Archiv für ‘Feministische Bibliothek’

Ein hochinteressanter Beelzebub

Thursday, June 12th, 2008 von Katrin
Dieser Text ist Teil 9 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

Esther Vilar: „Der dressierte Mann“

Eines der vielen Bücher auf meinem aktuellen Stapel war ebendieses, von Vilar schon in den Siebzigern geschriebenes, mittlerweile neu aufgelegtes Werk über die armen Männer. Der Anfang las sich eigentlich ganz gut: Mit einer lustigen Portion Zynismus schildert die Autorin Situationen, in denen Männer sich für Frauen zum Affen machen. Alltägliches. Männer werden als von Frauen dressierte Wesen dargestellt, die sozusagen nur dazu da sind, die Drecksarbeit zu machen, während die Frauen scheinbar hilflos daneben stehen und es sich gut gehen lassen. Von Vilar kann man immerhin mitnehmen: Die Aufteilung in die Geschlechterrollen sind unfair, der Mann kommt dabei nicht einfach nur super bei weg – nein, er muss auch viele daraus entstehende Nachteile in Kauf nehmen. Die Sichtweise der Autorin ist dabei für mich mal mehr, meist aber weniger nachvollziehbar.

Natürlich schlug diese Streitschrift ein wie eine Bombe: Seit den Siebzigern nämlich beschäftigte sich der klassische, der radikale, der vorherrschende Feminismus vor allem damit, Frauen als die Leidtragenden einer von Männern dominierten Gesellschaft zu sehen und gegen diese Zustände zu kämpfen. Dabei gibt es drei verschiedene Aspekte, die das Thema brisant machten und bis heute machen: Erstens, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Handlungsbedarf für die Emanzipation der Frauen aus verschiedenen Gründen größer war, als jener der Emanzipation der Männer. Frauen waren allein schon durch Gesetze und gesellschaftliche Strukturen benachteiligt. Zweitens ist da die Frage nach den Männern und wie man sich ihnen gegenüber im Kampf für die Emanzipation der Frauen verhalten sollte, sind sie Freund oder Feind? Für einige waren sie der Feind und wurden ebenso behandelt. Drittens ist da die Seite der Männer und ihre eigenen Rollen, ihre Probleme, ihre Lebenswirklichkeiten: Sind die wirklich so super und einfach nur rosig? Diese Seite wurde vom radikalen Feminismus kaum thematisiert.

Ein moderner Feminismus, wie wir ihn hier betreiben möchten, setzt sich eigentlich mit allen drei Bereichen auseinander und versucht, die Spannungsfelder, die dort entstehen, zu thematisieren. Während die Emanzipation der Frauen aufgrund weiter existenter struktureller Benachteiligung immer noch ein großes Anliegen bliebt, ist die Interaktion zwischen den Geschlechtern und der Dialog eine immer wichtiger werdende Komponente geworden, DER Mann als Feind nicht mehr so trennscharf zu definieren. Diese beide Aspekte spielen aber in Vilars Buch keine große Rolle, hier geht es nur um die Rolle des Mannes und um seine Emanzipation, die in „Das Ende der Dressur“ genau beschrieben wird.

Aus der Sicht einer modernen Feministin ist daher „Der dressierte Mann“ ein interessantes, wenn auch zu verurteilendes Buch. Die Rollen und Stereotype, von denen Männer geplagt werden, finden eine einzigartige Aneinanderreihung, das Ausmaß der Nachteile, die auch Männer durch eine Aufteilung in Geschlechterrollen haben, wird an mancher Stelle übertrieben dargestellt und hervorgehoben, aber eben doch ganz gut deutlich. Leider schafft Vilar es nicht, die Kurve hin zu einer differenzierteren Problembeschreibung zu kriegen, stattdessen hackt sie auf den Frauen rum und sieht im Feminismus quasi den Teufel, den sie mit dem Beelzebub austreiben will: einem übertriebenen Maskulinismus. In „Das Ende der Dressur“ wird es dann erst richtig haarsträubend und man gelangt schnell zu dem Punkt, diese Frau am Ende doch nicht ernst nehmen zu können. Trotzdem haben mich vor allem die ersten zwanzig Seiten in mancher Hinsicht zu einem produktivem Nachdenken angeregt und meine Sichtweise der Gesamtsituation zwischen den Geschlechtern hat sich durch dieses Nachdenken recht gut weiterentwickelt. Zudem bieten die Bücher eine gute Ausgangslage, sich mit den unsinnigen Behauptungen gegenüber dem Feminismus auseinanderzusetzen, die bis heute immer noch an uns herangetragen werden. Ich möchte zum Schluss eine Rezensentin bei Amazon.de zitieren, die das alles sehr gut in einen kurzen Kommentar gepackt hat:

“Das Buch ist hochinteressant. Es fördert die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. Alles in allem halte ich es aber für einseitig und verfehlt, beinahe unseriös. Eine in intellektuelle Worte gefasste Herabsetzung der Frau.“

Vom Liebesglück zweier Schweine

Saturday, May 10th, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 8 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

Mit guten Büchern kann man nicht zu früh anfangen und deshalb ist es diesmal Zeit, ein wunderbares Kinderbuch vorzustellen. Eigentlich ist es auch gar nicht nur für Kinder, für Erwachsene steht auch eine Menge drin: “Trüffel liebt Rosalie” oder “Rosalie liebt Trüffel”. Das Buch hat beide Titel, es lässt sich von vorn nach hinten oder auch von hinten nach vorn lesen - einmal die Geschichte von Rosalie, einmal die von Trüffel. Und das Tolle an diesem Buch: Es erzählt sehr viel über Rollenerwartungen und Kommunikationsstörungen. Ja, tatsächlich. Am Beispiel von Schweinen.

Rosalies Geschichte beginnt unter einem Apfelbaum:

Rosalie ist verliebt.
In wen?
In Trüffel. Wen sonst?
“Verliebt waren wir alle mal”, sagt Rosalies Mutter. (…)
“Was kann der Kerl dir denn bieten außer den üblichen Schweinereien?”
“Sein Herz”, sagt Rosalie.
Also nichts.
Die Eltern schütteln betrübt die Köpfe.

Trüffels Geschichte beginnt unter demselben Apfelbaum:

Trüffel ist verliebt.
In wen?
In Rosalie. Wen sonst?
“Binde dich bloß nicht zu früh!”, sagt Trüffels Mutter.
“Genieße erst mal dein Leben”, sagt Trüffels Vater.
“Aber das tue ich!”, ruft Trüffel, “ich -”
“Später ist keine Zeit mehr dafür”, sagt Trüffels Vater.
Trüffels Mutter nickt.

Die beiden halten zueinander, müssen lernen, dass jeder Mensch anders funktioniert und dass sie über all das auch reden müssen, um nicht wieder getrennte Wege gehen zu müssen. Doch ihre Freunde leben ihnen etwas anderes vor. Rosalies Freundin Clara zum Beispiel liebt Carlo und sagt, sie liebe an ihm

“Sein Styling, sein Auto, seine Wohnung, …”
Und dass er eben ein richtiges Schwein ist.
Den Rest werde sie sich schon noch zurecht biegen.
Meint Clara.
Ach so! Rosalie staunt.
Sie selber liebe einfach alles an Trüffel:
“Wie er lacht wie er küsst wie er geht wie er steht wie er spricht
wie er liegt wie er träumt wie er tanzt wie er singt wie er -!”

Und Trüffels Freund Carlo ist genau so ein wandelndes Klischee wie Rosalies Freundin Clara. Er liebt an ihr

“Ihre Haxen, ihre Schenkel, ihre Wiederborstigkeit, …”

Das Buch stellt die gesamte “Frauen sind so, Männer anders”-Idiotie bloß, auf eine wahnsinnig charmante Art, und lässt am Ende natürlich Rosalie und Trüffel auch wieder zueinanderfinden. Unter dem Apfelbaum.

Wie werde ich ein richtiger Mann?

Friday, April 25th, 2008 von Katrin
Dieser Text ist Teil 7 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

Anleitung zum MännlichseinDas fragte ich mich heute ganz unvermittelt und begann daraufhin das Buch “Anleitung zum Männlichsein” von den Lebert-Brüdern zu lesen. Es war eine kurzweilige Angelegenheit von ein paar Stunden. Doch so recht weiß ich immer noch nicht, wie aus mir jetzt ein moderner Mann werden könnte.Das Buch hat mich mittels eines sehr aufreizenden Einbandtextes gekriegt:

“Die alten Zeiten will man nicht zurück, aber ihre Rolle als Mädchen für alles schmeckt den Männern auch nicht mehr. Andreas und Stephan Lebert erkunden, wie der Mann des 21. Jahrhunderts sich in verschiedenen Lebenssituationen bewähren kann, und finden jenseits aller Zerrbilder und Stereotypen Antworten auf die Frage, was einen Mann heute zum Mann macht.”

Klingt ja eigentlich ganz gut. Ich erhoffte mir wirklich eine Antwort auf die Frage “wann ist der Mann ein Mann”. Aber um es kurz zu machen: Die gibt es hier nicht. Das Buch ist voll von netten kleinen Geschichtchen, die irgendwie und irgendwo den Autoren oder deren Freunden oder entfernten Bekannten passiert sind. Dabei wurde wohl so verfahren, dass Mann sich regelmäßig in einem Berliner Café traf, diese Geschichtchen erzählte um dann induktiv daraus die Weltformel zu destillieren, die Antwort auf die Frage, wie ein Mann denn nun zu sein habe. Dabei werden die Frauen (”denn wir wissen ja, was Frauen so sagen”) immer nur mittels einer Stimme an unterschiedlicher Stelle eingestreut, ansonsten aber kategorisch ausgeschlossen, denn es sollte ja um die Männer gehen.

Interessant sind die Tipps oder Anleitungen ja schon: “Männliches Schweigen ist eine Kunst”, “Frauen zuhören ist ein Gewinn” - aber man sollte um Himmels Willen nie etwas sagen, nur um Frauen zu gefallen! “Wer bist du? Wer bin ich? - das muss immer klar sein” - aha. Ja klar, aber gilt denn das nur für Männer? Oder: “Anleitung zum Männlichsein Nummer fünf: Es gibt nur ein Gesetz: die eigene Lust.” Das würde ich dann auch gerne für mich beanspruchen. Also bin ich schon ein Mann - oder habe ich nun was verpasst?

Nein, im Großen und Ganzen muss man wohlwollend über dieses Buch urteilen: Es ist auf eine manchmal etwas bemüht wirkende Art und Weise, aber durchaus liebevoll gemeint, geschrieben und versucht den Männerbildern von heute wieder mehr Mut zum Eigensinn, zur Lächerlichkeit, zum Risiko zu vermitteln. Es will zeigen, dass manch ein Mann, der sich nur über seinen Beruf und seine Karriere definiert, nicht mehr ist, als ein armes Würstchen, dessen Leben sich auf eine einzige Sache beschränkt. Es möchte eine neue und gute Vater-Sohn-Beziehung gestalten (aber leider ist von Töchtern keine Rede!), es möchte hier, es möchte dort.

Dass manchmal eben doch die alten Geschlechtsstereotypen wiederholt werden, ist ärgerlich:

“Verweiblichung der Gesellschaft auf allen Kanälen: Medien, Politik, Familie, Freizeit, Gefühle, Psychologie, Gesundheit, Bildung, Kunst, Gefühl statt Sache, ich statt es, Harmonie statt Konflikt, reden statt tun […] Die Genauigkeit bei wissenschaftlichen Themen und die Kraft, sie in den Mittelpunkt zu rücken, und der Mut, scharfe Auseinandersetzungen zu führen und auszuhalten, also zu polarisieren: Wir behaupten, dass dies eine Angelegenheit der Männer wäre.”

Nach solchen Aussagen, wie sie im Kapitel “Die Verweiblichung der Gesellschaft” getroffen werden, fällt es wirklich schwer, wohlwollend zu bleiben. Aber es ist Gott sei Dank das einzige Kapitel in diesem Ton. Vielleicht haben die Brüder Lebert es nötig, sich über solche Kategorien zu definieren. Fakt ist, dass sie die von ihnen selbst geforderte Genauigkeit und wissenschaftlichkeit nicht einhalten können - an irgendwelchen Belegen für ihre Behauptungen mangelt es nämlich durchgehend in ihrem Buch (von den Geschichtchen abgesehen).

Ich fasse zusammen: Man(n) muss das Buch nicht lesen, um zu wissen, wie Mann im 21. Jahrhundert sein sollte. Man(n) muss das Buch auch nicht lesen, um irgendwelche neuen und bahnbrechenden Erkenntnisse zu gewinnen - geht man mit dieser Erwartung heran, wird man(n) definitiv enttäuscht. Aber: Anzuerkennen bleibt der Versuch, auch einmal den Mann in den Mittelpunkt einer Diskussion um Lebensführung, Rollenbilder und neue Wege zu stellen, denn alle Erfahrungen haben (leider?) gezeigt, dass Mann in solcherlei Fragen sich von Frau nichts sagen lassen möchte. Vielleicht sollten wir deshalb ermutigend dazu aufrufen, einen ernst zu nehmenden, mutigeren, differenzierteren Versuch zu starten, um der neuen Männlichkeit einen Rahmen zu verleihen. Denn ihr, liebe Leser seid gute Beispiele, wie es auch gehen kann - finde zumindest ich.

Deutschland, Schwarz Weiß

Wednesday, April 23rd, 2008 von Barbara
Dieser Text ist Teil 6 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

(c) C. Bertelsmann Der Bruder des Sexismus heißt Rassismus. In ihrem Buch “Deutschland Schwarz Weiß” macht die Journalistin und Musikerin Noah Sow eine Bestandsaufnahme über den alltäglichen Rassismus in Deutschland. Das Buch hinterlässt zwiespältige Gefühle, einerseits möchte man ihr nur Recht geben, dass sie sich empört über Kolonialreste wie zum Beispiel Figuren von Mohren, die in Restaurants aufgestellt werden oder die Unart einiger Leute, Schwarzen mit den Worten “Sind die echt?” ungefragt die Haare zu zerwuscheln. Andererseits schießt sie dann doch etwas übers Ziel hinaus, beispielsweise dort, wo sie in den Alien-Filmen oder bei Starwars Rassismus postuliert.Stellen, die mir gefallen haben, sind etwa die über Frauenrechte:

Das Allgemeinwissen der weißen Deutschen hinsichtlich Rassismus ist im Groben vergleichbar mit dem “Wissen” der Männer über die Rollen und die Behandlung von Frauen um 1850. Die einen wiegelten ab … , die anderen waren irrational-verwirrt …, der Rest wurde unterschwellig aggressiv. … Damals waren Männer entweder verängstigt, was sie nicht laut sage durften, weil es sich ja um Frauen handelte, von denen sie sich bedroht fühlten, … oder sie waren viel faul, um sich mit dem Thema Frauenrechte ernsthaft auseinanderzusetzen, unter anderem, weil sie das ja garnicht nötig hatten. Die Gesellschaft war währenddessen der festen Überzeugung, dass alles normal sei.

Oder die über Rassismus in den Medien:

Auch das Spiegel-Titelblatt zum Leitartikel “Das Böse im Guten - Die Biologie von Moral und Unmoral” … ziert eine weiße Frau als gut/die Moral, in deren Hinterkopf das Böse/die Unmoral sitzt: die Schwarze Frau. … ein Beispiel für die Tradition dieses Heftes, die weiße dominante und etablierte Sicht von “Schwarz” und “weiß” mit ihrem gesellschaftlichen Kontext aktiv zu bestätigen und aggressiv immer wieder neu zu etablieren. … Auf einem Titelblatt vom September 2007 über China beispielsweise lautete die Headline “Die gelben Spione”. Wie bitte? Gelb? Was soll das aussagen, außer dass die Redaktion rassistischen Assoziationen ganz gern freien Lauf lässt?

Kurz: Ein Buch, das es darauf anlegt, ab und zu in die Ecke gefeuert zu werden. Aber am Ende dann doch zum Nachdenken anregt. Erschienen bei C. Bertelsmann, 14,95 Euro.

Ratlose Neue Deutsche Mädchen

Tuesday, April 1st, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 5 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

Am Wochenende habe ich “Neue deutsche Mädchen” gelesen. Das dauerte vier Stunden, ich hatte einen unterhaltsamen Nachmittag in der Sonne, aber war nach der Lektüre auch irgendwie ratlos. Jana Hensel und Elisabeth Raether beschreiben wort- und anekdotenreich ihr Leben in Hamburg, Paris und Berlin und einen Lebensstil, der im Klappentext als der ihrer Generation bezeichnet wird: kurze Affären und Beziehungen, die ersten (Praktikums-) Erfahrungen im Job; ein bisschen das Leben der Eltern, ein bisschen das Leben der Freunde.Dieses über-sich-selbst-erzählen ist die Schwäche des Buches. Denn auch wenn der Klappentext etwas anderes verspricht, wie viele junge Frauen können sich schon mit einem Leben zwischen Gästelistenpartys, Einladungen zu schicken Dinners oder coolen Abrisshausfeten identifizieren, deren Beschreibung etwas zu sehr die Atmosphäre des Buches bestimmt. Das ist wirklich schade. Denn ihr Anliegen ist ein Gutes: Die beiden erzählen aus ihrer Vergangenheit von sich selbst, ihren Wünschen und Gedanken; und setzen dazwischen immer wieder ins Heute über, in dem sie desillusionierende Erfahrungen im Beruf, die x-te gescheiterte Beziehung und die schwere Idee von einem glücklichen Leben reflektieren. Im Vergangenheitsmodus schreibt Elisabeth Raether beispielsweise noch:

“Ich war eigentlich ganz froh, dass Christian die Organisation unseres Zusammenlebens übernahm und ich mich weitgehend passiv verhalten konnte.”

Im Heute-Modus erkennt sie:

“Ich habe von mir verlangt, mich seinen Erwartungen anzupassen, und habe nie von ihm verlangt, dass er sich meinen Erwartungen anpasst. Ich habe diese Erwartungen nicht einmal formuliert.”

Ihnen wird klar, dass sie viel emanzipierter werden müssen, dass die Klischees vom verliebten Weibchen und sich aufopfernden Müttern unsere Freiheit einschränken, dass eine Beziehung nicht daraus bestehen kann, immer genau das zu tun, was der Andere vermeintlich erwartet, dass sie den Mund aufmachen müssen gegen die Boys-Netzwerke in den Firmen, und dass sie auch überhaupt erst einmal rauskriegen müssen wie das geht mit dem weiblichen Erfolg:

“Diejenigen, die es geschafft hatten, sprachen nicht darüber, dass sie Frauen waren. Ebendeshalb aber konnten sie für viele keine Vorbilder sein: Ihr Aufstieg vollzog sich so wundersam, dass es unmöglich schien, einen solchen Weg zu planen. (…) Ihr Erfolg war immer ein Einzelfall, das Ergebnis gelungener Anpassung, nicht das veränderter gesellschaftlicher Bedingungen.”

Die beiden Autorinnen schneiden viele Problemfelder an: Rollenerwartungen, Familienleben, Berufstätigkeit, moderne Männer, alter Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstzweifel. All diese hätten sie aber gerne öfter mal etwas genauer untersuchen und dafür auf die eine oder andere Anekdote verzichten können. Was meine Ratlosigkeit über die Absicht des Buches am Ende wenigstens noch ein bisschen abgefangen hat, war der allerletzte Satz auf Seite 206:

“Es wird nämlich so sein, dass die meisten Frauen sich ihre Wünsche selbst erfüllen: Sie bitten ihren Mann, der sie zum Juwelier begleitet, um seine Meinung und zahlen am Ende ihren Schmuck selbst.”

Leseprobe: Wir Alphamädchen

Sunday, March 9th, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 4 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

Am kommenden Freitag erscheint unser Buch “Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht” bei Hoffmann & Campe. Hier könnt ihr das leicht gekürzte Einstiegskapitel des Buches schon vorab lesen:

Darum ist Feminismus toll

Alle jungen Frauen wollen heute das Gleiche, nämlich: genauso viel verdienen wie Männer, die gleichen Aufstiegschancen, einen gleich großen Anteil an der Macht in unserem Land und nicht vor die Entscheidung »Kind oder Karriere« gestellt werden. Wir wollen uns in keiner Lebenssituation mehr einreden lassen: »Das gehört sich nicht für eine Frau« oder »Mädchen können das nicht«. All das sollte eigentlich selbstverständlich sein, und doch ist es das nicht. Wenn die Gleichberechtigung der Geschlechter in unserem Land schon Realität wäre müssten wir nicht darüber reden. Realität aber ist, dass wir weiter um Emanzipation kämpfen müssen, in fast allen Bereichen des Lebens. Je weiter diese Erkenntnis wächst, desto absurder klingen die oft strapazierten Worte »Ich bin keine Feministin, aber …« Schluss mit dem Quatsch! Wir sind Feministinnen. Alle. Weil wir doch alle genau das wollen, was auch der Feminismus will: gleiche Verhältnisse für Frau und Mann. Also sollten wir auch etwas dafür tun!

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Schwestern - ein Politikerinnen-Buch

Wednesday, February 27th, 2008 von Barbara
Dieser Text ist Teil 2 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

Silvana Koch-Mehrin, (c) Econ Verlag Silvana Koch-Mehrins Buch “Schwestern - Streitschrift für einen neuen Feminismus“, das bereits im vergangenen Jahr im Econ Verlag veröffentlicht wurde, thematisiert die aktuellen Probleme von jungen Frauen: Kinder, Karriere, Beziehung, Familie - wie geht das zusammen? Die Autorin, 1970 geboren, ist FDP-Europapolitikerin. Promovierte Volkswirtschaftlerin, Ehefrau, Mutter zweier Mädchen.Koch-Mehrin bietet Lösungen für die oben genannten Probleme. In ihrem Buch fordert sie junge Frauen, die Kinder haben und arbeiten möchten, etwa auf, sich doch einfach als Rabenmütter zu bekennen:

“Das Bild der Rabenmutter kommt daher, dass junge Raben beim Verlassen des Nestes sehr unbeholfen wirken (…) Deshalb müssen ihre Eltern sie in die Welt schubsen (… )beschützen sie aber weiterhin vor Feinden. Was kann man Kindern Besseres angedeihen lassen als eine gute Mischung aus Loslassen und Haltgeben?”

Die Flucht nach vorne hilft, so die Autorin, in den meisten Situationen. Denn mutige Frauen, die sich auch nicht scheuen, Kontra zu geben, werden ernst genommen.

Neben diesen manchmal etwas altbackenen Ermunterungen liefert Koch-Mehrin Fakten über Modelle von berufstätigen Eltern aus europäischen Nachbarländern und kritisiert die Familienpolitik der Bundesrepublik:

“In Deutschland sind die Frauen mit der Frage der Kinderbetreuung allein gelassen. Es ist mehr als überfällig, endlich die Krippen und auch das Tagesmütter-System auszubauen. Mit verbindlichen Qualitätsstandards und Ausbildungsgängen.”

Doch nicht nur in der Bundespolitik lauern Feinde, auch in den deutschen Medien. Neben der früheren Moderatorin Eva Herman sind das “arrivierte Herren mit grauen Schläfen”, “Großkopferte” wie Spiegel-Feuilletonchef Matthias Matussek oder Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber, die Theorien über die Gefährdung der Deutschen durch die gebärstreikenden Frauen, über die Bewusstseinsübernahme der Deutschen durch mächtige Fernsehtalkerinnen und über die vom Aussterben bedrohten richtigen Männermänner kolportieren.

“Es ist wieder salonfähig, einen miefig-moralisierenden Überbau zu konstruieren. (…) Jedoch meinen diese selbsternannten Demografen aus der Tiefe ihrer ledernen Clubsessel nun nicht nur zu wissen, was gut ist für Deutschland, sondern speziell, was gut ist für Kinder und, nachrangig, für Frauen.”

“Schwestern” ist die Streitschrift einer jungen, aktiven Frau, der die Gegenwart in vielen Punkten stinkt. Neben der Kritik bietet sie Lösungen, indem sie sich in den europäischen Ländern umsieht und sich die Rosinen aus dem Teig der Möglichkeiten herauspickt - die Kompetenzen einer Europapolitikerin.

Charlotte Roche und der Feminismus

Tuesday, February 26th, 2008 von Meredith
Dieser Text ist Teil 2 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

Jetzt aber zackzack, noch ein Hinweis: Auf der jetzt.de-Seite in der Süddeutschen Zeitung ist gestern ein Interview mit Charlotte Roche erschienen. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass dieses Gespräch das wohl einzige ist, in dem Hämorrhoiden kein Mal vorkommen. Dafür haben wir uns lang und ausführlich über Feminismus unterhalten.

Feuchtgebiete” ist ein kurzweiliger Roman. Es geht darin um die 18-jährige Helen, die sich bei einer Intimrasur, äh, anal verletzt hat und deswegen operiert werden muss. Sie liegt danach ein paar Tage auf der Station und wartet auf den Besuch ihrer geschiedenen Eltern und dass ihr Stuhlgang wieder funktioniert. Nebenbei verliebt sie sich in ihren Pfleger Robbie und lässt selbstgebastelte Tampons im Aufzug liegen. Weil sie sonst nichts zu tun hat, beschäftigt sie sich eigentlich ununterbrochen mit sich selbst, ihrem Unterleib und ihren diversen Sekreten und Haaren. Sie denkt über Schönheitszwang, Hygieneregeln, weibliche Prüderie und das Dilemma, dass Frauen keine offene Sprache für ihre Sexualität haben, nach. Das ist manchmal ein bisschen anstrengend, aber oft auch sehr unterhaltsam und anregend.

Mein einziger wirklicher Kritikpukt - abgesehen davon, dass ich Hygienezwänge für eines der geringeren Probleme der Weltbevölkerung halte - ist, dass ich einer 18-jährigen Protagonistin eine dermaßen reflektierte und ausgereifte Sexualität nicht zutraue. Aber ich gestehe Charlotte zu, dass sie mit dem Buch möglicherweise eine personale Utopie entwerfen wollte beziehungsweise eigentlich der (jungen) Leserin Perspektiven aufzeigen wollte. Dass man eben durchaus laut und locker mit sich selbst und seinem Sex umgehen kann. Mit einer Mitt- oder Endzwanzigerin als Protagonistin würde das für jüngere Leserinnen mangels Identifikation nicht funktionieren.

Außerdem: It’s natürlich Fiction, Baby. Ich freue mich jedenfalls auf die Lesung heute Abend im Lustspielhaus.

180 Seiten Kampf für ein Erziehungsgehalt

Sunday, February 10th, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 1 von 9 der Serie Die Feministische Bibliothek

Der schnellste Weg, lesend Feministin zu werden: eine reaktionäre Lektüre. Wer das Buch der familienpolitischen Sprecherin (!) der saarländischen Linken (!!) liest, Christa Müllers “Dein Kind will dich“, ist danach ganz bestimmt für die Selbstbestimmung der Frau.Das einzige Problem an dieser Herangehensweise: Sie ist sehr, sehr anstrengend. Müller will auf 180 Seiten den Irrglauben retten, dass Kinderbetreuungseinrichtungen in Deutschland reine Verwahranstalten sind. Das ist ihre Hauptthese, die sie bunt illustriert - Chaos, mangelnde Zuwendung, Krankheit und Elend sind in Krippen und Kindergärten Alltag. Und weil die Zustände in der öffentlichen Kinderbetreuung so katastrophal seien, fordert sie, dass Frauen ihre Kinder zuhause erziehen, liebe- und hingebungsvoll, einfühlsam und selbstlos.

Ein Knaller gleich am Anfang des Buches: Deutschland hat nicht zu wenige Kinder, sondern zu viele - weil nämlich Kinder verwahrlosen, misshandelt werden und kein liebevolles Zuhause haben. Die Lösung, so Müller, sei die Einführung eines Erziehungsgehalts, damit sich die Frauen “leisten” können, ihren Kindern Liebe und Zuwendung zu geben. Aber es müssten von den Eltern auch ganz klare Anforderungen erfüllt werden:

“Das heißt konkret: Wie schaffen den Beruf Hausfrau und Mutter bzw. Hausmann und Vater. […] Entsprechend gäbe es in Zukunft aufgrund der Gründung einer Familie keinen Berufsausstieg und -wiedereinstieg von Mutter oder Vater, sondern einen Berufswechsel, […] Das Erziehungsgehalt wird nur geleistet, wenn der Altersabstand der Kinder mindestens zwei Lebensjahre beträgt, da die Erziehungsperson sonst nicht ausreichend Zeit hat, sich um das einzelne Kind zu kümmern.”

An dieser Stelle musste ich das erste Mal laut aber verzeifelt lachen. Müller entwirft schon auf den 170 Seiten davor zum Teil recht krude Modelle für die staatliche Überwachung der “richtigen” Erziehungsarbeit, doch die Forderung nach Mindestabständen zwischen der Geburt der Kinder ist die aberwitzigste von allen.

Ach, es würde hundert Zeilen füllen, den ganzen Quatsch aufzulisten, den sich Christa Müller für dieses Buch ausgedacht hat. Er lässt sich aber auch kurz in ein paar Gedanken und Zitaten zusammenfassen:

  • Frauen und Männer sind entgegen aller feministischen Bestrebungen nicht gleich.
  • Frauen sollen in die Erwerbsarbeit gezwungen werden, weil sie billige Arbeitskräfte sind.
  • Das geht zu Lasten der Kinder, die durch öffentliche Betreuung sozial und geistig gestört werden.
  • “Wer aber will, dass sein Kind in den ersten Lebensjahren so gesund wie möglich ist, sollte es lieber zuhause behalten.”
  • “Eine verantwortungsvolle und fähige Hausfrau, unterstützt von ihrem Partner, ist in der Aufziehung von Kindern und der Schaffung eines gemütlichen Heimes für die ganze Familie unverzichtbar.”
  • “Inzwischen stellen wir in allen Ländern fest, dass die Männer offenbar nicht bereit sind, ihren Part im Haushalt zu übernehmen.”
  • “Der Mann kann Karriere machen und verdient immer mehr Geld, die Frau optimiert derweil ihre Tätigkeit zuhause.”
  • Die Frauen sollten erkennen: “Man kann im Leben nicht alles haben.”

Alle diese Punkte zeigen ärgerliche analytische Mängel: Müller nimmt kritisierbare Zustände als nicht zu ändern hin - unterschiedliche Gehälter, im Haushalt faule Männer etc. Viele ihrer Feststellungen sind ja ganz richtig: Wir haben viele Kinder in diesem Land ohne Bildungschancen und wirklich sind nicht wenige Frauen überfordert, wenn ihnen neben einer (meist auch finanziell notwendigen) Berufstätigkeit die Kindererziehung und der Haushalt als natürliche Aufgaben zugewiesen werden. Aber ihre Lösungsvorschläge orientieren sich nicht an den gegenwärtigen Umständen und an zukunftsfähigen Ideen, sondern ausschließlich an der Vergangenheit. Weswegen Christa Müllers Buch kein konstruktiver Beitrag zur aktuellen Debatte ist, sondern einfach nur ein Nachruf auf die “guten alten Zeiten”, die niemals wiederkommen werden. Weil wir jungen Frauen aber keinen Bock auf Zustände wie in den 50ern haben, versucht uns Müller, die Hausfrauenehe noch mal schmackhaft zu machen:

“Freundinnen meiner Mutter waren stolz darauf, Männer zu haben, welche die Familie allein ernähren konnten. Die Männer waren wiederum froh, eine Frau vorweisen zu können, welche den Haushalt perfekt führte, sich um die Kinder kümmerte, sie hübsch kleidete und anständig erzog. In diesen Ehen achteten sich die Partner gegenseitig, und sie wurden auch von der Gesellschaft respektiert.”

Ja, klar. Wer sich bis jetzt noch nicht sicher war, ob wir den Feminismus brauchen: Lesen!