Bitte pöbeln!

von Verena

Im männlich dominierten HipHop gehört dissen zum guten Ton. Ohne Verbalattacken auf Kollegen und Konkurrenz scheint der beste Beat nichts wert zu sein. Bei Frauen dagegen heißt dissen lästern und ist kein Zeichen von Kredibilität. Auch der Begriff „Zickenkrieg“ fällt in diesem Zusammenhang gerne. Erst jüngst hat Christina Waechter bei jetzt.de das rüpelhafte Verhalten von Frauen im Netz kritisiert. Zugegeben, die gehässigen Kommentare in irgendwelchen Styleblogs sind miese Faustschwinger. Aber Wächters Einschätzung, der raue Ton von Frauen im Netz würde als „positive feministische Entwicklung verkauft“, erzeugt bei mir schnaubendes Kopfschütteln. Lästern hilft keinem und am wenigsten den Frauen untereinander. Aber sich auch mal über den Tellerrand hinaus austoben, miteinander messen und dabei über die akzeptierte Aufregerstrenge zu schlagen, das halte ich für legitim, wenn nicht sogar notwendig.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Für ihren Vergleich bemüht Waechter die Schulhofmentalität, die ihrer Meinung nach im Erwachsenenalter überwunden sein sollte. Quatsch! Denn ich kenne keine Frau, der Stillhalten auf dem Pausenhof geholfen hätte. Egal ob die Jungs über die neue Jeans lästern oder die Mädchen einen in die Pfütze schubsen, Zurückhaltung macht wehrlos.

Und genau hier stelle ich mir die Frage, wenn Frauen rüpeln und pöbeln und auch mal verbale Sprengungen provozieren, wo ist da die Grenze? In meinen Augen höchstens auf der Reeperbahn nachts um halb eins mit entsprechendem Alkoholpegel. Denn das steht keiner und keinem gut zu Gesicht – auch wenn sogar das manchmal sein muss.

Meiner Meinung nach ist weibliche Rüpelei ein Grundrecht und besonders geeignet in Situationen, in denen Frau sich wehren oder durchsetzen will: Ein Lasterfahrer, der beim Zurücksetzen die Zweige einer Tanne im Vorgarten absäbelt, reagiert auf die freundliche Bitte, etwas aufzupassen mit geringschätzigem Blick? Kein Problem, da werde ich doch direkt mal ein Spur konkreter und bestimmter. Einen Mann, der im Gespräch mehr an meinem Ausschnitt als an meiner Mimik interessiert ist, weise ich auf einen notwendigen Perspektivwechsel hin. Oder die beliebten Tanzflächensituationen, in denen Typen aufdringlich werden. Auch gerne bei meinen Freundinnen, die dann bloß betreten weggucken oder sich zur Seite drehen. Nur genau das nützt halt nicht immer. Stattdessen sorge ich dann für groben Klartext. Und gebe zu, es macht mir Spaß ein hart geschlagenes Verbal-As zu versenken.

Denn für mich ist Pöbeln nicht nur eine Reaktion aus Notwehr, auch zum Aggressionabbau eignet sich ein laut gesagtes Schimpfwort hervorragend. Wer auf dem Fahrradweg bummelt, mir die Vorfahrt nimmt oder geringschätzig hinterherschaut, der bekommt ein in den Bart gemurmeltes „Wichser“ um die Ohren gehauen. Schlicht aus der Lust an frei Schnauze.

Als Zeitvertreib ist Pöbelei ebenfalls erlaubt – schließlich ist jedem mal langweilig. Auf Festivitäten, wie Hochzeiten, gähnenden Parties oder öden Familientreffen, bei denen sich alle betont heiter geben, während vor Langeweile selbst Faultiere durchdrehen, lockert eine gut platzierte Rüpelei so manche Trauerstunde auf. Der Vorwurf, das sei blanke Provokation, ist berechtigt – und mir völlig egal!

Und überhaupt, wer meint, Wutausgleich und Aggressionsabbau sollte bei Frauen gemäßigt ablaufen, dem empfehle ich an dieser Stelle den Text der neon.de Userin Matrosenliebchen. In „Pro Kraftausdrücke“ bricht sie eine Lanze für das laute, das vehemente, das unangemessene Schimpfen.

Wenn es etwas gibt, das ich richtig gut kann, dann ist das schimpfen, ob ich mich nun über Menschen oder Situationen echauffiere, ob ich jemanden, der es verdient hat, anpöbel oder aber nur so vor mich hinfluche, weil mal wieder alles doof ist. Leider ist das Feedback selten positiv. Woran das liegt? Ich weiß es nicht, ich finde es ja toll. Vielleicht liegt es daran, dass mein Äußeres nicht direkt auf meine ausgeprägte Bierkutschermentalität schließen lässt. Jemand hat mal zu mir gesagt, dass dieses vulgäre Vokabular wie auch meine Art, es durch die Gegend zu kotzen, gar nicht zu mir passen würde, dass es nicht angemessen sei und viel zu übertrieben. {…} Und jetzt? Heißt das, ich sollte mich gar nicht mehr aufregen? Das geht nicht. Ich würde platzen. Oder vielleicht, dass ich mich anders aufregen sollte? „Angemessener“? Aber wie regt man sich „angemessen“ auf? Indem ich eine Schnute ziehe und drollig vor mich hinschmolle? Sollte ich beim Schimpfen mädchenhaftere Worte wählen?




Tags: , , , ,

Eintrag geschrieben: Dienstag, 10. März 2009 um 22:32 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



7 Kommentare

  1. Patrick sagt:

    Ich weiß zwar nicht, ob der Aggressionsabbau wirklich funktioniert, aber wer rüpeln will, soll rüpeln dürfen, ob Männlein oder Weiblein. Ich darf den- und diejenige dann aber auch für eine(n) Rüpel halten. :)

    Allerdings kann ein wenig Aggression, Provokation oder ähnliches manchmal nicht schaden, es sollte nur m.E. nicht der Endzweck sein.

  2. Kati sagt:

    Wenn Poebeln auf Partys und im allgemeinen das einzige bleibt, um sich die langeweile zu vertreiben, sehe ich das durchaus als ein armutszeugnis an, ebenfalls finde ich nicht, dass es „ab und zu mal sein muss“ besoffen ueber die Reeperbahn zu wanken. denn wie schon richtig bemerkt – steht das keinem gut zu gesicht. in all dem sich-austoben und „mal so richtig man selbst sein“, sich als „kerl“ fuehlen, ist nicht zu vergessen, dass es nicht ganz dumme gesellschaftliche kodexe geben, die es auf das respektvolle untereinander abgesehen haben. und das gilt, meiner meinung nach: immer.

    dem rest gebe ich recht. wenn etwas nicht passt – mund aufmachen. das gleich zum poebeln werden zu lassen, halte ich dagegen fuer ausgesprochen kurz gedacht.

  3. Patricia sagt:

    Es soll ja nicht darum gehen, Unschuldige anzupflaumen. Mir fehlen oft die Worte, wenn mir jemand etwas unverschämtes – meist sexistisches – sagt. Kann zum Beispiel sein, dass völlig Fremde auf der Straße ihre Meinung zu meiner Figur/sekundären Geschlechtsmerkmalen sagen und das auch noch als Kompliment bezeichnen, wenn ich mich beschwere. Ich wünsche mir dann, mehr Übung im Fluchen zu haben.

  4. Daniel sagt:

    Nicht zu veröffentlichen, aber die Frau heißt Christina, nicht Christiane.

  5. Anna sagt:

    Danke für den Hinweis, ist korrigiert.

  6. Matze sagt:

    Herrje, dafür, dass es hier ums Pöbeln geht, ist der ton in diesem Thread erschreckend höflich. Von daher, ohne irgend jemand konkretes zu meinen:

    (nach näherem Überlegen doch gelöschte Schimpfkannonade)

    Verdammte Scheiße, dass ich zu sehr als Weichei erzogen wurde, als dass ich das Niveau hier ohne mit der Scheißwimper zu zucken aufs Fekallevel runterziehen könnte. Fuck.

  7. liskat sagt:

    Danke, ein sehr aufbauender Beitrag!
    Verdammt, man muß laut sein und fluchen, wenn was scheiße ist,
    egal was die andern denken.