Bet Debora – Facetten jüdischer Frauenidentitäten

von Magda

Bet Debora ist eine Initiative, die 1998 von jüdischen Frauen in Berlin ins Leben gerufen wurde. Neben Tagungen und Publikationen organisieren die Aktivistinnen auch Veranstaltungen wie die diesjährige Veranstaltungsreihe „Facetten jüdischer Frauenidentitäten.“

Bet Debora LogoAm kommenden Dienstag, 15. Dezember 2015, findet die letzte Veranstaltung der Reihe in Berlin statt: Ein Zeitzeuginnengespräch mit Jessica Jacoby, Initiatorin des lesbisch-feministischen Schabbeskreises, moderiert von Debora Antmann.

In der Veranstaltungsbeschreibung heisst es: „Als Ausstellungsmacherin in Museen, Bildungsreferentin in Frauenprojekten, Interpretin jiddischer Lieder, Herausgeberin eines Buches über jüdische Frauen der zweiten Generation (1994), Filmjournalistin und zuletzt Dokumentarfilmautorin hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, kreativ kulturelles Erbe und Erinnerung lebendig zu erhalten.“ 1984 gründete Jacoby zusammen mit anderen Frauen den „Schabbeskreis“, eine lesbisch-feministische politische Gruppe, die sich bis 1989 aktiv für die Präsenz und Wahrnehmung jüdischer Frauen in der neuen Frauenbewegung und mit Antisemitismus in feministischen Zusammenhängen auseinandersetzte.

Zwei Mitstreiterinnen von Bet Debora haben mir im Vorfeld einige Fragen zur Arbeit von Bet Debora und zu weiteren anstehenden Projekten beantwortet.

Lara Dämmig hat Bibliothekswissenschaft und Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen studiert. Sie arbeitet bei einer jüdischen Organisation in Berlin und ist Mitbegründerin der jüdischen Fraueninitiative Bet Debora.

Tanja Berg hat Politische Wissenschaften studiert und arbeitet in der historisch-politischen Bildung und Projektentwicklung u.a. zu den Themen Demokratie, Geschichte und Diversity.

Bet Debora wurde 1998 ins Leben gerufen wurde. Lara, kannst du etwas zur Entstehungsgeschichte von Bet Debora erzählen?

Lara Dämmig: Bet Debora – das Haus der Debora – ist Ausdruck einer weitreichenden Erneuerung des Judentums, die sich seit den 1990er Jahren in vielen Ländern Europas vollzieht. Allerorts entstanden damals neue Initiativen, Gruppen, Minjanim, die die vorherrschende geistig-religiöse Erstarrung des Judentums kritisierten und nach Möglichkeiten einer zeitgemäßen Erneuerung suchten, oft anknüpfend an die Traditionen des liberalen Judentums und die jüdische Frauenbewegung. Eine gemeinsame tragende geistige Säule bildete die Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Gegründet wurde Bet Debora von drei jüdischen Frauen – Elisa Klapheck, Rachel Monika Herweg und mir – die Teil dieser Aufbruchsbewegung waren. Im Mai 1999 luden wir jüdische Frauen, die sich für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in allen Bereichen jüdischen Lebens engagierten, nach Berlin ein. An unserer ersten Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen, rabbinisch gelehrter und interessierter Jüdinnen und Juden nahmen ungefähr 200 Frauen und Männer aus vielen europäischen Ländern teil. Nach diesem Anfang folgten sechs weitere Tagungen in Berlin, Budapest, Sofia, Wien und Hoddesdon bei London, auf denen wir uns mit verschiedenen Aspekten des Judentums – sei es Geschichte, Literatur, Kunst, Tradition, Religion oder Politik – auseinandergesetzt haben. Dabei griffen wir auch öffentliche Debatten auf, um sie in die jüdische Gemeinschaft einzubringen, gleichzeitig wollten wir die nichtjüdische Öffentlichkeit an unseren Diskussionen teilhaben lassen.

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dieses internationale Netzwerk jüdischer feministischer Frauen weiter auszubauen – ein Netzwerk, das offen ist für Frauen aus den unterschiedlichen Strömungen des Judentums, die in unterschiedlicher Art und Weise jüdisches Leben gestalten und sich für ein gendergerechtes Judentum einsetzen: in oder außerhalb der Gemeinden, als Künstlerinnen, Rabbinerinnen, Wissenschaftlerinnen oder Aktivistinnen. Der Dialog zwischen jüdischen Frauen aus Ost- und Westeuropa liegt uns dabei besonders am Herzen.

Nach der ersten Tagung 1999 folgten sechs weitere. Es fällt auf, dass die Tagungen international aufgestellt sind, jüdische Frauen verschiedenster Altersgruppen zusammenkommen und das Themenspektrum recht weit gefächert ist. Tanja, hast du eine besondere Erinnerung von einer der Tagungen, die du mit uns teilen magst?

Tanja Berg: Ich habe keine konkrete Anekdote, aber der Spirit der entsteht, wenn jüdische Frauen und auch Männer bei den Tagungen zusammenkommen, ist immer besonders. Das liegt u.a. daran, dass die Tagungen der Idee einer `Grassroots´ Organisierung folgen, also Diskussionen, Lernen und Feiern auf einer gleichberechtigten Basis stattfinden. Es gibt die Möglichkeit über alle Strömungen und Definitionen des Judentums hinaus miteinander zu sprechen und neue Kontakte aufzubauen. Besonders dabei ist auch, dass die Tagungen eine Brücke zwischen Ost und West bauen – hier treffen Frauen aus Ost- und Westeuropa, Israel und auch den USA aufeinander. Dabei gibt immer etwas Neues zu lernen, Netzwerke aufzubauen und miteinander kontrovers zu diskutieren.

Neben den Tagungen und der Veröffentlichung verschiedener Publikationen habt ihr in diesem Jahr auch eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Facetten jüdischer Frauenidentitäten“ organisiert.

Tanja Berg: Zusätzlich zu den Tagungen wollen wir auch Angebote vor Ort realisieren. Deshalb gibt es immer wieder an unterschiedlichen Orten Veranstaltungen unter dem Dach von Bet Debora, so auch in Berlin. Ich bin erst vor gut einem Jahr aktiv in die Vorbereitungen und organisatorischen Arbeiten eingestiegen und habe die Reihe „Facetten jüdischer Frauenidentitäten“ mitgestaltet. Unsere Idee war es sieben Veranstaltungen anzubieten, die verschiedene Identitätsfacetten, Interessen und Arbeitsbereiche jüdischer Frauen sichtbar machen. Dabei ging es sowohl um Themen jüdischen Lebens von Frauen heute in Wroclaw, Berlin und anderswo, die Bedeutung jüdischer Identitäten für Künstlerinnen, um das Thema Migration und Behinderung, Beschäftigung mit religiösen Themen aber auch stärker politische Themen wie z.B. Frauenpolitik für das moderne Judentum.

Unsere letzte Veranstaltung ist ein moderiertes Zeitzeugingespräch über jüdisch-feministisches Engagement in der Neuen Frauenbewegung. Dabei geht es um den lesbisch-feministischen Shabbeskreis, der für die feministischen Zusammenhänge in West-Berlin ein wichtiges Forum war. Lara und ich freuen uns sehr, dass hier zwei Generationen jüdischer feministischer Aktivistinnen miteinander ins Gespräch kommen. Jessica Jacoby als Zeitzeugin, die u.a. den lesbisch- feministische Shabbeskreis gegründet hat und sich auch ansonsten in ganz unterschiedlichen Wegen mit jüdischer Geschichte und Gegenwart und der Sichtbarkeit jüdischer Frauen beschäftigt hat. Und die lesbische und jüdische Queer_Feministin Debora Antmann die einer neuen Generation von Aktivist_innen angehört und das Gespräch führen wird.

Was sind die nächsten Projekte, ist schon etwas für 2016 geplant?

Tanja Berg: Das nächste Jahr steht unter dem Obertitel: Jüdische Frauen in Europa – `creating alternatives´. Mit dem Motto „Creating Alternatives“ wollen wir dazu anregen, über die Gestaltung jüdischer Lebenswelten zu diskutieren, die eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen ermöglichen, sei es innerhalb etablierter Strukturen oder durch Schaffung alternativer Räume. Wir wollen darüber nachdenken, welche Interessen und Wünsche Frauen formulieren, welche Denkanstöße von ihnen ausgehen und welche Handlungsfelder sie sich erschließen. Dabei wird ein Schwerpunkt auf dem Wirken von Frauen in Kunst und Kultur liegen. Dazu wird vom 1. bis 4. September 2016 die 8. Tagung in Wroclaw/Breslau stattfinden, aber auch in Berlin wollen wir uns mit diesem Thema beschäftigen. Wir planen in diesem Rahmen uns auch mit den Themen Flucht und Integration und Körperpolitik aus jüdisch religiöser Perspektive zu beschäftigen. Das genaue Programm entwickeln wir gerade.

Und zu guter Letzt: Freut ihr euch über neue Mistreiterinnen oder ist Bet Debora eine geschlossene Gruppe?

Tanja Berg: Na klar freuen wir uns über Interessierte, die Lust haben sich bei Bet Debora zu engagieren. Was das dann im Detail heißen kann, sollten wir Face-to Face besprechen. Also: Sprecht uns entweder bei einer der Veranstaltungen an oder schreibt uns an: bet.debora(at)gmail.com.

Vielen Dank für das Gespräch! Bet Debora hat eine Webseite und ist auch auf Facebook aktiv.




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Eintrag geschrieben: Montag, 14. Dezember 2015 um 14:31 Uhr unter Aktivismus, Geschichte, Religion, Terminkalender. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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