“Bi-asexuell”? Wie geht das denn?

von Gastautor_in

Unsere Gastautorin ist unter dem Namen »Paula«oder @puzzlestuecke im Internet unterwegs und betreibt seit Dezember 2010 ihr privates Blog “Puzzlestücke“, in welchem sie ihre Gedanken – vorrangig zu den Themen Gender, Sexualität und Identität – niederschreibt. Außerdem bloggt sie auf bisexualität.org, wo auch ihr neuester Beitrag veröffentlicht wurde: „‚Bi-asexuell‘? Wie geht das denn?

Kürzlich las ich im bijou-Magazin (Nr. 24, S. 35) den Beitrag einer Frau, die sich als bi-asexuell bezeichnet. Im ersten Moment fand ich das verwirrend und dann sehr interessant. Ich habe seitdem viel darüber nachgedacht (vor allem, weil es auch meine eigenen Beziehungen plötzlich in ein anderes Licht getaucht hat) und mich dazu ein wenig belesen; nun möchte ich dies gern mit euch teilen.

Meiner bisherigen Erfahrung nach gibt es an “gängigen” Sexualitätskonzepten (also jene, unter denen sich die meisten Menschen auf Anhieb etwas vorstellen können) die Hetero-, die Homo-, die Bi- und die Asexualität, die alle getrennt voneinander stehen und, profan ausgedrückt, wie folgt aussehen: der_die eine will nur das gegenteilige Geschlecht, der_die andere das gleiche, manche wollen beide Geschlechter und manche eben gar keines.

Alles darüber hinaus erfordert meist ein wenig gedankliche Auseinandersetzung mit der Materie, glaube ich – wenn mensch sich z. B. nicht definieren will, wenn die gängigen Konzepte nicht passen, nicht gefallen, grundsätzlich hinterfragt werden etc.; daraus resultieren dann neue Bezeichnungen wie pan-/omnisexuell, bicurious, homo-/heteroflexibel, queer oder einfach der komplette Verzicht auf solche Kategorien. (Ich selbst bevorzuge den Begriff pansexuell eigentlich auch, habe aber bei den meisten Leuten keinen Bock auf einen Rattenschwanz an Erklärungen und gebe mich daher in der Regel mit bisexuell zufrieden, außer bei Leuten, die mir wichtig sind und/oder die es tatsächlich interessiert.)

Nun entspricht das, was ich oben ganz geschrieben habe, aber nicht ganz der Wahrheit, wie ich inzwischen begriffen habe: nicht alle vier Konzepte müssen unabhängig voneinander sein, denn asexuelle Menschen können sich ebenso als hetero, homo oder bi (oder pan, omni, flexibel…) bezeichnen. Das “sexuell” im Wort macht es nur etwas kompliziert, da oft angenommen wird, asexuell hieße “nicht-sexuell” – in Wirklichkeit entspricht asexuell aber “auf-kein-Geschlecht-sexuell”, ebenso wie bisexuell als “auf-zwei-Geschlechter-sexuell” gilt*. Insofern ist die im bijou-Magazin verwendete Bezeichnung “bi-asexuell” eigentlich widersprüchlich, aus Ermangelung prägnanterer Begriffe aber wohl unumgänglich.

Viel wichtiger ist es, zu verstehen, dass Asexuelle sehr wohl romantische Beziehung zum eigenen oder anderen Geschlecht aufbauen und sich somit auch als homo/bi/hetero/… verstehen können. Ebenso können sie aus verschiedenen Gründen und auf verschiedene Art und Weise mit ihren Partner_innen Sex haben; es gibt hier, ähnlich wie bei der Bisexualität, sehr viele Abstufungen und keine eindeutige Wahrheit, wieviel Intimität und Sex im Spiel sein darf bzw. nicht darf. Manche Asexuelle bezeichnen sich (zumindest im englischsprachigen Raum) lieber als “gray-A“, was bedeuten kann, dass sie ab und zu jemandem gegenüber sexuelle Anziehung verspüren oder dass sie diese zwar verspüren aber nicht ausleben wollen/”müssen” oder auch, dass sie nur unter ganz bestimmten Umständen Sex mit anderen genießen können. Oder halt was anderes. Eine ähnliche, aber etwas genauer “definierte” Bezeichnung dafür ist demisexuell.

Überhaupt: was genau ist eigentlich sexuelle Anziehung (im Gegensatz zur romantischen, intellektuellen, was weiß ich)? Selbst im Gespräch mit Freunden sowie über diverse Twitter-Diskussionen kann ich letztendlich nicht in Worte fassen, wie sexuelle Anziehung eigentlich definiert wird… ist es “Appetit/Heißhunger auf eine_n andere_n haben”? Eine_n andere_n “anfassen wollen”, selbst wenn es ein_e Unbekannte_r ist? Ein “Kribbeln unterhalb der Gürtellinie” verspüren? Wie würdet ihr Nicht-Asexuellen dies definieren?

Ich schreibe das hier alles, weil ich Asexualität auch als wichtigen Teil der Debatte um Sexpositivismus empfinde, die in meinen Augen zu wenig Beachtung findet; vielleicht, weil das Interesse fehlt, vielleicht, weil zu wenig darüber bekannt ist? Was denkt ihr darüber? Es scheint fast sogar so, dass Asexualität noch immer auf viel Unverständnis stößt, selbst in “progressiven Szenen”; einen sehr interessanten Beitrag dazu findet ihrhier, einen weiteren (Asexuelle leicht glorifizierenden?) auf Englisch hier.

Generell ist die Asex-Wiki äußerst lesenswert und stellt auch ein ausgiebiges FAQ bereit (vieles davon entspringt wiederum dem englischsprachigen AVEN-Netzwerk).

Übrigens können auch (bi-/homo-/hetero-/…-)sexuelle Menschen einfach mal asexuelle Phasen haben, ohne sich deswegen als Asexuelle_r bezeichnen zu müssen… am Ende ist es hier ähnlich wie mit der Bisexualität: mensch kann sich selbst irgendein Label verpassen – oder halt nicht. ;) Wichtig ist dabei nur, dass in einer Partnerschaft bzw. in einer romantischen/sexuellen Beziehung immer wieder kommuniziert wird, ob und wie viel Sex gerade ok ist. In Bezug auf dieses Thema ist Wir lieben Konsens sehr empfehlenswert.

* Bitte jetzt keine Grundsatzdiskussion zu Geschlechterbinaritäten starten; die Problematik ist mir bekannt, darauf sind wir auch im Podcast eingegangen und das kann gerne an anderer Stelle diskutiert werden.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 8. September 2011 um 9:00 Uhr unter Sex_ualität. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. semiramis sagt:

    Vielen Dank für den Einblick in weiteres spannendes Thema.
    Ich kann nachwievor nicht sagen, dass es sich mir leicht erschließt. Als ich einmal gefragt wurde, ob ich auch für die Rechte sich asxexuell definierender Menschen eintreten würde, antwortete ich: ich kämpfe für die sexuelle Selbstbestimmung, da muss ich mich dieses Themas nicht extra annehmen. Das ist auch eine ignorante Haltung, muss ich im Nachhinein eingestehen.

    Wie du so schön sagst, Sexualität ist schwer zu fassen und deswegen eigentlich nicht kategorisierbar. Und doch tun wir es, weil es uns die Erkennung der/des Gegenüber leichter macht. Das habt ihr in eurem Podcast ja auch festgestellt. Dadurch, dass ich davon ausgehe, dass der Mensch ein sexuelles Wesen ist, ist für mich Asexualität schwer zu fassen. Wie du richtig sagst, haben wir alle Phasen, in denen wir mit Menschen nicht emotional/körperlich/intellektuell verkehren. Für mich gehörte das bisher zur Sexualität dazu. Ich nehme aber an, dass ab einer bestimmten – von Gesellschaft/Medizin – festgelegten, historisch wechselnden Länge dieser Phasen Menschen pathologisiert und als abnormal behandelt (und ggf sogar therapiert) werden. Und hier beginnt ein von außen herangetragenes Problem. Ich sehe ein, dass ich, wenn ich vom Menschen als sexuellem Wesen ausgehe, ich dazu beitrage, Menschen, die nicht so leben wollen/können, mit-pathologisiere.

    Auf die weitere Diskussion bin ich schon gespannt. Ich danke dir für den diskussionsfreudigen Beitrag.

  2. Nebenwirkungen sagt:

    Hallo!

    Das größte Problem besteht m.E. nach darin, dass Sexualität immer auf körperliche Aktivitäten reduziert wird. Ausgeblendet oder ignoriert (übersehen?) werden eben Liebe, Attraktion, Erotik, Anziehung auf einer weniger körperlich bezogenen Ebene.
    Es geht bei der Bezeichnung der Sexualität oft völlig unter, dass Liebe nicht nur mit dem Körper gemacht wird, sondern auch mit dem Herzen und mit dem Geist. Oder nur mit dem einen oder dem anderen. Daher unsere weitreichenden Arten von Beziehungen zu anderen Menschen; daher die Verwirrungen, die damit einhergehen.
    Ich persönlich definiere mich als lesbisch, weil ich mich wohl in meinem weiblichen Körper fühle und Liebe zu meiner Freundin empfinde, sie erotisch anziehend finde und gerne mit ihr schlafe. Aber ich kann durchaus Menschen ernst nehmen, die Liebe empfinden aber keine Lust auf den Körper, auch wenn ich selber nicht so ticke.

  3. Nebenwirkungen sagt:

    PS:
    Ich hab das nicht konkret genug ausgedrückt. Es geht eben auf der einen Seite nicht NUR darum, dass Sexualität oft rein auf den Akt zwischen Körpern definiert wird.
    Auf der anderen Seite ist die automatische Verknüpfung von Sexualität/Liebe/Erotik als einem Zusamengehörenden genauso ein Problem.
    Eben genau für die Menschen, die da anders fühlen und das sehr wohl trennen und eben eine oder mehrere dieser Kategorien nicht leben.

  4. Anna-Sarah sagt:

    Ich nehme aber an, dass ab einer bestimmten – von Gesellschaft/Medizin – festgelegten, historisch wechselnden Länge dieser Phasen Menschen pathologisiert und als abnormal behandelt (und ggf sogar therapiert) werden.

    Mit dieser Annahme hast du völlig Recht, @Semiramis, und zwar ganz wörtlich: Im ICD-10, dem weltweit eingesetzten, wichtigsten medizinischen Diagnoseschlüssel, werden unter der Ordnungsnummer F52 die „[s]exuelle[n] Funktionsstörungen, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit“ aufgelistet. Dieses Diagnosenverzeichnis wird regelmäßig aktualisiert. In der deutschen Version für 2011 finden sich unter der Klassifikation „Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen“ folgende Kriterien:

    Der Verlust des sexuellen Verlangens ist das Grundproblem und beruht nicht auf anderen sexuellen Störungen wie Erektionsstörungen oder Dyspareunie.
    Frigidität
    Sexuelle Hypoaktivität

    (Hervorhebungen von mir)

    Ich finde es bemerkenswert, dass es tatsächlich ein medizinisch definiertes „Normalmaß“ an „sexueller Aktivität“ (was dazu auch immer gezählt werden mag – siehe auch den Kommentar von @Nebenwirkungen) zu geben scheint. Und auch, dass „Frigidität“ tatsächlich noch als medizinischer Begriff verwendet wird. Es ließe sich jetzt natürlich einwenden, dass hierzulande ja wohl niemand wegen einer solchen Diagnose zwangstherapiert würde und es doch positiv zu bewerten sei, dass Menschen, die unter solchen Symptomen leiden, durch die offizielle Anerkennung ihres Leidens als Krankheit (ist ja auch für die Leistung der Krankenkassen relevant) medizinische oder anderweitig therapeutische Unterstützung bekommen können. Ich denke, das ist aber nur die eine Seite der Medaille.

  5. »Paula« sagt:

    @semiramis:
    Diese Einsicht bezüglich der „ignoranten Haltung“ ist doch überhaupt erst mal ein Schritt in die richtige Richtung, oder? :)

    @Nebenwirkungen:
    Du bringst es genau auf den Punkt, finde ich. Die Begriffe „Liebe“ und „Intimität“ sind eigentlich so vielschichtig, werden aber oft in einem sehr engen Rahmen gesehen; und da nehme ich mich eigentlich gar nicht aus, denn auch ich habe so einen ersten „inneren Film“, wenn jemand von Liebe/Beziehung/Sexualität spricht, nämlich den, den mir die Gesellschaft quasi mit in die Wiege gelegt hat und den ich erst mal zu hinterfragen lernen musste.

    Ich selbst konnte es z. B. lange Zeit nicht verstehen, wenn mir Freund_innen sagten, sie hätten gerne One-Night-Stands oder ihnen würde Sex fehlen / sie hätten gerne mal wieder Sex – und das, obwohl sie dabei an keine bestimmte Person dachten, sondern nur an das „Sex-Haben“ an sich (dahinter steht dann auch viel mehr, aber ich fasse es mal so zusammen). Das war mir völlig fremd, ich fand’s komisch und konnte nicht nachvollziehen, wie sich dieser Wunsch überhaupt äußert, weil mir das selbst total fremd war. Gleichzeitig habe ich mich aber nie als asexuell gesehen, weil ich mit Menschen, die ich mag/liebe, gerne Sex habe… aber diese reine „sexuelle Anziehung“ (die zu definieren ja schon so schwer ist) habe ich im Leben so gut wie nie verspürt, auch wenn mir dies erst so richtig nach Lesen des bijou-Artikels und der Asex-Wiki und längerem Reflektieren *bewusst* geworden ist. Daher würde ich mich z. B. eher als „demisexuell“ bezeichnen, wenn denn ein Label sein muss (was es meistens ja gar nicht ist).

    PS: Ich weiß gar nicht, werden Asexuelle echt therapiert? Wie soll denn das ablaufen? (Andererseits, Homosexuelle werden ja auch „therapiert“…)

  6. »Paula« sagt:

    @Anna-Sarah:

    Oh, jetzt erst gesehen. Frigidität, Potenzstörungen etc. zählen meines Wissens nach nicht unter Asexualität, weil sie von den Betroffenen meist als „schlecht“ empfunden werden.

    Auch Asexualität liegt nicht unbedingt ein Mangel an Libido zugrunde („Der Asexuelle kann, will aber nicht“). Viele Asexuelle haben eine Libido – verspüren aber nicht den Wunsch, sie mit einem anderen Menschen auszuleben. Auch ein Mensch mit überdurchschnittlicher Libido (der vielleicht regelmäßige Selbstbefriedigung ausübt) aber fehlendem Wunsch nach Sex bezeichnen wir immer noch als asexuell. Sexueller Trieb und Sexuelle Anziehung sind zwei völlig unterschiedliche Sachen. Asex-Wiki

  7. Luna sagt:

    @Paula: kann da jetzt auch nicht hundertprozentig stichhaltiges sagen, aber manche Homos werden durch religiöse…äh „Riten“ (Beten und so n Zeugs)… therapiert plus (natürlicherweise) Zusammenkunft mit dem anderen Geschlecht- auch den „richtigen“ Umgang trainieren. Wie der dann aussieht, kann mensch sich wohl denken….
    Es werden auch seehr oft Parties und auch Tanzstunden organisiert, durch das Tanzen (nicht nur, aber auch…selbst erlebt) sehr viele Hormone freigesetzt werden; mit der Nähe der anderen Person zusammen kann das öfters schon Verknalltheit und ähnliches ergeben.
    Asexualität wird per Gesprächstherapie therapiert, auch mittels Gedankenreisen und Vorstellübungen. (Traurig aber wahr- wieso soll ich mir denn etwas vorstellen (sexuelle Handlungen zB) wenn es mir keinen Spaß macht und mich nich erfüllt wenn ich mir das vorstelle???)

    Aber danke mal für den Artikel…demisexuell war mit bis heute kein Begriff. Dass sich Asexualität wieder aufsplittern kann, das weiß länger.
    Dachte früher auch mal, ich wäre asexuell-asexuell; dann asexuell-hetero… dann asexuell-bi weil ich nicht wusste, dass ich etwas anderes als „hetero“ auch sein kann/darf.

    Demisexualität (also Sex-Haben wenn mensch sich wirklich nur einer einzigen Person hingezogen fühlt) wird übrigens bei „Straight Edge“ groß geschrieben….

  8. Anna-Sarah sagt:

    @Paula: Danke für den Hinweis. In der medizinischen Diagnostik ist es ja erstmal nicht unbedingt erforderlich, dass jemand ein bestimmtes Phänomen als leidvoll erlebt – wenn bestimmte Kriterien zutreffen, lässt sich eine Störung diagnostizieren, ob die Person darunter leidet, ist nicht immer unbedingt Gegenstand der Diagnostik (Potenzstörungen sind im ICD-10 übrigens an anderer Stelle thematisiert als die o.g. „Funktionsstörungen). Deshalb kann ich mir schon vorstellen, dass solche Pathologisierungen in die allgemeinen Vorstellungen darüber, was es mit Asexualität so auf sich haben könnte, mit einfließen – und das vielleicht nicht unbedingt ausschließlich zum Nutzen asexuell lebender/fühlender Menschen. Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang das Diagnosekriterium „sexuelle Hypoaktivität“ – also „zu wenig sexuelle Aktivität“. Eine_r, der/die „zu wenig“ Sex hat (was immer das heißen mag), hat demnach eine Störung – ob er/sie sexuelle Bedürfnisse hat oder sich sexuell von anderen Menschen angezogen fühlt, scheint da erstmal keine Rolle zu spielen. Und das passt ja schon zur Selbstbeschreibung einiger Asexueller – also, natürlich nicht das mit der Störung, sondern das aus welchen Gründen auch immer Abstand nehmen von sexueller Aktivität. Ich sehe da definitv die (bereits institutionalisierte) Gefahr der buchstäblichen Pathologisierung gewollt asexueller Lebensweisen.

  9. »Paula« sagt:

    @Luna: Auch demisexuelle Personen müssen nicht nur mit einer EINZIGEN Person Sex haben wollen, aber sie müssen sich diesen zuerst sehr eng verbunden fühlen. (Diese Therapien sind der totale Wahnsinn! ò_ó)

    @Anna-Sarah: Ich frage mich, ab wann mensch als sexuell hypoaktiv gilt… also wie viel Sex eine_r haben muss, um als „normal“ zu gelten. :/