Briten bringen ernste Seite des Sex ins TV

von Susanne

Ab sofort dürfen in Großbritannien Abtreibungskliniken Werbung im Fernsehen und Radio machen und Werbung für Kondome darf nun auch vor 21 Uhr ausgestrahlt werden. Beide Neuerungen sollen ein Schritt gegen die vielen Teenagerschwangerschaften im Land sein. Dass letzteres, die Kondomwerbung nicht schon lange rund-um-die-Uhr erlaubt ist, fand ich fast schon skurril. Hierzulande wächst man ja quasi mit Werbung für Safer Sex auf. (Oder?)

„Die Pläne resultieren aus der ersten großen Prüfung der britischen Werberichtlinien in 50 Jahren. Abtreibungsgegner wie die ‚Society for the Protection of Unborn Children‘ protestieren bereits“, steht in der Süddeutsche Zeitung heute dazu. Großbritannien ist das Land mit den meisten Teenagerschwangerschaften in Europa.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 27. März 2009 um 10:15 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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25 Kommentare

  1. Hanna sagt:

    Zumindest nach 21 Uhr habe ich im englischen TV schon einige Werbeclips in dieser Richtung vor dieser Entscheidung gesehen. Allerdings habe ich das Gefuehl oefter Dating-Werbeclips als Kondomwerbung gesehen zu haben. Die interessanteste Kombination war: erst ein Clip der SMS-Dating bewarb (grober Inhalt: Frauen in Deiner Umgebung…), direkt danach eine Werbung fuer eine Lotion, die Schwangereschaftsstreifen verringern soll, mit schwangeren Frauen im Bild, und im Anschluss daran eine Werbung, die auf sexuell uebertragbare Krankheiten aufmerksam machen sollte und Kondome bewarb. Ob die Dating-Firma nach der Clip-Kombination viele Kunden hatte – man weiss es nicht…

  2. Ariane sagt:

    Wirklich merkwürdig, es ist doch nicht schlimm, wenn Kinder am Nachmittag eine Kondomwerbung sehen, die werden damit ja vertraut. Im Rahmen eines Aufklärungsgesprächs können die Eltern ihnen ja sagen, weshalb und für was man die lustigen Dinger, für die Werbung betrieben wird, braucht.

    Auch Werbung von Abtreibungskliniken ist sinnvoll. Im Gegensatzu zu Deutschland, wo Ärzte auf ihrer Homepage zwar für Schamlippenverkleinerung und Wiederherstellung des Jungfernhäutchens werben dürfen, aber sofort eine Anzeige am Hals haben, wenn sie schreiben, sie bieten auch den Schwangerschaftsabbruch an, geht man in GB damit viel offener um. Aber gerade für Teenager, die vielleicht nicht im Internet suchen würden, ist ein TV-Spot hilfreich, damit sie erfahren, wo sie einen Ansprechpartner bei einer unerwünschten Schwangerschaft finden. In England sind Abtreibungen ja bis in die 24. Woche erlaubt und sehr viele Spätabtreibungen entfallen auf Minderjährige, weil sie sehr lange gewartet haben. Erfahren sie aus TV, wo es diese Kliniken gibt, würden sie sicher viel früher den Eingriff machen und die sehr belastende Situation einer Spätabtreibung würde in viele Fällen wegfallen.

    A propos Kombination von Werbung. Rechts oben blinkt bei mir gerade eine Werbung dafür, wo man Babysitter und Tagesmütter in der eigenen Umgebung findet :-) Auch eine nette Dienstleistung der Mädchenmannschaft. Kommt auch mal Kondomwerbung? :-)

  3. x sagt:

    Besonders merkwürdig, da ich in der Londoner UBahn schon Werbung für Lotion/Spray gesehen, die das männliche Geschlechtsorgan unempfindlicher machen soll, damit es länger Spass macht. Die Werbung war von Durex und ich nehme mal an, dass sie das stärker bewerben werden als Kondome an sich.

    Und „safer sex“ Werbung wie in Deutschland müsste halt von der Regierung bezahlt werden – und da ist dann fraglich, ob sie das machen. Einfach nur erlauben, zu werben führt ja nicht zwangsläufig dazu, dass dieses Angebot genutzt wird…. das sind ja rein kommerzielle Interessen von den Kondomanbieter, und hat nix mit Sexualerziehung zu tun (was in meinen Augen das eigentliche Problem in England ist).

  4. Friederike sagt:

    Werbung hat so was Konsumorientiertes. Ich weiss nicht ob Werbung für Schwangerschaftsabrüche im Sinne eines Werbespots nicht zu „leicht“ rüber kommen. Ich meine eine Abtreibung ist ja kein Gang zu McDonnalds. Wie soll das ausehen? Eine Frau kommt strahlend aus der Klink und ist jetzt sooooooo erleichtert?
    Ich finde es auch wichtig dass Betroffene über ihre Möglichkeiten erfahren, auch übers Fernsehen. Nur „Wie“ ist die Frage.
    Kann man sich solch einen Werbespot mal irgendwo ansehen?

  5. Ariane sagt:

    Natürlich kann man schlecht eine Frau mit schreiendem Kind zeigen, daneben eine Frau, die lächelnd in sexy Kleider aus einer Abtreibungsklinik rausgeht. Ich würde Bezweifeln, ob es wirklich, wie der Titel des verklinkten Artikels. „Werbung für Abtreibung“ ist. Sondern wohl vielmehr die Nennung der Kliniken als Hilfsangebot. Aber man sollte den Spot mal sehen, um sich eine Meinung zu bilden.
    Und Abtreibung ist was konsumorientiertes. Die Ärzte verdienen damit gutes Geld. Und ich meine, würde man es ihnen erlauben, darüber offen zu informieren, würde auch den Frauen zuliebe ein Konkurrenzkampf entstehen. Da ich immer wieder von Frauen höre, der Arzt zu dem sie gegangen sind, hätte sie schlecht behandelt, ist es ein immenser Fortschritt, wenn man über andere Alternativen im Bilde ist. Wenn eine Frau einen TV-Spot sind, in 50km Entfernung gibt es eine „Abtreibungsklinik“, dann wird sie, wenn sie zuerst zum nächstgelegen Arzt geht, sich ihm nicht so ausgeliefert fühlen. Da sie es sich immer noch überlegen kann, die Klinik aufzusuchen.

  6. Mondfee sagt:

    Zum Thema Abtreibung gibt es auch hierzulande Neues:
    >>>
    […]
    Frauenbewegung, der Kampf um den Paragrafen 218, „Mein Bauch gehört mir“ – in Ostwestfalen scheint es so, als habe es all das nie gegeben. Bis Dühlmeyer kam, mussten Paderborner Frauen das Kreisgebiet verlassen, wenn sie ihre Schwangerschaft abbrechen wollten. Ein offizielles Abtreibungsverbot gab es zwar nicht, aber kein Arzt wollte einen solchen Eingriff vornehmen – und die Krankenhäuser sind alle in konfessioneller Trägerschaft. „Es hat sich nie einer getraut hier im katholischen Paderborn“, sagt Mireille Dühlmeyer. Die Paderborner Frauen kamen deshalb in ihre Praxis nach Bielefeld – „zum Teil unter abenteuerlichen Umständen, mit dem Bus, nüchtern und mit ihren Kindern im Schlepptau“, sagt sie. „Unhaltbare Zustände“ seien das für sie gewesen.<<<
    http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/paderborns-aufklaerung/

  7. Chrissy sagt:

    Werbung ist tatsächlich reiner Kommerz. So richtig vorstellen, wie so etwas ablaufen sollte, kann ich mir nicht. Eine Abtreibungsklinik will ja möglichst viele Abtreibungen durchführen, um damit Geld zu verdienen. Vielleicht entscheiden sich dann junge Frauen vorschnell für eine Abtreibung, weil dafür so harmlos geworben wird?
    Information, welche Institutionen Abtreibungen anbieten ist wichtig. Ist aber das Fernsehen der richtige Ort, so zwischen Milky Way und Axe?

    @ Mondfee
    Interessanter Link. Sicher ist es erleichternd, wenn Frauen einen kürzeren Weg haben. Nur eben, ob sie es wirklich wollen? Werden sie dann nicht automatisch bei der Ärztin landen, die in Paderborn ein Monopol dafür hat, weil es eben die einzige ist, die auf der Liste steht? Man kann ja nicht die Qualität weiter entfernten Kliniken wirklich im voraus überprüfen. Ich halte Anfahrtswege von 30-50km für unproblematisch. Viele Frauen nehmen freiwillig einen längeren Weg, weil sie einer Tagesklinik in der 80km entfernten Stadt mehr trauen als dem Arzt im Dorf.
    Erschüttert hat mich die 200-Euro-Zahlung, wenn der Termin nicht rechtzeitig abgesagt wird. Damit wird Druck aufgebaut. Und es stimmt überhaupt nicht, es ist nicht überall so. Gerade in der Tagesklinik in der ich war, wurde gesagt, ich könne bis zu einem bestimmten Punkt, der Unmittelbar vor der Vornahme der Abtreibung liegt, es mir immer noch überlegen, absagen oder verschieben. Es würden keine Kosten entstehen. Ich respektiere Frauen, welche aus Gewissensgründen Schwierigkeiten mit ihrem Abbruch haben. Und gerade solche, die vor allem aus finanziellen Gründen abtreiben, werden durch die Strafzahlung aufgeschreckt und finden nicht den Mut den Termin eine halbe Stunde vorher abzusagen. Oder, was auch immer wieder geschieht, vom Stuhl aufzustehen. Wenn der Staat schon das Bedürfnis hat, in die Abtreibungsfrage zu funken, dann soll er wenigstens solche Strafen für unsichere Frauen verbieten.

  8. Lucy sagt:

    Seit heute gibt’s auch schon wieder ne neue Anti-Aids-Kampagne in Deutschland… http://www.machsmit.de Wenn es auch nur eine HIV-Ansteckung verhindert, hat es ja schon was gebracht. Und mit den ungewollten Teenagerschwangerschaften ist das ähnlich denk ich.

  9. Erna sagt:

    höchst interessant!
    ich war noch vor ein paar wochen auf einer konferenz wo es um die aktualisierung eines programmes für sexualaufklärung in schulen ging. auf dieser konferenz wurde über die frage disktutiert ob man neben den themen geschlechtskrankheiten, verhütung ungewollter schwangerschaften und sexuelle gewalt nicht auch mehr auf die positiven aspekte von sexualität eingehen sollte. dabei ging es unter anderem auch um negative einflüsse der medien, z.B. durch pornos (weil irreale bilder von sexualität manifestiert werden oder ein respektloser umgang gefördert werden könnte) aber auch durch angstmachende kampagnen. jetzt wird überlegt wie man diesen einflüssen entgegenarbeiten könnte…
    das in großbritannien gerade erst angefangen wird überhaupt werbung über die „negativen“ aspekte von sexualität kindern und jugendlichen zugänglich zu machen, ist ziemlich erschreckend.

  10. Chrissy sagt:

    Es handelt sich aber nicht um staatlich geförderte Aufklärung wie ich es verstanden habe, sondern nur die Möglichkeit, für Kondome zu werben, auch tagsüber, und die Aufhebung des Verbots für Werbung von Abtreibungskliniken.
    Mehr Information, wie das genau geschehen soll, wäre wünschenswert, da ich mir einfach nicht vorstellen kann, wie eine Abtreibungsklinik im Fernsehen Werbung machen kann.

  11. Hanna sagt:

    @ Erna

    Voellig unaufgeklaert sind die Kiddies hier in England auch wieder nicht. Ich habe durchaus schon Plakate an Bushaltestellen gesehen, die an Chlamydien Infektionen erinnern, es gab auch entsprechende Diskussionen auf der Website von BBC Radio 1, und als ich mein Studium begonnen habe, sind wir praktisch zugeschuettet worden mit Infos ueber alle moeglichen Sachen – vorallem Alkohol, Drogen, STDs und so weiter. Und in GB faengt man ja meist schon mit ca. 18 das studieren an. Was die Juengeren angeht, weiss ich leider nicht, wie gut die informiert sind. Allerdings bekommt man die Pille hier auch recht einfach. Ich weiss nicht so ganz woran es liegt, aber die Jungs und Maedls scheinen die Warnungen die man ihnen gibt auch einfach nicht wirklich ernst zu nehmen. Der Fall Alfie* der vor kurzem in den Headlines war, zeigt aber auf sehr erschreckende Weise, dass da definitv was nicht stimmt (siehe z.B. die Statistik im Guardian). Aber ob es wirklich an mangelnder Aufklaerung durch die Medien liegt?

    *Alfie, ein 13jaehriger, sollte angeblich eine 15jaehrige geschwaengert haben. Das wurde dann aber bezweifelt und eine ganze Reihe von weiteren moeglichen Vaetern haben sich gemeldet. Im Endeffekt hat ein DNA-Test nun wohl belegt, dass er nicht der Vater ist. Es wurde u.a. auch die These aufgestellt, dass die 15jaehrige und ihre Familie behauptet hatte, Alfie sei der Vater, um mit der Geschichte Kohle machen zu koennen.

  12. maria sagt:

    am besten im gedächtnis geblieben ist mir folgende britische werbung:
    ein hübsches mädchen stylt sich für den abend. sie zieht ihre strumpfhose an und reisst diverse löcher hinein, ihr shirt verrutscht sie und nachdem sie sich die haare gekämmt hat, übergibt sie sich und schmiert sich das ganze in die haare. ihr makeup verschmiert sie ebenfalls sofort nach dem auftragen. der slogan dazu ungefähr so: ihr würdet so doch nicht weggehen, warum also so nach hause kommen!

    viele meiner freunde in GB haben sich schon beschwert, dass betrunkene britInnen sich ihnen quasi völlig an den hals geworfen hätten. bis also safer sex so sehr in den köpfen verankert ist, dass auch im stockbesoffnen zustand keine andre möglichkeit denkbar ist, sollte wohl zusammen mit kondomwerbungen auch mehr gegen binge drinking geworben werden.

  13. Erna sagt:

    @ Hanna: nee, aufklärung kann gar nicht nur durch die medien geschehen. ich fand nur den kontrast so interessant (das worüber ich gesprochen hab passiert so gerade in den Niederlanden)… aber gut zu wissen, dass es doch schon plakate u.ä. gibt auch wenn die zahlen so erschreckend hoch sind.
    der aspekt den maria gebracht hat spielt mit sicherheit auch ne große rolle…
    weiß vielleicht jemand etwas über die sexualaufklärung in schulen?

  14. Hanna sagt:

    @ Erna

    Diesem Guardian Artikel zufolge sah sex ed an britischen Schulen bis jetzt so aus:

    „Secondary schools have so far had to teach the mechanics of sex in biology classes, but not in conjunction with relationships and sexual health.“

    Das aendert sich jetzt:

    „A new personal, social and health education (PSHE) curriculum, expected by 2010, will include compulsory sex and relationships education as well as better advice warning children against drugs and alcohol. Children will learn about body parts and the fact that animals reproduce from the age of five, puberty and intercourse from the age of seven and contraception and abortion from the age of 11. Schools will not be allowed to opt out of the rules but the government is promising separate guidance to faith schools, which could find elements of the new curriculum at odds with their spiritual beliefs.“

    Immerhin. Aber ich glaube, es muss auch mit am Zuhause liegen. Es sind ja nicht nur die Schulen fuer das Sexualverhalten der Kiddies verantwortlich.

  15. Ariane sagt:

    Mir sind aus meinen England-Aufenthalten immer diese junge Mädchen im Kopf, schätzungsweise 13-14 Jahre, die extrem geschminkt und in aufreizenden Kleidern Hand in Hand mit etwa gleichaltrigen jungen Männern durch die Stadt spazieren. Tatsächlich wird den Eindruck den man bekommt durch die hohe Zahl der Teenagerschwangerschaften bestätigt.
    Sollte diese hohe Zahl durch ein aktiveres Sexualleben der jungen Engländerinnen bedingt sein, handelt es sich gar nicht um eine Schlamperei in der Verhütung. Wären etwa doppelt so viele 14jährige Engländerinnen als Deutsche bereits sexuell aktiv und die Schwangerschaftsrate doppelt so hoch, dann handelt es sich nicht um einen Mangel an Aufklärung, sondern um eine Folge eines andern Lebenswandels. Und diesen kann man nicht als schlecht taxieren, so lange es sich um freiwillige Sexualkontakte handelt. Wirklich vorwerfen könnte man den Engländern erst dann etwas, wenn sich herausstellen würde, pro 1000 Sexualkontakte unter Jugendlichen entstehen mehr Schwangerschaften als pro 1000 Sexualkontakte in Deutschland. Und nicht die Schwangerschaftsrate pro 1000 Jugendlich allgemein betrachten. Da wären weitergehende Untersuchungen sinnvoll.

    Nichtsdestotrotz soll alles unternommen werden, um dieser Situation Abhilfe zu schaffen, egal ob in Deutschland oder in England. Dazu gehört, kombiniert eben mit der HIV-Problematik eine frühe Information über die Anwendung von Kondomen. Da diese Schwangerschaften in aller Regel unerwünscht sind, auch Erleichterung des Zugangs zu andern Verhütungsmitteln, inkl. Pille danach. Diese Thematik sollte auch im Rahmen von schulärztlichen Untersuchungen besprochen werden, damit junge Menschen rechtzeitig Zugang zu Verhütungsmitteln bekommen und über deren korrekte Anwendung informiert werden. Und wie es eben GB jetzt vormacht, sollte man darüber hinaus erstens einen einfachen Zugang zum Schwangerschaftsabbruch garantieren sowie die Information, welche Schritte in dem Fall zu unternehmen sind. Ob ein TV-Spot der ideale Weg dafür ist, darüber kann man streiten. Aber es ist im Interesse aller, wenn ein Mädchen, das eine Schwangerschaft vermutet, möglichst früh eine Institution aufsuchen kann, in der der Verdacht bestätigt wird (oder auch nicht) und in der sie ihre Schwangerschaft, falls tatsächlich unerwünscht, möglichst schnell abbrechen kann.

  16. Ariane sagt:

    @ Mondfees link
    Ein wenig OT, aber dennoch. Zwar habe ich ja schon mal geschrieben, beim Angebot für einen Schwangerschaftsabbruch kommt es nicht nur darauf an, wie weit die betroffene Frau zu reisen hat, sondern mehr auf die Qualität der Versorgung. Jedoch ist es schon befremdlich, wenn es sich um eine Stadt mit mehr als 100 000 Einwohner handelt, in der keine einzige Praxis/Klinik diese Leistung angeboten hat. Vielleicht mal ein Rechenbeispiel.
    Die Uni Paderborn hat 13500 Studenten, sagen wir mal, 7000 davon sind weiblich. Pro 10 000 Frauen im Alter von 20-25 Jahren gibt es statistisch gesehen etwa 120 Abbrüche im Jahr, das würde ein Anzahl, einzig für die Studentinnen, von über 80 Abbrüchen im Jahr geben. Das nur für Studentinnen der dortigen Uni, und das nur laut der allgemeinen Statistik (würde dazu noch annehmen, die Quote sei bei Studentinnen höher als bei der übrigen Bevölkerung, aber dazu bräuchte es mehr Zahlenmaterial). In andern Worten ausgedrückt, pro Arbeitswoche (gibt ja noch Feiertagsurlaub, wo vieles dicht ist) etwa 2 Studentinnen.
    Man kann noch den Rest der Bevölkerung dazurechnen, 120 000 Nicht-Uni-Studenten, sagen wir mal 60 000 Frauen, davon grob geschätzt 15 000 im gebärfähigen Alter. Nehmen wir, vorsichtig geschätzt 60 Abbrüche pro 10 000 Frauen in dem Alter, dann wären das 90.
    Am Ende wohl noch verdoppeln, weil noch Städte und Dörfer der Umgebung. Alles in allem, ganz grob geschätzt, 5-10 Frauen pro Woche aus der Region die einen Abbruch wünschen. Das ist wirklich skandalös, wenn es das Angebot bisher nicht gegeben hat.

    Natürlich ist die Praxis gewinnorientiert, und will Ausfälle vermeiden. 200 Euro halte ich aber für übertrieben, da wird tatsächlich ein Druck erzeugt. Operationen verlaufen ja nicht immer nach Plan, wer mal zwei Stunden in einem Wartezimmer gewartet hat, kann ein Lied davon singen. So schlimm kann es doch nicht sein, wenn vielleicht wöchentlich eine Frau zum Termin einfach nicht kommt oder ihn kurz davor absagt. In solchen Konfliktsituationen ist Druck nicht ratsam. Eigentlich schade, finde ich, wie das gehandhabt wird.

  17. Erna sagt:

    @ariane: interessanterweise ist ja in GB die „pille danach“ rezeptlos in apotheken erhältlich. ich weiß jetzt nicht ab welchem alter oder ob das überhaupt beschränkt ist.
    ich frage mich, ob nicht auch dieser umstand vielleicht zu eventuellen lücken im regelmäßigem gebrauch von verhütungsmitteln beiträgt. will das definitiv nicht verurteilen fänd nur interessant ob es da einen zusammenhang gibt.

  18. Erna sagt:

    @ hanna: klingt ja so erstmal gut. natürlich kann schul-aufklärung nicht die erziehung von eltern ersetzen aber es bildet zumindest eine kontrollierbare basis. was zu hause in sachen aufklärung passiert kann man ja nicht wirklich beeinflussen…

  19. Ariane sagt:

    @ Erna
    Interessant wären natürlich Zahlen zum Gebrauch der Pille danach abhängig von der Rezeptpflicht. Früher habe ich auch immer gesagt, die Pille danach sollte so einfach wie nur möglich zu bekommen sein. Nebenwirkungen hat die rezeptfreie Abgabe aber auf jeden Fall.
    Denn es wird immer diese Menschen geben, die sich sagen, sie verzichten auf die Verhütung, man kann am nächsten Tag ja in die Apotheke. Ist man gewzungen zum Arzt zu gehen, ist die Hemmschwelle höher, was eben auch die positiven Seiten hat, vielleicht gehen dann einige doch noch nachts zum Kondomautomaten. Und in einem Gespräch mit dem Arzt kann allgemein Informationsbedarf zu Verhütung bedient werden.
    Das Problem der Pille danach sind erstens die Nebenwirkungen, zweitens die Unsicherheit. Sie kann zwar eine Schwangerschaft verhindern, ist aber viel unsicherer als die normale Pille oder eine korrekt angewandtes Kondom. Sollte es stimmten, was in letzter Zeit immer wieder behauptet wird (im Gegensatz zu den alten Information), nämlich dass die Pille danach überhaupt nicht nidationshemmend wirkt sondern nur den Eisprung verhindert, dann würde es noch stärker für einen Arztbesuch sprechen, damit man anhand des Zyklus entscheiden kann, ob die Pille danach überhaupt sinnvoll ist, das Risiko eine Schwangerschaft eh gering wäre oder aber der Eisprung schon stattgefunden hat, was für eine Spirale dannach sprechen würde. Statt rezeptfreie Abgabe in Apotheken wäre eine einfach Abgabe in Familienplanungszentren, welche ganzheitlich beraten, sinnvoller.

  20. SoE sagt:

    @Chrissy: Der Begriff „Abtreibungsklinik“ impliziert immer, dass es Kliniken sind, in denen NUR Abtreibungen durchgeführt werden. Aber das gibt es doch gar nicht. Außer auf den Schiffen, die in internationalen Gewässern vor Ländern operieren, in denen keine Abtreibungen erlaubt sind. Überall dort, wo Abtreibungen legal oder straffrei durchgeführt werden, sind das Krankenhäuser oder Ärzte, die noch jede Menge andere Prozeduren durchführen. Deswegen haben die sicher keinen Druck, jetzt mehr Abtreibungen durchzuführen. Ich kann mir daher, und weil das echt schon unmoralisch wäre, nicht vorstellen, dass die jetzt „Lassen Sie Ihre Abtreibung noch HEUTE durchführen, DISKOUNTWOCHE: Alle Abtreibungen 50 % günstiger“ an die Scheibe pappen. Ganz im Gegenteil. Die Werbung wäre sicher sehr diskret und unaufdringlich. Aber selbst wenn damit Abtreibung destigmatisiert wird, kann das nur gut sein, weil die Frauen jetzt und in Zukunft nicht aus Spaß abtreiben, aber heute immer noch Frauen verzweifeln, weil sie keine Informationen haben, Fristen verpassen, nicht wissen, wo sie einen Eingriff durchführen lassen können etc.

  21. SoE sagt:

    Interessant dazu, aus dem Paderborn-Artikel:
    „Mit Abbrüchen verdient man nicht fürstlich, Praxen brauchen auch normale Sprechstunden“

  22. Ariane sagt:

    @SoE und Chrissy
    Im Artikel war die Rede von Abtreibungskliniken. Es gibt in England wirklich Abtreibungskliniken, die neben Nebentätigkeiten wie Verhütungsberatung (häufig eben auch im Zusammenhang mit Abtreibungen) eben fast nur Schwangerschaftsabbrüche organisieren. Es sind privat organisierte Kliniken die von einer Gesellschaft, die für reproduktive Rechte eintritt, getragen werden. Daher ist der Begriff Abtreibungsklinik wohl korrekt. Ein Blick auf die entsprechenden Homepages macht das deutlich, „book an abortion consulation“, darunter noch Sterilistation für Mann oder Frau. Ähnlich läuft es in den Niederlanden, wo Kliniken auf Abbrüche spezialisiert sind, Nebenbemerkung: In den niederländischen Abtreibungskliniken arbeiten nur zum geringen Teil Gynäkologen, sondern häufig Allgemeinärzte, die sich auf Abtreibungen spezialisiert haben, den Zusammenhang Geburtshilfe-Abtreibung wie in Deutschland es der Regelfall ist, gibt es dort nicht. Die Niederlande (und ähnlich wohl auch GB) haben eine sehr liberale Abtreibungspraxis, interessanterweise finden fast alle Abbrüche dort in einigen wenigen spezialisierten Kliniken und Zentren statt.

    @ SoE 2
    Halte das Zitat für falsche Bescheidenheit :-) naja, die Frage ist, was „fürstlich“ ist. Im Gegensatz zu „normalen“ Leistungen können Abbrüche lohnend sein, weil diese entweder von der Patientin oder vom Bundesland getragen werden. Also keine Kasse die dem Arzt im Nacken sitzt, er habe im Monat schon 15 bestimmte Eingriffe gemacht, er bekommt für weitere kein Geld und was für Stories man hört.
    Sicher machen Kosten (Mitarbeiter, Material, Miete) einiges aus, aber wenn man hochrechnet, wieviel für eine Abtreibung in Deutschland in der Regel fällig wird, wie viele pro Stunde durchgeführt werden können, dann kann man mit einer Spezialisierung auf Abtreibungen tatsächlich gut verdienen. Natürlich, ein Top-Schönheitschirurg verdient mit seiner Schnippselei sicher mehr… aber verdienen kann man damit. Sonst wäre es für die Ärztin in Paderborn wohl auch unrentabel nur wegen zwei Tagen die Woche die sie dort arbeitet sich eine Praxisklinik zu halten.

  23. Ariane sagt:

    Nachtrag: Der beschriebene Fall Paderborn ist faktisch dann eben eine Abtreibungsklinik. Interessant: Auch in Bayern wird angeblich mehr als die Hälfte der Abbrüche von nur 2 Spezialkliniken durchgeführt. Wahrscheinlich auch weil da sehr wenige Gynäkologen in ihren Praxen Abbrüche durchführen.

  24. Chrissy sagt:

    Gibt es Statistiken zu den „Abtreibungsärzten“ je nach Bundesland? Bayern ist wirklcih interessant, weil man diese Aufgaben auf wenige Kliniken spezialisiert.

    @ SoE
    Vielleicht verstehen Ärzte was anderes unter fürstlicher Bezahlung als Stundentinnen. Aber ein Schwangerschaftsabbruch kostet etwa 300 Euro, mit Vollnarkose 100-150 Euro mehr. Ignorieren wir jetzt mal die Kosten für den Narkosearzt, der natürlich auch daran beteiligt ist, und gehen von den 300 Euro aus. Da wird ein Arst mit eigener Praxis eine Kosten-Nutzen-Analyse machen. Trifft er die Entscheidung, Abbrüche durchzuführen, und gibt es in einer Stadt genug Ärzte die das auch machen, wird er sich fragen, ob er bei 1-2 Abbrüchen pro Woche, die ihm also 300-600 Euro Bruttoeinnahmen zusätzlich bringen würden, nicht mehr verliert, wenn er als Belohnung dafür dann Abtreibungsgegner vor der Tür am demonstrieren hat. Die Entlöhnung ist da wirklich nicht fürstlich.
    Wenn aber eine Ärztin oder ein Arzt sich eben auf Abbrüche spezialisiert, weil in der Gegend sie sonst niemand vornimmt, kann damit gut verdient werden. Gründen wir doch einmal in Gedanken eine Abtreibungsklinik in einer katholisch geprägten Metropole mit einer noch katholischer geprägten Umgebung. Vorausgesetzt im Umkreis von 100km bietet sonst kein Arzt Schwangerschaftsabbrüche an. Ein Abbruch dauert inkl. Vorbereitung etwa 15 Minuten. Gibt ja noch Pausen, sagen wir also 2 pro Stunde. Macht an einem verlängerten Vormittag 10 Schwangerschaftsabbrüche. Der Nachmittag wird für Gespräche und Nachbetreuun genutzt. Also 50 Abbrüche pro Woche, macht ohne Weihnachtspause 2500 im Jahr, mal 300 Euro, ergibt 750 000. Denken wir uns, die Abbrüche führt ein Arzt/Ärztin durch, hat eine Opereationsassistentin und eine „Vorzimmerdame“ für die Termine. Deren Lohn abziehen, Miete, Materialkosten. Da bleibt schon einiges übrig. Deshalb wir aus dem tiefschwarzen Lager dem berühmtesten Abtreibungsunternehmer aus Deutschland auch immer vorgeworfen, er verdiene damit ein Vermögen. Man kann mit Abtreibungen sehr wohl viel Geld verdienen, vorausgesetzt man hat ein Monopol dafür.

    Es gibt in Deutschland überhaupt keine Diskussion darüber, wo Abtreibungen eigentlich druchgeführt werden sollten, somit sind die regionalen Unterschiede beträchtlich. In den neuen Bundesländern ist die Arbeit aufgeteilt zwischen Kreiskrankenhäusern, Unikliniken und Gynäkologen in Praxen. Da praktisch jedes Krankenhaus dies anbietet und auch viele gynäkologischen Praxen mit Operationsangebot dies tun, sind die Abtreibungen großflächlig gestreut. Selbst habe ich mir immer gesagt, es sei für die Frauen viel sinnvoller, wenn sie sich an spezialisierte Kliniken dafür wenden können. Es scheint aber dennoch solche zu geben, denen es lieber ist, dies beim eigenen Gynäkologen oder im nahegelegenen Kreiskrankenhaus machen wollen. Es wurde hier ja schon genügend darüber diskutiert, aber Fakt ist, in Kreiskrankenhäusern ist Schwangerschaftsabbruch eben ein Angebot unter vielen. Die betroffenen Frauen werden auf emotionaler Ebene, wenn sie Pech haben, schlecht behandelt, weil nicht alle, die in dem Krankenhaus arbeiten, die Entscheidungsfreiheit der Frau respektieren, bzw. Gewissensprobleme haben, an einem Schwangerschaftsabbruch direkt oder indirekt mitzuwirken.
    Deshalb, und kommen wir auf das eigentlich Thema zurück, ist eine Werbung von speziellen Abtreibungskliniken gut, denn dann hat die Frau tatsächlich eine Ahnung, an wen sie sich wenden kann, ohne als Unmensch behandelt zu werden. Eine Aufhebung des Werbeverbots wäre auch für Deutschland sehr nützlich.

  25. Tanja sagt:

    Nachträglich noch ein Kommentar von mir. Kondomwerbung ist natürlich voll in Ordnung. Werbung für Abtreibungskliniken aber nicht. Eine Abtreibungsklinik oder ein Abtreibungsarzt hat ein finanzielles Interesse an der Durchführung einer Abtreibung, will also möglichst viele Abtreibungen durchführen.
    Einige Kommentatorinnen scheinen Abtreibung zu verharmlosen. Es geht natürlich erstens um die Frau, für die eine Abtreibung ein traumatisches Erlebnis sein kann. Und zweitens um das Kind. Selbst wenn diesem das endgültige Lebensrecht abgesprochen wird, nur weil es noch nicht sichtbar an der Öffentlichkeit ist, sollte seine Situation doch auch in Erwägung gezogen werden. Es ist eben kein Gewebe des Körpers der Frau, sondern ein Lebewesen. Ich bin nicht für ein totales Abtreibungsverbot, aber dem ungeborenen Kind sollten doch auch Rechte zugestanden werden. Es ist wirklich gut, wenn in Deutschland Werbung für Abtreibungen verboten sind. Die Beratungspflicht ist auch positiv zu werten, weil in der Beratung Frauen überhaupt erst mit Alternativen konfrontiert werden. Sinnvoller wäre aber sicher eine Kombination der Beratung mit einer Indikationslösung, welche das Leben des Kindes ebenfalls berücksicht und nur unter bestimmten Umständen vernichtet werden kann. Es ist eben auch die Aufgabe der Gesellschaft, dieses zu schützen und nicht, wie es praktisch eben läuft, bis zu einer bestimmten Frist zur Disposition zu stellen.