gegen wen es auch immer sein muss. Nicht weil ich will. Aber ich lasse uns nicht einfach so in Hartz 4 abschieben. Ich habe ein Magister in Germanistik, eine “Ausbildung” als Versicherungsfachfrau, Erfahrung im Vertrieb, eine Zusatzausbildung als Spezialistin für Personenversicherungen. Das alles soll umsonst gewesen sein, nur weil ich mit 38 Jahren das Glück hatte, ein Kind zu bekommen?

Wie ist momentan der Kontakt zur R+V, zu Kollegen und Ihren (Ex-) Chefs?
Kein Kontakt! Ich gehe davon aus, dass sie immer noch davon ausgehen, dass ich genervt Elternzeit beantragen werde und sie im Nachhinein ihr Handeln legitimieren können.

Was wollen Sie den Frauen da draußen sagen, die in eine ähnliche Situation wie Sie geraten?
Zuerst einmal, dass wir Frauen solidarisch sein sollten. Ich habe zu häufig gehört: “Was willst du eigentlich? Wir werden doch alle schickaniert und wenn wir uns wehren, ergeht es uns schlecht.” Dann gibt es auch noch die, die jetzt Kommentare in der SZ schreiben. “Ich wurde doch auch gemobbt, und mir gab keiner was. Warum soll die soviel Geld kriegen?” Ist es so schwer zu kapieren, dass mein Fall auch anderen Frauen helfen kann? Dass wir solange diskriminiert werden, bis wir uns wehren? Hätte “Lieschen Müller” vor einem Jahr erfolgreich und medienwirksam geklagt - und ich bin mir sicher, dass es genug diskriminierte “Lieschen Müllers” gibt - dann hätte ich nicht klagen müssen. Dann hätte mein Vorgesetzter nicht einmal daran gedacht, so etwas abzuziehen. Alleine steht man das Ganze aber nicht durch. Davon bin ich überzeugt. Wir Frauen brauchen Netzwerke und wir brauchen solidarische Unterstützung. Und Mut, der nicht aus der Verzweiflung geboren ist! Wenn uns schon die großen Fische schlucken - sorgen wir für eine schwere Verdauung!

Meredith im Deutschlandfunk II

Friday, November 30th, 2007 von Susanne

Meredith war in der Sendung “Lebenszeit” zu Gast, um über die Frage zu diskutieren “Was ist geblieben vom schwachen Geschlecht?” Wer das Gespräch verpasst hat, kann es hier anhören.